Long-awaited Rivalry
Kapitel 2 - Durchbruch
Kleines Mädchen:
Tante, eine Fremde – ich meine, eine Dame – ist hier, um etwas zu kaufen!
Im dämmrigen, gelben Licht kauert eine junge Frau hinter der Theke. gelangweilt spielt sie mit einigen Karten. Mitten an der mit Graffiti bedeckten Wand prangt der etwas protzige Name des Lokals: Elysium.
Ladenbesitzerin:
Was möchten Sie?
MC:
Eine Liste der Teilnehmer an Onychinus' Protocore-Auktion und einen Lageplan. Was kostet das?
Die Frau dreht sich um, mustert mich interessiert von oben bis unten und macht dann eine Geste.
Ladenbesitzerin:
Fünfzigtausend.
MC:
Für nur zwei Informationen?!
Sie wedelt mit dem Finger.
Ladenbesitzerin:
Fünfzigtausend pro Wort. Da Sie neu sind und hübsch, gebe ich Ihnen 5 % Rabatt. Was halten Sie davon?
MC:
Sie sind so großzügig …
Ich habe eine nützliche Karte in der Tasche, neben diesem sogenannten Familienwappen, aber ich mache mir Sorgen, dass ihre Benutzung Ärger verursachen könnte. Sie bemerkt mein Zögern, zuckt mit den Achseln und öffnet eine Tür. Lautes Stimmengewirr, vermischt mit dem Geräusch von Würfeln, Roulettes und Kartenmischern, erfüllt den Raum.
Kundin:
Gehen Sie morgen auch ins Solon Hotel? Haben Sie eine Einladung zur Auktion?
Kunde:
Ist mir egal, ob ich eine bekomme oder nicht. Bei so einer großen Sache muss man doch versuchen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen, oder?
Kunde:
Ich habe gehört, es soll einen Schatz geben. Wenn Sie ihn ergattern, könnten Sie ihn locker für Hunderttausende verkaufen!
Kundin:
Wollen Sie mitkommen? Dann fragen Sie Sylus! Ich habe gehört, wenn man ihm gibt, was er will …
Kunde:
Nur wenn ich Sylus in Onychinus finde.
Kunde:
Haben Sie es nicht gehört? Während seiner Abwesenheit gab es große Veränderungen in ihren Reihen …
(Das erklärt, warum es so lange unbewohnt aussah …)
Ich spitze die Ohren, doch dann knarrt die Tür beim Schließen.
Ladenbesitzerin:
Haben Sie sie gehört? Jetzt verstehen Sie, warum „diese beiden Informationen!“ so teuer sind. Und da es um einen der ganz Großen der N109-Zone geht, kostet es natürlich etwas.
MC:
Was, wenn ich Informationen über Onychinus brauche?
Sie erstarrt einen Moment, dann beugt sie sich vor und flüstert mir ins Ohr.
Ladenbesitzerin:
Miss, schnüffeln Sie nicht in Dingen herum, die Sie nichts angehen. Ich muss noch etwas erledigen.
Kunde A:
…Sylus ist schon lange nicht mehr da gewesen. Glauben Sie, er ist wirklich verschwunden?
Kunde B:
Vielleicht ist er tot. Hast du nicht gesehen, wie arrogant Shermans Bande in letzter Zeit war?
Kunde B:
Wenn Sylus bei Onychinus wäre, würden sie sich nicht trauen, frech zu sein.
Das sich drehende Roulette dröhnt wie ein Gewitter, und schon bald wird das Geräusch von Jubel und Schreien übertönt. Ich verstecke mich im Schatten eines Feigenbaums, halte einen Stapel Casino-Chips in der Hand und tue so, als würde ich den Spaß verfolgen. Währenddessen belausche ich die Gespräche um mich herum.
(Es scheint, als hingen Onychinus' jüngste Probleme nicht vollständig mit der Protonenkern-Auktion zusammen. Aber Sylus ist verschwunden? Lebt er nicht noch und treibt sich herum...?)
Ich erinnere mich an Sylus' pompöses, verächtliches Gesicht und muss kichern.
(Wenn er sterben würde, würde er die gesamte N109-Zone mit in den Abgrund reißen. So ist er.)
Kleines Mädchen:
Miss, ich habe eine Blume. Sie ist für Sie.
Ich schaue auf. Das Mädchen, das mich hergeführt hat, lehnt auf Zehenspitzen am Pokertisch. Sie hält eine schwarze Blume.
MC:
Danke. Bist du hier aufgewachsen? Kennt jeder Sylus?
Kleines Mädchen:
Ja! Er ist ein Monster mit riesigen Flügeln, das nie stirbt. Und er hat Hörner! Wenn ich nicht auf meine Tante höre, findet Sylus mich und verfüttert mich an seinen menschen-fressenden Vogel.
(…meint sie etwa diese Krähe?)
Alle haben Angst vor Sylus, und trotzdem versuchen sie ständig, mit ihm Geschäfte zu machen. Ganz zu schweigen davon, dass er von sich aus einen Deal mit mir vorgeschlagen hat. Vielleicht kann meine Evol ein nützliches Werkzeug gegen ihn sein …
Plötzlich hallen mehrere Schüsse durch meine Ohren. Alle blicken zum Eingang hinauf.
??:
Heute Abend haben wir eine Party.
Knall! Die Tür mit den kaputten Riegeln fällt um, und ein Paar Lederstiefel steigen darüber.
??:
Keine Panik. Onychinus' wichtigster Gast hat sich verlaufen. Ich bitte alle um Mithilfe bei der Suche.
Eine Person mit Sonnenbrille kommt herein. Sie wird von einem halben Dutzend bewaffneter Männer in Schwarz flankiert. Man hört, wie Pistolen geladen werden.
??:
Tür zu und durchsucht den Raum. Alle werden gleich bestens unterhalten.
Schüsse und das Geräusch umfallender Tische und Stühle vermischen sich mit dem Slang der N109-Zone, den ich nicht verstehe. Im versteckten Abstellraum umarme ich das kleine Mädchen fest, während ich durch das geheime Fenster zur Lobby hinausschaue.
Kleines Mädchen:
Hier sind so viele Leute. Heute ist ein guter Tag für Geschä – Mmph!
MC:
Hast du einen Todeswunsch? Versteck dich und sei leise.
Der Boden ist blutgetränkt, und die Mäuse, die sich unter den Dielen versteckt hatten, huschen ängstlich davon. Pfeifend schlendert der Mann lässig zur Theke, klingelt und schiebt der Ladenbesitzerin ein Foto vor die Nase.
??:
Ich schlage vor, Sie bringen unseren Gast herein. Mr. Sherman wird sie nicht unbeaufsichtigt lassen.
(Ist Sylus nicht der Anführer von Onychinus? Wer ist Mr. Sherman ...?)
Ladenbesitzerin:
Tut mir leid, sie ist nicht da. Ich würde mich an ein hübsches Gesicht erinnern, wenn sie tatsächlich gesehen hätte.
??:
Du hältst den Mund? Na gut.
Er dreht sich um und sieht seine Kameraden an. Sein gebrochener, mit Draht umwickelter Kiefer steht offen, als er ein heiseres Kichern ausstößt.
??:
Öffne ihnen nacheinander den Mund. Jemand wird es früher oder später ausplaudern.
Ladenbesitzerin:
Miss, sie suchen Sie, nicht wahr?
Das Geheimfenster ist verbarrikadiert, und die Stimme der Frau dringt leise durch einen Spalt.
MC:
Liefern Sie mich aus?
Ich versuche, ruhig zu klingen, während ich den Betäubungspfeil in meinem Ärmel fest umklammere. Ich muss das Ding testen, von dem Xavier behauptet, es könne „einen Elefanten lähmen“, aber es gibt keine Zoos in der N109-Zone.
Ladenbesitzerin:
Jeder, der auf Onychinus' Liste steht, ist wertvoll. Ich kann einen besseren Preis erzielen, wenn ich die richtige Person finde. Bleib, wo du bist. Ich will dich nicht so ausliefern.
Plötzlich fliegt eine Krähe Hinein und stürzt sich auf den Anführer der Suchmannschaft. Seine rasiermesserscharfen Flügel sind auf ihn gerichtet.
??:
...Was ist das?!
(Jetzt!)
Ich rolle und krieche aus dem Abstellraum. Gerade als ich mich leise davonschleichen will, packt mich jemand am Kragen.
??: …
MC: ?!
Ich drehe mich um und ziele mit meiner Waffe. Im Schatten sehe ich ein bekanntes Gesicht, sein Kinn leicht angehoben.
Sylus:
Also, wenn dich jemand rettet, richtest du dann immer die Waffe auf ihn,
um deine Dankbarkeit auszudrücken?
Mehrere Kugeln streifen ihn und zerfallen zu Staub. Die Schützen werden von etwas erwürgt. Sie sinken tot zu Boden. Ich erinnere mich an die Gerüchte, die ich zuvor gehört habe, und an diesen „Mr. Sherman“. Ich verstumme und sehe mich um.
MC:
Deine Untergebenen sind nicht gerade gehorsam.
Vor meinem Spott zuckt Sylus' Mundwinkel, als wolle er etwas sagen. Doch schließlich presst er nur die Lippen zusammen.
Sylus:
Kümmere dich erst mal um dich selbst.
Als der Anführer der Suchtruppe Sylus' Stimme hört, gerät er in Panik. Eine Wolke aus Energiepartikeln umgibt ihn … Mehrere Wanderer materialisieren sich blitzschnell. Brüllend stürmen sie direkt auf uns zu.
MC:
Rufen die Verstärkung, weil sie keine Chance haben? Ist das nicht Betrug?
Sylus packt mein Handgelenk und zieht mich in seine Arme. Er legt seinen Finger an den Abzug meiner Waffe und zielt auf die Gestalt in der Mitte des Raumes.
Sylus:
Erwartest du etwa, dass Leute aus der N109-Zone nett und höflich sind?
Der Raum ist ein einziges Chaos. Zerbrochene Gegenstände, umgestürzte Tische und Stühle liegen überall verstreut. Immer wieder tauchen Wanderer auf. Ich lehne mich ans Fenster zurück und überlege, wie wahrscheinlich eine Flucht ist.
MC:
Wir können sie nicht auslöschen … Uns bleibt nur der Rückzug.
Sylus:
Glaubst du wirklich, „Rückzug“ ist ein Wort in meinem Wortschatz?
Während ich ängstlich und müde bin, ist Sylus unerträglich ruhig und selbstgefällig.
MC:
Oh, Du genießt es also, dich auf Kosten anderer durch-zuschlagen, Mr. Sylus? Hast du mich nicht früher um mein Leben kämpfen sehen?
Sylus:
Seit wann bin ich verpflichtet, die Akten der Hunters Association über dich zu durchsuchen? Betrachte dies als Übung. Mach dich bereit.
Sylus ignoriert meine Proteste und zielt mit meiner Waffe auf den Sicherungskasten an der Wand.
Sylus:
Du wirst keine Hilfe bekommen.
Ein Schuss fällt, und das Licht erlischt. Sylus verschwindet blitzschnell. Mir wird klar, dass ich wieder einmal zurückgelassen wurde, und mir liegen Flüche auf der Zunge.
Sylus:
Machen wir einen Deal.
MC:
Wolltest du nicht gehen? Ich kann mit dir nicht resonieren.
Sylus:
Wenn du morgen an der Auktion teilnehmen möchtest, halte fünf Minuten durch. Und solltest du die Frechheit besitzen, mir zu sterben –
Er hebt die Hand und steckt mir einen Kommunikator ans Ohr.
Dann spricht er mit überraschend sanfter Stimme.
Sylus:
Du wirst tatsächlich dein Ende finden.
Schwaches Neonlicht dringt durch die Ritzen der Fenster und erhellt den kalten Regen. Die Dunkelheit ist unheimlich still, Geräusche und Licht erstarren. Ich halte den Atem an und umklammere meine Waffe fester.
(Ruhe bewahren … Ich habe solche Schießübungen schon öfter gemacht.)
Ich höre schwere Schritte, als sich etwas nähert. Es klingt, als würde ein Monster über den Boden trampeln.
-Sylus-:
Du atmest zu laut.
MC:
Du bist also im Funkkanal.
-Sylus-:
Ich habe das Licht nicht ausgeschaltet, um dich zum Kampf zu zwingen. Wir schinden Zeit.
MC:
Du bist wirklich etwas Besonderes. Du bist nicht geflohen, oder? Willst du dir nur etwas Zeit verschaffen?
Plötzlich krächzt draußen vor dem Fenster eine Krähe. Ihr lauter, unangenehmer Schrei kommt mir bekannt vor. Ich höre Flügelschlagen und mechanische Geräusche in der Dunkelheit. Sylus lacht verächtlich.
-Sylus-:
Ziel auf Mephisto.
MC:
Wen?
-Sylus-:
Die Krähe. Sie versucht dir zu helfen.
Ich richte meine Waffe auf Mephistos rote Augen. Und tatsächlich, als ich schieße, höre ich, wie sich die Wanderer einer nach dem anderen auflösen.
(Seltsam … Es scheint nicht so, als würden die Feinde weniger werden.)
MC:
Sylus, wenn sie sich nicht wie Bakterien klonen können, sind sie anscheinend unsterblich wie du. Sylus?
Keine Antwort. Es ist, als wäre unser Gespräch plötzlich ab-gebrochen worden.
(Ist ihm etwas zugestoßen?)
Aber jetzt habe ich keine Zeit, mich zu fragen, ob er in Sicherheit ist. Noch immer sind Gestalten in der Dunkelheit, die direkt auf mich zukommen. Verzweifelt schieße ich auf die Weinfässer an der Decke. Ein Schwall Alkohol ergießt sich herab. Meine Kugeln setzen sie sofort in Brand. Dann höre ich das Knistern von etwas Verbranntem. Doch die Gestalten schreien nicht auf. Sie halten nicht einmal eine Sekunde inne. Im blauen Feuerschein sehe ich ihre Gesichter – Unter der korrodierten, kristallinen Haut scheinen sie menschliche Gesichter zu haben … Sie ähneln eher Menschen als Wanderern. Panisch flieht der Mann. Er stolpert über einen herumirrenden, verlassenen OTTO und fällt mitsamt seiner Sonnenbrille ins Abwasser.
-OTTO-:
Besucher sind hier nicht erlaubt … Bitte beachten Sie die Sicherheitsvorkehrungen. Es sind noch … 67 … 67 Tage bis zum Abschluss des Projekts. Wir werden der Welt die größte Entdeckung verkünden!
Er müht sich ab, aufzustehen und eine schwere Eisentür aufzustoßen, die in einer Ecke verborgen ist. Inmitten eines Haufens alter, rostiger Geräte leuchtet eine dunkle Steinplattform auf. Nach einer Weile verblasst das Licht und nimmt eine seltsame Farbe an. Der Mann krümmt den Rücken und stößt ein heiseres, unheimliches Lachen aus.
??:
Es ist immer noch da … Der Flux Nexus … Du bist fürs Erste erledigt – Argh!
Sein Lachen verstummt abrupt. Tödlicher schwarzroter Nebel strömt aus allen Richtungen heran. Der alptraumhafte Schatten nähert sich langsam von hinten. Die Augen des Mannes weiten sich vor Angst, doch er kann sich nicht bewegen.
??:
V-verschone mich … Sy –
Karmesinrote Partikel fallen ins Abwasser. Die Luft ist totenstill, doch das Licht in der Nähe leuchtet heller. Sylus lächelt kalt. Der schwarzrote Nebel strömt in den Flux Nexus und wird von innen augenblicklich in Stücke gerissen. Sofort fallen die wütenden Monster zu Boden und rollen sich in die Fötusstellung zusammen.
(Was ist passiert? Waren sie von irgendetwas getrennt?)
Derjenige, der mir am nächsten steht, mit einer tätowierungsähnlichen Markierung auf der Brust, ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Aus seiner Wunde sickert eine Flüssigkeit, die kein Blut ist. Es ist eher eine zähflüssige Mischung aus Öl und Schleim.
(Diese Kristalle sehen aus wie Protonenkerne … Ich habe so etwas schon einmal gesehen … Sind sie Menschen oder …?)
Das Licht geht an, was mich überrascht. Leise wickle ich ein Taschentuch um einen kleinen Kristall und verstecke ihn in meinem Ärmel. Dann stehe ich auf.
MC:
Hast du auf deiner Seite alles erledigt?
Sylus:
Los geht’s.
Wie immer ist Sylus ruhig. Er wird mir wohl nicht erzählen, was er vorhatte.
Ladenbesitzerin:
Vielen Dank für Ihren Schutz! Passen Sie bitte auf sich auf.
Die Ladenbesitzerin taucht wie aus dem Nichts auf, winkt fröhlich und umarmt mich plötzlich fest.
MC: !
Sie legt mir eine Hand auf die Schulter, öffnet meine Tasche und steckt mir einen kleinen Speicher hinein.
Verkäuferin:
Sie sind wirklich ein ganz besonderer Mensch, Missy.
In dieser regnerischen Nacht rast das Motorrad die Straße entlang. Kaum sind wir zurück in Sylus' Basis, lässt er mich allein, wer weiß, was ich da eigentlich mache. Unterdessen scheint die Krähe aus irgendeinem Grund aufgeregt zu sein. Sie stützt sich mit einem Flügel ab, öffnet den Schnabel und krächzt mich laut an. Ich hebe die seltsame Krähe hoch und betrachte sie genauer. Endlich merke ich, was los ist.
MC:
Hast du dir den Flügel gebrochen? Du bist wohl doch nicht kugelsicher...
Krähe:
Krächz...
MC:
Habe ich dich etwa versehentlich getroffen?
Krähe:
Krächz...!
Als wolle sie ihren Unmut äußern, kreischt die Krähe. Es klingt, als würde man einen Metalllöffel an einer Metallschüssel reiben.
MC:
Sag bloß, du bist sauer!
Krähe:
Krächz!
MC:
Du meinst also, es ist meine Schuld?!
Krähe:
Krächz! Krächz, krächz, krächz, krächz ...
Sylus:
Was ist passiert?
Ich drehe mich um und sehe Sylus mit einem Glas Wein herauskommen. Sein Blick streift mein Gesicht und bleibt an dem hängen, was ich in den Händen halte.
Krähe:
Krächz...
MC:
Er sagt, sein Flügel ist gebrochen. Er ist jetzt außer Gefecht.
Sylus:
Du hast in nur wenigen Stunden gelernt, mit Vögeln zu sprechen?
MC:
Ich erkläre dir nur an seiner Stelle die Situation.
Sylus nimmt mir die Krähe ab. Mein mitfühlender Blick folgt ihm.
MC:
Okay, ich gebe zu, ich habe dein Haustier vielleicht versehentlich verletzt. Wie kann ich es wieder gut machen?
Sylus:
Er heißt Mephisto. Er wird sauer, wenn man ihn Haustier nennt.
Sylus betrachtet Mephistos gebrochenen Flügel und wirft mir einen Blick zu.
Sylus:
Ist vor dem Angriff etwas Seltsames passiert?
Widerwillig verschlucke ich meine Erwiderung, als erneut Wut in mir aufsteigt.
MC:
Du solltest Mephisto fragen, was passiert ist. Du hast ihn doch zur Beobachtung hinterhergeschickt.
Sylus:
Stimmt.
MC:
Du streitest es nicht ab?
Sylus lehnt sich absichtlich zurück, seine Augen glänzen wie kalte, pulsierende Flüssigkeit.
Sylus:
Hast du gehofft, ich wäre aus der Fassung, weil du mich so bloßgestellt hast? Wir sind in der N109-Zone, Sweetie. Ob du mit mir bist oder allein, du kannst meinem Einfluss nicht entkommen. Mach dir nichts vor.
MC:
Ich bin nicht die Einzige, die sich etwas vormacht. Hofft da nicht jemand, dass ich ihn weniger verachte, damit ich mich ihm resonieren kann?
Sylus: …
Obwohl er so viel durchgemacht hat und verspottet wurde, zeigt Sylus keinerlei Anzeichen von Wut. Er nestelt an Mephistos gebrochenem Flügel herum, nimmt einen Schluck von seinem Getränk und stellt mir dann das Glas in die Hand.
(…Warum halte ich dieses blöde Glas für ihn?!)
Als ich versuche, es irgendwo abzustellen, dreht sich Sylus plötzlich um, geht auf die andere Seite des Raumes und ruft mich zu sich.
Sylus:
Beeil dich.
MC:
Was?
Sylus:
Bring mir mehr Wein.
MC:
Bin ich etwa eine Bar für dich?
Sylus:
Im Vergleich zu dir ist eine Bar gehorsamer.
Mit seinen langen Beinen erreicht er den Aufzug in wenigen Schritten. Er dreht sich um und sieht, dass ich ihn noch nicht eingeholt habe. Mit der Hand, in der er Mephisto hält, winkt er mich herbei. Nachdem die Daten vom Speichermedium übertragen wurden, erscheint ein Hologramm des Solon Hotels. Die andere Datei ist eine Liste der Auktionsteilnehmer. Sogar meine falsche Identität und mein falscher Name sind darauf vermerkt. Es ist zwar noch nicht vollständig, aber es reicht mir, um die Auktion besser zu verstehen.
MC:
Übrigens, diese Typen, die mich damals in Elysium gefangen nehmen wollten … Waren das etwa Verräter, die früher in Onychinus gearbeitet haben? Sie erwähnten auch einen „Mr. Sherman“. Wer ist das?
Sylus:
Was interessiert dich ein Toter?
Sylus wirft neben mir Mephistos Trümmer beiseite. Er sieht mich ausdruckslos an. Ich starre ihn an und erinnere mich an die Worte des Werkstattbesitzers.
– Rückblende –
Händler:
nur zwei Explosionen – eine in den nördlichen Vororten und eine im Bloomshore-Viertel. Und nachdem sie diese schamlosen Dinge getan und so ein Chaos angerichtet haben, wollen sie dich zum Sündenbock machen.
– Rückblende –
(Falls es innerhalb von Onychinus noch eine andere Fraktion gibt, könnte der Vorfall bei Grandmas Haus … mit Sherman zusammen-hängen?)
MC:
Sie müssen es auch auf den Ätherkern in meinem Körper abgesehen haben. In gewisser Weise betrifft mich euer Konflikt. Nein, du hast mich absichtlich als Köder zurückgelassen, nicht wahr? Damit du aufräumen kannst?
Ich drehe den Kopf und sehe, wie Sylus und Mephisto Blicke austauschen. Die Krähe stößt einen trotzigen Schrei aus.
Mephisto:
Krächz…!
MC:
Es spielt keine Rolle, wie tief dein Groll ist. Du hast mich genug verflucht. Komm darüber hinweg. Außerdem war es ein Unfall. Ich wollte dich nicht verletzen. Außerdem hast du mich vorhin verfolgt. Selbst wenn ich es absichtlich getan hätte, hättest du es verdient.
Sylus:
Du kannst mich direkt beschimpfen, wenn du willst.
Im Dämmerlicht zeigt Sylus einen sanften Ausdruck, der so gar nicht zu ihm passt. Ich fasse mich und merke, dass ich grundlos wütend auf ihn gewesen bin.
(Ob er nun aufräumen wollte oder nicht, diese Leute waren hinter mir her. Ich musste mich ihnen früher oder später stellen.)
Stille breitet sich zwischen uns aus. Ich räuspere mich und versuche, das Thema zu wechseln, um die Stimmung auf-zulockern.
MC:
Als wir uns kennenlernten, sagtest du, wir seien „gleich“.
Wenn ich jetzt nicht frage, wird er morgen vielleicht nicht mehr die Geduld haben und mir antworten.
MC:
Du … hast wahrscheinlich auch einen Ätherkern in dir. Meiner ist in meinem Herzen. Deiner … ist er in deinem Auge?
Sylus:
Sicher. Stell es dir so vor.
MC:
Mein Ätherkern scheint sich aber nicht von einem normalen Protonenkern zu unterscheiden. Er ist nicht sehr nützlich. Aber deiner ist anders.
Sylus hält kurz inne und sieht mich ausdruckslos an.
Sylus:
Er hilft mir zu erkennen, was die Menschen am meisten wollen. Er enthüllt die Begierden, die sie nicht zugeben wollen.
Also wurden diese chaotischen Geräusche und Visionen in meinem Kopf damals am Esstisch auch von seinem Ätherkern verursacht? Während ich darüber nachdenke, muss ich ihm wieder in die Augen sehen.
??: Verschlingen … Es ist dein …
(Nicht … schon wieder … Warum bin ich …)
Ich berühre meine Stirn. Als ich wieder zu mir komme, ist sein Gesicht nur einen Atemzug entfernt. Mit meiner rechten Hand drücke ich sanft auf die Partie um sein Auge. Ich kann nicht deuten, was er fühlt. Seine dünnen Wimpern streifen sanft meine Finger. Sylus hält den Blickkontakt aufrecht, als blicke er auf etwas, das in den Tiefen meines Blicks verborgen ist.
Sylus:
Bist du verrückt geworden?
MC: Ich …
Plötzlich kommt er näher, seine Wimpern streifen fast meine Wange.
MC:
Du kannst mich wegstoßen.
Ich dachte, er würde mich wegstoßen, aber er tat es nicht.
MC:
Gefällt es dir, wenn Leute das tun …?
Ich atme tief durch und sehe ihm wieder in die Augen.
MC:
Wolltest du nicht mit mir in Resonanz treten? Willst du es noch einmal versuchen?
Ohne seine Antwort abzuwarten, greife ich wieder nach seiner Hand.
MC:
Komm schon. Diesmal benutze ich beide Hände.
Eine Kälte umfängt ihn. Ich bin mir nicht sicher, ob es die kalte Brise ist, die durch einen kleinen Spalt im Fenster strömt, oder seine Aura.
(Er ist ein guter Kämpfer. Er ist ein guter Kämpfer. Er ist ein guter Kämpfer …)
Die alte Gaslaterne über uns flackert und spendet ein Licht, das sanfter ist als unser Atem.
MC:
Er sieht gut aus. Er sieht gut aus. Er sieht gut aus. …
Sylus:
Ich kann dich reden hören.
MC:
Genieß es. Das ist eines der zwei guten Dinge, an die ich bei dir denken kann.
Ich senke meinen Blick und betrachte unsere verschränkten Hände aufmerksam. Aber ich spüre immer noch nicht die geringste Veränderung. Es scheint, als könnten wir unsere Resonanz nicht erzwingen. Aber da die Auktion immer näher rückt, brauche ich ihn so schnell wie möglich an meiner Seite. Ich ordne meine Gedanken und wähle den freundlichsten Ton, den ich aufbringen kann.
MC:
Du weißt doch, dass ich die N109-Zone betreten habe, um den Ätherkern von der Auktion zu holen. Und da du mit mir in Resonanz treten willst, hätte ich da eine Idee. Ich weiß nur nicht, ob ich sie dir sagen soll.
Sylus:
Dann lass es.
Ich zwinge mich, den Zorn in mir zu unterdrücken.
MC:
Aber ich kann nicht mit dir in Resonanz treten, weil ich dich auf einer unterbewussten Ebene ablehne. Das bedeutet, meine Evol wird von meinen Emotionen gesteuert. Die Gefühle eines Menschen zu ändern, mag schwierig sein, aber so schwer kann das nicht sein … glaube ich.
Während ich das sage, verschränke ich die Arme und hebe das Kinn.
MC:
Es gibt eine einfache Lösung direkt vor uns. Hilf mir, den Ätherkern zu holen, und sorge für meine Sicherheit, indem du mich aus der N109-Zone eskortierst. Du kannst mich dann als Köder benutzen, um aufzuräumen, oder?
Sylus:
Es sieht fast so aus, als würde dein Gesichtsausdruck sagen, dass du mir einen riesigen Gefallen tust.
(Ich habe kein anderes Druckmittel, ich kann nur bluffen, um selbstsicherer zu wirken …)
Ich weiß auch, dass mein unbeholfener Versuch Sylus nicht täuschen wird. Deshalb sage ich die Wahrheit.
MC:
Ich weiß nicht, warum du unbedingt mit mir in Resonanz treten willst, aber solange du mir helfen willst, helfe ich dir auch.
Sylus wendet den Blick von der Karte ab und sieht mich gleichgültig an.
Sylus:
Das reicht nicht.
MC:
Was willst du dann? Soll ich flehen? Ich mach das.
Sylus:
Oder wir könnten Folgendes tun.
Plötzlich öffnet Sylus die unterste Schublade und zieht eine juwelenbesetzte Krähenbrosche heraus.
Sylus:
Wenn du mir diese innerhalb von 24 Stunden abnehmen kannst, stimme ich deinen Bedingungen zu.
MC:
Testest du Leute, bevor du mit ihnen arbeitest? Testest du meine Fähigkeiten? Meine Intelligenz? Oder meine Werte?
Ich erhebe die Stimme und versuche, ihm die Brosche zu entreißen, während er abgelenkt ist. Doch er reagiert blitzschnell. Die Brosche ist im Nu verschwunden.
Sylus:
Nur mit einem Druckmittel kann man einen Deal aushandeln. Und da du es warst, der das vorgeschlagen hat, wende deine eigenen Methoden an. Sei froh, dass das Ziel diesmal klar genug ist.
Im Dämmerlicht schimmert die Krähenbrosche auf meiner Brust dunkelrot, wie Wein. Nach einigem Hin und Her habe ich sie endlich von Sylus bekommen. Er hat sein Versprechen gehalten und mir zugesagt, mir beim Erwerb des Ätherkerns zu helfen. In meinem teuren Kleid und mit dem funkelnden Schmuck wirkt mein Spiegelbild seltsam, aber dennoch anziehend.
Sylus:
Es steht dir.
Eine weitere Gestalt erscheint im Spiegelbild. Sylus lehnt lässig im Türrahmen.
Sylus:
Niemand kann sich vor einer Schönheit fernhalten, wenn sie ihn umgibt.
MC:
Pff, diese Schönheit wird dir früher oder später den Schädel einschlagen.
Ich drehe mich um und gehe auf ihn zu, um ihn genauer zu mustern.
MC:
Du willst einfach so planlos in eine gefährliche Auktion platzen?
Sylus:
Ich mag es, wie du annimmst, ich hätte keinen Plan. Finde erst einen Weg, alle in Sicherheit zu wiegen. Dann locke ich die Leute mit den verfluchten Gegenständen an und vernichte sie. Dann decke ich dich, wenn du die andere Hälfte des Ätherkerns holst.
MC:
Das war's?
Sylus:
Es wird klappen. Versprochen.
Sylus mustert mich noch einmal. Wütend nehme ich seine ausgestreckte Hand und gehe mit ihm zur Tür hinaus.
MC:
Du solltest mir später besser nicht zur Last fallen.
Um den wahren Drahtzieher der Auktion zu stoppen, kann ich mich nur mit jemandem verbünden, der noch gefährlicher ist als der Feind. Alle Informationen, die ich gesammelt habe, haben ein komplexes Netz aus Verschwörungen gesponnen. Jetzt ist es an der Zeit, es zu zerreißen.
Am Himmel werden die Sterne von einer endlosen Dunkelheit verschlungen. Der Weltraumtunnel ist still, wie in der Zeit eingefroren. Plötzlich ein dumpfer Schlag, ein Puls, der einem Herzschlag ähnelt. Kosmischer Staub füllt lautlos die Aura. Etwas durchdringt die unsichtbare Barriere … und öffnet langsam die Augen.
Sylus:
Es ist noch nicht zu spät, umzukehren, wenn du willst.
MC:
Konzentriere dich erst einmal auf dich selbst. Bleib cool. Es geht los.
(Eins, zwei, drei Männer… Das ist ein Hinterhalt!)
MC:
Sylus, bist du sicher, dass sie anbeißen?
Sylus:
Das hängt von deiner Leistung ab.
Kellner A:
Mr. Sylus, wir haben Sie erwartet.
Sylus:
Ich nehme an, Du weißt bereits, wie man sich als Köder verhält. Ich bin gleich wieder da. Viel Spaß.
(Das sind gewöhnliche Protonenkerne... Gut, dass sie keine Bomben sind.
(Hmm? Irgendwas stimmt hier nicht... Wurde da etwa manipuliert?)
Kellner B:
Ist Ihnen etwas aufgefallen, Miss? Dort drüben gibt es noch bessere.
MC:
Ihre Sachen sind ziemlich mittelmäßig. ...Sylus, ich darf doch ein paar Sachen mit deiner Karte kaufen, oder?
-Sylus-:
Belästigen mich nicht mit so einem Kleinkram.
MC:
Hmpf. Ich nehme diesen hier für eine Million. Bitte verpacken Sie ihn für mich.
-Sylus-:
Fünf Millionen.
MC:
Warum?
-Sylus-:
Mit deinem Angebot denken die Leute, ich sei pleite. Das will ich nicht, Sweetie.
(...In dem Fall werde ich mich nicht zurückhalten.)
MC:
Ich habe es mir anders überlegt. Zehn Millionen! Sind das alle Protonenkerne, die ihr habt? Ich kaufe sie euch alle ab!
-Sylus-:
Pompös.
Goldene Lichtstrahlen fallen vor die glatten, dunklen Wände. Sie erhellen die elegante Einrichtung des Raumes. Auf dem Sofa schüttelt Sylus sein Whiskeyglas. Die Eiswürfel gleiten darin und erzeugen ein leises Klicken.
An der Wand hängt ein Gemälde mit dem Titel „In Erwartung“, dass Engel, Dämonen und den Sensenmann um einen Tisch sitzend zeigt. Der letzte freie Platz scheint für ihn bestimmt zu sein.
??:
Mr. Sylus.
Der Mann namens Shermann betritt den Raum und nickt Sylus demütig zu. Sylus blickt auf, ein halbes Lächeln huscht über sein Gesicht. Und dann packt ein dunkler Nebel Shermann am Kragen und schleudert ihn zu Boden.
Shermann: Ughh.
Er ringt nach Luft und verliert durch die Strangulation seine Kraft, Sherman kratzte an dem Nebel um seinen Hals. Doch er hinterließ nur blutige Kratzer. Selbst ein sorgfältig ausgearbeiteter Plan war gegen absolute Stärke machtlos.
Sylus:
Meine Zeit ist begrenzt, also kommen wir zur Sache.
Sherman:
Nein … ich habe dich nicht verraten …
Sylus:
Oh, ich weiß. Du bist zu feige, es allein zu tun. Aber die Leute, die dir angeboten haben, mich zu ersetzen, müssen dir ein Angebot gemacht haben, das nur ein Idiot ablehnen würde.
Sylus wirft einen Blick auf den klaren Alkohol in seinem Glas und stellt es zurück auf den Tisch. Ein schwaches Leuchten erscheint in seinem rechten Auge, als er zu Sherman geht, der am Boden liegt.
Sherman: …!
Sylus:
Ich verstehe. Ihre Methode, Verräter zu kaufen, ist so altmodisch und einfallslos wie eh und je.
Unter unerträglichen Schmerzen legt Shermann endlich seine Heuchelei ab und runzelt die Stirn.
Shermann:
Sy-...Sylus! Denk nicht... Mit denen hier wirst du nicht lange übermütig sein!
Sylus lächelt ihn geheimnisvoll an und blickt auf ihn herab.
Sylus:
Da du dich für den Verrat entschieden hast... bleibt mir nichts anderes übrig, als dich im Voraus bezahlen zu lassen.
Im Festsaal unterhalten sich die Leute und mischen sich untereinander. Unzählige Blicke mustern mich, offen und aus dem Verborgenen. Ich spiele mit den Protonenkernen, die ich gekauft habe.
(Es gibt Spuren anderer Protonenkurven. Diese wurden modifiziert...)
Ich drehe mich um und sehe mehrere Augenpaare, die sofort wegschauen. Ich nutze die Gelegenheit, leise in den Ohrhörer zu sprechen.
MC:
Sylus, wie läuft es bei dir…
??:
Miss, die Brosche, die Sie tragen, ist sehr exquisit. Darf ich sie Ihnen abkaufen?
Ein Mann im Anzug versperrt mir plötzlich den Weg. Er streckt mir die
Hand entgegen und lächelt, während ein schwacher, blauer Blitz aus seiner
Manschette zuckt. Mit ausdruckloser Miene trete ich zurück und hebe das Kinn.
MC:
Kein Interesse. Entschuldigen Sie.
Der Mann rührt sich nicht. Stattdessen macht er einen weiteren Schritt auf mich zu.
??:
Wie klingen zehn Hightowers? Ah, das Bankett beginnt gleich. Möchten Sie tanzen?
MC:
Was sind Hightowers?
Sylus:
Das sind Spezialwaffen aus hochwertigen Protonenkernen. Ein einziger Hightower kann dieses gesamte Hotel auslöschen. Tut mir leid, die Brosche ist ein Geschenk von mir. Wolltest du sie verkaufen?
MC:
Wer weiß, ob du zurückkommst oder nicht.
Sylus:
Bist du enttäuscht?
MC:
Er wollte ein Vermögen ausgeben, nur um mit mir zu tanzen. Und du? Solltest du nicht auch ein Angebot machen?
Sylus:
Der Standort des Ätherkerns.
MC:
Du weißt, wo er ist?
Sylus:
Das wirst du nach diesem Tanz erfahren.
MC:
Woher weißt du so genau, dass ich dir zuhöre?
Sylus:
Weigere dich ruhig, so viel du willst.
Melodische Musik erfüllt den luxuriösen Festsaal, der in verträumtes Licht getaucht ist. Sylus führt mich ruhig über die Tanzfläche und wiegt sich im Rhythmus der Musik. Er schützt uns vor neugierigen Blicken. Und als ich aufblicke, sehe ich nur sein Gesicht, was mich ziemlich wütend macht.
Sylus:
MC, du musst schlauer sein, wenn du rebellieren willst.
MC:
Tut mir leid, ich bin solche gesellschaftlichen Zusammenkünfte nicht gewohnt.
Ich hebe ungeschickt meinen Schuh von seinem Fuß.
MC:
Hast du tatsächlich Informationen über den Ätherkern erhalten?
Sylus:
Du kannst mir auch nicht glauben.
Ich erhasche einen Blick auf einen blinkenden roten Punkt im Schatten und schubse ihn mit der Hand, die auf seiner Schulter liegt, in die entgegengesetzte Richtung.
MC:
Aber sie würden solche wichtigen Informationen nicht preisgeben. Es sei denn … es ist eine Falle.
Sylus:
Genau.
Ich sehe ihn an.
MC:
Du wirst dich doch nicht in ihre Falle werfen, oder?
Sylus:
Sei zufrieden mit deiner Rolle. Verscheuche nicht die Fische, die schon angebissen haben.
MC:
Acht Evol-Bomben, fünfzehn Hochfrequenzkanonen … Sie wollen dich wirklich tot sehen. Sylus, du hast dir viele Feinde gemacht.
Sylus:
Das ist nicht das erste Mal.
Die Musik erreicht ihren Höhepunkt. Die Orchesterklänge türmen sich übereinander wie anschwellende Flutwellen. Das Licht dimmt sich im Rhythmus der mitreißenden Beats, und Schatten umgeben uns von allen Seiten.
MC:
Du führst etwas im Schilde, oder? Selbst wenn du einen Todeswunsch hast, werde ich nicht mit dir hier sterben.
Sylus:
Keine Sorge, so leicht stirbst du nicht.
Eine ohrenbetäubende Explosion übertönt die Musik und die folgenden Schreie. Der prächtige Saal wird in einem Augenblick zu Schutt und Asche. Inmitten des tobenden Chaos verstärkt Sylus seinen Griff um meine Hand. Ich höre ihn leise schnauben. Zu meiner Überraschung sehe ich, wie er beiläufig etwas zerdrückt, bevor er es in die Trümmer wirft.
MC:
Du hattest den Zünder die ganze Zeit?
Sylus:
Die Schädlinge ließen sich Zeit. Ich wurde ungeduldig.
MC:
Das Metaflux nimmt rapide zu, und es gibt mehr als einen Wanderer … Sei vorsichtig!
Ich ziehe meine Waffe unter meinem Kleid hervor und feuere mehrere Schüsse auf den Wanderer ab, der Sylus angreifen wollte.
MC:
Das war knapp …
Sylus:
Wie lange glaubst du, hältst du mit einer veralteten Waffe durch?
Sylus wirft mir eine weitere Waffe zu.
Sylus:
Verschwende deine Mühen nicht.
MC:
Hat Shermann dich dazu gezwungen? Wo ist der Ätherkern? Antworte mir!
Nachdem ich den letzten Wanderer besiegt habe, finde ich einen Handlanger, der in einer Ecke kauert. Ich drücke ihm die Mündung meiner Pistole an den Hinterkopf.
??:
Du hast noch nicht gewonnen! Wir haben noch einen Plan B! Das Ding ist furchterregend. Wenn es auftaucht, kann nicht einmal Sylus – Agh!
Schwarzroter Nebel schleudert ihn gegen eine zerbrochene Steinsäule. Schreiend fällt er zu Boden, wie eine Marionette, deren Fäden gerade durchtrennt wurden.
Sylus:
Gewalt sollte strategisch eingesetzt werden.
Sylus wischt sich schnell das Blut aus dem Gesicht, und der schwarzrote Nebel verschwindet von seinen Händen.
MC:
Ich hätte dir geglaubt, wenn deine Hände sauber gewesen wären.
Obwohl der Ort geräumt ist, manifestieren sich über uns starke Energieschwankungen, die den Boden unter uns erzittern lassen.
MC:
Was macht denn da das Geräusch? Gibt's da noch was?
Sylus:
Los geht's.
MC:
Wohin gehen wir?
Sylus packt mein Handgelenk und geht langsam los.
Sylus:
Zu dem Ort, wo es gibt, was du suchst.
Der fast durchsichtige Aufzug fährt schnell nach oben, und die farbenfrohe Nachtlandschaft verschwindet hinter den Wolken.
MC:
Was ist das für ein Ort...?
Unzählige Metallteile liegen verstreut auf dem weitläufigen, nebelverhangenen Dach. Im Dunst, kaum sichtbar, stehen verlassene Sammelbehälter, Transporter und andere Geräte. Zerbrochene Stahlstangen ragen aus dem wuchernden Unkraut. Rostige Gestelle zeugen von einer vergangenen Ära.
MC:
Es sieht aus wie ein Experimentierlabor...
Sylus:
War es auch mal. Aber sie haben es vor einer Weile aufgegeben.
MC:
„Sie“?
Sylus schritt über Trümmer und Glasscherben, sein Tonfall blieb distanziert.
Sylus:
EVER.
(EVER?!)
Als angesehenster internationaler Konzern unterstützt er praktisch die gesamte Stadt Linkon. Wie könnten sie sich in die N109-Zone einmischen?
MC:
Ich habe gehört, dass die N109-Zone vor der Chronorift-Katastrophe das florierendste Technologiezentrum war. Daher erscheint es mir logisch, dass EVER sie als Forschungsbasis nutzt.
Sylus:
Du bist wirklich ein naiver Linkon Bürger.
MC:
Was meinst du?
Sylus, schaut mich an.
Sylus:
Viele Orte wurden von dieser Katastrophe betroffen, doch nur die N109-Zone verwandelte sich in eine Ödnis. Woran mag das deiner Meinung nach liegen?
Ich erinnere mich an einige unbestätigte Gerüchte, aber mein Kopf ist gerade völlig durcheinander, mir fallen keine Theorien ein.
Sylus:
Wir sind da.
Langsame Vibrationen, die Herzschlägen ähneln, pulsieren am Himmel. Ich blicke auf und sehe den Weltraumtunnel. Dichte Wolken und Wirbel wirbeln in der Dunkelheit, und ab und zu blitzt ein Lichtstrahl über den Nachthimmel. Der stille Tunnel ist wie ein Teleskop, das ins Universum späht.
MC:
Der Weltraumtunnel … Ich bin ihm noch nie so nah gewesen.
Ein winziger Lichtstrahl fällt in mein Blickfeld. Ich kann nicht anders, als einen Schritt zu machen –
MC:
Es ist ein Flux-Nexus. Ich habe einen in einer No-Hunt-Zone gesehen!
Sylus:
Dann solltest du wissen, was er enthält. Dieser Flux-Nexus wird nicht von normalen Protonenkernen erzeugt.
Sylus steht neben mir und sieht mich mit seinen Augen an,
die eine unergründliche Tiefe besitzen.
Sylus:
Denk erst einmal darüber nach. Wenn du ihn erst einmal entfernst, gibt es kein Zurück mehr.
(Ich bin doch schon hier. Warum sollte ich jetzt aufgeben?)
Ich knirsche mit den Zähnen und lege meine Hand auf das komplexe Muster des Flux Nexus. Sofort durchströmt mich die Kraft der Resonanz, und blendendes Licht quillt aus meiner Handfläche. Ein glänzender, schwebender Protonenkern erscheint.
MC:
Der Ätherkern!
Doch sobald ich ihn berühre,
beginnt der Boden heftig zu beben.
MC: …!
Ein Sturm bricht los. Heftige Fluktuationen treten aus dem Eingang des Weltraumtunnels hervor. Ein riesiger Schatten erhebt sich aus dem Wirbel. Er kommt immer näher. Seine Flügel verdunkeln den Himmel.
MC:
Ist das der Notfallplan, von dem alle gesprochen haben?
Sylus:
Endlich haben wir etwas Vorzeigbares.
Ein gewaltiges Protonenfeld entfaltet sich vor uns. Dann stürmt der wilde Wanderer mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf uns zu!
– Rückblende –
Wo … bin ich …? Da ist ... so viel Blut ...
... du musst weiter machen. Denn wenn du es nicht tust,
gibt es kein Zurück mehr.
Sylus
-Rückblende –
Meine Sicht verschwimmt. Zwischen Blut und Feuer erscheint der Weltraumtunnel. Er vibriert heftig.
Sylus:
MC, du musst weiter machen. Das Leben, das du mir schuldest – jetzt ist nicht die Zeit, es zurückzuzahlen.
Ich sehe die Hand, die nach mir ausgestreckt ist, und Sylus' kaltes Gesicht. Doch über ihm scheint ein Schatten zu liegen. Ich kann nicht anders, als ebenfalls die Hand auszustrecken. Unermessliche Macht strömt zwischen unseren verschlungenen Fingern – augenblicklich spüre ich ein Beben tief in meinem Herzen. Etwas fließt durch meine Adern.
Die sich auflösenden Partikel des Wanderers fallen wie ein feiner Nebel,
doch ein helleres Licht durchdringt den Dunst. Der Ätherkern sendet un-
zählige goldene Lichtstrahlen aus, die in mein Herz dringen.
Die warme, vertraute Kraft strömt weiter. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist,als die Schwankungen um mich herum langsam nachlassen.
Die Bewegungen in meinem Körper beginnen nachzulassen.
Es ist, als ob die tosenden Wellen eines Ozeans sich sanft beruhigt hätten
und zu Wellen auf der Oberfläche eines Sees geworden wären.
MC:
Also das … ist der Ätherkern …
(Was?!)
MC:
Sylus?
Sylus:
Seine Macht gehört dir. Das Gefäß wird als Ergebnis dadurch zerbrechen.
MC:
Mir …?
Sylus:
War es nicht das, was du wolltest?
MC:
Hey … Wohin bringst du mich? Das ist …Ugh, lass mich endlich los! Was … ist das?
Sylus antwortet nicht, und das gewaltige Beben, dass den Weltraumtunnel erschütterte, löst eine Kettenreaktion in der N109-Zone aus. Jene Schatten, die glaubten, Onychinus zu kontrollieren, werden aus dem Schicksalsgeflecht getilgt. Da ich die Strömungen unter der Wasseroberfläche nicht sehen kann, nehme ich nur den immer intensiver werdenden Rauchgeruch wahr, den der Wind herbeiträgt. Gebäude zerbröckeln und stürzen ein, und Mephistos Flügel durchdringen die grenzenlose Dunkelheit. Ihm folgt das ferne Läuten einer Glocke. Es ist fast wie eine Verkündung, als wolle die Welt sagen: Der wahre Anführer von Onychinus ist zurückgekehrt.
Doch Sylus bleibt inmitten des tobenden Sturms ungerührt, während er neben mir sitzt. Unser Rennwagen lässt unsere Feinde hinter sich, während vereinzelte Lichtstrahlen durch das Fenster dringen und seine Silhouette und seine Ziele verschleiern. Ich habe nie an der naiven Vorstellung festgehalten, Sylus helfe mir nur deshalb beim Erwerb des Ätherkerns, um aufzuräumen. Ein solches Geschäft würde ihm einen großen Verlust bescheren, und es ist klar, dass er alles andere als ein ahnungsloser Geschäftsmann ist.
Was sind seine wahren Motive? Einen Moment lang taucht sein Blick, als er in den Weltraumtunnel starrte, wieder vor meinem inneren Auge auf.
Dann spüre ich ein Kribbeln in meiner Handfläche. Ich umklammere immer noch den zerbrochenen Protonenkern. Es ist, als würde ich unbewusst nach einer Antwort greifen, die noch enthüllt werden muss.
Die Verbindung zwischen meiner Hand und Sylus' Hand flackert plötzlich auf, als würde sie die wirbelnden Gedanken in meinem Kopf spüren.
-Luke-:
Wir haben gehört, dass du und Boss euch um die Verräter und Diebe gekümmert habt.
-Kieran-:
Ihr habt sogar gemeinsam den Ätherkern zerstört! Gut gemacht!
-Luke-:
Ich wollte euch nur Bescheid geben, dass wir im Nest aufgeräumt haben. Niemand wird dir mehr Probleme bereiten.
MC:
Hä? Wann denn …?
-Kieran-:
Unser Boss hat uns das befohlen. Wenn er grimmig aussieht, ist er eigentlich …
Sylus:
Bis später.
-Kieran-:
B-Boss?! Das wollte ich nicht –
MC:
Also … was ist dein Plan?
Sylus:
Schneid sie ab.
MC:
Aber es scheint eine Art Energieverbindung zu sein. Kann ich sie überhaupt physisch angreifen?
Sylus:
Ich meinte deine Hand.
MC: !!!!
Sylus:
Oder du kannst dich auch in der N109-Zone niederlassen. Ich habe mehr als genug Zeit, um dieses Problem mit dir zu lösen.
MC:
Nein, danke. Lass uns einen effizienteren Ansatz wählen.
Sylus:
Lass uns den Ätherkern in deinem Körper zerstören.
MC:
Du meinst, unsere Ätherkerne haben diese Verbindung erzeugt? Okay, warum zerstören wir dann nicht deinen?
Sylus:
Vergiss es. Bei deinem aktuellen Resonanzniveau wird es nicht lange halten.
MC:
Aber bevor ich mit dir in Resonanz trat, hatte ich eine seltsame Vision …
Sylus:
Nichts Schlimmes. Von nun an wirst du öfter solche Dinge sehen.
MC:
Also … war das echt?
Sylus:
Wenn ich ja sage, entschuldigst du dich dann aufrichtig? ....MC, diese Welt ist anders, als die, die du siehst. Aber ich habe im Moment keine Lust, Geschichten zu erzählen. Du solltest dir überlegen, was du tust, nachdem du die N109-Zone verlassen hast. Und vergiss unsere Abmachung nicht.
MC:
Dann solltest du dafür sorgen, dass ich sicher wegkomme.
Sylus:
Die Außenwelt ist jetzt gefährlicher.
MC:
Danke für die Warnung. Ich werde vorsichtig sein.
Sylus:
Auf jeden Fall werden wir uns in Zukunft öfter treffen, bis das Resonanzproblem gelöst ist.
Und so verliess ich die N109-Zone. Die Stimmung beruhigte sich. Doch der Pakt mit Sylus hing noch immer in der Luft, wie ein stiller, aber unruhiger Nebel. Ich fand mich plötzlich in einem Abgrund wieder.
Die Pforten der Erinnerung schwangen auf. Und etwas regte sich.
Es ist … eine andere Welt, die ich einst erblickt hatte.