Captivating Moment
Fesselnder Moment
Vor Kurzem kam es in einem kleinen südlichen Land zu ungewöhnlichen magnetischen Schwankungen und einem sprunghaften Anstieg von Wanderern. Ich vermute, dass das mit dem Aether-Kern zusammenhängt, und möchte der Sache nachgehen. Auf dem Sofa sitzend zerlegt Sylus mit methodischer Ruhe eine Waffe, als wäre sie nichts weiter als ein Spielzeug.
Sylus:
Reichen dir die Wanderer in Linkon City nicht schon, um dir Sorgen zu machen? Warum kümmerst du dich jetzt auch noch um die im Ausland?
MC:
Der Anstieg der Wanderer hat es bereits in die internationalen Schlagzeilen geschafft.
Sylus:
Aber du hast so hart dafür gearbeitet, in die N109-Zone zu gelangen. Hast du wirklich vor zu verreisen, nur um dort dieselbe aktuelle Schlagzeile zu verbreiten?
Ich rücke näher an Sylus heran und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht.
MC:
Übrigens... fliegst du nicht auch bald dorthin?
Sylus verengt leicht die Augen. Er nimmt die Patronen eine nach der anderen aus dem Magazin und legt sie auf den Tisch.
Sylus:
Ich sollte wohl ein paar Kugeln für die Maulwürfe vorbereiten, die meine Pläne ausgeplaudert haben, hm? Zwei müssten reichen.
MC:
Gib Luke und Kieran nicht die Schuld... Das Protonenfeld dort verhält sich instabil. Reguläre Flüge kommen nicht infrage. Ich habe nur gefragt, ob Privatjets auch Beschränkungen unterliegen. Dann haben sie ausgepackt und...
Sylus:
Ich schätze, was ich brauche, sind keine Kugeln, sondern ein paar Knebel.
MC:
Auf deinem Privatjet sind doch so viele Plätze frei. Ich nehme doch nicht so viel Raum ein, oder?
Sylus legt die zerlegten Waffenteile in einen Waffenkoffer.
Sylus:
Nein.
MC:
Ich will nicht umsonst mitfliegen. Ich kann dich nach dem aktuellen Preis eines Linienflugs bezahlen. Aber ich kann mir nur die Economy Class leisten...
Der Mundwinkel von Sylus zuckt leicht.
Sylus:
Seit unserem letzten Treffen ist viel Zeit vergangen. Deine Witze sind lustiger geworden, Sweetie.
Er steht auf, nimmt den Waffenkoffer und geht zur Tür. Ich eile ihm nach.
MC:
Warum willst du mich nicht mitnehmen?
Sylus:
Es ist geschäftlich.
MC:
Ich bin doch nur ein kleiner Hunter. Wie sollte ich jemals dein Geschäft beeinflussen? Kannst du mich nicht einfach wie einen deiner Waffenkoffer betrachten und mitnehmen?
Sylus dreht sich um und wirft mir den Waffenkoffer zu. Ich fange ihn auf, und er ist viel schwerer, als ich erwartet hatte.
Sylus:
Ich habe vor, diese Waffe wegzuwerfen.
MC:
...Was?
Sylus:
Mein „Geschäft“ ist nicht das, was normale Menschen sich darunter vorstellen.
Jemanden mitzunehmen, der nicht an meine Lebensweise gewöhnt ist, ist so, als würde man eine Schusswaffe mit sich tragen, die nicht in deiner Hand liegt. Sie kann zu einer Belastung werden.
Trotzig stelle ich den Waffenkoffer auf den Boden. Er versperrt Sylus den Weg zur Tür. Ich blicke zu ihm auf.
MC:
Aber du lässt mich nie in dein Leben hinein. Woher willst du dann wissen, ob ich daran gewöhnt bin oder nicht?
Sylus mustert mich kurz und gründlich.
Sylus:
Bist du dir da sicher?
MC:
Wenn ich dir beweise, dass ich keine Belastung bin, nimmst du mich dann mit... Also?
Sylus’ rote Augen kommen näher. Und näher. Ich lehne mich gegen die Tür zurück und halte unwillkürlich den Atem an.
MC:
Was tust du da...Seine Hand gleitet an meinem Ohr vorbei. Und dann öffnet er die Tür.
Sylus:
Willst du einfach nur da stehen bleiben?
MC:
Musstest du wirklich so nah kommen... nur um eine Tür zu öffnen?
Sylus:
Hast du nicht gesagt, du willst in mein Leben hineingelassen werden? Dann solltest du dich daran gewöhnen.
Ich halte kurz inne und eile dann Sylus hinterher.
MC:
Also ist es ein Ja?
Sylus:
Wir haben drei Tage, bevor wir aufbrechen. Wenn du mithalten kannst, gibt es einen Platz für dich im Jet.
MC:
Abgemacht.
Ich folge Sylus aus der Waffenkammer.
MC:
Ich bin nicht völlig ahnungslos. Nehmen wir zum Beispiel dein Revier. Ich kenne mich dort aus. Du musst mir nicht einmal alles zeigen.
Hier geht’s zu deinem Schlafzimmer, und in diesem Zimmer habe ich schon einmal übernachtet. Ich benutze es wieder, oder?
Doch Sylus zieht stattdessen seinen Autoschlüssel hervor und drückt einen Knopf. Ein schwarzer Sportwagen in der Nähe öffnet langsam seine Türen.
Sylus:
Heb dir deine Begeisterung für später auf, Sweetie. Steig ein.
Der Sportwagen schlängelt sich durch die neonbeleuchteten Straßen der N109-Zone und erreicht die Tiefgarage eines Luxushotels. Als ich aus dem Aufzug trete, merke ich, dass sich auf diesem Stockwerk nur eine einzige Suite befindet. Die Einrichtung ist der Inbegriff von Luxus.
MC:
...In einer Präsidentensuite zu wohnen gehört wohl kaum zum Alltag, oder?
Sylus:
Zu meinem schon.
MC:
Wohnst du nicht in dieser Basis?
Sylus:
Ist ein Mensch dazu verpflichtet, nur einen einzigen Wohnsitz zu haben?
MC:
...Nein?
Sylus:
Eben.
MC:
...Eine Krähe hat drei Nester.
Sylus:
Ich kann bestätigen, dass es mehr als zwei gibt, Sweetie.
Obwohl Sylus’ Worte ziemlich arrogant klingen, wirkt es durch seinen ruhigen Gesichtsausdruck so, als sei das für ihn völlig normal. Ich atme tief durch und erinnere mich still daran, nicht zu überrascht zu reagieren.
MC:
Leb einfach so, wie du es immer tust. Halte dich meinetwegen nicht zurück. Behandle mich wie...
Mephisto, die Krähe mit den mechanischen Flügeln, landet auf Sylus’ Schulter. Er stößt einen fröhlichen Ruf aus.
MC:
Stille Krähe Nummer zwei. Selbst wenn du etwas Böses im Schilde führst, werde ich niemandem etwas sagen.
Sylus:
Eine redselige Stimme reicht völlig.
Als ich mir schließlich ein Schlafzimmer zum Schlafen ausgesucht habe, ist Sylus nirgends zu sehen. Ich nehme den Aufzug ein Stockwerk tiefer. Im Gegensatz zur Suite ganz oben sieht es hier eher nach einem normalen Hotel aus. Flure verbinden die Räume miteinander. Es ist niemand zu sehen, und viele Türen stehen offen. Während ich weitergehe, merke ich, dass das keine Gästezimmer sind. Eines ist ein kleines Kino, ein anderes ein Fitnessraum...
Es gibt einen Karaoke-Raum, ein Spielzimmer und sogar einen Boxring. Ich entdecke sogar ein Schwimmbecken. Sind all diese Räume nur für Sylus’ persönlichen Gebrauch?
Wenn ich in ein Gebiet fahre, in dem die Zahl der Wanderer zunimmt, ist ein heftiger Kampf unvermeidlich. Ich muss jeden Tag trainieren und darf mich nicht selbstzufrieden zurücklehnen. Ich bearbeite gerade einen Sandsack im Boxring. Es dauert nicht lange, bis ich schweißgebadet bin.
MC:
Es wäre schön, wenn ich mit jemandem sparren könnte...
Sylus:
Ich sehe, ich musste dir wohl nicht extra sagen, dass du dich wie zu Hause fühlen sollst.
Ich drehe den Kopf. Sylus lehnt mit verschränkten Armen im Türrahmen.
MC:
Diese Etage gehört auch dir, oder? Ich habe gesehen, dass niemand sie benutzt, also dachte ich, ich nutze die Gelegenheit für ein bisschen Training.
Sylus:
Kannst du boxen?
MC:
Ich habe an der Hunters Academy die Grundlagen gelernt.
Sylus krempelt die Ärmel hoch und betritt den Raum.
MC:
...Wirst du mit mir sparren?
Sylus:
Allein auf einen Sandsack einzuschlagen ist schließlich langweilig.
Sylus steigt in den Boxring. Im Vergleich zu mir, die es kaum erwarten kann loszulegen, wirkt er ganz entspannt.
Sylus:
Locker bleiben. Wir sparren nur.
MC:
Klar, aber wer weiß, ob du nicht heimlich mitzählst und dich an mir rächen willst, falls ich gewinne.
Sylus wickelt sich die Boxbandagen um die Hände.
Sylus:
Ach ja. Deine Leistung sollte wohl Einfluss darauf haben, ob du im Jet sitzen darfst oder nicht.
MC:
Du... Ich werde dir keine Gelegenheit geben, abzulehnen.
Sylus:
Das werden wir sehen, Sweetie.
Obwohl es eigentlich nur ein Sparring sein soll, verhält Sylus sich größtenteils defensiv. Trotzdem liegen seine Geschwindigkeit und seine Reaktionsfähigkeit auf dem Niveau eines Profis. Schon bald ringe ich schwer atmend nach Luft, völlig erschöpft.
MC:
Verdammt... Warum treffe ich einfach nicht...?
Sylus:
Regelmäßiges Boxtraining kann die Reflexe eines Menschen verbessern. Das ist gut für einen jungen Hunter, die jeden Tag gegen Wanderer kämpft.
MC:
Wie kannst du dich so schnell bewegen?
Sylus:
Du lehnst dich zu weit hinein. Außerdem winkelst du deine Ellbogen nicht richtig an. Das wirkt sich auf die Qualität deiner Schläge aus. Schau in den Spiegel.
An der gegenüberliegenden Seite des Raumes steht ein Ganzkörperspiegel. In seinem Spiegelbild sehe ich Sylus und mich.
Sylus:
Halte deinen Schwerpunkt in deiner Körpermitte.
Sylus drückt leicht auf meine Schulter und verlagert mein Gleichgewicht wieder nach hinten.
Sylus:
Wenn du zuschlägst, musst du der Bewegung folgen. Nimm die Schulter nach vorn.
Sylus steht hinter mir, beugt sich hinunter und nimmt meine Hände.
Sylus:
So. Wenn dein Ellbogen über neunzig Grad hinausgeht, ziehst du den Arm nach innen. Erzwing es nicht. Lass deine Faust sich ganz natürlich drehen.
Er umfasst sanft meine Hand und zeigt mir langsam, wie man richtig zuschlägt. Bei der Berührung seiner Haut und der Kraft in seiner Hand spanne ich unwillkürlich Rücken und Arm an.
Sylus:
Du senkst ständig den Kopf. Willst du etwa ein Kind verprügeln?
Er hebt mein Kinn an, seine Stimme direkt an meinem Ohr.
Sylus:
Kopf hoch. Schau in den Spiegel.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu tun, was er sagt. Ich werfe einen Blick auf unser Spiegelbild, und es sieht fast so aus, als würde Sylus mich in den Armen halten. Meine Ohren sind leicht gerötet.
MC:
Na gut... Ich zeige dir, was ich kann.
Sylus:
Ein Gegner, der nur angreifen kann, entblößt beim Angriff oft seine Schwachstellen. Nutz deine Gelegenheiten. Du kannst nicht gewinnen, wenn du nur verteidigst. Denk daran, dass dein Gegner nicht aufhören wird.
Herumstehen ist also deine Strategie? Mal sehen, wie hart du zuschlagen kannst.
Wischst du mir gerade den Staub von den Händen? So ist’s besser. Das ist die Kraft eines Hunters.
Im Kampf gibt es keine geheimen Tricks. Gute Augen und eine gnadenlose Faust reichen aus, um die meisten Menschen auszuschalten. Der Rest hängt davon ab, was du dir selbst während des Trainings aneignest.
Nicht schlecht. Du setzt schnell um, was du gelernt hast. Die Fähigkeiten hast du also. Aber... Je näher du dem Sieg kommst, desto wachsamer solltest du sein.
Sylus hebt die Hand und tritt zur Seite.
Sylus:
Du bist ziemlich talentiert, muss ich sagen.
MC:
Nun, du kannst ziemlich gut unterrichten.
Sylus:
Findest du?
Weil ich nicht verstehe, warum er lächelt, sehe ich ihn an.
Sylus:
Das hängt davon ab, wer meine Schülerin ist.
Es stellt sich heraus, dass Boxen einen ganz schön ins Schwitzen bringen kann. Nach dem Training will ich sofort ins Bad stürmen. Doch dann merke ich, dass es ein Problem gibt... Was sollte ich nach dem Duschen anziehen?
Sylus:
Die Kleidung liegt an der Tür. Hol sie dir selbst.
(Wann hat er die denn vorbereitet?)
Nach dem Duschen ziehe ich die Kleidung an, die Sylus mir gegeben hat. Ich kann meine Überraschung kaum verbergen.
MC:
Sylus... Sind das nicht einfach genau die Sachen, die ich hier getragen habe?
Sylus sitzt ganz lässig auf dem Sofa. Er blättert durch eine Zeitung.
Sylus:
Ist es wirklich so eine große Sache, einen zweiten Satz exakt derselben Kleidung zu kaufen?
MC:
Aber du warst doch die ganze Zeit mit mir beim Boxen. Wann hast du...
Sylus:
Wenn ich nicht jeden möglichen Ausgang eines Ereignisses vorausahnen würde, wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Ich trete näher und werfe einen Blick auf die „Zeitung“ in Sylus’ Händen. In Wirklichkeit ist es eine Zusammenstellung von Geheimdienstinformationen.
Jede einzelne Information darauf reicht aus, um jemandem die Kinnlade herunterklappen zu lassen. Ich bin wie erstarrt.
Chefkoch:
Mr. Sylus, wir haben heute Hummer, Lachstartar und gefüllte Steakröllchen als Hauptgericht. Was möchten Sie und Ihr Gast essen?
Sylus’ Blick fällt auf mich.
Sylus:
Was möchtest du essen?
Vom Boxen bin ich halb verhungert. Ganz schamlos bestelle ich eine Menge, und der Koch bringt die frisch zubereiteten Speisen schon kurz darauf herein.
MC:
Das Lachstartar ist köstlich. Und die gefüllten Steakröllchen waren auch unglaublich gut.
Sylus lächelt und wendet sich an den Koch.
Sylus:
Was gibt es zum Nachtisch?
Chefkoch:
Es gibt Rotwein-Eis, Vanille-Käsepudding und Mandelkuchen mit Grapefruit-Sorbet.
MC:
Das klingt alles lecker... Was soll ich bloß nehmen?
Sylus:
Dann nehmen wir einfach alles.
MC:
Du bist wie ich. Nach etwas Herzhaftem will man etwas Süßes. Und danach wieder etwas Herzhaftes.
Sylus:
Das klingt für mich eher nach den Essgewohnheiten eines Hamsters.
MC:
Aber ich bin kein Hamster...
Sylus:
Hamster essen ständig, und dabei sehen sie alle gleich aus.
Du dagegen siehst unterschiedlich aus, je nachdem, was du isst.
MC:
Ich war doch diejenige, die in dein Leben hineingelassen werden wollte. Wie ist es dazu gekommen, dass du plötzlich mich beobachtest?
Sylus:
Das gehört ebenfalls zu meinem Alltag.
MC:
Stimmt... Menschen, die zehn Schritte vorausdenken können, bemerken eben auch die Details, die den meisten entgehen.
Sylus verengt leicht die Augen und nimmt einen Löffel vom Rotwein-Eis.
Sylus:
Miss Hunter, Ihre Beobachtungsgabe ist auch nicht schlecht.
Nach dem Abendessen verschwindet Sylus rasch wieder in der riesigen Suite.
Allein in einem so großen Raum zu leben – das ist fast, als würde man Verstecken spielen. Ich kann nicht anders, als mir Sorgen zu machen, dass Sylus ohne mich verschwinden könnte. Wozu bin ich dann überhaupt in die N109-Zone gekommen?
Aus der Tiefe der Suite erklingt klassische Musik. Ich folge ihr und stoße die Tür auf...Was mich erwartet, ist eine Wand voller Schallplatten und aller möglichen exquisiten Musikinstrumente. Sylus sitzt auf dem Sofa vor den bodentiefen Fenstern. Er blickt hinaus in die Nacht, ein Bein auf dem Couchtisch. In der einen Hand hält er ein Glas Rotwein und wirkt vollkommen entspannt.
MC:
Ich dachte, du würdest nach einem guten Essen etwas Gefährliches tun.
Sylus:
Ich habe kein Interesse daran, mir eine Blinddarmentzündung zuzulegen.
Mephisto, der am Fenster sitzt, stößt ein Krächzen aus. Es klingt fast, als würde er mich verspotten. Ich drehe mich um und starre ihn an. Dann – ob aus Scham oder weil er mich einfach ignorieren will – nimmt Mephisto eine Münze und schnippt sie auf Sylus’ Schulter.Sylus nimmt die Münze und lässt sie geschickt über seine Fingerknöchel rollen.
MC:
Gehören diese Musikinstrumente dir?
Sylus:
Sie sind Teil einer Antiquitätensammlung.
Ich gehe im Raum umher. Fast alle Schallplatten an der Wand sind klassische Musik. Gleichzeitig sind die Instrumente hervorragend gepflegt und schimmern matt im Licht.
MC:
Du hast also nicht nur eine Waffenkammer, sondern könntest auch noch einen Plattenladen oder ein Musikgeschäft eröffnen.
Sylus:
Es ergibt sich eben so, dass ich die Dinge kaufen kann, die mir gefallen.
Es scheint, als hätte ich mich schon daran gewöhnt, dass Sylus alles herunterspielt. Er ist immer ruhig, ehrlich und überhaupt nicht daran interessiert, anzugeben.
Sylus:
Wenn dir langweilig ist, gibt es unten genug Dinge, mit denen du dir die Zeit vertreiben kannst.
Ich schüttele den Kopf und setze mich auf die andere Seite des Sofas.
MC:
Ist mir nicht. Ehrlich gesagt fühlt es sich an, als würde ich ein Puzzle zusammensetzen.
Sylus stellt sein Glas ab. Er lockert den Nacken und fährt sich durchs Haar.
Sylus:
Du musst noch viel mehr Puzzleteile sammeln, schätze ich.
MC:
Ich habe gerade ein neues gefunden.
Ich deute auf Sylus’ Hals, den er gerade nach hinten geneigt hat.
MC:
Mir ist aufgefallen, dass du oft den Kopf nach hinten legst, wenn du allein sitzt.
Ist dein Nacken verspannt?
Sylus:
Müssen Hunter jetzt auch noch Doktor spielen?
Plötzlich streckt Sylus die Hand aus und drückt meinen Kopf nach unten.
MC:
Was machst du da?
Sylus:
Wenn du eine Stunde lang den Kopf so hältst, wirst du es verstehen.
MC:
Liegt es daran, dass du ständig auf Leute herabsiehst?
Sylus zuckt mit den Schultern. Er beginnt wieder, mit der Münze zu spielen.
(Anscheinend ist also selbst für jemanden, der so groß ist, nicht immer alles eitel Sonnenschein...)
Aus irgendeinem Grund gibt mir dieses kleine Detail das Gefühl, als wäre Sylus gar nicht so weit von mir entfernt.
Luke:
Boss, Kovi hat angerufen. Er fragt, wann du Karten spielen kommst.
Sylus:
Er verschwendet wirklich keine Zeit.
Sofort richte ich mich auf.
MC:
Kann ich mitkommen?
Sylus:
Dir hätte klar sein müssen, dass es kein gewöhnliches Kartenspiel ist.
MC:
Dann ist es die perfekte Gelegenheit für mich, mich zu beweisen.
Der Mundwinkel von Sylus zieht sich leicht hoch, als er aufsteht, um zu gehen.
Sylus:
Du hörst also erst auf, wenn du bekommst, was du willst, hm? Hoffentlich werde ich später kein bereuendes Gesicht von dir sehen.
Sylus lässt die Münze in seiner Hand aufspringen und wirft sie Luke zu, der an der Tür steht.
Sylus:
Sorg dafür, dass er einen Platz freihält.
Luke:
Geht klar, Boss.
Ich bin überrascht, dass Sylus mich nach Linkon zurückbringt. Das Motorrad hält in einer belebten Innenstadtgegend. Ich folge ihm in ein Gebäude, und der Aufzug bringt uns in eine prachtvolle, großzügige Lounge. In der Mitte des Raumes steht nur ein einziger Kartentisch. Fünf Personen sitzen bereits dort und spielen Karten. Ein einziger Blick genügt, um zu erkennen, dass einer von ihnen – ein würdevoll wirkender alter Mann – eine wichtige Figur in diesem Spiel ist.
Kovi:
Mr. Sylus, ich dachte, Sie wären am liebsten allein. Und doch bringen Sie diesmal Begleitung mit.
Sylus:
Nichts ist unmöglich.
Alle Blicke der Spieler richten sich auf mich. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben, und erwidere höflich die scharfen, gefühllosen Blicke. Sylus zieht mir einen Stuhl heran. Er setzt sich rechts von mir. Es dauert nicht lange, bis ich begreife, dass Sylus mit „Karten spielen“ eigentlich meinte, Geschäfte mit den Leuten an diesem Tisch zu besprechen.
Kovi:
Wir sind in der letzten Wettrunde. Ich nehme an, Sie sind bereit, eine Entscheidung zu treffen, Mr. Sylus?
Sylus lässt einen Chip über seine Fingerknöchel rollen. Jetzt weiß ich: Immer wenn er mit irgendetwas spielt, rechnet sein Verstand blitzschnell.
Sylus:
Was, wenn ich den Einsatz erhöhen will?
Kovi:
Der Schlüssel beim Kartenspielen besteht darin zu wissen, wann man aussteigen sollte.
Sylus:
Ich setze immer gern alles aufs Spiel.
Sylus wirft den Chip in seiner Hand in die Mitte. Dann schiebt er alle seine Chips nach vorn.
Sylus:
All in.
Kovis Blick verdunkelt sich. Er hebt die Hand leicht vom Tisch. Ich höre das leise Klicken einer durchgeladenen Waffe. Sofort läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ich sehe zu Sylus hinüber. Er schaut mich mit einem schwachen, beinahe belustigten Lächeln an. Er will sehen, wie ich reagiere.
Kovi:
Und Sie, Miss? Es ist noch nicht zu spät, auszusteigen.
Obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, auf welches Geschäft sie sich beziehen, darf ich mir keine Blöße geben. Ich setze ein entspanntes Lächeln auf.
MC:
Sie wissen nicht, welche Karten ich auf der Hand habe, Sir. Machen Sie sich keine Sorgen um mich.
Ich schiebe die Chips vor mir nach vorn.
MC:
Ich gehe mit.
Sylus:
Ganz schön mutig für einen Neuling.
MC:
Unwissenheit ist ein Segen.
Kovi:
Mr. Sylus’ Begleitung scheint die Regeln nicht zu kennen.
Sylus:
Oh, aber sie hat doch keine gebrochen, oder? Und Mr. Kovi, wenn Sie sich nicht entscheiden können, sollte vielleicht jemand anderes spielen.
Ein gedämpftes Schweigen legt sich über den Raum, doch in der unheimlichen Stille ist die Spannung greifbar. Ein lautloser Machtkampf steht kurz bevor.
Kovi:
...Ich gehe mit.
Wir drei decken nacheinander unsere Karten auf. In meiner Hand bilden zwei Karten und drei Gemeinschaftskarten einen Straight Flush.
Sylus:
Beeindruckend.
Ich ziehe den Mundwinkel zu dem natürlichsten Lächeln hoch, das ich zustande bringe. Dann sehe ich jedem am Tisch in die Augen.
MC:
Anfängerglück, schätze ich. Vielen Dank, dass Sie so nachsichtig waren.
Kovis Augen glänzen wie die einer Giftschlange. Sein Mundwinkel beginnt zu zucken. Mein Instinkt sagt mir, dass dieser scheinbar großzügige Raum voller eiskalter Mordabsicht ist.
Sylus:
Beim Glücksspiel ist alles fair, Mr. Kovi. Gehört das nicht zu den Regeln?
Kovi:
Sylus, warum haben Sie ein Mädchen mitgebracht, damit sie sich in unsere Angelegenheiten einmischt?
Kovis Leibwächter steht hinter mir. Noch bevor er sich bewegen kann, reagiere ich blitzschnell, stoße meinen Stuhl zurück, bringe ihn damit zu Fall und gehe sofort auf ihn los. Der Leibwächter liegt nun am Boden. Ich halte die Pistole, die er bei sich trug. Mit einer schnellen Bewegung nehme ich das Magazin heraus, und die Patronen verstreuen sich über den Teppich. Sylus’ scharfer Blick gleitet über mein Gesicht, und ich erwidere ihn ohne zu zucken.
Sylus:
Ich habe ganz vergessen zu erwähnen, dass sie kein gewöhnliches „Mädchen“ ist. Nun ja.
Er steht auf und tritt an meine Seite. Gemeinsam lächeln wir Kovi an.
MC:
Es war mir ein Vergnügen, heute mit Ihnen zu spielen, Mr. Kovi.
Kovis Blick flackert, und sein Auftreten verändert sich.
Kovi:
Es ist doch nur ein Spiel. Gewinnen oder verlieren ist unbedeutend. Sie beide sollten sich das nicht zu Herzen nehmen.
Kaum sind diese Worte verklungen, verflüchtigt sich die drückende Mordlust in der Lounge augenblicklich. Sylus und ich wechseln einen Blick. Sein Mundwinkel hebt sich leicht.
Sylus:
Ja, ein Kartenspiel ist unbedeutend. Aber die Reise hat sich gelohnt.
Als wir gehen, beginnt der Himmel bereits heller zu werden. Die aufgehende Sonne spiegelt sich in der Glasfassade des Gebäudes und färbt den Himmel rot.
Vor dem Gebäude liegt ein Park. Ich kann nicht anders, als erleichtert auszuatmen.
MC:
Wir sind nur knapp entkommen. Ich frage mich, wie viele Leute nur darauf gewartet haben, dass der Befehl gegeben wird.
Sylus:
Wer hat gesagt, dass wir sicher sind, nur weil wir aus dem Gebäude raus sind?Kovis Männer verfolgen uns. Auf zehn Uhr, sechs Uhr und drei Uhr. Ach ja, und auf dem Dach sind Scharfschützen. Auf beiden Seiten. Wie fühlt es sich an, einen neuen Tag zu begrüßen, während sich so viele Menschen in den Schatten verbergen?
In Sylus’ Gesicht ist keine Spur von Anspannung zu sehen. Sein gleichgültiger Tonfall klingt fast, als hätte er gerade nur „Guten Morgen“ gesagt.
MC:
Es... Es fühlt sich gefährlicher an als in Filmen.
Langsam rollt ein Frühstückswagen an uns vorbei. Plötzlich lacht Sylus leise.
Sylus:
Hast du Hunger?
MC:
Wie kannst du Appetit haben, wenn so viele Leute nur darauf warten, uns in einen Hinterhalt zu locken?
Sylus:
Wenn du am Kartentisch so ruhig und gefasst bleiben konntest, sollte Appetit doch leicht für dich sein.
Unter einem Baum sitzen Sylus und ich auf einer Bank und essen Sandwiches.
Sonnenlicht fällt durch die Äste, und eine Brise trägt den Duft des Frühlings heran. Die rosa Blüten des Baums zittern leicht im Wind. Alles ist so schön und friedlich. Fast schon unwirklich.
MC:
So sehr ich diesen friedlichen Moment auch genieße – der Mann, der da gerade seine Morgenrunde joggt, ist auch hinter uns her, oder?
Sylus:
Guter Blick. Aber nicht nur ich bin ihr Ziel. Schließlich hast du das Gebot gewonnen, Sweetie.
MC:
Welches Gebot?
Sylus:
Es geht um eine neue Art von Waffe.
Ich verschlucke mich und kann danach nicht aufhören zu husten.
MC:
Hust, hust... Die glauben, ich... will ihnen bei Waffen Konkurrenz machen?
Sylus klopft mir auf den Rücken und spricht in einem leicht neckenden Ton.
Sylus:
Bei der Geschwindigkeit und dem Schwung deiner Schläge vorhin hat es nicht gerade so ausgesehen, als würde dich interessieren, wer vor dir steht.
MC:
Die wollten mich umbringen. Ich glaube kaum, dass ich mir da Zeit lassen konnte. Aber ich habe auf deinen Rat gehört. Meine Schläge sind jetzt viel schneller.
Sylus betrachtet nachdenklich meine Hand.
Sylus:
Du hast das Gelernte gleich beim ersten Einsatz angewandt. Die Lehrer an der Hunters Academy müssen dich gemocht haben.
MC:
Und jetzt will ich, dass du mich magst.
Sylus:
Dein Ziel steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben. Du musst es nicht aussprechen.
Eine streunende Katze, vom Geruch des Essens angelockt, nähert sich. Vorsichtig lugt sie von der Seite der Bank zu uns herüber. Überraschenderweise beugt sich Sylus zu ihr herunter, um mit ihr zu spielen. Die misstrauische Katze hebt sofort die Pfote und kratzt ihn.
MC:
Man kann Streuner nicht einfach anfassen. Sie sind wachsam, weil die Welt draußen gefährlich ist.
Plötzlich richtet Sylus sich auf. Sein ganzer Körper strahlt eine subtile Gefährlichkeit aus. Die Katze erschrickt und macht ein paar Schritte zurück.
MC:
Du bist doch nicht etwa auf die Katze wütend, oder? Sie hat sich nur verteidigt.
Sylus geht zum Imbisswagen am Straßenrand.
Sylus:
Boss, haben Sie Trockenfisch?
Verkäufer:
Nein, aber wir haben Thunfisch aus der Dose.
Sylus:
Dann nehme ich alles davon.
MC:.?
Sylus stellt die Thunfischdosen in einer Reihe auf den Boden. Die Katze ruft weitere Streuner herbei. Sylus beobachtet sie, während sie nebeneinander fressen. Die scharfen Konturen seines Gesichts wirken weicher als sonst.
Ich habe gerade ein weiteres Puzzleteil über Sylus gefunden.
MC:
Deine Feinde würden einen Schock bekommen, wenn sie dich so sehen würden.
Sylus:
Sie würden sich wahrscheinlich wünschen, im nächsten Leben als Tiere wiedergeboren zu werden. Dann müssten sie nicht gegen mich kämpfen.
MC:
Magst du Tiere?
Sylus:
Ich mag sie weder noch lehne ich sie ab. Für mich sind sie harmlos.
MC:
Aber du gehst mit diesen Schwachen freundlicher um als die meisten anderen.
Sylus:
Nur weil man stärker ist, steht man nicht über den Schwachen.
Sylus blickt abrupt zu einer Person in der Ferne, und sein Ausdruck wird wieder der, den ich von ihm kenne – ein kaum merkliches höhnisches Lächeln.
Sylus:
Im Vergleich zu denen, die sich selbst überschätzen, sind kleine Tiere angenehmer.
MC:
Ich glaube, sie versuchen, den Park abzuriegeln.
Sylus:
Perfekt. Dann können wir sie mit einem Schlag loswerden.
MC:
Warte, hier sind Zivilisten. Lass uns woanders hingehen.
Sylus dreht den Kopf und sieht mich an. Dann steht er auf.
Sylus:
Ach ja, Sie sind wirklich Linkons rechtschaffene Beschützerin, Miss Hunter.
MC:
...Warum klingt das aus deinem Mund wie eine Beleidigung?
Sylus:
Ich meine es aufrichtig.
Sylus wirft mir einen Motorradhelm zu. Die Gestalten sind noch weit entfernt, kommen uns aber schnell näher.
MC:
Du hättest direkt nach Hause fahren können, als wir das Gebäude verlassen haben. Warum wolltest du noch frühstücken?
Sylus:
Es kommt nicht oft vor, dass ich Pflanzen zu sehen bekomme. Ich wollte sie würdigen.
MC:
...Gibt es in der N109-Zone keine Pflanzen?
Sylus:
Sie sind künstlich. Wenn man nicht genau hinsieht, merkt man es nicht.
An sein Motorrad gelehnt blickt Sylus zum Blätterdach vor ihm hinauf.
Der Baum, über und über mit rosa Blüten bedeckt, sieht in der Sonne aus wie Zuckerwatte.
Sylus:
Pflanzen haben es schwer zu wachsen, wenn es kein Sonnenlicht gibt. Deshalb sind die Menschen in der N109-Zone daran gewöhnt, ohne Pflanzen zu leben.
MC:
Die Pflanzen hier wären wahrscheinlich überrascht, dass sich jemand ihretwegen freiwillig in Gefahr begibt.
Sylus lächelt.
Sylus:
Es ist schließlich Frühling. Außerdem – wie gefährlich können diese Leute schon sein?
Sylus setzt seinen Helm auf und legt meine Arme um seine Taille.
Sylus:
Halt dich gut fest.
Das Motorrad schüttelt alle ab, die versuchen, uns zu verfolgen. Er fährt mit atemberaubender Geschwindigkeit, und es ist, als wäre der enge Kontakt zwischen Sylus und mir das Einzige, was wirklich real ist.
Sylus brachte das Mädchen direkt zum Flughafen. Er war früher aufgebrochen als geplant. Und obwohl das Mädchen verwirrt war, stellte sie ihn nicht infrage.
Das gefällt ihm. Der Jet landete am Zielort, und das Mädchen fand mühelos seinen privaten Boxring in dem Hotel, in dem sie wohnten. Das Geräusch von Schlägen gegen einen Sandsack hallt vom Ende des Flurs wider. Während Sylus sich den Bericht anhört, geht er zum Boxring.
Luke:
Boss, General Rowan will sich morgen mit dir treffen.
Kieran:
Moment mal, wer hat die Nerven, Boss’ Boxring zu betreten?
Luke:
...Bist du dumm?
Am Eingang des Boxrings beobachtet Sylus das Mädchen, wie sie schnelle Schläge austeilt. Er lächelt. Luke und Kieran starren Sylus ungläubig an, weil er grinst.
Sylus:
Die Harrier 700 dürfte gut zu ihr passen... Kieran, besorg eine Waffe. Und Luke, sag dem General, dass ich ihn erst heute Nacht treffe.
Nachdem ich mein Training beendet und geduscht habe, komme ich heraus und sehe Sylus in der Küche eine komplizierte Melodie summen. Gleichzeitig schält er einen Apfel.
(Ich glaube nicht, dass er mich bemerkt hat...)
Sylus:
Fertig? Der Koch hat sich krankgemeldet, also sind wir auf uns allein gestellt. Wähl eins. Das schmeckt wie ein topisches Gel. Es spielt keine Rolle, wie viel du davon hinzugibst. Es hat keinen Geschmack. Man könnte es als Lebensmittelfarbe für den Salat benutzen.
MC:
Du hast deine Hand da reingetaucht. Wie soll ich das jetzt noch essen?!
Sylus:
Wer hat denn gesagt, dass das für dich ist?
(Mistkerl...)
Sylus:
Zu langsam. Dieses Salatdressing ist gut. Ich empfehle es sehr.
MC:
Na gut, mir ist langweilig. Ich gehe dann jetzt. Folge mir nicht.
Sylus:
Ich wollte ohnehin auf die Terrasse. Betrachte es einfach so, als würde ich zufällig vorbeikommen.
Sylus und ich sitzen auf der Terrasse am Esstisch und essen.
Unter uns wachsen üppige tropische Pflanzen. Menschen in farbenfroher traditioneller Kleidung sind auf dem hell erleuchteten Markt geschäftig unterwegs.
MC:
Es ist so lebendig hier. Ich wollte schon immer einmal hier Urlaub machen, aber ich habe nie die Zeit gefunden.
Sylus:
Ich schränke deine Freiheit nicht ein. Du kannst jederzeit gehen, wenn du willst.
MC:
Aber ich bin hier, um die Anomalie im Protonenfeld und den drastischen Anstieg der Wanderer zu untersuchen. Urlaub kommt erst danach.
Sylus nimmt einen Schluck von seinem Rotwein.
Sylus:
Warum hast du dann nicht längst mit deinem Vorhaben angefangen? Hast du mich nicht schon benutzt, um zu bekommen, was du wolltest?
MC:
Auch wenn du früher abgereist bist – wir hatten vereinbart, drei Tage miteinander zu verbringen, damit ich dein Leben sehen kann. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich würde mein Wort brechen, sobald ich mein Ziel erreicht habe.
Sylus:
Und was hast du jetzt vor?
MC:
Ich werde mich mit der Stadt vertraut machen. Wenn du deine Geschäfte erledigst und zurückfliegst, ist das in Ordnung. Ich kann bleiben und meine Untersuchung durchführen. Ich kann hier bleiben, bis es wieder einen Linienflug gibt.
Plötzlich erscheint eine Münze zwischen Sylus’ Fingern. Sie wird rasch hochgeschnippt.
Sylus:
Wenn du allein in einem fremden Land bist, solltest du ausnutzen, was dir zur Verfügung steht. Zum Beispiel solltest du selbstbewusst verlangen, dass ich auf dich warte. Damit wir gemeinsam zurückkehren.
MC:
Du bist ein vielbeschäftigter Mann. Ich will deine Zeit nicht verschwenden.
Sylus:
Sweetie, wenn du mich benutzt, musst du nicht das Gefühl haben, eine Last zu sein. Es stört mich nicht, von dir benutzt zu werden. Schließlich will ich dich auch benutzen.
Verwirrt sehe ich Sylus an. Mit einem Lächeln legt er eine Pistole auf den Esstisch.
MC:
Das ist...?
Sylus:
Die Harrier 700. Wenn du mit mir mithalten willst, brauchst du eine gute Waffe.
Wenn du fertig gegessen hast, lass uns gehen.
MC:
Wird es heute Nacht... gefährlich?
Sylus:
Hast du Angst?
Sylus beobachtet mich, während ich die Waffe vom Tisch nehme. Ich befestige sie an meiner Hüfte.
MC:
Ich wäre kein Hunter, wenn ich Angst vor Gefahr hätte.
Sylus lächelt leicht.
Sylus:
Auf unsere gegenseitige Nutzung. Möge es eine angenehme Erfahrung werden.
In jener Nacht bringt Sylus mich an den Stadtrand. Er trägt einen Aktenkoffer und betritt ein Gebäude, das noch im Bau zu sein scheint.Der Aufzug fährt ganz nach oben, wo sich eine gut eingerichtete Bar befindet. Im Inneren sitzt ein Mann mittleren Alters in Uniform an einem Tisch und trinkt.
Rowan:
Mr. Sylus, haben Sie die Ware mitgebracht?
Sylus stellt den Aktenkoffer auf den Tisch. Der Mann mittleren Alters lächelt zufrieden und öffnet einen anderen Koffer. Er ist voll mit Goldbarren, alle sauber nebeneinander angeordnet. Anstatt seinen eigenen Koffer sofort zu öffnen, nimmt Sylus einen Goldbarren in die Hand. Er spielt damit.
Sylus:
Ich sehe, Sie mögen diese altmodische Art, Geschäfte zu machen, General.
Rowan:
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Sylus:
Dieses Gold wiegt nicht gerade wenig.
Rowan:
Mr. Sylus, ich hatte nicht erwartet, dass Sie nur eine Person mitbringen. Aber das ist schon in Ordnung, ich habe genug Leute hier, die Sie hinausbegleiten.
Ich lege unauffällig die Hand auf die Waffe an meiner Hüfte. Sylus wirft mir einen ruhigen Blick zu. Dann lässt er den Goldbarren zurück in den Koffer fallen.
Sylus:
General, wollen Sie die Ware nicht zuerst überprüfen?
Rowan deutet auf eine Weinflasche neben sich.
Rowan:
Ich habe es nicht eilig. Außerdem habe ich diesen Wein extra für Sie ausgewählt. Sie beide können ihn gern probieren.
Sylus nimmt die Flasche und gießt den Wein in zwei leere Gläser.
Sylus:
Ich bin Ihnen für Ihre Gastfreundschaft dankbar, General.
Rowan:
Natürlich. Das ist ein Abschiedstrunk.
Sylus reicht mir eines der Gläser. In seinen Augen glimmt ein schwaches scharlachrotes Leuchten, das an Blut erinnert.
Sylus:
Ich verstehe. Danke.
Kaum sind diese Worte ausgesprochen, prasselt von allen Seiten ein Kugelhagel auf uns nieder. Sylus und ich sehen uns an. Er tritt gegen den Tisch und wirft ihn um. Wir nutzen ihn als vorläufige Deckung. Sylus schützt mich, indem er mich in seinen Armen hält.
Sylus:
Alles in Ordnung?
MC:
Deine Waffe sollte besser funktionieren.
Ich ziehe meine Pistole und lade sie durch, bereit, im richtigen Moment zurückzuschlagen. Als Sylus sieht, wie ruhig ich bleibe, kräuseln sich seine Lippen leicht. Es amüsiert ihn.
MC:
Draußen müssen mindestens Dutzende von ihnen sein.
Sylus:
Mehr als das.
Trotz der Lage bleibt Sylus völlig gelassen. Ich werfe ihm einen Blick zu.
MC:
Dann hast du sicher Plan A, B, C und D, oder?
Sylus:
Mit dir hier brauche ich nur einen.
Sylus und ich kämpfen uns gemeinsam durch den Kugelsturm. Ein Gegner nach dem anderen fällt. Währenddessen zieht Rowan sich zur Tür zurück. An seiner Seite erscheint eine bekannte Gestalt – Kovi von dem Kartenspiel in Linkon.
Kovi:
Mr. Sylus, ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie so bald wiedersehe.
Sylus:
Mr. Kovi, Sie haben leider eine ungesunde Spielsucht.
Kovi:
Wie schade. Sie haben die beste Gelegenheit verpasst, Ihre Karten auszuspielen.
Jetzt gibt es keinen Platz mehr für Sie an diesem Tisch.
Vor der Tür hallen Schritte wider. Noch mehr schwer bewaffnete Soldaten stürmen herein.
Sylus:
Aufs Dach.
Sylus und ich rennen aufs Dach. Eine große Zahl Leute ist uns dicht auf den Fersen. Das Mondlicht ist hell. Über uns ist nichts als der weite Nachthimmel.
MC:
Ich dachte, du hättest Verstärkung.
Sylus:
Die wären nur Ballast.
Vom Zugang zum Dach strömen die Feinde heran, und das Schussfeuer zerreißt die Stille der Nacht. Sylus zieht mich an den Rand des Dachs, sein Blick auf Kovi gerichtet, der schwer von seinen Männern geschützt wird.
Kovi:
Geben Sie jetzt auf. Dann lassen wir Ihre Leichen wenigstens unversehrt.
Sylus:
Du bist wirklich eine Enttäuschung, Kovi. Du hast immer noch nicht begriffen, wessen Spiel wir hier spielen.
Sylus’ Augen flackern in einem dunklen Rot. Er wirft mir einen kurzen Blick zu.
Sylus:
Sollen wir?
MC:
Was?
Sylus lächelt leicht, zieht mich in seine Arme und lässt sich rückwärts fallen.
MC:
..!!
Während wir in die Tiefe stürzen, klammere ich mich an Sylus. Das Gefühl der Schwerelosigkeit verschwindet langsam. Ein schwarzroter Nebel erscheint und hüllt uns ein. Sylus’ ruhiger Atem ist direkt an meinem Ohr. Trotz der gefährlichen, unvorhersehbaren Lage fühle ich mich auf unbeschreibliche Weise sicher. Sylus landet mit mir in den Armen auf dem Boden.
Sylus:
Warte hier.
Er setzt mich ab, zieht ein Gerät hervor, das etwa so groß ist wie eine Taschenuhr, und drückt auf einen Knopf.Mit einem lauten Knall explodiert das oberste Stockwerk des Gebäudes. Flammen schießen in den Himmel.
Sylus:
Jetzt ist alles in Ordnung.
Erschüttert mache ich einen Schritt zurück, meine Beine sind nach dem Sprung vom Dach weich. Ich stolpere und falle gegen Sylus.
MC:
Ich muss mich kurz ausruhen.
Sylus lächelt und stützt mich.
Sylus:
Für jemanden, der zum ersten Mal vom Dach eines Gebäudes gesprungen ist, hast du besser abgeschnitten als die meisten.
Ich erinnere mich an den Koffer, der vorhin zurückgeblieben ist.
MC:
Das, was du mitgebracht hast, war gar keine neue Art von Waffe, oder?... Du wusstest die ganze Zeit, was sie vorhatten.
Sylus:
Wenn ein Produkt stark nachgefragt, aber knapp ist, wollen viele Käufer selbst zu Herstellern werden. Ich habe improvisiert.
MC:
Das kaufe ich dir nicht ab.
Sylus:
Da mein Geschäft früher als erwartet beendet ist, kannst du entscheiden, wie wir unsere verbleibende gemeinsame Zeit verbringen.
Ich mustere Sylus genau und entdecke einen Hauch von Belustigung in seinen Augen.
MC:
Du... heckst nicht schon wieder irgendeinen Plan aus, oder?
Sylus:
Hältst du mich wirklich für so jemanden?
MC:
Du hast gerade direkt vor meinen Augen eine Etage in die Luft gejagt.
Sylus:
Das war notwendig. Ich wollte nur Geschäfte machen, doch sie bestanden darauf, ihr Leben zu riskieren.
Der unschuldige Ausdruck in Sylus’ Gesicht ist seltsam.
MC:
Ich frage mich, welche anderen „Notwendigkeiten“ auftreten werden, wenn du mich bei meiner Untersuchung begleitest.
Sylus:
Es wird keine „Notwendigkeiten“ geben, wenn ich mit dir arbeite, Sweetie.
Ich sehe Sylus an, der ganz ruhig wirkt.
MC:
Was genau ist eigentlich dein Ziel? Komm mir nicht wieder mit diesem Gerede vom „gegenseitigen Benutzen“. Das glaube ich dir nicht.
Sylus:
Taten sagen mehr als Worte.
Sylus senkt den Kopf und sieht mich an, ernster als zuvor.
Sylus:
Niemand sollte gezwungen sein, mit jemand anderem Schritt zu halten.
Ich halte Sylus’ Blick stand, und mein Herz schlägt schneller, als ich es für möglich gehalten hätte.
MC:
Sylus, warum... bist du plötzlich so?
Sylus:
Es ist nicht plötzlich.
Sylus:
Du bist nicht die Einzige, die ein Puzzle zusammensetzt.
Mit einem Lächeln sieht Sylus mich an, und die Wärme in seinen Augen erinnert an einen Kamin an einem Wintertag.
MC:
Und was für einen Menschen hast du aus meinem Puzzle zusammengesetzt?
Sylus:
Nun, es ist noch lange nicht vollständig. Aber es reicht, um mich neugierig auf weitere Teile zu machen.
Seine Hand umfasst sanft meinen Arm, und er führt mich hinein in die Dunkelheit der Nacht.