03
Blumensträuße und Klagelieder

01 Smaragdgrüne Ranken

„Die ist für Talia.“

Smaragdgrüne Ranken ranken am Spalier.

Rafayel hält eine davon in der Hand. Bald wird dieser Garten voller exotischer Pflanzen der Ort sein, an dem Talia und ihr Liebster heiraten werden.

„Nicht schlecht. Sie passt zum Design der Kette, die ich ihr geschenkt habe.“

Der Besitzer des Gartens, Charles, ist Schmuckdesigner. In seiner Freizeit gärtnert er gern und engagiert sich für den Schutz bedrohter Pflanzen und Tiere. So hat er Rafayel kennengelernt.

„Blumen auszusuchen ist eine psychologische Angelegenheit“, sagt Charles. „Es ist ein Prozess, der dem Versuch ähnelt, einen anderen Menschen zu verstehen.“

„Wirklich?“ Rafayel zeichnet ein paar willkürliche Linien auf ein Blatt Papier. „Ich habe sie nach Gefühl ausgewählt. Klingt nicht so cool.“

„Man sagt auch, dass man mit Blumen den Partner oder die Partnerin am besten für sich gewinnt.“ Charles erinnert sich an ein Mädchen, das er kurz in Rafayels Fotoalbum gesehen hat. 
„Wenn du das jemals machen willst, kannst du dir gerne Blumen aus meinem Garten pflücken.“

„Hör auf, diese komischen Artikel zu lesen.“

Charles zuckt mit den Achseln und lächelt hilflos, nachdem er geneckt wurde. Er geht zurück auf einem Weg, der von einem zarten Blumenduft erfüllt ist.

Als er zurückkommt, hört er Rafayel und Talia sprechen.

„Kommst du wirklich nicht? Es ist meine Hochzeit.“

„Nö.“

Der distanzierte Künstler kritzelt weiter. Sein Handy ist auf Lautsprecher, und seine Antworten sind kurz und bündig. Wenn Charles nicht gerade einen Auftrag für Talias Hochzeit hätte, hätte er Rafayel geglaubt.

„Aber ich habe endlich jemanden gefunden, den ich mag.“

„Das hast du letztes Mal auch gesagt.“

„Und wie lange ist das her? Warum bist du so geizig mit deinen guten Wünschen?“

„Ich habe dich gesegnet, als du den Pakt geschlossen hast. Alles Weitere wäre sinnlos.“

„Was meinst du? Nicht jeder hat so viel Glück wie du …“

„Ich lege auf.“

Rafayel beendet das Gespräch und reicht dem Schmuckdesigner die Skizze.

Die einst chaotischen Linien sind nun zu einem eleganten, kunstvollen Blumenstrauß geworden. Ein Bleistift kann zwar keine anderen Farben als Schwarz darstellen, aber Charles kann sich das Blau, das Rafayel vorhin gewählt hat, immer noch gut vorstellen.

Vorsichtig nimmt er die Skizze entgegen und reicht ihr den Entwurf für die Halskette. 
„Das ist der Plan, den wir vorher besprochen haben. Der Edelstein ist Talias Lieblingsstein und passt farblich zu ihrem Brautkleid …“

Bevor er seinen Satz beenden kann, hören sie Talias Lachen aus Rafayels Telefon. Rafayels Gesichtsausdruck verändert sich, als er merkt, dass das Gespräch noch läuft. Talia klingt noch glücklicher als zuvor. 
„Ich wusste, du würdest mich nicht enttäuschen! Ich warte. Bis dann!“

Diesmal ist das Gespräch tatsächlich beendet. Charles lacht leise und ignoriert Rafayels Verärgerung. 
„Es hat keinen Sinn, es zu verheimlichen, wenn du sowieso gehst.“

Er weist Rafayel auf einige Änderungen an der Fassung des Edelsteins hin. 
„Du hast dir wirklich viel Mühe mit den Details gegeben. Ich bin sicher, mein Plan wird heftig kritisiert werden.“

Rafayel senkt den Blick und antwortet nicht. Charles vermutet, dass er vielleicht an seine Geliebte denkt. Da er merkt, dass Rafayel nicht antworten will, lenkt er das Gespräch auf die Farbkombination der Halskette.

02 Hochzeit 

Rafayel schreitet durch den mit smaragdgrünen Ranken geschmückten Torbogen und erreicht den zentralen Brunnen. Die entspannte Atmosphäre im Garten lässt ihn seufzen, obwohl er sie erwartet hatte.

Er hatte sich zwei Anzüge für heute ausgesucht. Doch nach wenigen Minuten entschied er sich gegen beide. Stattdessen wählte er bequeme, legere Kleidung, die sich zum Tanzen eignete – die beste Wahl, wie sich herausstellte. Hätte Rafayel einen Anzug getragen, wäre er von Talia, die in einem schlichten Kleid barfuß im Gras tanzte, geneckt worden.

„Er ist zu unscheinbar. Wenn er in einen Teich fiele, geschweige denn ins Meer, würde ihn niemand finden …“

„Unsere Talia ist die strahlendste Perle im Ozean. Wenn ihr sie finden könnt, findet ihr ihn dann nicht auch?“

An einem kleinen runden Tisch flüstert eine Gruppe Lemurier miteinander. Rafayel dreht sich um und sieht ein bekanntes Gesicht, das er seit „dem Desaster“ nicht mehr gesehen hat. Fröhlich spielt er auf einem uralten lemurischen Instrument, eine heitere Melodie erklingt zwischen seinen flinken Fingern.

„Richte deinem Freund meinen Dank aus. Sein Garten ist wunderschön“, sagt Talia zu Rafayel, nachdem sie sich durch die Menge zu ihm durchgekämpft hat. „Er war so freundlich, uns die Zeremonie hier abhalten zu lassen.“

Rafayels Blick wandert zu dem Mann, der nicht weit von Talia entfernt steht. „Hat er nichts dagegen?“

„Ihm gefällt alles, was mir gefällt“, sagt sie. Sie dreht sich vor ihm im Kreis. Ihr ausgestellter Rock wirbelt und lässt sie wie einen anmutigen, schwimmenden Fisch wirken. 
„Er hat das für mich entworfen. Es ist ziemlich gut, nicht wahr?“

„Es steht dir gut.“ Rafayel lacht leise und erinnert sich an Charles’ Worte. Blumen für jemanden auszusuchen, bedeutet auch, diesen Menschen zu verstehen. Vielleicht gilt das Gleiche auch für das Entwerfen von Kleidung.

Er schweigt einige Sekunden. Er trinkt seinen Wein und schiebt das leere Glas zurück auf den Tisch.

„Raymond ist tot.“ 
Talia atmet tief durch, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. 
„Dann können wir jetzt erst mal gut schlafen.“

„Ja, erst mal.“

Sie versteht, was Rafayel mit Nachdruck gesagt hat. Sie verschränkt die Arme und lässt ihren Blick über die singenden, tanzenden und plaudernden Menschen schweifen. 
„Du willst wohl kein flüchtiges Glück.“

Rafayel wendet sich unauffällig ab. Um Talia nicht zu begegnen, muss er unweigerlich die Gäste ihrer Hochzeit ansehen.

Fast alle bekannten und unbekannten lemurischen Überlebenden sind anwesend. Die Musik ist harmonisch, der Gesang kraftvoll, doch jedes Lächeln scheint von einem grauen Schleier verhüllt.

Dann hört er wieder Talias melodische Stimme.

„Ich heirate nicht, weil ich die Vergangenheit vergessen habe, sondern weil ich im Hier und Jetzt leben will … Sieh dir all die Lemurier hier an. Sie alle suchen nach einem Anker, einem Lebenssinn. Ich habe meinen gefunden, und andere auch“, sagt Talia. Ihr Blick ruht auf Rafayel.

„Aber es gibt immer noch welche, die nicht begreifen, wie wichtig ein Anker ist.“

Rafayel schüttelt den Kopf. 
„Lemuria ist wichtiger.“

„Lemuria wird immer wichtig sein.“ Talia stellt ihr Glas ab und sieht ernst aus. „Aber was ist mit dir? Wenn dein eigenes Herz dich auffrisst, gibt es dann irgendetwas, das dich zurückhalten kann? Kannst du es wirklich loslassen?“

Das Leuchten in Rafayels Augen erlischt bei ihrer letzten Frage.

„Rafayel, hast du jemals über deine eigene Hochzeit nachgedacht?“

Er schweigt eine Weile. Dann nimmt er die Ansteckblume von seiner Brust, legt sie auf den Tisch und wendet sich ab, um die geschäftige Szenerie zu verlassen, die ihm nicht gehört.

„Nein.“

03 Gardenie

„Freiheit, Glück und Wiedergeburt.“

Charles hängt die Schaufel zurück an den Werkzeugtisch und nickt zu der hellgelben Gardenie, die Rafayel schon die ganze Zeit betrachtet. 
„So bedeutet sie in der Blumensprache. Schenkst du sie jemandem?“

„Der Tochter eines Verwandten.“ Rafayel steht unter dem Dachvorsprung der Hoftür und neigt den Kopf, um die Blütenblätter zu betrachten. 
„Kannst du mir die Bedeutung noch einmal erklären?“

„Man glaubt, sie symbolisiert Freiheit, Glück und Wiedergeburt. Ich kann sie wärmstens für die Einweihungsfeier des Schuljahres oder einen Geburtstag empfehlen.“

„Ich nehme sie.“ Rafayel gibt Charles die Blume zurück und geht an ihm vorbei. „Hilf mir, einen Strauß zu binden. Ich nehme ihn zu ihrer Beerdigung mit. Ihr Vater kann ihr keine Blumen mehr schenken.“

„Beerdigung?“ Charles hört auf, seine Werkzeuge zu zählen, und macht einen Fehler auf seinem Zettel. 
„Wäre das nicht etwas …“

„Schon gut“, sagt Rafayel. 
„Nach dem, was du mir erzählt hast, ist es auch für eine Beerdigung geeignet.“

04 Klage

Rafayel durchquert den in goldenes Licht getauchten Hof. Er geht durch den Korridor, wo Raymonds glorreiche Taten in einer Endlosschleife auf einem Bildschirm gezeigt werden. Dann erreicht er Raymonds Haus.

Raymonds Beerdigung findet im Wohnzimmer statt. Am Eingang nimmt der Butler mechanisch das Kondolenzgeld entgegen. Er blickt steif und professionell geradeaus, bis Rafayel an ihm vorbeigeht. Er kneift die Augen zusammen und mustert Rafayel schnell, sichtlich überrascht von dessen Anwesenheit. Rafayel ignoriert diese finsteren Blicke und geht direkt in die Mitte des Saals, wo das gläserne Aquarium steht. Er verharrt einen Moment vor dem Meerjungfrauenskelett im Inneren, wendet sich dann Raymonds Sarg zu und stellt sich zu den anderen.

„Mama, das ist so langweilig! Wir sollten doch in der Arktis Urlaub machen!“

Die Stimme des Kindes hallt deutlich durch den Flur. Ihr unschuldiger Kommentar lässt die Mutter dem Gör verlegen den Mund zuhalten, bevor sie nach einem entschuldigenden Lächeln schnell wieder traurig dreinblickt.

Schließlich hatte sie die ersehnte Erbschaft noch nicht erhalten.

Als Rafayel an der Reihe ist zu trauern, tritt er vor. Er beugt sich über den Sarg und legt die sorgfältig ausgewählten Gardenien darauf, wobei er darauf achtet, dass die schönste Seite zum Aquarium zeigt.

Inmitten all des Schwarz-Weiß ist dieser leuchtend gelbe Strauß der einzige Farbtupfer. Er faltet die Hände und schließt die Augen. In einem kaum wahrnehmbaren Winkel positioniert er sich neben dem Blumenstrauß und spricht stumm eine Trauerrede. Ein bekanntes Lied erklingt. Talia steht ganz vorne im Saal und singt ein Klagelied. Rafayel öffnet die Augen. Das gleißende Sonnenlicht fällt durch das Aquarium, und das Skelett darin starrt in ewiger Starre zum Himmel. Er weiß, für wen Talia singt, genau wie sie weiß, weswegen Rafayel hierhergekommen ist. 
„Mörder! Du Mörder!“

Als Rafayel gehen will, drängt sich plötzlich eine ältere Frau durch die Menge. Sie stürmt aus dem Saal, zeigt auf seine sich entfernende Gestalt und schreit aus Leibeskräften.

„Mein Junge war erst neununddreißig! Es sollte die Zeit der Wiedergeburt, ein Neuanfang sein. Aber er starb wegen eines dummen, leichtfertigen Malers! Eines Gemäldes, das keinen Sinn ergibt! Rafayel! Du hast meinen Sohn getötet!“

Wie Haie, die Blut wittern, umringen ihn sofort die Kameras der Reporter. Die Trauernden im abgedunkelten Saal beobachten ihn, aufgeregt, aber auch voller Bedauern. Niemand schreitet ein. Das Kind, das sich so sehr eine Reise in die Arktis wünscht, schaut interessiert zu und stellt sich auf die Zehenspitzen, um einen Lutscher von der Mutter zu nehmen. Wie traurig… Mit dem Tod ihres Sohnes wurde ihr Halt von einer dunklen Flut mitgerissen. Rafayel blickt ruhig in den Raum voller Kameras und geht.

05 Bouquet

Eine weitere Woche vergeht. Rafayel entflieht seiner wenig inspirierenden neuen Arbeit und Thomas’ ständigem Drängen, um Talia in einem kleinen Haus in Verona zu besuchen. Talia bewundert ein Kleid. Es ist eines von unzähligen Kleidern, die ihr neuer Ehemann für sie entworfen hat. Es ist ganz schwarz mit nur einem weißen Akzent.

Talia zeigt auf den schwarzen Teil des Kleides. 
„Er sagte, das sei er.“ Dann zeigt sie auf den weißen Teil. 
„Und das bin ich. Was meinst du? Interessant, nicht wahr?“

Rafayel schenkt sich ein Glas Wasser ein und nimmt einen Schluck, ohne hinzusehen. 
„Hat er jemals ein Brautkleid entworfen?“

„Wie meinst du das?“ Talia zieht eine Augenbraue hoch und lächelt dann. „Nein. Aber wenn du ihn beauftragen willst, kann ich dir einen Familienrabatt besorgen.“

Als Rafayel geht, wirft Talia ihm einen kleinen Blumenstrauß zu. Er dreht sich um und fängt ihn auf.

„Ich wollte dir an dem Tag den Brautstrauß zuwerfen, aber du bist früh gegangen. Das war alles, was ich übrig hatte.“

Rafayel blickt auf seine Hand. Eine unbekannte Blume liegt in seiner Handfläche und erinnert ihn an jemanden. uf dem Rückweg sieht er viele bekannte Gesichter unter den Straßenkünstlern von Verona. Sie stehen inmitten von Musik, Farben und tanzenden Seifenblasen. Sie lächeln ihn an. Rafayel erinnert sich an Talias Worte auf der Hochzeit.

Alle suchten nach einem Anker. Deshalb sind sie noch hier.

Er winkt zurück und hofft, dass sie ihren Traum verwirklichen können. Dann dreht er sich um und geht nach Hause.

06 Gloriosa 

„Bist du müde vom Malen? Du siehst nicht gut aus.“ Charles packt die feurigen Flammenlilien ein, die Rafayel ausgesucht hat, und reicht sie ihm. 
„Sind die auch ein Geschenk? Ich finde, sie stehen dir besser.“

„Wunderbar.“ Rafayel nimmt den Strauß. 
„Ich überlege, sie jemandem zu schenken.“

„Gibst du dich etwa preis?“

Rafayel hatte es nie erwähnt, aber Charles hatte schon lange eine Ahnung. Da musste jemand in seinem Herzen sein, den er nicht erwähnen wollte.

„Mein Garten steht dir immer offen.“

Er klopft Rafayel auf die Schulter und verabschiedet sich dann mit seinen Flammenlilien.

Die Blumen sind federleicht, in seiner Hand kaum spürbar.

Er geht noch lange, nachdem er den Garten verlassen hat, aber er ist sich immer noch nicht sicher, ob er den Strauß verschenken soll. Ihm ist auch keine gute Ausrede eingefallen.

„Wenn dich dein eigenes Herz auffrisst, gibt es dann irgendetwas, das dich zurückhalten kann?“

Er erinnert sich an Talias Frage und weicht ihrer tieferen Bedeutung aus.

Kann dieser Flammenlilienstrauß sein Anker werden? Er ist sich nicht sicher.

Unter dem Nachthimmel sind die schwarzen Wellen noch nicht ganz hereingebrochen. Noch hat er die Chance auf einen guten Schlaf.

Bis er sich dem nie endenden Tsunami allein in seinen Träumen stellen muss.