Shootingstars
Sternschnuppen

Unsere alte Geschichte findet sich in den Annalen der Geschichte von Philos. Wandernde Barden besingen sie im ganzen Land. Hunderte von Jahren blieb der Thron von Philos leer. Nun erlangt die kronenlose Königin aus der Legende, die vorausgesagt wurde, ihr Zepter zurück. Philos soll in einen neuen Frühling geführt werden. In der Dunkelheit ergreift man einen Schimmer. Die neue Königin soll dem sterbenden Philos die Chance geben, sein einstiges Licht und seinen früheren Ruhm zurückzugewinnen. 


Ich sitze auf meinem kalten Thron. Am Fuß der Stufen steht mein Grandis-Ritter, Xavier. Der Tag der Krönungszeremonie einer Königin sollte ein Tag voller Glückseligkeit sein. Und doch hat er gerade heute beschlossen, von mir Abschied zu nehmen.

MC:
Hast du keine Angst, dass die Backtracker vermuten, du hättest sie für eine private Audienz verraten?


Xavier:
Sie wissen Bescheid. Als Ritter ist es meine Pflicht, mich um Eure Majestät zu kümmern.

MC:
…Gehst du wirklich?


Xavier:
Das Raumschiff ist bereit.

MC:
Deine Reise ist voller Gefahr und Ungewissheit!


Xavier:

 Unsere Sicherheit ist gewährleistet, solange Eure Majestät unseren Stahl nicht in die Schlacht ruft.

„Eure Majestät.“ Er spricht mich mit kühler Gleichgültigkeit an. Eigentlich hat Xavier mich seit Jahren nicht mehr bei meinem Namen genannt. Und jetzt, da ich ihn so vor mir stehen sehe, merke ich, dass es schon lange her ist, seit ich ihn mir einmal richtig angesehen habe.

MC:
Du hast dich bereits entschieden. In diesem Fall…


Ich erhebe mich von meinem Thron und gehe die Stufen hinunter.

MC:
werde ich es den Bürgern mitteilen. 


Ich bleibe vor Xavier stehen.

MC:
Der Grandis-Ritter ist im Kampf gefallen. Ich werde ihm die höchste Ehre zuteilwerden lassen.


Er lächelt mich an.

Xavier:
Eure Majestät habt meinen Dank.

Der Wind fegt in den Raum und die Quaste mit dem sternförmigen Anhänger an seinem Schwert schwingt hin und her. Der Einbruch der Nacht verschleiert die Quaste, doch ich habe sie schon unzählige Male vor meinem inneren Auge gesehen.


MC:
Du hast sie immer noch. 


Xaviers Daumen streicht über den Griff seines Schwertes.

Xavier:
…Ja, habe ich.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihn danach fragte. Vor langer, langer Zeit…

Wir waren damals noch Schüler an der Astria Knight Academy.

Der Schnee des Winters war geschmolzen, und rund um eine Statue — das Heilige Schwert der Göttin — sprossen gewellte Strandlavendelblüten.

Nachdem ich gehört hatte, dass die Starhunter von ihrer Weltraumexpedition zurückgekehrt waren, stürmte ich aus meinem Schlafsaal und rannte die Astroscience Avenue hinunter zum Monument. Schüler standen in kleinen Gruppen zusammen und lauschten, wie Vizekapitän Jeremiah mit seinen Abenteuern prahlte.

MC:
Jeremiah! Wo ist Xavier?


Jeremiah:
Suchst du unseren prinzlichen Schulsprecher? 

Er sah sich um und kratzte sich am Kopf.

Jeremiah:
Seltsam. Vorhin war er noch hier…

Ich wandte mich um und blickte zum hoch aufragenden Uhrturm.

MC:
Ich weiß, wo er ist. Bestimmt wieder an seinem geheimen Versteck.


Ich rannte zum Uhrturm und ignorierte die Rufe hinter mir.

Jeremiah:
Lass ihn in Ruhe! Er ist verletzt. Ich würde sagen, er stand schon mit einem Bein im Grab! 

Ganz oben auf der Spitze des Uhrturms saß Xavier auf einer Kante.

MC:
Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zurück bist? Wolltest du im Schatten eines Uhrturms schmollen?


Xavier:
Du hast mich trotzdem gesucht, obwohl ich kein einziges Wort gesagt habe.

Er drehte sich nicht zu mir um, und seine Stimme war überraschend ruhig.

Ich setzte mich neben ihn. Dabei sah ich, wie er eine Quaste mit einem sternförmigen Anhänger wieder am Griff seines Schwertes befestigte.

 (Er hat es  wieder angestarrt…)

Xavier:
Was ist los? Hat dich jemand geärgert?

Ich schaute weg.

MC:
…Ja, du. Jeremiah meinte, du hättest schon mit dem Tod gerungen. Ich war etwas besorgt. Aber da bist du ja, gesund und munter.


Xavier:
Ich kann also dem Tod nahe sein, und du machst dir nur ein bisschen Sorgen, wie ich sehe.

MC:
Beim nächsten Mal verschwende ich nicht einmal mehr einen Gedanken an dich!


Xavier lachte leise.

Xavier:
Nun, ich dachte, du würdest Rache wollen. Nur ein Arm und ein Bein würden genügen.

MC:
Wenn du wirklich besorgt bist, dann lass uns nicht im Dunkeln tappen. Und du schuldest mir etwas.


Vor einem Monat hatten wir Winterferien von unserem Studium. Die Angriffe der Wanderer wurden auf Philos immer häufiger. Alle Schüler sollten der Akademie mitteilen, wo sie sich aufhielten. Xavier war der Einzige, der das nicht tat. Einen Tag nach Beginn der Winterferien war er heimlich an Bord des Raumschiffs für die Starhunter-Expedition gegangen und im Sternenmeer verschwunden.

„Psst“ — das war alles, was er zu mir sagte, als ich ihm kurz vor seiner Abreise zufällig begegnete.

MC:
Die Akademie und deine Familie haben dich unermüdlich gesucht, als sie den Kontakt zu dir verloren hatten. Ich habe dich gedeckt und mir Sorgen um deine Sicherheit gemacht… Seitdem habe ich kein Auge mehr zugetan!


Je mehr ich mich erinnerte, desto größer wurde mein Ärger. Doch Xavier lachte nur weiter.

Xavier:
Du warst schnell dabei, jeden Verdacht von mir abzulenken. Das nächste Getränk geht auf mich.

MC:
Ist das alles?


Xavier:
Würde dich ein Stück brauner Zuckerkuchen zufriedenstellen? 

Die sanfte Brise strich an uns vorbei, und sein Lachen machte mich nur noch wütender… Ich beschloss, ihm noch nicht zu verzeihen.

MC:
Zwei Stücke.


Xavier:
In Ordnung.

MC:
Und du musst sie mit mir zusammen essen.


Xavier:
Ich werde eine ganze Woche lang mit dir zusammen essen. 

Xavier schloss die Augen und legte sich auf die Plattform.

Xavier:
Es ist ungewöhnlich für dich, mich anzustarren, ohne etwas zu sagen. Die Brise ist herrlich. Willst du dich nicht zu mir legen?

MC:
Deine Familie war inzwischen schon mehrmals in der Akademie. Vielleicht ist etwas Dringendes passiert.


Xavier:
Nächsten Monat beginnt die Rekrutierung der Lightseeker. Solltest du nicht trainieren? Sie suchen nur ein einziges neues Gesicht.

MC:
Du weichst Gesprächen über deine Familie immer aus. Gibt es einen Grund? Man sagt, wenn man lange auf einen Gegenstand starrt, hat man jemanden im Kopf.


Xavier:
Wie ich dir schon gesagt habe, ist es nicht das, was du denkst.

Er hatte mir bis heute nie die Geschichte hinter der Schwertquaste erzählt, die er immer bei sich trug.

MC:
Diese Quaste ist ein lebendes Fossil. Deine Geliebte… muss wohl alte Dinge mögen.


Xavier:
Ach ja? Und darf ich fragen, welche Art Quaste heutzutage bei den Leuten in der Stadt beliebt ist?

(Er weicht dem wichtigen Teil aus.)

MC:
Schlicht, ordentlich — genau wie die an unseren Uniformen.


Xavier:
Das ist mir nie aufgefallen. Um ehrlich zu sein, passt deine Beschreibung auch zu dieser Quaste.

MC:
Sie sind nicht gleich! Funktionieren deine Augen nicht? Ich würde lieber…


Xavier:
Und… Was wolltest du gerade sagen?

MC:
…Ich gehe jetzt zu meinem Unterricht. Jetzt, da du zurück bist, bist du auf dich allein gestellt, wenn deine Familie wieder auftaucht.


Xavier:
Da deine nächsten paar Getränke auf mich gehen, dürfte ich dich noch um einen Gefallen bitten?

MC:
Nur zu.


Xavier:
Ich sage es dir später. Geh zum Unterricht. Wir treffen uns morgen Mittag beim Heiligen Schwert der Göttin.

MC:
Willst du schon wieder einen Übungskampf?!


Die Astria Knight Academy ist die älteste und angesehenste Institution in Philos. Viele der Schwertmeister und Grandis-Ritter des Planeten haben dort studiert und ihren Abschluss gemacht. Sie wurde gegründet, um Ritter für den Orden der Lightseeker auszubilden, die nur der Königsfamilie unterstehen. Die drei Schülerhäuser der Akademie spezialisierten sich auf verschiedene Zweige des Schwertkampfs.

 Die Starhunter spezialisierten sich auf den Stärkestil.
 Die Moonchaser spezialisierten sich auf den Unterstützungsstil.
 Die Rainbowrunner auf den Verteidigungsstil. Trotzdem begegnete man einander mit Respekt und war stets bereit, zusammenzuarbeiten. Und doch waren die Schüler dieses Jahr überzeugt, ich, die Schulsprecherin der Moonchaser, hätte einen Erzfeind…Mit anderen Worten: Man hielt mich für die Rivalin des Schulsprechers der Starhunter, Xavier.


Am nächsten Tag, mittags, beim Heiligen Schwert der Göttin auf dem zentralen Platz der Akademie


Student A:
Schnell, alle her! Die Schulsprecher der Moonchaser und Starhunter kämpfen schon wieder!

Student B:
Warum belästigt eine Moonchaser ständig Seine Hoheit, Prinz Xavier?

Student C:
Unsere Schulsprecherin ist Schülerin des Grandis-Ritters. Wenn es um Schwertkunst geht, ist schwer zu sagen, wer gewinnt.

Student A:
Es war doch so ruhig. Warum kämpfen sie jetzt?

Student B:
Die Vorrunden für den Beitritt zu den Lightseekern stehen kurz bevor. Vielleicht klären sie gerade, wer den Platz bekommt?

Student C:
Haben sie nicht denselben Lehrer…? Sie sollten ihre Zeit besser nutzen.

Student A:
…Wahrscheinlich hassen sie sich.

Student B:
Das muss es sein…

Student C:
Dann müssen sie sich wirklich hassen…

Ich stand inmitten eines Meers aus Menschen und hielt das Schwert an meiner Hüfte. Mir gegenüber stand Xavier, völlig unbeeindruckt vom Getuschel.

Xavier:
Dein dreißigster Zug wird meine Schwachstelle offenlegen. Schlag mich nieder, bevor mein Kometenschweif den Ausgang unseres Kampfes bestimmt.

Ich konnte mir nach einem Blick auf die Umstehenden nur ein Seufzen verkneifen.

MC:
Warum verlangst du immer öffentlich nach einer Tracht Prügel, wenn es keinen Grund gibt, nicht nach Hause zu gehen, Xavier?  Jeder Mensch hier glaubt, wir würden uns hassen.


Xavier:
Wir beide besuchen die Akademie, und der Grandis-Ritter ist unser Lehrer. Du bist die Einzige, die eine Chance hat, gegen mich zu gewinnen. Gegen einen Fremden zu verlieren, wäre undenkbar.

MC:
Hmpf!


Xavier:
Dies wird unser letzter Kampf sein.

MC:
Dasselbe hast du gesagt, als du dich geweigert hast, die Abschlussprüfung in Kochkunst abzulegen! Der Professor hat den ganzen Nachmittag damit verbracht, mich dafür zu tadeln, dass ich meine Mitschüler schikaniere…


Xavier:
…Es tut mir leid.

MC:
Weigerst du dich, Seiner Majestät zu begegnen? Deshalb bist du mit dem Expeditionsteam davongeschlichen.


Xavier:
Ich wünschte, er wäre nie mein Vater gewesen.

Xavier senkte den Kopf und strich über den Schwertgriff, seine Finger berührten die Quaste. Der sternförmige Anhänger leuchtete hell… fast so hell, dass es mich blendete.

MC:
In Ordnung. Aber das ist das letzte Mal. Ich habe auch eine Bitte.


Xavier:
Sprich.

Ich starrte eine Weile auf die Quaste, dann ließ ich meinen Blick woandershin gleiten. Mit einer Handbewegung zog ich mein Schwert.

MC:
Ich sage es dir, wenn du verlierst. Fangen wir an.


Xavier:
Und was wird dein dreißigster Zug sein?

MC:
Schone mich nicht. Ich werde dich in weniger als dreißig besiegen.


Später, als der Königliche Bote mit den Wachen an der Akademie eintraf und sich durch die Menge drängte, sahen sie seine Hoheit Prinz Xavier hatte erneut eine Mitschülerin zu einem Duell herausgefordert. Sie bewegten sich schnell wie Blitze, Funken sprühten von ihren Schwertern.

Königlicher Bote:
Schon wieder ein Zusammenstoß von Klingen? Wozu?

Obwohl der Königliche Bote wenig von Schwertkampf verstand, fiel ihm auf, dass die Angriffe des Mädchens schnell und aggressiv waren. Seine Hoheit war im Nachteil.

Königlicher Bote:
Seltsam… Seine Hoheit war doch nie ein schlechter Kämpfer…

Unterdessen war die Menge von dem Spektakel mitgerissen. „Wie gnadenlos!“ Sicherlich waren sie Rivalen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte der Königliche Bote jedoch etwas Merkwürdiges…Obwohl die Offensive des Mädchens gut war, hinderte ihre Ungeduld sie daran, einen entscheidenden Treffer zu landen.

Seine Hoheit dagegen blieb einfach ruhig und bewegte sich flink.  Er zeigte keinerlei Anzeichen von Panik.

Xavier:
Neunzehn… Zwanzig. Zwanzig und ein halber. Ich habe ihn pariert, also zählt nur die Hälfte.  Wahrlich, es bleiben weniger als zehn Züge. Sollte ich dich jetzt nicht vielleicht doch schonen?

Königlicher Bote:
Was macht er da… Seufz, Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Der königliche Erlass, den er heute brachte, betraf die Zukunft von Philos.

Königlicher Bote:
Trennt sie!

Der Königliche Bote deutete auf die Wachen hinter ihm.  Sofort unterbrachen sie das Duell. Gerade als das Mädchen im Begriff war, eine Technik zu entfesseln, zwang sie sich selbst ins Stolpern, damit sie die Wachen nicht traf. Zum ersten Mal zeigte sich Panik im Gesicht des Prinzen. Er stürmte vor und brachte sich selbst in die Bahn des Schwertes des Mädchens.

Königlicher Bote:
Beschützt Seine Hoheit!

Die Wachen taten, wie ihnen befohlen wurde. Der zentrale Platz der Akademie versank im Chaos, Zuschauer schrien auf. Ich lehnte mich gegen das Heilige Schwert der Göttin und rieb meinen verstauchten Knöchel. Xavier wurde vom Königlichen Boten fortgebracht. Unser Duell endete ohne klaren Sieger, und die Menge zerstreute sich rasch.

Jeremiah:
Diesmal sind wir zu weit gegangen. Unglaublich, dass Prinz Xavier wirklich die Dreistigkeit hatte… Selbst wenn es um die Position bei den Lightseekern geht, kann Seine Hoheit nicht einfach Diener bitten, den Kampf zu unterbrechen.

MC:
So war das überhaupt nicht…


Jeremiah:
Du verteidigst ihn immer noch? Vergiss nicht…

Jeremiah hielt inne und legte mir dann plötzlich einen Arm um die Schulter.

Jeremiah:
Ich sage das nur, weil wir Freunde sind. Gerüchte sprechen davon, dass Botschafter über eine arrangierte Ehe verhandeln. Nur weil er die Akademie besucht, ändert das nichts daran, dass Xavier königlichen Blutes ist. Die Wachen reden bestimmt gerade ein ernstes Wort mit ihm darüber. Wenn du ihn unbedingt fragen willst… brauchst du mehr als nur Glück. Soll ich dir helfen?

Xavier:
Worüber redet ihr beide?

MC:
Xavier?


Ich stand sofort auf.

MC:
Dein Gespräch mit dem Königlichen Boten war aber ziemlich kurz.


Xavier blieb still. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht zu dem Arm auf meiner Schulter und dann zu Jeremiahs nachdenklichem Ausdruck.

Ich konnte die Feindseligkeit spüren.

Jeremiah:
Sieh mich nicht so an. Eure Hoheit hat sie verletzt zurückgelassen. Jemand muss schließlich einspringen. Sie hat wegen der Unbarmherzigkeit Eurer Hoheit Tränen vergossen.

(Jeremiah übertreibt…)

Xavier:
Schade, dass deine Güte vergeudet wurde. 

Xavier antwortete in monotonem Ton, während er Jeremiahs Arm von meiner Schulter schob.

Xavier:
Ich sollte mich um meine jüngere Kameradin kümmern. 

Jeremiah:
Ich habe nur aus reiner Herzensgüte gehandelt.

Der Platz war riesig, und doch bestand Xavier darauf, genau zwischen Jeremiah und mir hindurchzugehen und mich wegzuziehen.

MC:
Xavier…


Xavier:
Hilf deiner eigenen Jüngeren in ihren Momenten der Not, wenn dein Herz so voller Mitgefühl ist.

Seit ich denken konnte, lernte ich von meinem Lehrer den Schwertkampf. Mein Lehrer war einer der größten Schwertmeister von Philos. Er war außerdem der Großritter der Lightseeker-Legion und einer der engsten Vertrauten des Königs.

Schon lange wusste ich, dass ich einen Mitschüler namens Xavier hatte, einen Prinzen von Philos, dessen Schwertkunst hervorragend war. Doch viele Jahre lang sah ich ihn nicht. Mein Lehrer sagte, es werde eines Tages meine Pflicht sein, ihn zu beschützen. Denn er würde der zukünftige König von Philos sein.

Und mein Schicksal war es, sein tapferster, standhaftester und treuester Grandis-Ritter zu werden. Später an diesem Tag trug Xavier mich auf dem Rücken zum Haus meines Lehrers.

MC:
Xavier, meine Beine können ganz normal laufen…


Xavier:
Hast du dort hinten wirklich geweint?

MC:
Jeremiah hat Unsinn geredet. Glaubst du ihm das etwa wirklich?


Xavier:
Lass mich nachsehen.

Xavier setzte mich ab und beugte sich nahe zu mir.

Xavier:
Deine Augen sind rot. Wenn du nicht geweint hast, dann musst du krank sein.

MC:
Mir geht es gut.


Sein Körper nahm mir einen Großteil des Lichts. Er legte seine Hand an meine Wange, ließ seinen Daumen auf meinem unteren Augenlid ruhen und sah mich an. Und dann…blies er mir zu meiner Überraschung Luft ins Gesicht.

MC:
Xavier… Du!


Xavier:
Ich habe in deinen Augen die Silhouette eines Halunken gesehen. Jetzt ist alles wieder gut.

MC:
Halunke? Meinst du Jeremiah?


Xavier:
Dich ohne Grund anzusprechen, geschweige denn zu berühren… Wie sollte er keiner sein?

MC:
Du bist der Halunke, weil du plötzlich so einen komischen Gesichtsausdruck machst!


Ich versuchte, Xavier zu packen. Er bewegte sich nicht und zog mich stattdessen mit sich auf den Teppich.

MC:
Warum bist du nicht ausgewichen?


Xavier:
Du wirst hinken, wenn du dir den Knöchel noch einmal verstauchst.

MC:
Wenn ich dir den Knöchel verstaucht hätte, hätte unser Lehrer uns nie vergeben. Er hätte gesagt…


Xavier:
„Der Grandis-Ritter soll die beständige Klinge des Königs sein. Wohin Seine Majestät weist, dorthin muss dein Schwert folgen.“ In jedem wachen Moment, in jedem Traum kann ich diese Worte aufsagen.

MC:
Oh… Kommt er heute nicht zurück? Ich habe die Technik, die er mir gezeigt hat, noch nicht gelernt! Ich bin verloren, wenn er mich fragt!


Xavier:
Er ist bei den anderen Rittern. Er wird eine Weile weg sein.

Lehrer:
…Ahem.

Xavier:
Hm? Du bist schon zurück?

MC:
Ähm… Glückwunsch zu deinem makellosen Sieg!


Lehrer:
Wer hat euch beiden beigebracht, euren Lehrer förmlich zu grüßen, während ihr auf dem Boden liegt? Steht auf.

Dank des Erfolgs unseres Lehrers fiel das Abendessen außergewöhnlich üppig aus. Nach Jahren auf dem Schlachtfeld strahlte unser Lehrer selbst dann noch eine einschüchternde Aura aus, wenn er seine Rüstung abgelegt hatte und am Tisch saß.

Xavier:
War die Expedition der Lightseeker erfolgreich?

Lehrer:
Uns wurde heimlich vom Verschwinden eines Mitglieds der Königsfamilie berichtet. Es ist möglich, dass die Person in den Sternen verloren ging. Wir haben den Befehl, sie zu finden. Wäre es nicht dazu gekommen, wäre unsere Expedition deutlich erfolgreicher verlaufen. Eure Hoheit haben im Winter das Sternenmeer durchquert. Irgendwelche Erkenntnisse?

Ich konnte nicht anders, als meine Gabel fester zu umklammern.

Soweit ich wusste, galt: Je weniger unser Lehrer sprach, desto ernster war die Lage. Dieses Abendessen war dazu bestimmt, unerquicklich zu werden.

Xavier:
Ich hätte nicht…

Auf der anderen Seite des Tisches saß Xavier ernst, schob sich ein Stück Brathähnchen in den Mund und kaute.

Xavier:
Philos ist groß, und die Expeditionen der Akademie sind selten. Beim nächsten Mal muss ich die Lightseeker begleiten.

Lehrer:
Ob ich dich mitnehme, steht zur Debatte.

Da er wusste, dass Xavier sich immer vor Verantwortung drückte, wandte er sich mir zu.

Lehrer:
Was ist mit deinem Fuß passiert?

MC:
Mit mir? Ich habe… trainiert.


Lehrer:
Wenn du so hart gearbeitet hast — wer hat dann das heutige Duell gewonnen?

MC:
Wir haben nicht gekämpft!


Xavier:
Ich habe sie gebeten…!

Xavier und ich unterbrachen uns versehentlich gegenseitig. Da wurde uns klar, dass wir ertappt worden waren.

Lehrer:
Nun, das ist das erste Mal, dass ich sehe, wie der König einen Grandis-Ritter benutzt, um den Unterricht zu schwänzen. Da ihr das Kreuzen der Klingen so genießt, reicht ein Unentschieden nicht aus. Raus mit euch beiden. Noch tausend Schläge. Kehrt nicht zurück, bevor ein Sieger feststeht.

Xavier und ich sahen uns an, legten widerwillig unser Besteck nieder und standen vom Tisch auf. Bevor wir uns jedoch bewegen konnten, ertönte ein Seufzen.

Lehrer:
Esst euch satt, bevor ihr geht.

Das Heilige Schwert der Göttin ragte hoch in die Nacht. Zwei Schwerter sangen, und die Funken ihrer Zusammenstöße leuchteten wie strahlendes Sternenlicht.

Xavier machte einen Schritt zurück und fing sich wieder.

MC:
Prinz Xavier hat erneut die Niederlage gekostet.


Xavier:
Und auf spektakuläre Weise hast du erneut den Sieg gekostet.

Ich rang nach Luft, rieb mir die müden Arme und hob mein Schwert.

MC:
Noch einmal.


Xavier:
Bist du entschlossen, wirklich tausend Schläge zu machen? Du erfüllst jede Bitte unseres Lehrers.

MC:
Ich erfülle auch die Bitten Eurer Hoheit. Wie hätte ich mir sonst den Knöchel verstauchen sollen?


Xavier:
Nun, als dein Prinz befehle ich dir, dich hinzusetzen und auszuruhen.

Mit dem Kinn deutete er auf meine Hände, die noch immer das Schwert hielten.

Xavier:
Kümmere dich um deine blutigen Hände.

Unter dem Heiligen Schwert der Göttin saßen Xavier und ich nahe beieinander.

Er nahm meine Hand und goss Medizin über meine blutige Handfläche.

MC:
Aua… Das ist zu viel. Das tut weh.


Xavier:
Und doch hast du mit bewundernswerter Entschlossenheit nicht den Eindruck gemacht, als hättest du Schmerzen.

MC:
Großartig, erst von unserem Lehrer bestraft und dann noch vom Prinzen zurechtgewiesen zu werden.


Xavier verband meine verletzte Handfläche sorgfältig.

Ich blickte zu der hohen Statue hinter mir.

MC:
Ich verstehe, warum unser Lehrer das tut. Dieses Denkmal wurde aus den Schwertern früherer Grandis-Ritter geschmiedet. Ich sollte daran erinnert werden, dass wohin Seine Majestät weist, dorthin muss das Schwert eines Ritters folgen. Du bist kein Ritter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich einer werde.


Ich umschlang meine Knie und genoss den Anblick, wie Xavier sich ganz auf die Versorgung meiner Wunden konzentrierte.

MC:
Warum hat Seine Majestät den Königlichen Boten hierher geschickt? 


Xavier:
Sie verlangen wie immer, dass ich zurückkehre. Der Königliche Bote sagte, die Vorbereitungen für die Titulus-Zeremonie seien im Gange.

MC:
Die Titulus-Zeremonie?! So plötzlich…


Als einziger Prinz von Philos musste Xavier an zahlreichen Zeremonien der Königsfamilie teilnehmen. Keine einzige durfte ausgelassen werden, wenn er einst die Krone tragen sollte. Die Statue war mit Efeu überwuchert. Glühwürmchen flogen unter den Blättern hervor. Lichtpunkte erhellten Xaviers Gesicht, doch seine Augen wurden für einen Moment dunkel.

Xavier:
Vielleicht schafft er es diesmal nicht…


„Er“ — damit meinte Xavier seinen Vater, den König von Philos. Xaviers Verhältnis zu Seiner Majestät war ein Tabuthema.

MC:
…Wirst du sofort aufbrechen?


Xavier schüttelte den Kopf.

Xavier:
Ich weigere mich, diesen Vorfall zu vergessen.

Xavier erzählte mir nie, was passiert war. Ich konnte nur aus den Bruchstücken unserer Gespräche eine vage Vorstellung ableiten. Wenn ich richtig liege, geschah dieser Vorfall rund um die Gladius-Zeremonie. Es war eine Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Nur diejenigen, die die Lichtklinge führen konnten, bewiesen sich als würdig, den Thron zu besteigen.

Diese Prüfung war als Gladius-Zeremonie bekannt. 

Im Süden lag der Starfallforest, und dort hatte ein Wanderer sein Nest gebaut.

Xavier sollte den Wald betreten und den Wanderer eigenhändig töten. Ich war an dem Tag dabei, als alle kamen, um den Prinzen zu verabschieden. Der Starfallforest war ein trostloser Ort mit einem instabilen Protonenfeld. Nachts hüllte dichter Nebel die Bäume ein. Ihre Blätter raschelten im Wind zu den Schreien seltsamer Vögel. Als Xavier den Starfallforest betrat, wurde alles still. Der Wald war wie ein Wanderer, der seine Beute schweigend beobachtete.

Alle warteten am Rand und fragten sich, ob der Prinz zurückkehren würde. Tag für Tag blieb der Wald still. Sie dachten, der Wanderer habe den Prinzen verschlungen, und gingen einer nach dem anderen. Ich war die Einzige, die noch auf ihn wartete.

Xavier ließ mich immer so zurück.

Manchmal schloss er sich dem Expeditionsteam an. Manchmal kehrte er mit dem Königlichen Boten zum Palast zurück. Und ich fragte immer, wann er wiederkommen würde. Er kam immer innerhalb des Zeitraums zurück, den er mir genannt hatte. Bevor der Prinz den Wald betrat, beteten alle für seine Sicherheit. Damals flüsterte Xavier mir ins Ohr: „Sieben Tage.“

Nach sieben Tagen war es eine mondlose Nacht. Ich war die Einzige, die noch auf ihn wartete.

Bevor die Dämmerung anbrach, erschien ein schwaches Licht im Wald.

Es wurde heller und verwandelte sich in eine weiße Gestalt. Xavier trat hervor. Die Lichtklinge löste sich in unzählige Lichtpartikel auf. Er kam auf mich zu, den Protonenkern des Wanderers in der Hand. In seinem Gesicht war weder Freude noch Erleichterung zu sehen. Mit gesenktem Kopf umarmte Xavier mich wortlos.

Was er in diesen sieben Tagen erlebt oder gesehen hatte, blieb im Dunkeln.

Einen Wanderer zu töten, hätte gefeiert werden müssen. Doch Xavier hatte sich seitdem verändert. Als hätte er einen Teil von sich im Starfallforest zurückgelassen. Im Schein der Glühwürmchen bei der Statue senkte Xavier den Blick.

Xavier:
Ich kann nicht der Mann werden, den er will. Und ich werde auch niemals auf dem Thron sitzen, den er hinterlässt.

Xavier und ich gingen verschiedene Wege. Es wäre töricht gewesen zu behaupten, ich würde ihn verstehen. Ich konnte nur seine Hand halten.

MC:
Wenn du der nächste König bist, verspreche ich dir, an deiner Seite zu bleiben.


Xavier:
Es klingt angenehm, das zu hören, doch…

Xavier lächelte und sah mich an.

Xavier:
Bist du entschlossen? Ist es dein Wunsch, das Schwert des Königs zu sein?

MC:
Ja.


Xavier:
Und wenn ich die Krone nicht trage?

MC:
Was…


Xavier und Seine Majestät mochten gestritten haben, aber ich hatte nie über die Möglichkeit nachgedacht, dass jemand anders König werden könnte.

MC:
Dann werde ich der Ritter eines anderen sein.


 (Dann müsste ich einen Treueeid schwören, Grandis-Ritter werden, ihm bis ans Ende der Welt folgen, nur ihn ansehen, ein Schwert in seinem Namen führen…Und er wäre nicht Xavier… Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas überhaupt geschehen könnte.)

Xavier:
Ich will nicht, dass du der Ritter eines anderen wirst. Und ich werde auch nicht zulassen, dass du an der Seite eines anderen stehst.

MC:
Xavier…


Xavier:
Ich kann mich entscheiden, nicht König zu werden. Du kannst dich entscheiden, nicht zu den Lightseekern zu gehen, die nur der Königsfamilie dienen.

MC:
…?!


Seine Vorstellungen gingen weit über mein Verständnis hinaus, und doch sagte er es mit bemerkenswerter Gelassenheit.

Xavier:
Philos ist grenzenlos. Wir können die verschiedensten Dinge tun. Warum musst du den Befehlen eines anderen folgen, um Grandis-Ritter zu werden?

MC:
Unser Lehrer sagte, so solle ich leben. Was gibt es sonst für mich?


Xavier:
Ich werde dich nach Uluru bringen.

MC:
Uluru?


Xavier:
Auf meiner letzten Expedition habe ich einen neugeborenen Planeten entdeckt. Ich habe ihn benannt. Weder Wanderer noch Menschen wurden dort gesehen. Nur Blumen. Mit einem einzigen Blick kann man jeden Planeten im Universum sehen. Blaue, rote, rosafarbene…

MC:
Hat man nicht gesagt, dass Philos langsam stirbt? Wie kann es dann neue Planeten geben? 


Xavier senkte den Kopf. Die Glühwürmchen landeten auf den Blüten des gewellten Strandlavendels.

Xavier:
Mit der Ankunft des Frühlings folgt bald auch die Hoffnung.

MC:
Frühling… Wie ist der Frühling auf anderen Planeten?


Xavier:
Ich habe die Koordinaten dieses Planeten aufgezeichnet. Sobald ich meine persönlichen Angelegenheiten geregelt habe, und falls du deinen Wunsch aufgibst, Grandis-Ritter zu werden… Lass uns durchbrennen. Wir verbringen den Rest unserer Tage in Uluru.

Ich schlief ein, an Xavier gelehnt. Als ich am nächsten Tag in meinem Schlafzimmer aufwachte, war es schon fast Mittag. Ich wollte nachsehen, ob Xavier wach war. Als ich mich seinem Zimmer näherte, stand die Tür offen. Vollständig angekleidet stand er bereits vor dem Spiegel.

MC:
Xavier? Warum bist du…


Ich trat näher. Seine Kleidung war die für eine Audienz bei Seiner Majestät.

MC:
Willst du zum Palast zurückkehren?


Xavier:
Ich kann nicht für immer davonlaufen. Diesmal werde ich ihn persönlich aufsuchen.

MC:
Du solltest nicht gehen, wenn du es nicht willst.


Xavier blieb still. Er nahm das Schwert neben dem Spiegel auf.  Mir wurde schwer ums Herz, als ich die Quaste bemerkte. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen werden…

MC:
Ich hatte vor unserem Duell gesagt, dass ich eine Bitte habe. Darf ich dir eine Frage stellen?


Xavier:
Du darfst zehn stellen, wenn du möchtest.

Ich versuchte, mich aufzumuntern. Und dann…

MC:
Wer hat dir diese Quaste mit dem sternförmigen Anhänger gegeben? Deine Geliebte?


Xavier sah mich einen Moment lang an. Dann lächelte er plötzlich.

Xavier:
Endlich ist die Zeit gekommen. Ja, sie stammt von der Person, die ich mag.


Ich wusste, dass es wahr sein musste, und doch fühlte ich mich unwohl, weil er es so leicht zugab.

MC:
Dann… Sie… Ist sie wirklich jemand, den du magst?


Xavier:
Ja.

MC:
…Magst du sie sehr?


Xavier:
Wie keine andere nimmt ihr Glanz einen besonderen Platz in meinem Herzen ein.

Ich umklammerte den Saum meines Mantels. Das Bedauern darüber, eine solche Frage gestellt zu haben, war greifbar.

MC:
Du liebst sie also…


Xavier:
Sie hat mich vor Jahren verlassen. Seitdem suche ich nach ihr.

MC:
Deswegen begleitest du also das Expeditionsteam? Um sie zu suchen?


Xavier:
Ah? Nein, ganz und gar nicht…

MC:
Behältst du die Quaste, um dich an sie zu erinnern?


Xavier:
Ich habe sie nie vergessen. Sie war diejenige, die mich vergessen hat.

MC:
Wie konnte sie nur?


Obwohl es eine traurige Sache war, wirkte Xavier aus irgendeinem Grund nicht im Geringsten verletzt.

Xavier:
Unsere Wege haben sich gekreuzt, aber sie erinnert sich nicht an mich. Sie kann sich nicht einmal daran erinnern, dass sie mir diese Quaste geschenkt hat. Es gibt einen bestimmten Ausdruck, den sie jedes Mal benutzt, wenn wir uns begegnen.

Während er sprach, warf er mir einen unzufriedenen Blick zu.

Xavier:
Es ist ein Ausdruck glückseliger Ahnungslosigkeit und Staunens.

MC:
Wie kann sie es wagen?!


Als ich Xavier so sah, tat er mir leid. Ich bereute meine Frage nicht länger. Ich konnte nur noch Empörung über das empfinden, was er durchmachen musste.

MC:
Xavier, ich muss dir etwas sagen.


Xavier:
Was ist es?

Ich biss die Zähne zusammen und beschloss, ehrlich zu ihm zu sein.

MC:
Du… solltest sie aufgeben!


Xavier:
?  Warum?

MC:
Sie erinnert sich nicht einmal an dich… Lass sie los und finde dein eigenes Glück!
Viele Mädchen an der Akademie bewundern dich. Bei den Moonchasern gibt es Lillia, Joanna… Und dann ist da noch Sarah von den Starhuntern… Sie sind alle reizende junge Frauen. 


Xavier:

Ich verstehe. Du willst also, dass ich jemand anderem nachstelle? Einem anderen Rock hinterherjage…

Xavier machte einen Schritt auf mich zu.

Xavier:
Gibt es sonst noch jemanden, den du empfehlen würdest?

MC:
Das… Personal im Speisesaal. Das junge Fräulein in der Bäckerei…


Xavier machte noch einen Schritt.

Xavier:
Ist das alles?

MC:
Reicht dir das nicht?


Ich hatte keine andere Wahl, als mich auf das Bett zu setzen. Xavier beugte sich hinunter, seine Hand stützte sich neben mir ab.

Xavier:
Sie sind wunderbar, aber ich mag sie nicht.

MC:
…Dann hat es keinen Sinn.


Verlegen wich ich seinem Blick aus und sah woandershin.

MC:
Ich habe Jeremiah sagen hören, dass deine Verlobte bereits ausgewählt wurde… Hast du sie kennengelernt?


Xavier:
Ich weiß es nicht.

MC:
Aber Jeremiah hat auch gesagt…


Xavier verringerte den Abstand zwischen uns. Er war nur noch einen Atemzug entfernt, unsere Nasen berührten sich fast.

Xavier:
Magst du Jeremiah?

MC:
Was?


Xavier:
Du sprichst immer in den höchsten Tönen von ihm. Wenn er dein Verehrer ist, werde ich ihn noch besuchen, bevor ich gehe.

MC:
Aus welchem Grund?


Xavier:
Er und ich sollten ein Gespräch führen.

Es sah nicht so aus, als hätte er Lust auf Nachmittagstee, sondern eher auf ein Duell. Ich versuchte, Xavier zurückzuhalten.

MC:
Das wagst du nicht! Ich habe ihn gebeten, mich über die Gerüchte zu informieren.


Xavier:
Du sorgst dich um ihn.

MC:
Er ist kein schlechter Mensch. Er ist nur töricht und braucht immer meine Hilfe. Natürlich sorge ich mich, wenn…


Xavier:
Also magst du Narren, die dich um Hilfe bitten.

MC:
Wie kommst du darauf?


Xavier verengte die Augen und setzte sich dann neben mich aufs Bett. Während ich noch verwirrt war, nahm er seine Brosche ab.

Xavier:
Mach sie mir an.

MC:
Du hast sie noch vor ein paar Sekunden getragen.


Xavier:
Ich glaube, sie saß schief. Ich bin offenbar nicht in der Lage, sie selbst richtig anzubringen. Ich brauche deine Hilfe.

MC:
…Beweg dich nicht.


Ich nahm die Brosche und rückte näher an Xavier heran.

Xavier:
Ist sie dran?

MC:
Ja.


Obwohl ich viel Zeit mit Xavier verbracht hatte, war ich ihm noch nie so nah gewesen. Vielleicht war der Verschluss der Brosche absichtlich eng. Ich war nervös.

Xavier:
Du kannst sie auch nicht anbringen.

MC:
Du… und ich sind nicht gleich… Was ist, wenn deine Verlobte deine Unfähigkeit, deine eigene Brosche anzulegen, nicht mag?


Xavier:
Meine Verlobte könnte genauso ein Narr sein wie ich. Sie wäre wahrscheinlich ebenso unfähig, mir eine Brosche anzulegen. 

Versehentlich stach ich mir in den Finger.

MC:
Ah!


Xavier:
…Vielleicht würde sie sich beim Versuch sogar in den Finger stechen.

Xavier hielt mit seiner weiß behandschuhten Hand sanft meinen Finger.

Xavier:
Warum treten du und Verletzungen immer nur im Doppelpack auf?

MC:
Das solltest du dich selbst fragen…


Die Blutung hörte auf. Schnell zog ich meine Hand zurück und stand auf, als wäre nichts geschehen.

MC:
Die Flure des Palasts sind viel zu unerquicklich. Ich bin besser als Ritter geeignet. In ein paar Tagen wirst du offiziell Kronprinz sein. Und irgendwann König…
Ich muss hart arbeiten. Wenn ich nächsten Monat zu den Lightseekern stoße, bin ich ein echter Ritter. Ich werde dich beschützen.


Xavier:
Ach ja? Schickst du mir dann ein Geschenk, falls ich den Thron besteige?

Ich dachte darüber nach…

MC:
Kann ich dir dann auch einen kleinen Stern schenken?


Xavier:
Einen kleinen Stern?

Ich stupste gegen den Griff von Xaviers Schwert.

MC:
Ich glaube, deine Quaste wurde bei unserem Duell gestern beschädigt…Ich kaufe dir eine neue. Einverstanden?


Xavier:
Ich will sie handgemacht.

Bevor ich antworten konnte, stand Xavier auf und befestigte das Schwert an seiner Hüfte.

Xavier:
Ich muss jetzt gehen.

MC:
Schon?


Xavier:
Ich sollte längst im Palast sein, aber jemand hat verschlafen. Deshalb hat sich alles verzögert.

MC:
Dein Umhang.


Xavier blieb an der Tür stehen und sah zurück, seine Silhouette im sanften Nachmittagslicht. Ich begegnete Xaviers Blick. In diesem Moment wurde mir klar, dass diese Person, der Prinz von Philos und künftige Kronprinz…

derjenige sein würde, den ich für immer zu beschützen schwören würde.

Ich reichte ihm den Umhang.

MC:
Wann kommst du zurück?

Sollte ich das überhaupt fragen…Er legte den Umhang an und lächelte.

Das tat er immer, wenn er ging.

Xavier:

Ich komme zurück, wenn du mich sehen willst.


Nachdem Xavier gegangen war, sah ich ihn nie wieder. Die Zeremonie, in der ihm der Titel des Kronprinzen verliehen werden sollte, fand nie statt. Xavier kehrte auch nie zur Akademie zurück. Niemand sagte mir, warum, und mein Lehrer weigerte sich, über ihn zu sprechen. 

Einen Monat, nachdem Xavier mich verlassen hatte, bestand ich die Prüfung, um dem Orden der Lightseeker beizutreten. Es war mein erster Schritt auf dem Weg, Grandis-Ritter zu werden. Ich ging den Pfad, den mein Lehrer mir gewiesen hatte. Die Zeit verging, und der König starb.

Es sollte eine Trauerzeit von 200 Jahren geben, bevor sein Nachfolger den Thron bestieg. Mit jedem Jahr kümmerten sich weniger Menschen auf Philos darum, ob jemals wieder jemand König werden würde. Und in diesen 200 Jahren sprach niemand von der Zeremonie, durch die der Titel des Kronprinzen verliehen werden sollte. Ich wich nicht von dem Weg ab, den ich gewählt hatte. Schritt für Schritt wurde ich Kommandantin einer Elitetruppe. Doch wir hatten keinen König. Die Autorität der Ritter war geschwächt, da sich die verschiedenen Trupps über ganz Philos verstreut hatten. Jeder blieb für sich und verlor den Kontakt zu den anderen. Während dieser Zeit marschierte ich einfach weiter und schwang mein Schwert. Ich wusste nicht, wohin ich eigentlich unterwegs war. Ich dachte nur immer wieder: Falls Xavier eines Tages zurückkehrt…Falls er König von Philos wird…Dann will ich diejenige an seiner Seite sein.

Jahre später

Tief in einem Wald führte ich meine Truppe seit mehreren Tagen im Kampf gegen die Wanderer. Alle waren erschöpft von den endlosen, sporadischen Gefechten.

Nachts saß ich allein auf einer Lichtung im Wald und plante unseren nächsten Schritt.

Jeremiah:
Der Starfallforest hatte schon immer ein instabiles Protonenfeld. In den letzten Monaten hat es keine einzige Person lebend herausgeschafft. Ich bezweifle, dass wir das Biest besiegen können.

MC:
Du ruinierst die Stimmung. Wenn die besten Ritter des Ordens der Lightseeker es nicht schaffen, dann niemand.


Jeremiah:
Xaviers Gladius-Zeremonie fand hier statt. Du grübelst immer noch darüber nach. Deine Hartnäckigkeit ist— Nein, könnte es etwa…

MC:
Unsinn!


Nach unserem Abschluss wurde Jeremiah ein Lightseeker. Er war einer der besten Ritter unter meinem Kommando. Und in diesen vergangenen 200 Jahren war er der Einzige, mit dem ich über Xavier sprechen konnte.

MC:
Ich frage mich, was mit Xavier passiert ist, aber ich werde nicht alle anderen dieser Neugier opfern.


Jeremiah seufzte.

Jeremiah:
Nach dem Tod Seiner Majestät brach dein Lehrer zu einer Expedition ins Sternenmeer auf. Die Lightseeker sollten eigentlich dem Kronprinzen dienen, aber dieser Bastard Xavier… Wir sind in alle Winde zerstreut. Wer weiß schon, wie viele das Rittertum längst aufgegeben haben. Wenn alles anders gekommen wäre, wären wir jetzt nicht in diesem Schlamassel.

MC:
Hör auf zu jammern. Wir sollten uns ausruhen, solange wir können.


Jeremiah klopfte mir auf die Schulter, bevor er zu den anderen zurückging.

Die Bäume waren über Jahrhunderte gewachsen, ihre Kronen versperrten sogar das Mondlicht. Als das Feuer ausging, gab es kein Licht mehr. Bald schliefen alle ein. Auch die Vögel verstummten fürs Erste. Ich jedoch schlief nicht ein, denn tief im Wald erschien eine weiße Gestalt. Trotz der Dunkelheit war sie von einem sanften Licht umhüllt. Unsere Blicke trafen sich, bevor sie sich abwandte und davonging.

MC:
Das kann nicht sein…


(Xavier…?!)

MC:
Xavier!


Ich jagte ihm hinterher. Er bewegte sich nicht besonders schnell, aber er ließ mich einfach nicht zu ihm aufschließen. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass es vielleicht nur eine Illusion war, aber…Was, wenn es tatsächlich Xavier war?

MC:
Xavier! Warte!


In einem Moment der Erschöpfung blinzelte ich, und die Gestalt verschwand.

Auch der Wald war fort. Ich befand mich im Zentrum einer Galaxie, unendlich in ihrer Weite.

MC:
Es war eine Illusion…


Ich hörte mein Herz pochen und begann in den Wellen aus Sternenstaub zu fallen.

MC:
Verdammt!


Alles stand Kopf. Als wäre ich schwerelos geworden, fiel ich mit Lichtgeschwindigkeit. Hinab, hinab, hinab in den Nebel.

MC:
Was ist das für ein Ort…?!


Ich war wie ein Stein, der in einen See sinkt. Milliarden Sterne verschwanden aus meinem Blick. Es gab nur noch Dunkelheit.

MC:
Bin ich… noch im Wald…?


Von Dunkelheit umarmt. Zeit und Raum lösten sich in Nichts auf. Ob ich die Augen geöffnet hatte oder nicht, spielte keine Rolle mehr. Die Grenze zwischen Leben und Tod verschwamm. Bin ich… gestorben? Der Tod war so still, so schwerelos. Ich bin… eine Feder, die im Sternenmeer treibt. Ich musste keine Angst davor haben zu sterben. Und doch war mein einziger Kummer… dass ich Xavier nicht noch ein letztes Mal sehen konnte.

??:
MC? Bist du das?

(Diese Stimme… Sie kommt mir bekannt vor…)

??:
Antworte mir! Wo bist du?!

(…Ich bin so müde. Ich habe nicht einmal die Kraft, den Mund zu öffnen.)

??:
MC!

Bevor ich in meine Träume hinabsinken konnte, stach ein blendendes Weiß in meine Augen. Ein… Lichtstrahl. Es war, als würde ich der Entstehung des Universums zusehen. Licht spaltete die Dunkelheit und wirbelte umher.

Aus ewigem Licht entfaltete sich die Welt. Ich öffnete die Augen, unsicher, ob dies noch immer eine Illusion war…

Xavier:
MC! Schlaf nicht ein… Bitte, wach auf!

In einer unermesslich hellen Welt sah ich Xaviers Gesicht wieder.

Xavier:
Du darfst nicht einschlafen… Lass uns nach Hause gehen. Zusammen.

Es war wie ein Traum. Xavier war zu mir zurückgekehrt. Er war auch ein Lightseeker. Nachdem er mich aus dem dunklen, wirbelnden kosmischen Strudel gerettet hatte, brachte Xavier mich zu seinem Basislager auf der anderen Seite des Starfallforest. Immer wenn ich in Gefahr war, war er in der Nähe. Genau genommen war Xaviers Trupp nicht offiziell. Jeder der Ritter trug ein anderes Abzeichen. Höchstwahrscheinlich gehörten sie früher verschiedenen Gruppen im Orden der Lightseeker an. Ich wusste nichts über ihre Erfahrungen oder Überzeugungen, die sie dazu brachten, sich Xavier anzuschließen.

Jeremiah:
Zu glauben, dass du wirklich hier bist! Wir dachten alle, du seist verschwunden.

Jeremiah sagte immer noch geradeheraus, was er dachte — ganz wie damals in der Akademie.

Xavier:
Seit den letzten Jahren untersuche ich den Wald. Er ist ständig von Wanderern verseucht. Hier stimmt etwas nicht. Die Lightseeker haben in diesem Gebiet immer wieder Wanderer gejagt, nur damit die Bestien wiedergeboren werden. Eine Verschwendung von Zeit. Also dachte ich, wir packen das Problem an der Wurzel. Dann ist es ein für alle Mal vorbei. 

Mit verschiedenen Geräten war eine Kommandozentrale eingerichtet worden. Xavier stand vor einer virtuellen Karte und erklärte Jeremiah und mir ruhig seine Entdeckungen der letzten Jahre. Seine Stimme war monoton, aber fest. Ich sah zu, wie Xavier vor dem großen Bildschirm auf und ab ging. Er wirkte wie früher, und doch auch… nicht.

Xavier:
Immer noch benommen? Oder willst du dich wie die anderen ausruhen?

Xavier kam auf mich zu. Erst da bemerkte ich, dass die anderen Ritter bereits gegangen waren.

MC:
Oh, ich… ich erhole mich immer noch von dieser Illusion.


Xavier:
Wirklich?

Xavier reichte mir einen Krug Wasser.

Xavier:
Man sagt, wenn man lange auf einen Gegenstand starrt, dann hat man jemanden im Kopf.

Diese Worte gehörten zu Erinnerungen aus ferner Vergangenheit. Ich musste erst darüber nachdenken, bevor ich Xavier wieder vertraut vorkam. An die Geräte gelehnt nahm ich den Krug und lächelte.

MC:
Die Jahre sind vergangen. Vielleicht habe ich mich in jemand anderen verliebt.


Xavier:
Gut.

MC:
Willst du nicht fragen, wer es ist?


Xavier:
Es spielt keine Rolle. Ich freue mich für dich.  Jemanden im Herzen zu tragen, gibt einem Hoffnung, weiterzumachen.

Unwillkürlich schaute ich auf den Griff seines Schwertes. Die Quaste war immer noch da, aber der sternförmige Anhänger hatte den Großteil seiner ursprünglichen Farbe verloren. Nur die Schnur schien neu zu sein.

MC:
Du hängst wirklich an dieser Quaste.


Xavier:
Das tue ich.

MC:
Erinnerst du dich—


Xavier:
Ah, du hast unser modifiziertes Raumschiff noch nicht gesehen. Es ist nicht weit von hier. Komm mit.

Während ich im Lager blieb, bemerkte ich, dass Xavier immer beschäftigt war.

Entweder erkundete er den Wald, oder er zog sich für einen ganzen Tag in sein Raumschiff zurück. Ich hatte so viele Fragen. Warum hatte es keine Zeremonie gegeben, als er in den Palast zurückkehrte? Wie war er zu den Lightseekern gekommen? Was hatte er all die Zeit getan? Und doch lenkte er jedes Gespräch in eine andere Richtung. Nicht nur das — er vermied es, Zeit mit mir zu verbringen.

Das machte mich noch misstrauischer. Er musste etwas vor mir verbergen…

Jeremiah:
Bist du sicher?

MC:
Bin ich. Ich zähle darauf, dass du die Wahrheit aus Xavier herausfindest. Aber übertreib es nicht.


Jeremiah:
Verstanden. Wenigstens kann ich dir nach all den Jahren doch noch helfen.

Xavier war gerade aus dem Wald zurückgekehrt. Schnell legte ich mich neben die Geräte.

Jeremiah:
MC! MC, was ist los? Schon wieder ein Anfall?

Damit hatten wir Xaviers Aufmerksamkeit.

Xavier:
Was ist mit ihr passiert?

Jeremiah:
Nicht die geringste Ahnung. Ihr Zustand wurde immer schlimmer, seit sie dieser Illusion entkommen ist. Wir konnten es dir bisher nicht sagen.

Wie erwartet wurde Xaviers Gesicht ernst.

Xavier:
Hat es mit ihrem Herzen zu tun?

MC:
Ja…! Es tut so weh, als würde es durchbohrt werden. Irgendeine seltsame Energie muss… Wenn wir die Ursache finden.


Jeremiah:
Ich schwöre bei meiner Ehre, sie hat geweint!

Noch bevor ich mich über Jeremiahs schlechtes Schauspiel beschweren konnte, schaltete Xavier sein Headset ein und hob mich hoch.

Xavier:
Bist du noch im Raumschiff? Ich muss es mir leihen. Verschiebt Operation Backtrack fürs Erste. Ja, sofort.

MC:
Was? Nein, nein! 


Die Situation geriet außer Kontrolle. Hastig hielt ich ihn auf.

MC:
Es ist in Ordnung, Xavier! Du musst das Raumschiff nicht benutzen! 


Xavier blieb misstrauisch. Schnell stellte ich mich auf den Boden und hüpfte zweimal auf und ab.

MC:
Alles funktioniert—


Xavier:
Du hast mich angelogen?

MC:
Ich hatte keine andere Wahl, weil du mir nichts sagen wolltest, obwohl ich schon eine Weile hier bin.


Xavier war unerwartet nicht verärgert. Als er sich versichert hatte, dass es mir gut ging, strubbelte er mir durchs Haar.

Xavier:
Solange du gesund bist.

Aber seine Reaktion gab mir ein paar Hinweise.

MC:
Warum warst du so beunruhigt? Was hast du entdeckt? Hat es etwas mit dem Herzen eines Menschen zu tun?


Xavier:
Es sind bisher nur Vermutungen. Deshalb habe ich dir nichts gesagt…

Xavier schien mir zu vertrauen. Er drehte sich in die Richtung, in der ich diese weiße Gestalt gesehen hatte.

Xavier:
Es geht nicht nur um das Herz eines Menschen. Es betrifft den ganzen Planeten. Wir haben das Geheimnis herausgefunden, das Philos verborgen hat. 

Ob es nun die Wahrheit oder nur Xaviers Vermutung war…Im Zentrum des Starfallforest, dort, wo das Protonenfeld instabil war, befand sich das Herz von Philos. Aber es war hohl. Philos war von sterblichen Händen erschaffen worden. Es hätte nie existieren dürfen, und die Energie seines Kerns war schon lange erschöpft. Der einzige Weg, den Planeten vor dem Sterben zu bewahren, bestand darin, sein Herz mit Energie zu füllen. Philos war ein Planet, auf dem fast alle ewig lebten. Deshalb waren Menschen die ergiebigste Ressource, die viel Energie hervorbrachte. Fast jeder, der hier einen Fuß hinsetzte, wurde zur Nahrung des Planeten. Wanderer waren ein Nebeneffekt dieses abnormen Phänomens.

Xavier hatte das schon während seiner Gladius-Zeremonie erfahren…


Die Gladius-Zeremonie, vor 200 Jahren


Der Prinz kehrte aus dem Wald zurück. Die Lichtklinge gehörte ihm, ebenso der Protonenkern des Wanderers.

König:
…Gut gemacht.

Seine Hoheit überreichte seinem Vater den Protonenkern.

Xavier:
Sollte ein Protonenkern nicht formell untersucht werden?

König:
Die Lichtklinge hat dich als würdig erkannt.

Xavier:
Gibt es keine Notwendigkeit für Formalitäten? Oder seid Ihr nicht bereit dazu? In diesem Protonenkern war einst ein Herz, nicht wahr?

König:
Ich wusste, dass du es bemerken würdest. Doch es ist eine notwendige Pflicht des Kronprinzen. Und ebenso die Verantwortung des Königs.

Der Prinz legte den roten Protonenkern in die Hand seines Vaters. Er sorgte dafür, dass sein Vater ihn fest umschloss.

Xavier:
In einem anderen Zeitalter schlug dieses Herz nur für Euch. Ich werde es zurückbringen. Ganz gleich, wem sie ähnelt — dieses Herz gehört Euch und Euch allein.

Dann verbeugte sich der Prinz und ging.

König:
Xavier! Hör mir zu. Ein König darf nicht aus Gefühlen heraus handeln oder nur die Menschen beschützen, die ihm lieb sind. Deine Pflicht ist es, Philos zu beschützen. Du darfst nur tun, was notwendig ist.


MC:
Der Wanderer, den du getötet hast… war gar kein Wanderer?


Ich verstand endlich, warum Xavier und Seine Majestät sich zerstritten hatten.

Xavier:
Nicht nur Bürger und Ritter wurden von diesem gähnenden Schlund verschlungen. Im Austausch für die Langlebigkeit des Planeten schickte die Königsfamilie gelegentlich Menschen hinein. Als Folge davon wurden Wanderer geboren. Ruhm eines Ritters, Ehre — es gibt nichts dergleichen. Und selbst wenn es das gäbe, sind sie schon lange tot und verschwunden. Der Orden der Lightseeker hat die Wahrheit immer im Schatten gehalten. Zum Wohl der Königsfamilie durfte niemand erfahren, dass Menschen zu Nahrung wurden.

MC:
…!


Xavier:
Als ich in den Palast zurückkehrte, erfuhr ich, dass sie aufgehört hatten, Menschen in das Herz von Philos zu schicken.

MC:
Ist das nicht etwas Gutes? Dann muss niemand sterben.


Xavier:
…Sie fanden das perfekte Opfer.Sie kann sterben und ohne Ende wiedergeboren werden. In ihren Augen war sie die eigentliche Lebenskraft des Planeten. Denn nur sie hat wahre Unsterblichkeit erreicht…Die Königsfamilie glaubte, wenn sie sie zum richtigen Zeitpunkt in das Herz des Planeten schicken würde, wären all ihre Probleme gelöst. Niemand fragte, wie sie sich dabei fühlte oder ob sie bereit war, sich zu opfern. Es kümmerte auch niemanden, dass sie in einem Loch zurückgelassen würde, um immer und immer wieder zu sterben und wiedergeboren zu werden. Es war ihre Pflicht, Philos zu retten, weil ihre Existenz auf diese Weise funktionierte. 
Das war die Rechtfertigung dafür, keine Zeremonie abzuhalten. Wie könnte ich die Krone tragen, wenn das bedeutet, meine Hände mit ihrem Blut zu beflecken?

Danach sprachen Xavier und ich nie wieder darüber. Die Überholung des Expeditionsraumschiffs stand kurz vor dem Abschluss. Die „Backtracking-Operation“, die Xavier erwähnt hatte, sollte ebenfalls bald offiziell beginnen.

Jeremiah war von diesem waghalsigen Plan fasziniert und hatte sich längst Xaviers Seite angeschlossen. Und doch wollte keiner von ihnen irgendwelche konkreten Einzelheiten des Plans preisgeben.

Silvercord

Xavier:
Silvercord ist die Stadt, die unserem Lager am nächsten liegt. Alle sechs Monate findet dort ein Fest statt. Dort können wir Vorräte für die Reise kaufen.

Vielleicht lag es am Protonenfeld des Waldes, aber jede Familie, die in Silvercord lebte, zog seltsame, wunderschöne Pflanzen heran. Auf dem Markt gab es Waren aller Art. Sie quollen aus den Läden bis auf die Straße.

MC:
Ich dachte, du würdest Seine Majestät zusammen mit den anderen Adligen einfach hinter dir lassen… Aber du verlässt Philos.


Xavier:
Unsere Reise ist ein Experiment durch Zeit und Raum. Es bleibt nichts zurück. Wenn wir Philos retten wollen, können wir das nicht in dieser Ära tun.

MC:
Zeitreisen sind gefährlich. Wohin wirst du gehen?


Xavier:
Wir haben eine bestimmte Koordinate im Raum-Zeit-Kontinuum ausgewählt. Die kurzen Testreisen haben gute Ergebnisse geliefert. Unsere Erfolgsquote ist hoch.

Ich wusste, dass ich Xavier nicht aufhalten konnte. Ich blickte in Richtung der Flöten und Harfen. Beim Brunnen auf dem Platz spielten Kinder mit einem wandernden Barden.

Kind A:
Es ist Xayxay!

Kind B:
Hast du heute Süßigkeiten dabei, Xayxay?

Sie umringten Xavier. Xavier kniete sich zu ihnen hinunter.

Xavier:
Leider nicht.

Kind A:
Du hast letztes Mal gesagt, du bringst welche mit! Du lügst doch nicht!

Xavier suchte an sich herum und nahm dann seine Brosche ab.

Xavier:
Wollt ihr dafür das hier?

Die Kinder liefen fröhlich mit dem glänzenden Schmuckstück davon.

MC:
Die Brosche beweist, dass du ein Mitglied der Königsfamilie bist…


Xavier:
Für sie ist es nur ein Spielzeug. Sie würden Süßigkeiten einem Schmuckstück jederzeit vorziehen.

Wir setzten uns an den Brunnen. Der Barde sang zur Begleitung wohlklingender Instrumente eine uralte philosianische Legende über die Königsfamilie.

MC:
Die Wanderer tauchen immer weiter auf… Seit 200 Jahren gibt es keinen König und keinen Orden der Lightseeker mehr. Was soll Philos tun? 


Xavier:
Ich bin nicht der Einzige, der auf dem Thron sitzen könnte.

MC:
Erinnerst du dich noch an unser Gespräch in der Akademie? Du sagtest, du würdest nicht zulassen, dass ich der Ritter eines anderen werde oder an der Seite eines anderen stehe.


Xavier:
Sind Menschen nicht manchmal kindisch?

MC:

 Was ist mit ihr? Hast du sie aufgegeben? 


Xavier trug heute sein Schwert nicht bei sich, aber er wusste, dass ich von dem Mädchen sprach, das ihm die Quaste gegeben hatte. Ein seltener Hauch von Nostalgie erschien in Xaviers Gesicht.

Xavier:
Ich kann es nicht. Sie ist mein Sinn, mein leitender Stern.

MC:
…!


Aus diesen wenigen Worten verstand ich alles.

MC:
Die Person, die sterben und wiedergeboren werden kann… Sie ist es, nicht wahr?


Xavier:
…Ja.

MC:
Alles, was du getan hast… war ihretwegen.


Er hatte nach ihr gesucht, immer an sie gedacht, selbst als sie ihn längst vergessen hatte. Und doch prägte sie sein Leben und jede seiner Entscheidungen.

Was war edler? Den Menschen, den man liebt, für den Planeten aufzugeben? Oder den Planeten für den einen Menschen zu retten, den man liebt? Was war herzzerreißender? Aber… jetzt verstand ich endlich, welchen Wert die Quaste für Xavier wirklich hatte. Ich wusste, was ich tun musste.

MC:
Philos zu verlassen, um jemanden zu retten, den man liebt… Ich würde dasselbe tun. Es gibt Menschen hier, die mir wichtig sind. Meine Kameraden bei den Lightseekern, ehemalige Mitschüler, Freunde, unser Lehrer und…


Unter Xaviers Blick blieb das Wort „du“ in meiner Kehle stecken. Ich sah weg.

MC:
Die Kinder. Auch sie haben Menschen, die ihnen wichtig sind. Ich kann Philos nicht verlassen. Ich werde hierbleiben und alles beschützen.


Das Lied des Barden über Philos neigte sich dem Ende zu. In diesen letzten Tagen, da das Universum seinem Untergang entgegengeht, soll in der Dunkelheit der edelste König geboren werden. Als wahrer Retter von Philos wird er uns ins Licht führen, zur wahren Unsterblichkeit. Mit fester Überzeugung im Herzen sah ich Xavier an. Wir standen kurz davor, getrennte Wege zu gehen. Ich konnte nicht erkennen, was Xavier dachte. Er wandte sich einfach an den Barden.

Xavier:
Der König aus der Legende, der Philos in ein Zeitalter des Lichts und der Unsterblichkeit führt, die Krone wird stattdessen von einer Königin getragen.

Sie stellt sich jeder Herausforderung und gibt selbst in den dunkelsten Stunden niemals auf. Auch ohne Anführer ist sie noch immer die tapferste Ritterin in ganz Philos. Unter ihr werden sich die zerstreuten Lightseeker vereinen und zur wahren Größe finden.

Der Barde verstand seine Worte und ging davon, um eine neue Melodie zu singen.

Durch sein Lied würde der Barde die Legende in alle Winde tragen. Die Legende von der Königin von Philos würde über den Planeten hinwegfegen wie der Frühlingswind, der Samen von den Bergen bis zu den reißenden Flüssen trägt.

Genau wie die Ankunft des Frühlings nach dem Schmelzen des Schnees.

Alle würden dieses freudige Ereignis feiern. Nach 200 Jahren des Schweigens würde der Planet endlich das Licht einer neuen Hoffnung begrüßen.

Xavier:
Morgen wird das Raumschiff aufbrechen.

Ich dachte kurz nach, nahm dann mein sternförmiges Abzeichen ab, das mein Rittertum symbolisierte, und gab es Xavier.

MC:
Auch wenn ich dich nicht selbst begleiten kann, so wird es mein Herz tun.


Xavier:
Ist das der kleine Stern, den Eure Majestät mir vor Jahren versprochen haben?

MC:
Nein! Die Quaste ist dir wichtig. Tu einfach so, als hätte ich das damals nie gesagt!


Xavier:
Eure Majestät müssen das nicht tun. Erlaubt mir, ein Geheimnis preiszugeben.

Xavier nahm das sternförmige Abzeichen.

Xavier:
Nur eine einzige Person hat mir je einen kleinen Stern geschenkt.

Unsicher, was Xavier damit meinte, fasste ich mir an die Ohren, die rot geworden waren.

MC:
Ich werde jetzt in die Hauptstadt zurückkehren.


Xavier:
Die Rekrutierung der Lightseeker wird wieder beginnen. Eure Majestät sollten sich die aktuellen Kandidaten ansehen.

MC:
Und du? Wann wirst du zurückkommen?


Die untergehende Sonne färbte Xaviers Gesicht golden.

Xavier:
An dem Tag, an dem dieses Lied Wirklichkeit wird. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich der Ritter Eurer Majestät sein. 

Bei einer Krönung sollten die Königin und ihr Grandis-Ritter den Segen des Volkes empfangen. Doch mein Ritter steht vor meinen Augen und weigert sich, an meiner Seite zu stehen.

Seit wir Silvercord verlassen haben, hat sich vieles verändert. Die Einzelheiten sind nur schwer in Erinnerung zu rufen. Vom Ritter zur Prinzessin — meine mühsame Reise hat mich bis hierher geführt. Xavier und seine Backtracker haben die Lightseeker längst verlassen. Sie gelten als Verräter. Sobald sich unsere Wege trennen, wird es schwer sein, einander wiederzusehen.

MC:
Du von allen musst wissen, welchen Preis Philos zahlen wird, wenn du scheiterst. Das Ziel der Backtracker ist nicht dasselbe wie das, was du mir damals erzählt hast, oder?


Xavier senkt den Kopf und umklammert den Griff seines Schwertes. Erst jetzt bemerke ich, dass der Anhänger an der Quaste durch das Abzeichen ersetzt wurde, das ich ihm gegeben habe. Ich weiß nicht, was ihn dazu gebracht hat, ihn auszutauschen, aber es hat keinen Sinn, danach zu fragen.

Xavier:
Unser Lehrer sagte einmal, wohin ein Herrscher weist, dorthin müsse das Schwert eines Ritters folgen.

Er sieht mich auf eine Weise an, von der ich meinen Blick nicht losreißen kann.

Und doch sind die Tiefen seines Blickes unergründlich.

Xavier:
Auch wenn Eure Majestät anders denken mögen — ich habe mich nicht verändert. 

Er nimmt meine Hand und küsst ihren Rücken.

Xavier:
Möge Philos unter dem göttlichen Blick der Ewigkeit gedeihen.

Nachdem Xavier gegangen ist, vergeht viel Zeit, ehe ich wieder zu mir komme und auf den Balkon trete. Ich sehe die jubelnde Menge, aber ich kann ihn nicht finden. Vielleicht ist er schon fort. Weit, sehr weit weg. Ich denke an die Nacht zurück, in der er mich aus dem Wald geholt hat… Seine Lichtklinge zerriss die Dunkelheit und erhellte meine Welt wie eine Sternschnuppe — eine Wirklichkeit inmitten von Illusionen, mein Stern. Wie aus einer Benommenheit erwacht, sitzt eine vertraute Person neben mir. Es ist, als wäre er niemals fort gewesen.

Xavier:
Du bist wach. Wie fühlst du dich? Bist du verletzt?

Die Wärme von Xaviers Atem ist deutlich spürbar, und doch fällt es mir schwer, die Wirklichkeit vor mir zu begreifen.

MC:
Xavier…


Überwältigt kann ich nicht anders, als meine Hand nach ihm auszustrecken.

Xavier:
Du träumst nicht. Ich bin es. Ich bin zurückgekommen. Unser Lehrer sagte immer, ein ehrenhafter Ritter dürfe niemals einem Hinterhalt zum Opfer fallen.

Und… ein ehrenhafter Ritter sollte auch niemals wortlos verschwinden. Ja, es ist meine Schuld. Du darfst mich ein paar Mal schlagen, wenn es dir dann besser geht. Kannst du stehen? Langsam…  Ich kann dich tragen, wenn du nicht laufen kannst. Und selbst wenn du laufen könntest, würde es mir nichts ausmachen, dich zu tragen.

Er rettet mich aus der Dunkelheit. Mit jedem Schritt, den er macht, begleitet vom sanften Zirpen der Insekten und den gewellten Strandlavendeln, die ein weiches, ätherisches Leuchten ausstrahlen.

MC:
Die Blumen an der Akademie müssten jetzt blühen. Schade, dass es keine Glühwürmchen gibt…


Xavier:
Glühwürmchen. Nur für dich.

MC:
Du hast diese Lichtpunkte gemacht. Das sind keine Glühwürmchen. Du kannst mich nicht anlügen.


Xavier:
Es ist nichts. Ich habe nur zufällig eine Sternschnuppe eingefangen.

MC:
Eine Sternschnuppe…Erinnerst du dich noch an Uluru, Xavier?


Xavier:
Ja, natürlich. Unser kleiner Planet.

MC:
Glaubst du, Uluru wird einmal zu einer Sternschnuppe?


Xavier:
Unwahrscheinlich. Er ist erst 200 Jahre alt. Es ist ein sehr junger Planet. Allerdings müssten die Blumen auf Uluru jetzt blühen.

MC:
Die Wanderer sind eine ernste Bedrohung. Früher oder später werden sie Uluru erreichen. Dann wird es ein zweites Philos. Ich bin müde, Xavier… Was, wenn ich eines Tages mein Schwert nicht mehr führen kann? Was dann?


Xavier:
Dann ruhst du dich aus, und ich bleibe an deiner Seite. Immer. Wenn du nirgendwohin gehen kannst, wenn du keinen Ort findest, an dem du dich ausruhen kannst… dann kannst du bei mir bleiben.

MC:
Du lügst immer.

Das hat er schon immer getan. Er hat immer gelogen, wieder und wieder und wieder und wieder. Er sagte, mit dem Frühling würde die Hoffnung folgen. Er sagte, er würde mich auf den neuen Planeten bringen, den er entdeckt hatte.

Er sagte, er wolle kein König sein, wollte aber zugleich nicht zulassen, dass ich an der Seite eines anderen stehe. Er sagte, er würde zurückkehren, wenn ich ihn vermisse. Er sagte, wenn ich Königin von Philos werde, würde er mein Ritter sein.

Das Lied, das er erfunden hat, ist nun Wirklichkeit. Und doch verlässt er mich, während Tausende meinen Namen bejubeln… Blendendes Feuerwerk erfüllt den Himmel. Ich verlasse den Balkon und ziehe mich in die Dunkelheit des Thronsaals zurück. In diesem Moment schießt ein Raumschiff wie eine Sternschnuppe über den Himmel und verschwindet in der Nacht. Meine Schritte hallen in diesem leeren Raum wider. Niemand wird an meiner Seite sein.

Mein Stern hat mich verlassen.

Und diesmal wird er nicht nach Hause zurückkehren.