Lucid Dreams
Klarträume
Im dunklen, warmen Morast löst sich langsam eine zähflüssige Substanz auf. Mein Körper gewinnt das Gefühl grenzenloser Schwerelosigkeit zurück. Mein Bewusstsein regt sich, als Sonnenlicht durch meine verschwommene Sicht dringt.
(Wo bin ich... Dieser Ort kommt mir vertraut vor... Wie bin ich hier gelandet...?)
Sanfte Schritte hallen draußen wider. Ihnen folgt das leise Knarren einer sich öffnenden Tür.
??:
Dein Fieber ist gesunken. Ruh dich einfach noch etwas aus. Ich habe bei der Association beantragt, dass du krankgeschrieben wirst. Also, egal ob du dich in den nächsten Tagen zu Hause ausruhen oder draußen herumlaufen willst – ich werde an deiner Seite sein.
MC:
Wovon... redest du?
Sonnenlicht fällt über die Fensterbank. Doch das vertraute Gesicht vor mir wirkt, als läge es unter dunklem Wasser.
??:
Es ist okay. Es ist okay, wenn du dich nicht erinnerst.
Selbst wenn du gar nichts mehr weißt, kann ich es dir immer wieder sagen...
Er senkt den Kopf und umfasst sanft meine Hand, seine Geste beinahe von Ehrfurcht durchzogen.
??:
Ich bin Caleb. Ich werde immer...
Plötzlich erfüllt ein Summen meinen Geist und übertönt alle anderen Geräusche.
Ich schüttle den Kopf und fasse mir an die Stirn. An der Innenseite meines Arms ist eine fadenfeine, karminrote Wunde. Mein Geist fühlt sich träge an. Es ist, als wäre etwas Wichtiges, das niemals hätte vergessen werden dürfen, unter einem Schleier leerer Ungewissheit begraben worden.
(Was... ist passiert...?)
10 Tage Zuvor
Skyhaven – Coelum-Express-Station
Mit meinem Gepäck in der Hand verlasse ich den Bahnhof und rufe mir den Weg ins Gedächtnis, den ich früher genommen habe. Als ich links vom Ausgang ein Fast-Food-Restaurant entdecke, mache ich ein Foto.
MC:
Rate mal, wo ich gerade bin?
- Caleb-:
Du bist in Skyhaven?
Ich schalte den Bildschirm meines Handys aus und lasse den Blick schweifen. In der Glaswand des Fast-Food-Restaurants spiegelt sich meine Silhouette.
Das letzte Mal war ich vor zwei Monaten beruflich in Skyhaven. Damals hatte ich mich heimlich in die Farspace-Flotte eingeschleust, um den Aufenthaltsort eines Fragments des Aether-Kerns zu untersuchen. Während dieser Mission tauchte Caleb, der inzwischen Colonel der Flotte geworden war, wieder vor mir auf.
Überschäumende Freude ließ mich in eine Blase eintauchen, als würde ich etwas zurückgewinnen, das ich lange verloren hatte. Doch je mehr Zeit verging und je mehr ich erfuhr, desto weiter entfernten Calebs verändertes Verhalten und seine neue Art ihn von dem Bild, das ich in meiner Erinnerung trug.
Auch wenn wir inzwischen einen neuen Weg gefunden haben, miteinander umzugehen, kann ich mich immer noch nicht davon abhalten zu fragen...
Welche Geheimnisse verbergen sich hinter jener fremden Colonel-Uniform?
??:
Dreh dich um. Du hättest mir wenigstens Bescheid geben können. Überfällst du die Leute immer noch gern?
MC:
Du bist auch immer in Linkon aufgetaucht, ohne mir vorher etwas zu sagen. Warum sollte ich dann nicht dasselbe tun? Aber du warst ziemlich schnell hier. Caleb, du wusstest doch schon, dass ich komme, oder?
Caleb:
Oder vielleicht war ich einfach so aufgeregt, nachdem ich deine Nachricht gesehen habe, dass ich aufs Gas getreten bin.
MC:
Zu schnell fahren und wissentlich gegen das Gesetz verstoßen – ich hoffe, du weißt, worin dein Vergehen besteht, Colonel.
Caleb:
Ja, ja, ich weiß schon. Ich hab nur darauf gewartet, dass du mich verhaftest.
Caleb nimmt mir das Gepäck aus der Hand und bedeutet mir, ihm zu folgen.
Caleb:
Hast du schon etwas gegessen?
MC:
Ich wollte mein Gepäck eigentlich zuerst im Hotel abgeben. Caleb, müsstest du heute nicht im Dienst sein?
Caleb:
Und was ist mit dir? Du hast frei und beschließt, einen Ausflug nach Skyhaven zu machen?
MC:
Ich...
Vor einem halben Monat hatte die Hunters Association eine Spezialmission vergeben. Die Farspace-Flotte hatte um die Unterstützung eines Hunters bei der Entdeckung von Metaflux gebeten. Für die Arbeit – und um Caleb näher zu sein – habe ich mir diese Gelegenheit gesichert. Ich bin extra einen Tag früher angekommen. Unsere Schatten beginnen, beim Gehen ineinander überzugehen. Ich zögere, bevor ich beschließe, das fürs Erste für mich zu behalten.
MC:
Ja, ich habe mir einen freien Tag genommen, um dich zu sehen. Eigentlich müsstest du jetzt gerührt sein, denn das wäre laut Protokoll der nächste Schritt.
Im Dockbereich bleibt Caleb neben seinem persönlichen Flugzeug stehen.
Caleb:
Da du den ganzen Weg wegen mir hergekommen bist, musst du jetzt auch bei meinem Plan mitspielen. Ich bringe dich zuerst woanders hin.
Zehn Minuten später starre ich auf die vertraute Szene vor mir.
MC:
Caleb, wenn ich mich nicht irre, ist das dein Haus.
Caleb:
Du siehst keine Geister. Ich musste deine Überraschung schließlich angemessen erwidern.
Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Die Halskette, die ich ihm geschenkt habe, schwingt leicht. Jemand hatte also schon lange im Voraus eine Dienstreise zur Farspace-Flotte geplant.
MC:
Ich sehe schon, manche Leute können einfach nichts für sich behalten.
Jetzt bist du dran. Warum hat die Flotte um die Unterstützung eines Hunters gebeten? Was ist diese geheime Mission—
Bevor ich ausreden kann, kneift Caleb mir die Lippen zu.
Caleb:
Über die Arbeit können wir später reden. Stornier zuerst deine Hotelreservierung. Und dann...
Seine Hände ruhen auf meinen Schultern und führen mich nach drinnen.
MC:
Und dann was?
Caleb:
Du weißt genau, was ich meine.
Meine Erinnerung an die Vergangenheit verschmilzt mit der Person vor mir. Ich gehe näher und schlinge die Arme um seinen Hals.
MC:
Ich habe dich vermisst, Caleb.
Caleb:
Willkommen zu Hause.
Sein Atem streift meine Haut, während seine Finger durch mein Haar gleiten.
Caleb:
Ich bin wirklich glücklich, dass du hier bist, um mich zu sehen.
Als das Licht des Sonnenuntergangs durch die Fenster fällt, verschmelzen unsere Schatten zu einem einzigen.
Am nächsten Tag
Die Sonne geht erneut auf. Ich mache mich bereit, mich offiziell bei der Farspace-Flotte zu melden.
MC:
Die Personalinformationen sollten eigentlich vertraulich sein, aber irgendwie hast du schon vorher herausgefunden, dass ich es bin...Ach, ich verstehe. Du hast also wieder ein paar Fäden gezogen, Colonel.
Caleb:
Es ist ein neuer Tag, und dich beschäftigt das immer noch?
Mein Schnürsenkel ist offen. Caleb geht in die Hocke.
Caleb:
Da du den Shuttle der Flotte abgelehnt hast, war es nicht schwer, die möglichen Gründe herauszufinden.
MC:
Dich zu überraschen ist wirklich keine leichte Aufgabe.
Ich setze ihm seine Uniformskappe auf.
MC:
Dein ganzes Auftreten verändert sich, sobald du eine Uniform trägst.
Caleb:
Wirkt sie zu einschüchternd? Oder ist dir die Farbe zu schwer? Es spielt keine Rolle, welche Rolle ich innehabe. Ich bin immer noch der Caleb, der dir die Schnürsenkel bindet.
Er bindet die Schleife ordentlich und richtet meinen Kragen.
Caleb:
Los geht’s. Und behalte das bei dir.
MC:
Ein Schlüssel?
Caleb:
Damit kannst du mein Haus, mein Auto und mein persönliches Flugzeug öffnen. Probier ihn ruhig überall aus – vielleicht bist du überrascht. Da du den Shuttle der Flotte abgelehnt hast, wirst du diese Woche mit mir mitfahren müssen.
Kommandozentrale – Besprechung
Das offizielle Treffen zwischen der Association und der Flotte findet im siebzehnten Stock der Kommandozentrale statt. Als ich ankomme, sehe ich, dass der Konferenzraum bereits voller Teilnehmer ist. Caleb hatte sich von mir getrennt, als wir die Kommandozentrale betreten hatten. Sein neuer Adjutant Liam führt mich durch das Zutrittsverfahren.
Liam:
Ihr Platz ist mit Ihrem Namen beschriftet. Gehen Sie einfach geradeaus, dann finden Sie ihn. Ich muss jetzt los. Man sieht sich.
MC:
Danke.
Ich nicke ihm zu. Doch gerade als ich um den Gang herumgehen will, ruft mich eine Stimme aus der Nähe.
??:
Sie sind der Hunter, den die Association geschickt hat?
MC:
Sie sind...?
Der Mann in Flottenuniform trägt eine Reihe von Orden auf der Brust. Doch es ist sein durchdringender Blick, der mich fesselt.
??:
Also darf inzwischen jeder einfach so in die Kommandozentrale spazieren, ja? Caleb hat wirklich ein Talent dafür, einem ins Auge zu fallen.
MC: ?
Ich halte inne, unsicher, ob ich mich verhört habe. Und Liam, der zurückgekehrt ist, noch bevor ich es bemerkt habe, stellt sich vor mich.
Liam:
Colonel Heath, gibt es ein Problem?
Colonel Heath:
Sie sollten Ihre Nase nicht in Dinge stecken, die Sie nichts angehen.
Der Mann wirft uns einen finsteren Blick zu. Mit einem Schnauben dreht er sich um und geht davon.
MC:
Dieser Offizier scheint wohl ein Problem mit Huntern zu haben.
Liam:
Er ist Colonel der Tuum-Flotte. Ein erfahrener Veteran mit berüchtigt schlechtem Temperament. Versuchen Sie, ihm so gut es geht aus dem Weg zu gehen.
Liam begleitet mich zu meinem Platz. Sobald ich sitze, nickt er.
Liam:
Mit Huntern hat er kein Problem. Aber mit Colonel Caleb versteht er sich nicht. Sie werden bald erfahren, warum.
(Sieht so aus, als würde diese Mission eine holprige Fahrt werden.)
Als die Besprechung beginnen soll, nehmen die Teilnehmer ihre Plätze ein. Die Tür öffnet sich. Unter der stillen Aufmerksamkeit aller Anwesenden geht Caleb in die Mitte des Konferenzraums.
Caleb:
Wie Sie sicher alle bereits wissen, wird es nächste Woche personelle Veränderungen innerhalb der Flotte geben. Ich werde das Kommando über die Tuum-Flotte übernehmen. Colonel Heath wird von seinen Pflichten entbunden, damit er sich auf Atley Island erholen kann.
Colonel Heath:
Hmpf...
(Also wurde ihm seine Flotte von Caleb abgenommen. Kein Wunder, dass er wütend ist.)
Caleb:
Die Wanderer und der Metaflux-Index im Weltraumtunnel haben ein völlig anderes Ausmaß als das, was Skyhaven und Linkon zeigen. Deshalb haben wir uns entschieden, mit der Hunters Association zusammenzuarbeiten. Ein Hunter wird die körperlichen Untersuchungen der Offiziere der Tuum-Flotte überwachen. Und nun beginnt offiziell die Übergabezeremonie der Flotte.
Das Hologramm flackert, und das Licht wird gedimmt. Während der Signalübertragung fällt ein schwaches Leuchten auf die verschiedensten Gesichtsausdrücke der ranghohen Offiziere der Flotte.
Mein erster Tag in der Kommandozentrale endet mit diversen Übergabeformalitäten. Am Abend verabreden Caleb und ich uns auf der Startbahn.
(Was dauert denn so lange... Ah.)
Im dichten Nebel der Nacht erscheint langsam Calebs Gestalt. Doch hinter ihm ist—
Colonel Heath:
Colonel Caleb, warum so eilig? Sie interessieren sich wohl nicht für das bevorstehende Bankett?
Caleb:
Die Übergabezeremonie ist vorbei. Ob ich bleibe oder nicht – Sie sollten sich inzwischen auf dem Weg nach Atley Island befinden.
Calebs Blick streift an mir vorbei, und er bleibt in einiger Entfernung stehen.
Colonel Heath:
Tch. Nun, ich würde Ihnen gern einen Rat geben, junger Mann. Ich weiß, wie Sie an diese Position gekommen sind. Sie sind bloß Lucius’ Schachfigur, hier eingeschleust, um die Flotte zu unterwandern. Genauso wie Sie meine Flotte übernommen haben, kann er Sie morgen auch problemlos durch eine andere Figur ersetzen.
Im Nebel macht der Mann einen Schritt nach vorn.
Colonel Heath:
Vor einem Jahr stand ich an Ihrer Stelle.
Caleb:
Mit anderen Worten: Sie wurden fallengelassen, Colonel Heath.
Colonel Heath:
Mag sein, dass ich in seinem Spiel eine aufgegebene Figur bin, aber nicht in dem eines anderen. Junge, warum denken Sie nicht darüber nach, sich einen Ausweg offen zu halten—
Caleb:
Sobald man abgehoben hat, gibt es nur noch einen Weg: nach vorn. Sind Sie schon so alt geworden, Colonel, dass Sie vergessen haben, was Sie früher gelernt haben? Auf Atley Island gibt es in letzter Zeit elektromagnetische Stürme. Selbst das stabilste Flugzeug könnte in Stücke gerissen werden. Sorgen Sie sich lieber zuerst um sich selbst. Ich weiß Ihren Rat zu schätzen. Also lassen Sie mich Sie an etwas erinnern. Achten Sie auf Ihren Schritt und behalten Sie den Weg vor sich im Blick. Bis zum nächsten Mal.
Colonel Heath:
Sie...!
Der Mann scheint vor Wut zu kochen. Er versucht, Caleb aufzuhalten, doch seine Hand erstarrt auf halbem Weg und sinkt unbeholfen wieder herab. Heaths Blicklinie versperrend, kommt Caleb auf mich zu. Als sich unsere Blicke treffen, leuchtet echte Freude in seinen Augen auf.
Caleb:
Wann bist du angekommen? Du musst schon lange gewartet haben. Komm. Lass uns nach Hause gehen.
Es ist bereits Mitternacht, als wir zu Hause ankommen. Nachdem ich mich umgezogen habe, lehne ich mich an das Sofa und warte. Bald kommt Caleb aus seinem Schlafzimmer.
Caleb:
Wir sind zu Hause, und du ziehst immer noch so ein Gesicht.
Er kommt näher und tippt mir sanft auf die Stirn.
Caleb:
Worüber denkst du nach?
MC:
Es scheint, als hätte ein gewisser Colonel ziemlich mit der Führung der Flotte zu kämpfen.
Ich rutsche ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen.
MC:
Nach heute glaube ich zu verstehen, warum du die Unterstützung eines Hunters brauchst. Dieser Colonel Heath akzeptiert dich überhaupt nicht. Nach außen sieht es wie eine Zusammenlegung der Flotten aus, aber in Wahrheit ist es eher eine einseitige Übernahme durch dich.
Caleb:
Oh?
MC:
Aber da er sowieso geht, ist es nicht wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Das eigentliche Problem ist die Person, die im Hintergrund die Fäden zieht. Diese Person will nicht, dass du die Tuum-Flotte kontrollierst. Und diese Person stellt eine echte Bedrohung für dich dar. Was wie ein interner Machtkampf innerhalb der Flotte aussah, könnte viel komplizierter werden, wenn sich eine dritte Partei einmischt. Deshalb ist die Hunters Association involviert. Die Oberen werden versuchen, alle Machenschaften einzudämmen, um ihre Geheimnisse zu schützen. Währenddessen solltest du die Übernahme reibungslos durchziehen können. Es sind erst ein paar Monate vergangen, Caleb. Du legst wirklich ein Tempo vor.
Ich verenge die Augen, als würde ich ihn ganz genau mustern. Caleb lacht leise und wirft mir ein Kissen zu.
Caleb:
Gleichfalls. Es sind erst ein paar Monate vergangen, aber jemand hat in der Zeit wirklich ihre Menschenkenntnis verfeinert.
MC:
Und was ist mit dir? Wer hält dir den Rücken frei?
Caleb:
Ist das nicht genau diese Person hier, Pip-Squeak? Du bist diesmal scharfsinniger und fähiger. Selbst deine Muskeln sehen definierter aus...
Caleb beugt sich vor. Das Licht wirft einen Schatten unter seine Wimpern. Das Kissen bleibt zwischen uns.
Caleb:
Aber du siehst trotzdem etwas erschöpft aus. Warst du in letzter Zeit müde?
Wir sehen uns in die Augen. Meine Finger gleiten über das Kissen und ruhen schließlich auf seiner Hand.
MC:
Caleb, egal, was dein nächster Zug ist – ich stehe hinter dir. Also... sag es mir. Was muss ich in diesem Prozess tun?
Caleb:
Liam wird den Hauptablauf überwachen. Du wirst die Personalakten der Tuum-Flotte sammeln und ordnen und ihre Anti-Transformationstests beaufsichtigen.
MC:
...Und?
Caleb:
Was ist das denn für ein „War’s das schon?“-Blick?
Caleb zieht das zerdrückte Kissen aus meinem Griff und gibt mir ein anderes, während sein Ausdruck ernster wird.
Caleb:
Unterschätze deine Rolle nicht. Du bist erst einen Tag hier und spürst schon die Spannung in der Luft. Das wird kein Spaziergang. Wenn du irgendwo auf Probleme stößt, lass Liam sich darum kümmern.
MC:
Ach ja?
Ich hebe eine Augenbraue, und Caleb bricht in Gelächter aus.
Caleb:
Natürlich, so eine kleine Aufgabe ist für dich kaum eine Herausforderung.
Dann lehne ich mich wohl einfach zurück und schaue zu, wie sich alles entwickelt?
MC:
So gefällt mir das schon eher.
Ich beschließe, fürs Erste nicht weiter über die von ihm erwähnte „Spannung“ nachzudenken, stoße ihm das Kissen in die Arme und zeige ihm lächelnd den Daumen nach oben.
MC:
Ich werde dich schon beschützen, du armer, hilfloser Colonel, damit du nicht gefeuert wirst.
Die offizielle Übergabe der Tuum-Flotte beginnt heute. Wie erwartet verläuft der Prozess alles andere als reibungslos.
MC:
Nr. 3997, Vizekapitän der Tuum-Flotte. Sie haben über fünf Jahre gedient. Stimmt das?
Tuum-Offizier Nr. 3997:
Haben Sie mich herbestellt, damit ich mir diesen Mist anhören darf?
Unter dem kalten blauen Licht ist der Offizier der Tuum-Flotte auf der anderen Seite der Glasscheibe auf den Verhörstuhl geschnallt. Sein Gesichtsausdruck ist voller Verachtung.
MC:
Dann kommen wir gleich zur Sache. Nachdem die Übergabebefehle erteilt wurden, hat die Flotte für alle Offiziere eine medizinische Untersuchung angesetzt. Können Sie erklären, warum Sie sich geweigert haben, daran teilzunehmen?
Tuum-Offizier Nr. 3997:
Wer weiß denn nicht, was diese „Untersuchung“ in Wahrheit bedeutet?
Glauben Sie, jeder hier brennt darauf, sich in ein Monster zu verwandeln?
MC:
Monster... Meinen Sie den Toring-Chip?
Tuum-Offizier Nr. 3997:
Oh, Sie wissen das wahrscheinlich nicht, weil Sie ein Hunter sind. Dieser Chip ist erst der Anfang ihrer verdrehten Modifikationen! Lassen Sie mich deutlich sein. Ich werde diese Untersuchung auf keinen Fall machen. Es ist mir egal, ob es um Modifikationen oder diesen Chip geht. Ich mache das nicht! Der eigentliche Drahtzieher der Flotte wird bald zurückkehren. Dann werden wir ja sehen, wie lange Ihr Monster-Colonel das noch durchhält.
Das Licht im Verhörraum geht aus und hinterlässt nur einen schwachen, schwankenden Schatten.
(Der Drahtzieher... Könnte das die Person sein, die Caleb wirklich bedroht...?)
Ich fasse mich wieder und senke den Blick, um das Profil von Nr. 3997 beiseitezuschieben. Darunter liegen ältere Untersuchungsberichte einiger Mitglieder der Tuum-Flotte.
(Dieselbe Person zeigt völlig andere Ergebnisse, nachdem sie in Calebs Flotte versetzt wurde und diese „medizinische Untersuchung“ durchlaufen hat. Der Chip hat Kevis Erinnerungen umgeschrieben, und jetzt führt er bei diesen Offizieren zu einer drastischen Steigerung der körperlichen Fähigkeiten... Geschieht das alles nur, damit sie modifiziert werden können...?)
Tuum-Offizier Nr. 6025:
Miss, hier sind die Akten, die Sie angefordert haben. Ich habe sie bereits sortiert.
Haben Sie noch weitere Anweisungen?
MC:
Nein, das ist alles. Danke.
Tuum-Offizier Nr. 6025:
Verstanden.
(Dieser Typ...)
Vor drei Tagen
Tuum-Offizier Nr. 6025:
Nein, ich mache diese Untersuchung nicht! Ich gehe da nicht hin. Lassen Sie mich los! Caleb kann das nur durchziehen, weil jemand hinter ihm steht! Ihr Monster... Niemand will so werden wie ihr!
(Nicht nur seine körperlichen Fähigkeiten wurden verstärkt, auch seine Persönlichkeit wurde verändert. In was genau wollen sie die Menschen mit dieser „Modifikation“ verwandeln...?)
Ich stehe auf und versuche, diesen Offizier zu finden, um mehr Informationen zu bekommen. Doch als ich die Tür öffne, bin ich wie erstarrt, weil Caleb direkt davor steht.
Caleb:
Was ist passiert? Warum so eilig?
Er nimmt die Hand vom Türgriff und richtet seinen Blick auf das Ende des Korridors.
Caleb:
Brauchst du etwas von diesem Offizier?
(Wenn ich Caleb jetzt nach der „Modifikation“ frage, wird er mir wahrscheinlich sowieso nicht die Wahrheit sagen. Ich sollte erst konkretere Hinweise finden. Dann kann er meinen Fragen nicht mehr ausweichen, wenn ich ihn damit konfrontiere...)
MC:
Nichts Wichtiges. Mir ist nur aufgefallen, dass ich vergessen habe, ihn nach einer anderen Akte zu fragen. Aber das ist schon okay. Ich hole sie mir später.
Calebs Blick fällt auf die geöffneten Untersuchungsberichte. Ich lehne mich an die Kante des Schreibtischs und versuche, die Akten hinter meinem Rücken zusammenzuraffen.
MC:
Müsstest du nicht eigentlich gerade in einer Besprechung sein? Warum bist du hier vorbeigekommen?
Calebs Aufmerksamkeit ruht weiter auf dem Aktenstapel. Nach einem Moment hebt er den Blick wieder zu mir.
Caleb:
Ich sehe schon, jemand hat sich meinen Zeitplan angesehen. Die Besprechung war früher vorbei. Ich kam gerade vorbei und dachte, ich bringe dir etwas zu essen.
Er hält mir die kleine Pappschachtel hin, die er in der Hand trägt. Sie ist mit kleinen Fruchttörtchen gefüllt.
Caleb:
Leichte Erfrischungen aus der Besprechung. Nach einem ganzen Arbeitstag brauchst du sie wahrscheinlich nötiger als ich. Übrigens, heute Abend wirst du allein essen müssen.
MC:
Noch eine dringende Besprechung?
Caleb:
Nur ein paar Kleinigkeiten wegen der Zusammenlegung der Flotte. Ich kümmere mich lieber selbst darum.
Nickend nehme ich die Nachspeisen entgegen. Doch Caleb bleibt, wo er ist. Ich halte kurz inne, öffne dann die Schachtel und halte sie ihm hin.
MC:
Wenn du es nicht eilig hast, willst du etwas davon?
Caleb:
Schon gut. Lass dir Zeit. Ich gehe dann jetzt.
MC:
Warte, Caleb! Wie lange... wird die Besprechung dauern?
Calebs Blick gleitet über meine Schulter hinweg und landet auf der elektronischen Uhr an der Wand hinter mir.
Caleb:
Ich hole dich um neun ab.
Die Tür schließt sich. Durch die halb geöffneten Jalousien verschwindet Calebs Gestalt langsam am Ende des Flurs.
(Ich hoffe, ich finde in seinem Büro irgendwelche Unterlagen zu dieser „Modifikation“...)
Nachdem ich Calebs Zeitplan und seinen Dienststatus noch einmal über das virtuelle Terminal überprüft habe, stelle ich die Dessertschachtel beiseite und stehe auf.
(Ich habe drei Stunden. Das ist mehr als genug.)
Liam und Caleb sind in der Besprechung. Auf dem Flur vor dem Büro des Colonels hole ich den Schlüssel heraus, den Caleb mir gegeben hat.
(Er funktioniert tatsächlich.)
Die Tür öffnet sich und schließt sich wieder. Ein sanftes Leuchten von einem virtuellen Bildschirm erhellt das stille Büro.
(Sein Passwort ist...)
Früher hat Caleb gern Wörter und Zahlen durcheinandergeworfen, die für ihn eine Bedeutung hatten, um daraus Passwörter zu machen. Ich probiere zwei Kombinationen aus, und beide sind falsch. Mir bleibt nur noch ein Versuch. Ich balle die Faust. Nach einem kurzen Zögern versuche ich es ein letztes Mal.
(Es funktioniert. Das Passwort war eine Kombination aus „wenn du zurück bist“ und meinem Geburtstag)
Ich darf mich nicht ablenken lassen. Während ich seine Zugriffsrechte kopiere, suche ich schnell nach allem, was nützlich sein könnte.
(Sein persönliches Profil... Da ist es.)
Das Profil zeigt, dass Caleb die DAA Aerospace Academy abgeschlossen und in seinem dritten Jahr an einem geheimen Training teilgenommen hat. Er erzielte dabei herausragende Ergebnisse.
(Geheimes Training... Noch etwas, das ich nicht wusste.)
Später wurde er wegen seiner außergewöhnlichen Leistungen bei der Erschließung neuer Patrouillenrouten im Weltraumtunnel zum Colonel der Flotte befördert.
(„Empfohlen von Prof. L...“ Professor Lucius. Diese Person hat also tatsächlich bei Calebs Eintritt in die Flotte eine Rolle gespielt.)
Der Caleb, der in diesem Profil beschrieben wird, hat nichts mit der Person gemeinsam, die ich kenne. Und zusätzlich zu diesem fremden Lebenslauf gibt es da noch ein Ganzkörperscan. Er wird Sekunde für Sekunde sichtbar. In dem bereits sichtbaren Bereich ist sein rechter Arm in einem unnatürlichen Blauton markiert.
(Ich zoome in den blauen Bereich hinein und bemerke, dass sich Knochen- und Muskelstruktur von seinem anderen Arm unterscheiden. Ist das das, was sie mit „Modifikation“ meinen...?)
Gerade als ich es mir genauer ansehen will, fährt das System abrupt herunter. Das Konto wird zwangsweise ausgeloggt. Eine Meldung erscheint, dass die Anmeldeberechtigungen für das Gerät entzogen wurden.
(Bitte bestätigen Sie Ihre Identität erneut. Bin ich entdeckt worden?)
Ich hole tief Luft und lösche schnell das Nutzungsprotokoll des Terminals.
Als ich mich zum Gehen umdrehe, bleibt meine Kleidung an der Schublade hängen und zieht sie auf. In der Schublade liegt ein kleiner rechteckiger Gegenstand auf einem Stapel Papierberichte.
(Chip-Implantat. Nur für klinische Tests. Es ist der Toring-Chip.)
Ohne zu zögern verstecke ich das Implantat im Geheimfach meines Schuhs. Als ich die Schublade schließe und gerade gehen will, öffnet sich die Tür.
MC: ...!
Im dämmrigen Raum wirft die Krempe von Calebs Kappe einen Schatten über seinen Blick. Er neigt leicht den Kopf.
Caleb:
Warum wartest du hier auf mich?
MC:
Du hast zu lange gebraucht. Ich wurde ungeduldig.
Diese Ausrede klang sogar in meinen eigenen Ohren absurd. Meine Handflächen beginnen zu schwitzen, aber er grinst nur.
Caleb:
Ach ja? Dann lass uns gehen. Die Besprechung ist früher vorbei. Zeit, nach Hause zu gehen.
Seine Augen gleiten fast unmerklich zu dem inzwischen dunklen virtuellen Terminal, bevor er sich umdreht und mir die Hand entgegenhält. Aber ich bewege mich nicht.
Caleb:
Was ist los?
MC:
Willst du mich denn gar nichts fragen?
Caleb:
Wonach? Warum du in meinem Büro bist? Oder ob du das gefunden hast, wonach du gesucht hast?
Caleb nimmt die Hand vom Türgriff und senkt den Kopf. Sein Blick, verdeckt vom Dunkel der Nacht, gleitet von oben bis unten über mich.
Caleb:
Jeder, der ohne Erlaubnis das Büro des Colonels betritt, wird in den Verhörraum gebracht. Ohne Ausnahme. Aber ich bin der Colonel. Ob du also „unerlaubt eingedrungen“ bist oder „auf meinen Befehl hier bist“, entscheide letztlich ich.
Es gibt da nur eine Kleinigkeit. Jeder unbefugte Zugriff und jede Duplizierung von Systemberechtigungen wird direkt ans Hauptquartier gemeldet. Die Spuren zu verwischen wird lästig.
Langsam löst Caleb meine Finger vom Terminal-Decryptor und nimmt ihn mir ab. Seine Bewegung ist ruhig, aber bestimmt, und lässt keinen Widerstand zu.
Caleb:
MC, ich bezweifle, dass du mich absichtlich in eine schwierige Lage bringen würdest. Oder?
Dieses Gesicht, diese Stimme, diese Bewegungen – ich kenne sie alle nur zu gut. Und doch ist die Person vor mir wie ein Fremder. Ich öffne den Mund, will ihn zur Rede stellen, aber die Worte stocken und verschwinden.
MC:
Caleb, ich will einfach nur herausfinden... in was für Schwierigkeiten du gerade steckst. Kannst du es mir sagen?
Caleb:
Ich kann über nichts sprechen, was geheim ist.
MC:
Und wenn du es doch tust? Wirst du dann auch nach Atley Island geschickt und zu einer weiteren aufgegebenen Schachfigur?
Er bleibt ruhig und sanft und streicht mir eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Als wäre nichts geschehen, lenkt er das Gespräch geschickt um.
Caleb:
Wann hast du dich eigentlich zuletzt um dein Haar gekümmert? Es ist viel länger geworden. Ich kann deine Augen kaum noch sehen.
Mir fällt der blendende Schimmer der Insignie auf seiner Schulter auf. Nach einer langen Pause bringe ich langsam ein schiefes Lächeln zustande.
MC:
Caleb, hat dir schon mal jemand gesagt, dass diese Uniform wie deine Maske ist?
Er steht reglos da. Die Tür ist direkt da, doch wir verharren in einem Stillstand und kommen aneinander nicht vorbei.
MC:
Lass uns nach Hause gehen.
Dunkelheit hüllt seine Augen ein und macht seinen Ausdruck schwer lesbar. Einen Moment lang schaut er nach unten, dann hebt er den Blick wieder.
Caleb:
Okay. Lass uns nach Hause gehen.
Ich weiß, dass Caleb mir die Geheimnisse der Flotte nicht verraten würde.
Er hatte einmal gesagt, man hätte ihn aufgegeben, wenn er sich der Flotte nicht angeschlossen hätte. Er wollte nicht, dass ich diesen Schmerz noch einmal ertragen muss, und er hatte auch zugegeben, dass er schon immer dieser kalte, distanzierte, düstere Mensch gewesen sei – ob nun vom Chip beeinflusst oder nicht. Ich kann nicht sagen, welche Version von ihm der wahre Caleb ist, aber ich weiß, dass er der wichtigste Mensch auf dieser Welt für mich ist. Ich werde ihn nicht in eine schwierige Lage bringen.
Der Colonel der Flotte, das geheime Training, der Toring-Chip, die Modifikationen – was diese Begriffe auch wirklich bedeuten mögen, sie sind die Fäden, die Caleb an Händen und Füßen binden. Diese Fäden haben ihn gezwungen, wieder vor mir zu erscheinen. Und eines Tages wird die unsichtbare Hand, die sie kontrolliert, ihn mir erneut entreißen...
Die Übergabe der Tuum-Flotte ist ohne Zweifel ein Rätsel. Ich bereite mich innerlich darauf vor, dass sich dieser Prozess endlos hinziehen wird.
Und doch wird drei Tage später unerwartet ein Bankett veranstaltet.
Während Musik in der Luft liegt und Gläser aneinander klirren, treten immer wieder Leute an Caleb heran, um auf ihn anzustoßen.
Senior-Offizier der Flotte:
Ich hätte nie gedacht, dass die Übergabe so reibungslos voranschreiten würde. Werden Sie nächsten Monat im Hauptquartier auch den Untersuchungsbericht präsentieren, Colonel? Ihnen steht eine glänzende Zukunft bevor. Meine Glückwünsche.
Caleb:
Danke.
Nachdem er einen weiteren Offizier abgefertigt hat, der ein Gespräch anfangen wollte, stellt Caleb endlich sein Glas ab und kommt in die Ecke, in der ich stehe.
Caleb:
Es sind erst ein paar Minuten vergangen, und deine Haare sehen schon wieder etwas zerzaust aus. Wo warst du?
Er bedeutet mir, den Kopf zu senken, dann zieht er seine Handschuhe aus und richtet sorgfältig die Strähnen in der Nähe meiner Ohren. Der verzierte Spiegel neben mir fängt einen flüchtigen Schimmer ein – er stammt von der Haarspange, die Caleb mir vor der Veranstaltung gegeben hat.
Caleb:
Als ich sie gekauft habe, habe ich mir vorgestellt, wie gut sie dir stehen würde. Und ich hatte recht. Du siehst umwerfend aus. Gefällt sie dir?
Seine Fingerspitzen streifen die Rückseite meines Ohrs. Es lässt mich erschauern, doch ich rühre mich nicht.
MC:
Dem, was du eben gesagt hast, nach zu urteilen, ist die Übergabe der Tuum-Flotte gut verlaufen?
Caleb:
Du hörst also doch auf das, was ich sage. Nun, du hast recht.
MC:
Aber bis vorgestern wollten die meisten doch noch nicht kooperieren.
Mein Blick wandert über den Bankettsaal, während ich still diesen Frieden koste, den ich schon lange nicht mehr erlebt habe. Es gibt keine bissigen Bemerkungen oder spitzen Kommentare. Inmitten der sanften Musik wirken die Gesichter, die an uns vorbeiziehen, friedlich und irgendwie fremd.
Caleb:
Fragst du dich, wo Colonel Heath, Tuum-Offizier Nr. 3997 und all die anderen hingekommen sind, die sich gegen die Übergabe gestellt haben? Du hast es doch inzwischen sicher selbst herausgefunden. Sie sind dort, wo sie hingehören. Sie werden uns nicht stören und dir keine weiteren Sorgen bereiten. Ist das nicht eine Erleichterung?
Die Nachtbrise bewegt die Vorhänge am raumhohen Fenster. Mondlicht taucht ihn in ein gräuliches Leuchten, sodass er wie eine Statue aus Gips wirkt.
Caleb:
Warum siehst du mich so an? Hasst du es, wenn ich so bin?
MC:
Ich bin nur neugierig. Wenn ich dir ebenso in die Quere komme wie diese Leute, was wirst du dann tun? Mich wieder einsperren?
Caleb:
...Du würdest mich nicht dazu zwingen.
MC:
Ja... Ich stehe hinter dir. Es ist egal, was du tust. Also, Caleb. Warum sagst du mir immer noch nichts über deinen Plan?
Inmitten unseres stummen Patt wechselt die Musik zum nächsten Lied. Offenbar werde ich von ihm keine Antwort bekommen. Ich drehe mich zum Gehen um. Doch im nächsten Augenblick bricht Gefahr los.
(Was ist das?!)
Caleb:
Runter!
Etwas zischt durch die Luft. Meine Sicht wird von Nebel verschleiert. Reflexartig drehe ich mich um und ziehe meine Waffe – aber Caleb reagiert noch schneller.
Vor seiner Stirn, der Schwerkraft trotzend, schwebt eine Kugel.
MC:
...! Du bist ihr Ziel?! Schnell, geh in Deckung.
Ich umfasse meine Waffe fester und versuche, Caleb hinter eine Säule zu ziehen, doch er hält mich auf. Er erwidert meinen Blick nicht. Seine Augen bleiben stattdessen auf seiner Handfläche haften, seine Lippen zu einem schmalen Strich gepresst.
MC:
Caleb?
Caleb:
Es hat keinen Sinn, sich zu verstecken. Diese Kugel war wahrscheinlich nur ihr erster Zug.
Während wir sprechen, legt sich die Aufregung im Saal rasch. Die gut ausgebildeten Offiziere bringen die Lage wieder unter Kontrolle, aber der Attentäter ist noch nicht gefasst.
Caleb:
Es ist ein Ablenkungsmanöver. Ihr eigentliches Ziel muss woanders liegen.
Langsam ballt er die Faust. Als er den Kopf hebt, liegt der Schatten seiner Kappe über seinen Augen. Ich folge seiner Blickrichtung nach draußen. Er starrt in Richtung der Alpha- und Beta-Flottenbasis.
Caleb:
Du bleibst hier. Liam—
MC:
Wie vielen Leuten kannst du im Moment vertrauen? Caleb, ich bin deine beste Wahl!
Ich schüttle seinen Griff von meinem Handgelenk ab. Etwas flackert in Calebs Blick auf – zum ersten Mal verrät ein Hauch von Zögern seine Worte.
Caleb:
Es ist möglich, dass entweder die Alpha- oder die Beta-Flottenbasis übernommen wurde, aber ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welche. Ich habe bereits Leute zur Alpha-Flottenbasis geschickt—
MC:
Dann überprüfe ich für dich die andere Basis.
Unsere Blicke treffen sich, und wieder befinden wir uns in einem Patt. Diesmal gibt Caleb nach langem Schweigen schließlich nach.
Caleb:
Liam, geh mit ihr.
Der Adjutant, der schweigend neben uns stand, sieht Caleb an. Nachdem sich ihre Blicke treffen, nickt er knapp und bestätigt so den Befehl.
Caleb:
Sei vorsichtig.
MC:
Du auch.
Ich stecke meine Waffe hastig weg und gehe zum Ausgang. Bevor ich in die dunkle Nacht hinaustrete, drehe ich mich noch einmal um.
MC:
Caleb, du brauchst mich wirklich dafür, oder?
Caleb:
Ja.
MC:
Alles klar. Warte auf meine guten Nachrichten.
Die Gestalt des Mädchens verschwindet in der Nacht. Sie bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung von der, in der die wahre Gefahr lauert. Die Adern an Calebs Hals treten hervor und ziehen sich wieder zurück. Lange starrt er auf die Kugel in seiner Handfläche, dann schließt er langsam die Finger darum.
In der unbegreiflichen Dunkelheit geht die einzige Lichtquelle von einer leicht geöffneten Tür in der Waffenkammer der Flotte aus. Die näher kommenden Schritte hallen durch den leeren Korridor. Der Mann, der im Raum sitzt, enthüllt ein boshaftes Grinsen.
Colonel Heath:
Sie sind schnell auf den Beinen—Ugh!
Als würde eine unsichtbare Kraft ihn zerdrücken, schwellen die Adern des Mannes augenblicklich an. Sein Gesicht läuft rot an, als er auf die Knie stürzt und seinen Fall nicht mehr kontrollieren kann. Gleichzeitig leuchten zahlreiche rote Punkte auf, die alle auf Calebs in den Schatten verborgene Gestalt zielen.
Caleb:
Wer hat dir erlaubt, damit anzufangen, solange sie noch hier war?
Colonel Heath:
W-wie konntest du nur?!
Kein Schuss fällt, und auch die erwartete Explosion bleibt aus. Caleb hält dem verblüfften Mann den Blick stand, während er Schritt für Schritt ins Licht tritt.
Die auf ihn gerichteten Gewehrläufe werden nach unten verdreht. Das trockene Geräusch brechender Knochen schneidet durch die Luft, als er auf das Handgelenk des Mannes tritt und es auf den Boden presst.
Colonel Heath:
Ugh...!
Caleb:
Dass ich ohne klaren Grund in dieser Waffenkammer sterbe, die ich gerade erst übernommen habe – ehrlich gesagt keine schlechte Idee. Das würde diese gerissenen alten Füchse da oben garantiert misstrauisch machen. Und natürlich wäre ich die perfekte Rechtfertigung dafür, all die Leute zu säubern, die ich gerade um mich gesammelt habe.
Nachdem Caleb langsam seine Handschuhe angezogen hat, beugt er sich herunter und packt das verzerrte, gerötete Gesicht des Mannes.
Caleb:
Zu schade nur, dass du dir das falsche Ziel ausgesucht hast.
Calebs Hand wandert an die Kehle des Mannes. Heaths Augen treten vor Schmerz hervor, als Calebs Griff sich schließt und die Knochen in seinem Hals unter dem Druck knacken.
Colonel Heath:
Du... Tch... Wage es ja nicht, mich zu töten—
Caleb:
Warum sollte ich nicht? Einen Grund dafür hast du dir doch längst ausgedacht. Ein Waffenunfall in der Waffenkammer, bei dem Colonel Heath und andere heldenhaft ihr Leben lassen. Mach mir doch den Gefallen und überleg mal kurz. Wen werden diese alten Füchse wohl schützen – einen wertvollen Colonel oder einen Haufen Leichen mit unbekannter Todesursache?
Colonel Heath:
Du—Urgh!
??:
Colonel Caleb, es ist lange her.
Aus den Schatten tritt eine schlanke Gestalt hervor. Mit einem Schnippen dieser Person treten plötzlich dunkelblaue Adern an Calebs Hals hervor. Er wird auf die Knie gezwungen.
??:
Ich dachte, den Toring-Chip zu zerstören wäre schwierig... Dann benutze ich eben deine Leiche als Begrüßungsgeschenk für Professor Lucius.
Die glühende Lampe geht plötzlich aus. Mit einem Blitz draußen vor dem Fenster verengen sich Calebs Pupillen augenblicklich.
Caleb:
Ich habe mich schon gefragt, wie Heath es wagen konnte, so leichtsinnig zu handeln... Es war also dein Werk.
Mit blutunterlaufenen Augen und vor Anstrengung angespannten Muskeln hebt Caleb langsam den Kopf; jede Bewegung wird vom flackernden, pochenden Summen der Elektrizität begleitet.
Caleb:
Selbst wenn du darin verwickelt bist... wird das Ergebnis dasselbe sein.
Die Tür schlägt mit erschütternder Endgültigkeit zu und löst eine Kakophonie aus, die wie ein chaotisches Bankett widerhallt. Doch während das Gewitter tobt, weicht der Lärm allmählich der Stille. Gedämpfter Donner grollt am Himmel, als aus der in dunklen Wolken verborgenen Kommandozentrale ein tiefes Dröhnen erklingt. Auf der stillen Landebahn stehen Flugzeuge. Nachdem ich beide Basen überprüft habe, steht fest, dass diese sogenannte „Übernahme“ nichts weiter als eine Erfindung war. Über meinem Kopf ziehen die Navigationslichter von mehr als einem Dutzend Flugzeugen dichte, leuchtende Spuren über den Nachthimmel.
MC:
Das sind Calebs Verstärkungen, oder?
Ich blicke den Adjutanten an, der mich gewaltsam nach Skyhaven zurückgebracht hat. Im herabstürzenden Regen bleibt sein Gesichtsausdruck ruhig.
MC:
Die Flottenbasen waren nie in Gefahr. Caleb war es, der das Ablenkungsmanöver inszeniert hat. Und du wusstest das, Liam.
Liam:
Unter den gegebenen Umständen war es das Beste, dafür zu sorgen, dass Sie das Gebiet verlassen.
MC:
Hat er auch vorausgesehen, dass sie sich heute Abend auf dem Bankett rühren würden? Caleb hat alles geplant. Aber ich hätte nie gedacht, dass meine Rolle darin darin bestehen würde, „aus dem Spiel genommen“ zu werden.
Liam:
Sie sind die einzige Person, der der Colonel vertrauen kann. Aber Ihre Anwesenheit würde seine Entscheidungen beeinflussen. Bitte nehmen Sie es ihm nicht übel.
MC:
Wie könnte ich? Es ist nur so, dass sein übertriebener Beschützerinstinkt fast lächerlich ist.
Selbst wenn ich jetzt zur Kommandozentrale der Flotte zurückkehre, wäre ich an Calebs Seite nur noch Zuschauerin. Auf der schwach beleuchteten Straße, wo Licht und Schatten ineinanderfließen, gehe ich ziellos umher.
MC:
Liam, du bist Calebs Adjutant. Glaubst du, dass er dir vertraut?
Liam:
Ich brauche nicht das Vertrauen des Colonels. Ich brauche nur seine Befehle.
MC:
Wenn er dir also befehlen würde, deine Geliebten zurückzulassen, würdest du es tun?
Liam:
Genau deshalb kann ich an seiner Seite stehen und ihm dienen.
Auf der gegenüberliegenden Seite der leeren Kreuzung flackert die rote Ampel. Ich bleibe stehen und sehe in seinen leeren Blick.
Liam:
Miss Hunter, wir sind nicht wie Sie.
MC:
Inwiefern? Weil ich nicht durch diesen Chip modifiziert wurde? Liam, wenn man mir den Chip einsetzen würde – was würde euer Colonel tun?
Liam:
Er würde alles tun, um ihn wieder entfernen zu lassen. Aber Miss, Sie müssen sich diesem Schmerz nicht aussetzen.
MC:
...Natürlich.
Liam:
Sie sind jetzt in Sicherheit. Ich werde zurückgehen. Der Colonel sagte, er werde nach dem Ende des Banketts zu Hause auf Sie warten.
Liam verbeugt sich und salutiert, bevor er geht. Der Wolkenbruch legt sich wie ein Vorhang über die Glaswand an der Straße. Ich sehe hinüber und erkenne mein verschwommenes Spiegelbild in einem Strom fallender Blütenblätter.
Der Toring-Chip, den ich aus dem Büro des Colonels genommen habe, befindet sich zusammen mit dem Implanter noch immer im Geheimfach meines Schuhs.
Die verbleibende Distanz zwischen Caleb und mir würde mit nur einem einzigen Druck verschwinden.
Die Straßenlaternen glitzern im Regen, während ich auf einer Bank sitze. Mir fehlt jede Kraft. Die Implantation geht schnell und einfach. Es bleibt nur eine schwache Spur auf der Innenseite meines Arms. Das ist mein Geheimnis, das ich allein tragen muss. Es fühlt sich an, als stünde ich gegen die ganze Welt, und ich wäre bereit, jeden Preis zu zahlen, um meinen Schmerz hinauszuschreien.
Allein der Gedanke an Calebs Reaktion, wenn er das herausfindet, lässt mich bis ins Innerste erzittern.
Das Geräusch näher kommender Schritte lässt mich aufblicken. Gerade als ein Schatten mich einhüllt, hört der Regen auf.
Caleb:
Ich habe dich überall gesucht. Warum bist du nicht nach Hause gekommen? Liam hätte dich nicht allein auf der Straße lassen dürfen.
MC:
Ich bin selbst hierhergelaufen. Es hat nichts mit ihm zu tun.
Caleb:
Warum sitzt du so im Regen? Du wirst noch krank.
Früher, wenn wir Verstecken spielten, hat Caleb mich immer gefunden. Aber selbst wenn er mich jetzt findet, ertrage ich den Gedanken nicht, mit ihm an diesen Ort namens „Zuhause“ zurückzukehren.
MC:
Caleb, schau. In Skyhaven gibt es Asiatische Äpfel.
Ich wende mich von Calebs Gesicht ab und lasse meinen Blick zu der Reihe blühender Bäume schweifen, die sich in den Regen hineinziehen.
Caleb:
Bei dem Bahnhof in der Nähe unseres alten Zuhauses stand ein Asiatischer-Apfel-Baum. Jedes Jahr, wenn seine Blüten fielen, warst du da, um mich zu verabschieden, bevor ich nach Skyhaven aufgebrochen bin. Ich wusste nicht, dass du Asiatische Äpfel magst.
MC:
Tu ich nicht. Weil Asiatische-Apfel-Blüten dich von mir wegbringen. Ich mag sie nicht.
Caleb:
Niemand kann mich von dir wegnehmen.
Die leuchtenden Blütenbüschel tragen keinen Duft, als würde ich auf Reihen von Bäumen blicken, die mit schönen, aber leblosen Exemplaren geschmückt sind.
Caleb:
Kommst du jetzt mit mir zurück?
MC:
Wie lange willst du mich diesmal einsperren? Einen Monat? Ein Jahr? Oder für immer?
Caleb:
Wenn mich jedes Problem weiter von dir entfernt, dann werde ich mein ganzes Leben lang nach Antworten suchen. Aber bis zu diesem letzten Moment werden wir immer zusammen sein.
MC:
Und wenn meine Freunde und Kollegen von der Association nach mir suchen?
Caleb:
Dann werde ich eine Beerdigung veranstalten, an der sie teilnehmen können. Damit sie glauben, dass du für immer fort bist. Lass uns zurückgehen. Sonst erkältest du dich noch.
MC:
Ist es nicht absurd, dass du dir Sorgen machst, ich könnte mich erkälten, nachdem du gerade über meine Beerdigung gesprochen hast?
Caleb:
Wenn ich also keine Sorge als jemand zeige, der dir nahesteht, dann gilt es nicht als aufrichtig? Du kannst dich nicht dazu bringen, mich aus tiefster Seele zu hassen. Stimmt’s? Ich werde irgendwann einen Weg finden, alles wieder in Ordnung zu bringen, solange... du an meiner Seite bist.
MC:
Caleb, ich hasse es, wenn du so bist. Aber was ich am meisten hasse... ist, dass du mich immer dazu bringst, meine Meinung zu ändern.
Caleb:
...Es tut mir leid. Ich habe das Gefühl, ich weiß nicht mehr, wie ich... mich um dich kümmern soll.
MC:
Caleb? Was ist los?! Caleb!
Caleb:
Lass uns... nach Hause gehen...
In Calebs Zustand kann ich ihn niemandem in der Flotte anvertrauen. Ich muss ihn nach Hause bringen. Ohne mich überhaupt vom Regen abzutrocknen, bringe ich ihn mit aller Kraft ins Schlafzimmer. Kaum stoße ich die Tür auf, zieht mich sein Gewicht mit ihm zusammen auf das weiche Bett.
Caleb:
...!
Ich stütze mich hoch, und mein Blick fällt auf die karminroten Adern hinter seinem Ohr.
-Systemstimme-:
Warnung... Emotionale Schwankungen haben den Schwellenwert überschritten...
Mitten im ohrenbetäubenden Donner scheint er in einem tiefen Albtraum gefangen zu sein. Qualvoll reißt er sich den Kragen auseinander.
Caleb:
Nimm... sie nicht weg...
MC:
Ich bin hier, Caleb. Ich gehe nirgendwohin...!
Er ballt die Fäuste so fest, dass seine bleichen Knöchel blutig werden. Ich greife hastig nach seiner Hand und drücke sie gegen meine Brust. Die karminroten Adern unter seiner Haut verzweigen sich hinter seinem Ohr, ziehen sich über seine Schulter und laufen seinen angespannten rechten Arm hinunter.
-Systemstimme-:
Der Aktivierungsprozess des Chips wird eingeleitet... Die erzwungene Auslöschung... von Neuronen... wird ausgeführt...
Schweiß durchnässt das Haar auf seiner Stirn und tropft auf das Bettlaken. Gleichzeitig wird sein Körper von Krämpfen durchschüttelt. Auch wenn ich nicht weiß, welche Veränderungen sein Körper gerade durchmacht, kommt mir die Szene vor mir erschreckend bekannt vor. Im stillen Garten jener Villa in Skyhaven hatte Kevi, der kurz zuvor seine Schwester verloren hatte, etwas Ähnliches durchgemacht.
(Das ist nicht gut. Ich muss das irgendwie stoppen...)
Mit zitternden Händen versuche ich, an seinem Körper nach einem Knopf zu suchen – nach etwas, das vielleicht gar nicht existiert. In diesem Moment öffnet er die Augen.
MC:
Argh...!
Der Raum dreht sich um mich, und mein Rücken wird aufs Bett geschleudert. Als ich aufblicke, sehe ich Calebs vom Schweiß durchnässtes Gesicht über mir.
MC:
Caleb?!
Meine Handgelenke werden über meinen Kopf gerissen und gegen etwas Kaltes, Hartes gepresst. Es fühlt sich nicht an, als hielte mich seine Hand fest, sondern eher eine leblose Maschine.
Caleb:
Warum wehrst du dich? Hast du Angst vor mir? Komme ich dir wie ein Fremder vor?
Er beugt sich vor, sein feuchtes Haar fängt das kalte Licht des Zimmers ein. Tropfen fallen herab und laufen über mein Schlüsselbein.
-Systemstimme-:
Programm... abgeschlossen...
Caleb:
Wie könntest du jemals... meine Schuld und meine Sünde verstehen...
Der Druck, der mich niederhielt, lässt endlich nach. Sein Körper sinkt auf mich herab. Nur sein rechter Arm zuckt weiter in einer Art rhythmischem Muster.
Seit Caleb zu mir zurückgekehrt ist, hatte ich nur noch selten Albträume von ihm. Aber in jener Nacht träumte ich von ihm.
Es gab keine Sonne. Er schwebte in einem dunkelgrünen Dschungel. Die Seile, die ihn gebunden hielten, verwandelten sich in Ranken, die aus kräftigen Ästen sprossen. Sie wanden sich um seine Handgelenke und Knöchel wie giftige Schlangen mit züngelnden Zungen. Jeder Muskel schwoll unter dem Druck der Ranken an. Winzige, haarfeine Dornen bohrten sich in seine Haut und saugten gierig Nährstoffe aus seinem Fleisch. Dann injizierten sie neue Gifte in seine Nerven. Sein Körper bebte wie das eines Tiers, das in einer Falle sitzt und gegen Fesseln ankämpft, die sich mit jeder Bewegung nur enger zogen.
Schließlich stürzte er in den Schmutz, begraben unter Blättern, die nach Verwesung rochen. Ein welkes Blatt fiel langsam herab und bedeckte seine hohle Augenhöhle. Der Dschungel verschlang seinen Körper und ließ ihn zurück wie einen verdorrten Baum, den sein Griff erstickt hatte.
Als ich aus diesem Traum erwache, strecke ich verschlafen die Hand zur anderen Seite des Bettes aus.
(Caleb...)
Meine Handfläche spürt nur die Matratze. Augenblicklich bin ich wieder ganz in der Realität.
MC:
Caleb?!
Ich muss ins Wohnzimmer. Sobald ich auf dem Flur um die Ecke biege, flutet Morgenlicht meine Sicht. Das Sonnenlicht in Skyhaven war schon immer heller als das, das Linkon berührt. Durch die Spalten zwischen meinen Fingern wird eine Gestalt deutlich, als würde sie aus einem Becken aus klarem Wasser auftauchen.
MC:
Wann bist du aufgestanden?
Ich atme erleichtert aus und gehe zu Caleb. Ich lege meine Handfläche auf seine Stirn, lasse sie dann an seinem rechten Arm hinuntergleiten und drücke ihn dabei sanft.
MC:
Geht es dir jetzt besser? Lass mich mal sehen.
Caleb:
Du...
Sein Blick wandert zu meinem Gesicht. Er hält ein Foto in der Hand, das ursprünglich auf dem Couchtisch lag.
Caleb:
Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich gesehen, dass du neben mir gelegen hast.
MC:
Oh. Ist es das?
Ohne die Bedeutung hinter seinen Worten erraten zu wollen, senke ich den Blick und nehme ihm das Foto aus der Hand. Darauf trägt Caleb eine Uniform. Das Mädchen neben ihm gibt seinem leicht überraschten Gesicht einen zarten Kuss. Seine Umarmung und seine Haltung kommen mir vertraut vor. Sein Körper wehrt sich nicht, und... es wirkt beinahe so, als wollte er mehr. Es ist ein Foto von Caleb und mir. Es wurde aufgenommen, als er seinen Abschluss an der Aerospace Academy machte.
Caleb:
Also...
Seine Finger streifen meine Schläfe, als er mir eine Haarsträhne hinters Ohr schiebt. Caleb fährt die Linie meines Kiefers entlang und hebt mein Kinn sanft an. Seine kühle Berührung streicht über meine Wange, als suche er unter meiner Haut nach einer Antwort auf irgendeine rätselhafte Frage.
Caleb:
Wer bist du?
MC:
..?! Caleb, du erinnerst dich nicht an mich?
Die absurdeste Annahme erweist sich als wahr.
Caleb sitzt vor mir, und doch verhält er sich wie eine Puppe, der die Seele entzogen wurde. Anders als bei Kevi wurden seine Erinnerungen nicht verändert. Der Toring-Chip hat sie vollständig ausgelöscht.
MC:
Also geht es nicht nur um mich. Du erinnerst dich nicht einmal daran, wer du selbst bist...?
Während er auf dem Sofa sitzt, fühlt es sich an, als trenne uns eine Wand aus milchigem Glas. Er ist so nah, und doch kann ich ihn nicht klar erkennen.
Caleb:
Aber ich erinnere mich daran, was ich in deiner Nähe empfunden habe.
Er senkt den Kopf und zieht mit dem Zeigefinger die Metallkette hervor, die unter seinem Kragen verborgen liegt.
Caleb:
Ich erinnere mich auch daran, dass du sie mir gegeben hast. Waren wir... so vertraut miteinander?
MC:
Wir...
Nach allem, was geschehen ist, fällt es mir schwer, unsere Beziehung in einfache Worte zu fassen. Er war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und selbst nach allem, was passiert ist, ist er noch immer jemand, den ich nicht verlieren darf. Mein Herzschlag ist wie ein Ballon, der hoch in die Luft steigt, nur um im nächsten Moment wieder in meine Brust zurück zu stürzen.
Als sich meine Augen mit Calebs treffen, schlägt mir ein lächerlicher Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf. Ganz gleich, was ich sage, er wird mir glauben.
MC:
Wir sind...Du bist der wichtigste Mensch für mich. Und ich bin der wichtigste Mensch für dich.
Als wolle ich meine Worte bekräftigen, schmiege ich mich an Calebs Brust und schlinge die Arme um seinen Hals.
MC:
Caleb, ich bin die Einzige auf dieser Welt, die dich wirklich kennt.
Caleb:
Du bist die Einzige, die mich wirklich kennt...
MC:
Du wirst mich nie verlassen. Genau wie... Ranken, die sich an einen Baum klammern. Wir haben einen Teil unseres Lebens miteinander geteilt. Also werden wir niemals voneinander getrennt sein.
Caleb:
Es tut mir leid. Ich kann mich an nichts erinnern.
MC:
Es ist okay, wenn du dich jetzt noch nicht erinnern kannst. Ich werde immer für dich da sein.
Das Vergnügen an der Täuschung und daran, Fallen zu stellen, betäubt beinahe meine Glieder. Ich ziehe ihn noch fester an mich, und meine Lippen streifen sein Ohrläppchen.
MC:
Genauso... wie du es für mich getan hast.
Das offene Fenster wird geschlossen, als ein plötzlicher Luftzug durch den Raum geht. Unsere Schatten verflechten sich und verschwimmen in der flackernden Dunkelheit.
MC:
Caleb, kannst du mir etwas versprechen? Von jetzt an wirst du nirgendwo anders hingehen. Du wirst immer an meiner Seite bleiben. Ist das in Ordnung?
Nach einem Moment des Zögerns legt sich die kühle Berührung seines Arms in meinen unteren Rücken. Die enger werdende Kraft verschlingt den letzten Rest an Abstand zwischen uns.
Caleb:
Ich verspreche es.
Der Caleb ohne Erinnerungen war wie eine leere Seite in einem Buch, das Ergebnis eines Fehlers. Und wenn ihn jemand neu schreiben musste, dann war ich es – und nur ich allein. Ich versteckte sein Telefon, seine Flottenuniform, sein Kommunikationsgerät und alles andere, was ihn aus diesem Traum hätte aufwecken können. Es ist nie leicht, den Wohnsitz eines Flotten-Colonels ausfindig zu machen. Dieses düstere Haus war ein chaotisches schwarzes Loch, das sich den Zwängen der Zeit entzog. Er war zu einer einsamen, darin treibenden Insel geworden. Und ich war ihre einzige Bewohnerin. Im Laufe von drei Tagen war es, als wären wir in unsere Kindheit zurückgekehrt – in den kleinen Garten jenes Heims, in dem wir uns zum ersten Mal begegnet waren.
Wir wuchsen nur noch in der Gesellschaft des anderen, und die Welt jenseits dieser Wände bedeutete uns nichts.
MC:
Caleb, draußen gibt es viele Monster. Geht morgen die Welt unter?
Caleb:
Vor dem Ende der Welt brauchst du keine Angst zu haben. Wo möchtest du heute hin? Lass uns Spaß haben.
MC:
In den Vergnügungspark!
Der Vergnügungspark von Skyhaven wurde auf einer kleinen Insel nahe der Zentralinsel errichtet. Die obere Hälfte des Riesenrads verschwindet in den Wolken. Mitten unter den Schreien der Menge erreicht das Pendelkarussell seinen höchsten Punkt. Direkt danach lehne ich mich an das Geländer, mein Magen tobt wie ein Sturm.
Caleb:
Du sollst doch eine Deepspace Hunter sein. Ist es überhaupt sicher für dich, im Weltraum zu jagen, wenn du so bist?
Caleb geht vor mir in die Hocke und hält das Eis in der Hand, das er gerade gekauft hat.
MC:
Ich habe heute nicht gefrühstückt. Außerdem...
Ich unterdrücke eine plötzliche Welle von Übelkeit, beuge mich vor und nehme rasch einen Bissen von dem Eis in seiner Hand.
MC:
Es ist nur ein Titel. Das heißt nicht, dass wir im Weltraum jagen. Oder dort hineingehen, um zu jagen.
Caleb:
Wenn du also eine Deepspace-Hunter bist, was bin dann ich?
MC:
Du bist...
Ich richte mich auf und atme erleichtert aus, dann setze ich Caleb den Haarreif mit den Hundeohren auf, den ich in der Hand gehalten habe. Danach hake ich meinen Zeigefinger in seinen.
MC:
Du bist der Sidekick eines Deepspace-Hunter.
Die Zeit vergeht im Vergnügungspark anders. Selbst ohne irgendeinen Plan schaffen wir es, den ganzen Tag hier zu verbringen. Die Abenddämmerung in Skyhaven färbt den Himmel in Lila- und Orangetöne. Der Sightseeing-Zug umrundet die schwebende Insel. Im letzten Waggon sitzen Caleb und ich nebeneinander in der hintersten Reihe.
Caleb:
Ich wette, du hast mich früher ständig gehänselt. Oder?
Er nimmt den Haarreif ab und steckt ihn in die plüschige Apfeltasche, die über seiner Brust hängt. Dann bindet er den glitzernden Ballon am Haltegriff des Waggons fest.
MC:
Aber du hast es doch immer bereitwillig mitgemacht... und hattest sogar Spaß daran... Haha...
Er klopft auf seine eigene Schulter.
Caleb:
Willst du ein Nickerchen machen?
Ich gähne und lehne meinen Kopf an ihn.
MC:
Caleb, an einem glücklichen Ort wie einem Vergnügungspark will niemand Zeit mit Schlafen verschwenden.
Caleb:
Wirklich? Nun, dieser Ort fühlt sich irgendwie wie ein Traum an. Und ich finde nicht, dass es verschwendete Zeit ist, in einem Traum zu schlafen.
Ich suche mir eine bequeme Position, kuschle mich an Caleb und schließe die Augen.
MC:
Dann versprich mir, dass du noch da bist, wenn ich aufwache.
Die Räder rattern, als sich der Zug in Bewegung setzt. Plötzlich spüre ich ein schwaches Vibrieren an meiner Armbanduhr. Ich wende mich von ihm ab und überprüfe die Nachricht. Es ist eine Mitteilung der Hunters Association.
Mein vorübergehender Einsatz soll in drei Tagen enden. Die Association erkundigt sich nach dem Fortschritt dieser Mission und fragt nach meinem Rückkehrdatum.
Caleb:
Du hast mir mein Telefon weggenommen. Also ist es nur fair, wenn ich dir deine Uhr wegnehme. Finde ich jedenfalls. Warum siehst du so unglücklich aus?
Ich stecke die Uhr weg und drehe mich wieder zu ihm um.
MC:
Nichts. Unser süßer Traum wird bald seine Türen schließen.
Caleb:
Morgen öffnet er wieder. Dann können wir zurückkommen.
Die Wolken am Himmel sehen aus wie ein fließendes Ölgemälde. Direkt hinter Caleb erhebt sich die Kommandozentrale der Flotte auf dem höchsten Punkt der Zentralinsel. Seit drei ganzen Tagen gilt er als vermisst. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis der Sturm, der sich über diesem Turm zusammenbraut, uns erreicht. Mir liegen Worte auf der Zunge, doch plötzlich fühlt sich mein Kopf aus irgendeinem Grund benebelt an, von einem pochenden Schmerz.
MC:
Vielleicht... explodiert dieser Planet morgen. Und dann ist es das Ende der Welt.
Caleb:
Davor muss man keine Angst haben. Die Welt, in der wir leben, befindet sich ohnehin schon mitten in einer Explosion. Also können wir, selbst wenn sie endet, immer in die nächste weitergehen.
Der Schmerz in meinem Handgelenk verstärkt sich, doch irgendwie beginnt meine Nervosität zugleich mit einem seltsamen, aufgeregten Zittern zu reagieren.
MC:
Ich bin älter geworden. Ich glaube nicht mehr an solche Geschichten.
Ich schaue auf Calebs Hand hinab, die neben seinem Knie ruht. Vorsichtig spreize ich seine Finger und drücke sie dann sanft zusammen.
MC:
Mir fällt gerade erst auf, wie groß deine Hände sind.
Caleb:
Damals, als ich dir das Schießen beigebracht habe, konnte ich deine Hände nicht ganz mit meinen bedecken. Aber jetzt...
Calebs Wimpern sinken herab, während er mich mit seinen Fingern spielen lässt. Dann schließt er langsam seine Hand um meine und umhüllt sie vollständig mit Wärme.
Caleb:
Jetzt... sind wir beide erwachsen geworden. Bedeutet das, dass wir endlich all die Dinge tun können, die wir früher tun wollten, aber nicht konnten?
MC:
Nicht konnten? Oder meinst du eher die Dinge, die wir uns nicht zu tun getraut haben?
Unsere Finger verschränken sich. Ich kann seinen Herzschlag durch seine Knochen spüren.
Caleb:
Was, wenn ich mich traue? Wirst du es dann auch tun?
Meine Finger zittern leicht. Etwas wird gleich geschehen.
MC:
Caleb, wenn du das schon sagst, dann... Beweis es mir.
Caleb:
Ich dachte, alles, was ich getan habe, wäre bereits Beweis genug für meine Aufrichtigkeit.
Die Zugstrecke zieht sich in die Wolken hinein. Caleb beugt sich vor und legt seine Stirn an meine. Seine Halskette schwingt im Wind. Ein Kuss streift mein Ohr. Seine Zähne streifen meine Haut.
Caleb:
Ich mag dich.
Mein Kopf wird wieder benommen. Aus dem Augenwinkel sehe ich mehrere Flugzeuge, die sich der schwebenden Insel nähern.
(Das sind...Sie gehören zur Flotte.)
MC:
Caleb, lass uns nach Hause gehen.
Caleb:
Sobald wir aus dem Zug ausgestiegen sind, gehen wir zurück.
MC:
Lass uns jetzt gehen – hast du etwa Angst oder was?
Ich bewege mich zum Rand des Waggons.
Caleb:
MC! Wo willst du hin?
MC:
Benutz deine Evol. Irgendwohin, ganz egal wohin.
Er packt meinen Arm. Sein Blick fällt auf die Innenseite meines Handgelenks.
Caleb:
Woher kommt das? ...Der Chip?
MC:
Sie sind hier, Caleb. Sie kommen...
Die Wärme verschwindet aus meinem Körper. Schmerz schießt durch mich.
Alles verblasst.
Löschen... Ordnen...
Als ich aufwache, sind meine Hände und Füße an ein Bett gefesselt. Die Krankenstation der Flotte.
MC:
Warum... hast du mich hierhergebracht...
Caleb:
Du musst deine Emotionen im Moment unter Kontrolle halten.
MC:
Caleb?
Er trägt wieder Uniform. Kalt. Distanziert.
MC:
Du... erinnerst dich an alles? Seit wann?
Caleb:
Ich habe meine Fragen noch nicht gestellt. Wann hast du dir diesen Toring-Chip implantieren lassen?
MC:
Lass mich los...
Caleb:
Verletz dich nicht. Ruh dich aus. Die Operation wird vorbereitet. Der Schmerz wird bald verschwinden.
MC:
Seit wir uns wiedergetroffen haben... hast du all das ertragen? Warum hast du mir nichts gesagt...
Caleb:
Wenn dir die Wahrheit zu sagen bedeutet hätte, zuzusehen, wie du dich freiwillig in dieses Chaos hineinziehen lässt...Dann wäre ich nie wieder in deinem Leben aufgetaucht.
MC:
Caleb, ich verstehe es nicht... Sie haben dich verändert, behandeln dich wie eine Schachfigur... Aber du gehörst zu mir. Du bist der Mensch, den ich am meisten liebe. Wie konnten sie dir das antun?!
Caleb:
Dir geht es nicht gut, Zwerg. Bitte ruh dich einfach aus. Wenn du aufwachst—
Als er abgelenkt ist, löse ich die Fesseln.
Caleb:
Was tust du da?
Ich stoße ihn weg und taumle zur Tür.
MC:
Niemand kann dich mir wegnehmen. Ich bringe dich an einen Ort, an dem uns niemand finden kann.
Hinter mir nähert sich Caleb.
Caleb:
Wenn du so bist, wohin glaubst du dann gehen zu können? Wenn du dich nicht beruhigen kannst, bleib fürs Erste eben so. Erinnerst du dich, als wir Kinder waren und du Fieber hattest? Du hast meine Hand gebissen, damit du dir nicht selbst wehtust. Jetzt... bin ich an der Reihe, mit dir abzurechnen.
MC:
Was willst du? Ich will dein Herz aufreißen, um zu sehen, welche Geheimnisse sich darin verbergen. Als Colonel der Farspace-Flotte standest du sicher noch nie vor Gericht, oder?
Caleb:
Vor Gericht? Was habe ich falsch gemacht? Für was beschuldigst du mich?
MC:
Du hast meinen Caleb getötet... Diesen Caleb in Uniform... den mag ich nicht...
Caleb:
Pip-Squeak, du solltest jetzt schlafen.
MC:
Sieh dich an. Du bist wie ein Sünder, der seine Beichte ablegt.
Caleb:
Dann kannst du doch ein wenig von dieser Sünde mittragen, oder? Lass mich nicht länger in dieser Einsamkeit zurück.
(Mein Kopf... tut weh...)
Caleb:
Es wird sein wie damals, als wir Kinder waren. Wenn du aufwachst, wird keine Spur von Schmerz mehr da sein – und auch keine Erinnerung daran.
Hinter der Glasscheibe beobachtet Liam, wie ich auf dem Gerät liege. Die Projektion des neuronalen Scans zeigt einen roten Bereich, der sich vom Chip aus ausbreitet. Weniger als zehn Prozent meines Körpers sind von der Zersetzung betroffen.
Liam:
Wenn der Chip gewaltsam aufgelöst wird, werden alle Erinnerungen gelöscht, die seit seiner Implantation entstanden sind. Und es könnte irreversible Schäden daran verursachen, wie ihr Gehirn Erinnerungen speichert. Im schlimmsten Fall verliert sie sämtliche Erinnerungen. Wollen Sie die Operation trotzdem durchführen?
Caleb:
Ja.
Er drückt den Knopf „Ausführen“. Liam hat den Fortschritt der Modifikation seines Chips schon lange nicht mehr überprüft. Es ist lange her, seit er zuletzt die Kontrolle über seine Gefühle verloren hat. Die meisten von Calebs Erinnerungen an MC wurden bereits in jenem ersten Kampf ausgelöscht. Das einzige Fragment, das geblieben ist, ist das Bild ihrer Tränen bei ihrem letzten Treffen. Er wusste, dass auch er hätte weinen sollen. Doch seine Gefühle waren wie verrostete Maschinen.
System:
Der Chip wurde erfolgreich aufgelöst. Die Erinnerungen des Benutzers wurden gelöscht.
Im dunklen, warmen Morast löst sich eine zähflüssige Substanz auf. Mein Körper gewinnt sein Gefühl der Schwerelosigkeit zurück. Sanfte Schritte nähern sich.
Nach einer Weile erkenne ich das Gesicht vor mir.
(Caleb...)
Caleb:
Ich habe bei der Association beantragt, dass du krankgeschrieben wirst. Also werde ich in den nächsten Tagen an deiner Seite bleiben.
Mein Kopf fühlt sich schwer an. Etwas Wichtiges scheint zu fehlen.
MC:
Eine Bissspur? Caleb, was ist passiert...?
Caleb:
Es ist okay, wenn du dich jetzt noch nicht erinnerst. Iss erst einmal etwas.
Er füttert mich mit Reisbrei.
Caleb:
Du möchtest nicht mehr?
MC:
Ich habe keinen Appetit. Wo gehst du hin?
Caleb:
Ich stelle nur die Schüssel weg. Keine Sorge. Ich gehe nirgendwohin, bis du eingeschlafen bist. Bist du müde?
MC:
Ich will mich nicht ausruhen. Es sei denn... du hilfst mir beim Einschlafen.
Ich rolle mich an seine Brust.
Caleb:
Klar. Soll ich dir eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen?
MC:
Keine Gute-Nacht-Geschichte. Du warst noch nie ein guter Geschichtenerzähler.„Wenn du zurück kommst“ Erinnerst du dich noch, wofür dieses Geschenk steht?
Caleb:
Du hast gehofft, dass ich von jeder Mission sicher zurückkomme. Damals dachte ich... wenn ich einfach nur zu dir zurückkehren könnte, würde ich mir nichts weiter wünschen.
MC:
Caleb, du bleibst immer an meiner Seite, oder?
Caleb:
...Ja.
MC:
Dann sollte ich dir vielleicht... ein Glöckchen um den Hals binden?
Ich fahre mit den Fingern über sein Schlüsselbein.
MC:
Genau hier würde es hängen. Dann könntest du nicht entkommen.
Caleb:
Als du zum ersten Mal meine Hand genommen hast, wusste ich, dass ich dir niemals entkommen würde.
*Caleb küsst ihre Stirn*
Caleb:
Also hab keine Angst. Egal, was passiert, ich werde bei dir sein. Und jetzt schlaf.
Die Auflösung des Toring-Chips hat nicht alles vollständig ausgelöscht. Noch lange danach erinnere ich mich an diese drei Tage. Aber dieses Geheimnis muss welken und vergehen. Der Vergnügungspark ist geschlossen. Träume gehören zu Träumen.
Lange Zeit hat niemand den kleinen Garten hinter dem Heim besucht. Ein junger Mann in Uniform stößt das eiserne Tor auf. Seine Stiefel treten durch das Unkraut. In der Ferne sitzt ein Mädchen auf einem Papierkranich, mit dem Rücken zu ihm. Sie dreht sich um.
MC:
Caleb, du bist da.
Auf der Elefantenrutsche sind ihre Körpergrößen aus Kindertagen markiert. Seine Markierungen sind immer höher.
Junger Caleb:
Ich bin der Ältere, also werde ich immer größer sein. Und weil ich älter bin, sind meine Hände größer. Ich komme auch früher in die Schule. Ich werde immer einen Schritt voraus sein. So ist das eben.
Die Stimme des Jungen verblasst. Er sieht sein elfjähriges Ich auf den hohen Baum klettern. Er sitzt in der Baumkrone und schickt mit seiner Evol einen Papierkranich durch das Fenster. Er streckt die Hand aus.Er fragt sie, ob sie mit ihm kommen will.
Dieser verlassene Ort mit seiner überwucherten Vegetation ist ihr erstes Paradies. Doch der Wind fegt diese verweilenden Echos der Vergangenheit davon.
Das Versteckspiel ist vorbei, und sie erscheint vor ihm aus der wirbelnden Dunkelheit.
MC:
Caleb, warum bist du immer der Erste, der mich findet?
Ihre Stimme durchbohrt sein Herz wie ein Stromstoß, ein nachwirkendes Leiden, das niemals ganz heilen kann. Sie ist zugleich die Quelle seiner Ängste, seiner Rückzüge und seiner dunkelsten Gedanken. Sie steht am Ende von allem und zieht ihn an sich. Die Schwerkraft verformt sich um sie herum zu einem schwarzen Loch. Er umfasst seinen rechten Arm, als würde er eine feierliche Geste der Hingabe darbringen.
Caleb:
Vielleicht liegt es daran... dass ich dich ein bisschen mehr liebe, als du begreifst.
Im Labor für Schwerelosigkeit schwebt der Körper des jungen Mannes unter kaltem Licht, aufgehängt in einem beinahe ursprünglichen Zustand. Winzige elektrische Ströme knistern in der Luft und schlängeln sich in seinen mechanischen rechten Arm.
Vollstrecker:
Die bereits abgeschlossene Teilmodifikation steht noch immer unter der Kontrolle des Toring-Chips. Allerdings können wir nicht auf die Aufzeichnungen des Chips über Calebs Erinnerungen zugreifen.
Professor Lucius:
Wurde der Chip beschädigt?
Auch wenn Caleb nicht das perfekte Testsubjekt ist, haben sie große Opfer gebracht, um ihn zu erhalten. Wenn der Toring-Chip in seinem Körper beschädigt wird, wäre der lange verborgene Plan umsonst gewesen.
Vollstrecker:
Die Integrität des Chips liegt bei 93 %. Es scheint, als hätte er sein Gehirn absichtlich „versiegelt“, anstatt es zu beschädigen. Die Patrouillendaten, die wir einspeisen, verschwinden jedes Mal, sobald sie einen bestimmten Bereich erreichen. Sie werden weder zurückgewiesen noch abgefangen. Sie verschwinden, als würden sie...
Professor Lucius:
...in ein schwarzes Loch gezogen.
Vollstrecker:
...Ja.
Wie ärgerlich.
Professor Lucius:
Menschen sind von Natur aus fehlerhaft; das macht uns unentschlossen und zögerlich. Nur wenn wir diese Schwächen auslöschen, können wir unbesiegbar werden. Wenn wir diesen Bereich nicht angehen, werden wir niemals eine vollständige Modifikation bei ihm erreichen. Gibt es einen anderen Weg?
Der Vollstrecker gibt eine weitere Zeichenfolge in das Bedienfeld ein. Nach einem Moment—
Vollstrecker:
Gefunden. Dieser Bereich ist mit mehreren Schichten verschlüsselt worden, also muss es einen Schlüssel geben, um ihn zu öffnen. Wahrscheinlich gibt es nur einen einzigen Schlüssel, und er ist vermutlich nur einmal verwendbar.
Der alte Mann nickt und wirft seinem großen Werk einen letzten Blick zu, bevor er den Raum verlässt.
Professor Lucius:
Dann finden wir ihn. Ganz gleich um welchen Preis.