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Ein Märchen

01 | Der erste Faden

In den Tiefen des Ozeans liegt ein Ort, der dem Herzen des Planeten näher ist als selbst der tiefste Meeresgrund. Es ist Deepspaces zärtlichstes Geheimnis: das Traumweber-Büro.

Ein Traumweber-Axolotl-Baby mit glänzenden, runden Augen beobachtet seine Mutter aufmerksam und versucht, ihre Bewegungen nachzuahmen, indem es die sechs weichen, federartigen Kiemenäste an beiden Seiten seines Kopfes schwenkt. Eines Tages werden diese sanften Kiemenäste zu geschickten Schiffchen werden, die durch die Gedanken des Universums gleiten. Doch im Moment hat ihr Besitzer überhaupt kein Interesse daran, sie für einen solchen Zweck zu benutzen.

Wenn Mutter nicht hinsieht, schleicht sich der kleine Traumweber davon, um die Fische zu jagen, die zwischen dem Seegras hindurchhuschen. Währenddessen webt seine Mutter – eine Traumweberin, die ständig in ein sanftes, weiches Licht getaucht ist. Jedes Öffnen und Schließen ihrer federartigen Kiemenäste bewegt sich im Rhythmus eines wandernden Barden, ganz gleich, welchen Traum sie erschafft. Verwirrt beobachtet das Baby seine Mutter. Diese Arbeit bereitet ihm keinerlei Freude … und doch trägt Mutter immer ein sanftes Lächeln auf den Lippen.

„Mutter! Mutter, ich will nicht mehr weben!“ Der kleine Traumweber senkt den Kopf. Diese Worte stecken ihm schon seit Tagen im Hals, und nun brechen sie endlich hervor.

„…In Ordnung.“ Als hätte sie schon lange gewusst, dass ihr Sohn sich gegen seine angeborene Gabe sträuben würde, lächelt sie ruhig. „Du kannst dich eine Weile ausruhen. Sobald ich die schönsten Fäden gefunden habe, wirst du diese Aufgabe lieben.“

„Nein!“ Der kleine Traumweber schüttelt heftig den Kopf, seine federartigen Kiemenäste stellen sich auf. Er ist so wütend, wie ein Traumweber nur sein kann. „Ich will nicht weben, und ich will auch nicht, dass Mutter webt! Es macht keinen Spaß! Warum müssen wir hier sitzen und diese Träume weben? Warum können wir nicht frei schwimmen wie die anderen Meeresbewohner?!“

Leise seufzend nimmt Mutter ihr Kleines in die Arme. Ein kleiner Fisch huscht davon, während eine sanfte Stimme dem Baby ins Ohr flüstert.

„Es war einmal, da waren der Ozean und Deepspace eins …“

„Es war eine Zeit, bevor das Leben erschaffen wurde. Ein grenzenloser Ozean wiegte die schlafende Erde, und die Welt war nichts weiter als ein stiller Traum.

Das Wasser war warm, der Himmel hing tief, und die Kontinente – schüchtern wie Kinder – streckten nur hin und wieder ihre Stirn über die Wellen. Das Sonnenlicht konnte bis in die tiefsten Tiefen vordringen. Es nährte die ersten, zartesten Atemzüge auf dem Meeresgrund. Und gemeinsam mit diesen schwachen, zerbrechlichen Regungen wurden auch wir geboren.

Vielleicht war es in der Dämmerung oder im Morgengrauen. Jedenfalls war es der Augenblick, in dem der blauviolette Himmel an den Rändern rosa schimmerte. Unser allererster Vorfahr trieb im Wasser. Mit jeder Faser seines Seins lauschte er dieser urtümlichen Stille. Und dann sah er ihn: einen Faden aus reinem Grün. Weder Wasserströmung noch Licht oder Klang – er war aus unzähligen winzigen, schimmernden Partikeln gewoben. Weich wie Seidenfäden streiften sie jede Stelle seiner Haut. Dieser Faden trug die ursprünglichsten und aufrichtigsten Gefühle in sich: Freude unter der Sonne und Sehnsucht nach dem fließenden Wasser. Unser Vorfahr war von Neugier erfüllt. Vorsichtig, ganz behutsam, streckte er seine federartigen Kiemenäste aus, um diesen Faden zu berühren …“

Der kleine Traumweber hält den Atem an, seine Augen rund wie der Vollmond.

„Dann geschah ein Wunder, mein Kind. Als seine federartigen Kiemenäste durch diesen Faden glitten, wurden die verworrenen Gefühle sanft geleitet. Die verstreuten Lichtpartikel begannen zu tanzen, und vor seinen Augen entfaltete sich ein Bild so wunderschön, dass sein Herz davon bebte.

Das Seegras verwandelte sich in Wälder. Kleine Geschöpfe huschten vorbei. Manche waren unruhig, andere friedlich und warm, als würden Augen zusehen, wie diese Leben entstanden. So begann alles. Wir lernten, jene wandernden, zerbrechlichen Gefühlswellen einzufangen, die durch das Universum treiben. Wir spinnen sie zu Seide, verweben sie zu Visionen und erschaffen Träume, die das Chaos besänftigen und Frieden bringen.“

„Mutter … Mutter, woher kam der allererste Faden?“

„Niemand weiß es, mein Kind. Niemand weiß es. Vielleicht waren es die vermischten, verschwommenen Gefühle jedes winzigen Lebens im Ozean, das gerade geboren wurde. Oder das Murmeln eines einzelnen Pantoffeltierchens in einem fernen See. Vielleicht … war es ein Seufzer, den Deepspace mitten in einem Traum ausstieß. Wie dem auch sei – diese Fäden waren schon immer da, immer wartend. Wir haben nur gelernt, ihnen zuzuhören und sie zu verweben.“

Der kleine Traumweber hebt seine federartigen Kiemenäste vor die Augen, deren Spitzen nun zart rosarot gefärbt sind. Behutsam streicht er mit seinen winzigen Krallen darüber. Selten ist er jemals so still.


02 | Die Farben des Kambriums

Das rosige Rot verblasst langsam von den federartigen Kiemenästen des Babys, und sie kehren zu ihrem üblichen rosig-weißen Farbton zurück. Der kleine Traumweber rückt vor, als wolle er es noch einmal versuchen, zieht sich im letzten Moment jedoch zurück. Mit gesenktem Kopf fragt er leise:

„Mutter, was geschah dann? Wie wurden die Fäden zu dem, was sie heute sind?“

Das Jammern von zuvor ist verschwunden. Nur reine Neugier bleibt.

Mutters Augen schimmern in einem sanften, tanzenden Licht.

„Bevor wir dazu kommen, mein Kind, müssen wir eine lange Geschichte erzählen.“

Sie führt ihr Kleines durch das leuchtende Seegras. Gemeinsam treiben sie nach oben an einen Ort, den das Sonnenlicht noch erreicht, und lassen sich auf einer riesigen Muschel nieder, deren Ränder mit wunderschönen blauen Fransen geschmückt sind. Die Welt um sie herum pulsiert vor Leben.

„Nachdem jener erste Faden zu einem grünen Wald verwoben worden war – etwa 500 Millionen Monduntergänge vor unserer Zeit, in einem Zeitalter, das selbst die Steine als das Kambrium erinnern …

Diese Welt, die lange Zeit still gewesen war, erwachte scheinbar über Nacht. Der Ozean, unsere ewige Heimat, verwandelte sich in ein wundersames, wimmelndes Paradies. Unzählige Wesen nahmen Gestalten an, wie es sie nie zuvor gegeben hatte – Formen, die weit über unsere kühnsten Vorstellungen hinausgingen. Jede Gestalt, die man sich nur erträumen konnte, erschien in jenen Tagen. Jede Farbe, die man sehen konnte, begann zu blühen …“

Die federartigen Kiemenäste des Babys flattern aufgeregt, und seine Augen leuchten hell auf.

„Das … muss unglaublich lebendig gewesen sein!“

„Das war es“, antwortet Mutter. „Doch zugleich war alles unendlich viel komplexer. Mit jedem neuen Geschöpf entstanden Gefühle, die es zuvor nie gegeben hatte, und so entfalteten sich unsere Fäden in zahllosen Farbtönen.

Grün stand für Leben. Doch da war auch das Graublau des Vergehens, das Orange-Rot des Hungers, wenn ein Jäger zum ersten Mal Beute kostete, und das Weiß der Angst derjenigen, die flohen. Im Kampf um Reviere prallten schwarze Fäden des Zorns in den Strömungen aufeinander. Und auf der Suche nach einem Partner zogen Bänder aus pastellfarbener Glückseligkeit durch die Wasser.“

Mutter blickt auf die sechs federartigen Kiemenäste ihres Babys hinab. Ohne dass es bemerkt hat, haben sie sich entfaltet und zittern ganz leicht. Ihr Lächeln wird noch sanfter.

„Der Ozean wurde zu einem brodelnden, wirbelnden Farbkessel aus zahllosen leuchtenden Tönen. Immer mehr Fäden erschienen, und ihre Schichten wurden so dicht und verworren, dass unsere federartigen Kiemenäste allein nicht mehr ausreichten, um all diese bunten Fäden zu ordnen. So entwickelten wir uns weiter – durch unzählige Generationen des Zuhörens und Versuchens.“

Mit den schlanken, zarten Spitzen ihrer Kiemenäste, die von unzähligen winzigen, empfindlichen Fasern bedeckt sind, streicht sie sanft über die weichen Enden der Kiemenäste ihres Babys. Das Kleine erschauert.

„Siehst du diese weichen, flaumigen Fasern? Jede einzelne ist die feinste aller Webnadeln. Sie zeichnen den Pulsschlag des Lebens in Träume für die Schlafenden. Das war unser erstes wahres Aufblühen, mein Kind.

Die Gabe der Wahrnehmung, die uns mit der Geburt des Universums verliehen wurde, machte uns zu den aufmerksamsten und treuesten Zeugen des Festes des Lebens. In jenen Tagen lebten wir in grenzenloser, schöpferischer Freude und webten die schönsten Bilder, die die Welt je gesehen hatte.“

Die riesige Muschel beginnt zu schnarchen, und eine Blase steigt auf. In ihr schwebt ein safrangelber Faden nach oben und wickelt sich um die flauschigen Kiemenäste des Babys. Es kitzelt, und der kleine Traumweber kichert.

Zum ersten Mal denkt er, dass Traumweben vielleicht gar nicht so schlimm ist.

03 | Eine lange Nacht

Das Schnarchen der riesigen Muschel verklingt langsam, und die Blasen, die von safrangelben Fäden umhüllt sind, treiben auseinander und zerplatzen eine nach der anderen. Der kleine Traumweber ist noch immer ganz in der Pracht des Kambriums versunken.

„Was geschah danach, Mutter?“ Er hebt den Kopf, seine Augen glänzen vor Wissensdurst. „Warum können wir diese weichen Fäden nicht mehr sehen?“

Das sanfte Licht in Mutters Augen wird für einen Augenblick schwächer, doch er bemerkt es nicht. Sie zieht ihr Kind näher an sich. Die riesige Muschel erwacht, schüttelt ihren gewaltigen Körper und schwimmt davon. Gemeinsam sinken Mutter und Kind erneut hinab in die Tiefen des Meeres.

„Nur sehr wenige Leben bleiben für immer gleich, mein Kind. Genauso gibt es nur wenige schöne Lieder, die immer denselben Ton wiederholen. Die Zeitalter vergingen, und viele unserer traumhaften Gewebe wuchsen und entfalteten sich. Unsere empfindlichen Synapsen gewöhnten sich an die Sanftheit jener Fäden.“

Mutter teilt die Dunkelheit und enthüllt ein Gewirr aus ineinander verschlungenen Fäden. Ein erstickendes, trübes Dunkelgrün – durchzogen von verkohltem Schwarz und von roten Streifen vernarbt, wie rohe Wunden, die scharfe Felsen in Haut reißen.

„Und dann … senkte sich eine lange Nacht über die Welt. Es war ein Klagen, das über den ganzen Planeten hinwegfegte. Es stieg auf aus dem Heulen des Ozeans, aus jedem Atemzug der Luft, aus jedem Beben der Erde. Träume waren nicht länger erfüllt von Freude, Trauer oder Angst. Es gab nur noch Ersticken.

Es war, als hätte sich die Welt in dicken, zähen Teer verwandelt und alles Leben kämpfte vergeblich. Unsichtbare Flammen stiegen vom Meeresgrund empor und verbrannten die Grundlagen, auf denen alles Lebendige beruhte. Ein endloses Nichts ließ aus den Fäden qualvolle Dornen wachsen. Viele verschwanden in jener Nacht. Sie wachten nie wieder auf. Sie träumten nicht länger. Anders gesagt: Ihre ganze Art fand ewige Ruhe.

Wir nannten es die Auslöschung der Zivilisation. Der Tod war nicht länger nur eine gelegentliche Welle im Fluss des Lebens. Er wurde zu einer gewaltigen Vernichtung, die das Land verstummen ließ und den Ozean in Stille zurückversetzte.“

Das Licht der Freude verlischt. In den weit aufgerissenen Augen des kleinen Traumwebers spiegeln sich nur noch Schock und Angst.

„Und … was haben wir dann getan?“

„Wir webten, mein Kind.“ Mutters Stimme bleibt sanft und ruhig. „Wir hatten keine andere Wahl. Es ist unsere Aufgabe. Selbst als das Licht einer Art für immer erlosch, kämpften jene, die übrig geblieben waren, weiter ums Überleben.

Faden für Faden, Strang für Strang sammelten wir, was wir konnten, und versuchten, das Heulen und den Schmerz in etwas zu verwandeln, das die Welt ertragen konnte. Wir webten schreckliche, verdrehte Albträume in der Hoffnung, dass sie die Verzweiflung festhalten würden. Vielleicht würden sie das Gewebe der Wirklichkeit nicht zerreißen.“

Lange, sehr lange schweigt sie. Das Kind glaubt schon, die Geschichte sei zu Ende. Dann spricht sie wieder, langsamer und mit noch leiserer Stimme.

„Und doch lagen wir falsch. Das Pulsieren des Lebens zu spüren und die Freude und den Schmerz aller Lebewesen wahrzunehmen – das war unser Geschenk. Doch in jener langen Nacht wurde es zu der grausamsten Folter.“

Der kleine Traumweber macht eine schreckliche Entdeckung. Auf Mutters Körper, der sonst immer in jenem sanften Licht leuchtet, befinden sich Narben. Feine Linien ziehen sich über die Spitzen ihrer empfindlichen, federartigen Kiemenäste, über die Ansätze ihrer Glieder und über die Haut nahe ihrem Herzen.

„Du siehst sie, nicht wahr?“ Mutter streicht zärtlich mit ihren Krallen über diese Spuren. „Unser Volk ist mit der Gabe der Regeneration gesegnet. Ein gebrochenes Herz kann wieder heilen. Ein erschöpfter Geist kann sich erholen, und selbst ein verlorenes Glied wächst langsam wie eine frische Knospe nach.

Aber … die Verzweiflung eines ganzen Planeten breitete sich schneller aus, als wir jemals heilen konnten. Unsere Synapsen konnten diese Last nicht tragen. Jedes Mal, wenn wir diese verkohlten, verworrenen Fäden durchkämmten und den erstickenden Schmerz zu einer Form verwoben, wurden unsere Körper zerrissen und verschlungen.“

Der kleine Traumweber presst seine sechs federartigen Kiemenäste über die Ohren. Er will nichts mehr hören. Doch während Mutter das Gewirr der Fäden sanft entwirrt, zieht sie einen wunderschönen pfauengrünen Strang hervor. Er ist blauer als der Anfang des Lebens – wie ein Smaragd aus einer tiefen Meeresader, geküsst vom goldenen Sonnenlicht.

„Hab keine Angst, mein Kind. Ich bin noch hier. Das bedeutet, dass wir gesegnet genug waren, jene Nacht zu überleben.“

Sie hält den schimmernden Faden behutsam in ihren Armen.

„So wie damals, als wir zum ersten Mal entstanden, kehrten wir zu diesem Meeresgrund zurück – dem Ort, der dem Herzen des Planeten am nächsten ist – und fielen in einen tiefen Schlaf. Dreißig Millionen Jahre lang war diese Welt erneut still … und wir schliefen, wartend darauf, vom Leben wieder erweckt zu werden.“

Der kleine Traumweber verwebt den pfauengrünen Faden, an dem noch winzige Sandkörner haften, mit dem sanften Safrangelb. Während er arbeitet, fühlen sich die federartigen Kiemenäste an beiden Seiten seines Kopfes zugleich leicht wie Luft und schwer wie Stein an …

Vor seinen Augen entfaltet sich ein Gewebe: Meer und Land nehmen Gestalt an.

04 | Kosmische Gezeiten

Dies ist die erste Schöpfung des kleinen Traumwebers. Die Fäden, die Mutter in seine winzigen Krallen gelegt hat, erwecken etwas in ihm. Zum ersten Mal versteht er, wie wundervoll diese Gabe wirklich ist. Während die seidigen Fäden durch die empfindlichen Synapsen an den Spitzen seiner federartigen Kiemenäste gleiten, lauscht er mit jeder Faser seines Wesens. Schließlich „kostet“ er die Gefühle, die im Traum der riesigen Muschel zurückgeblieben sind: die Sehnsucht nach Sonnenlicht, den stillen Entschluss zu wachsen.

„Mutter, war die Welt nach jener Nacht wieder voller Leben?“ Es ist eine Frage, die er einfach stellen muss.

„Ja. Diese Welt findet immer einen Weg, wieder zu leben – aber sie ist niemals ganz dieselbe.“ Mutter streicht mit einem federartigen Kiemenast über die erste Schöpfung ihres Kindes. Nach so vielen Jahren des Traumwebens in diesem Zeitalter haben ihre Kiemenäste die sanfte Empfindsamkeit der Jugend verloren. Doch die Erinnerung an Berührung ist noch immer so lebendig wie eh und je. Vor ihrem inneren Auge erscheinen die großartigsten Wesen, die sie je gesehen hat, gefolgt von dem prächtigsten Glanz, den sie je verwoben hat.

„Das Kommen und Gehen des Lebens sind die Gezeiten des Universums. Als das Wasser zurückwich, wurde das Land zu einem neuen Zufluchtsort für neues Leben. Das niedlichste Werk, das ich je webte, stammte von einem kleinen Farn. Er klammerte sich in einer Felsspalte ans Leben. In seinem Traum wurde jedes seiner Blätter zu einer winzigen Schublade, und wenn sich diese Schubladen öffneten, ruhten darin kleine Universen aus allen möglichen Sporen. Die Sonne, die er sich vorstellte, war wie ein zu einem Lutscher gerollter Regenbogen.

Dann erschienen noch gewaltigere Silhouetten auf dem Land: die Dinosaurier. Das großartigste Gewebe, das ich je erschaffen habe, stammte von ihnen. In diesen Träumen breiteten sich Farben in mächtigen, kräftigen Strichen aus. Pflanzen ragten so hoch, dass sie die Wolken durchbohrten. Wenn die Dinosaurier liefen, bebte die Erde unter ihren Füßen …“

„Wie groß waren die Dinosaurier?“

„Hm … ungefähr so groß wie Wale …“

„Wow … Warum können wir sie dann heute nicht mehr sehen?“

„Die Welt verstummte erneut. Die Dinosaurier verschwanden, verschlungen von einem Himmel voller Asche und dem Weiß eines endlosen Winters, der die ganze Welt umklammerte. Also zogen wir uns wieder in die Tiefsee zurück, um Klagelieder für das Ende der Kreidezeit zu weben. Als der letzte Ton verklungen war und der letzte Traum zerfiel, schleppten wir unsere gebrochenen Körper in einen weiteren Schlaf. Wir steigen immer wieder auf und sinken wieder hinab – wie ein Atemzug.“

Der kleine Traumweber legt den Kopf schief, während seine federartigen Kiemenäste wie kleine Krallen umherzappeln, als wollten sie Gedanken greifen. Dann beginnen seine kleinen Augen wieder zu leuchten.

„Und dann? Oh, ich weiß! Nach jeder Gezeit empfängt dieser Planet neue Besucher!“

„Und dann …“ Ein Hauch von Ehrfurcht schleicht sich in Mutters Stimme. „Die Menschheit wurde geboren. Ihre Träume sind nicht mehr nur das, was ihre Augen sehen oder ihre Körper fühlen. Ihre Träume reichen über die Gegenwart hinaus. Sie tragen Reue über gestern und Hoffnungen für morgen in sich. Und doch ist das noch nicht das Erstaunlichste.“

Mutters Augen beginnen in einem Licht zu schimmern, wie man es zuvor nie gesehen hat.

„Es gibt einen strahlenden Glanz, wenn sie voneinander träumen. Es ist nicht länger nur die einfache Anziehung oder Einschüchterung zwischen Tieren, noch der ursprüngliche Drang zu überleben oder sich fortzupflanzen. Die Farben, die durch ihre Träume strömen, können in Elfenbein gehüllt sein – der Mut, für eine andere Seele in Gefahr und Vergessenheit zu gehen. Sie können auch ein Licht hervorbringen, klar wie ein Diamant – den unbeirrbaren Willen, zu den Sternen aufzublicken und davon zu träumen, sie zu berühren. Ihre Gefühle haben uns die reichsten Gewebe geschenkt, die wir je erschaffen haben.

Klang, Farbe, Rhythmus und jede Empfindung verweben sich zu einer neuen Kunstform. Es ist eine Kunst, die lebendig und überwältigend ist. Es ist, als läge in jedem kleinen menschlichen Körper ein neugeborenes Universum, das danach verlangt, zu existieren.“

Der kleine Traumweber hat sich noch nie so begeistert gefühlt. Doch als sich ein neuer Faden um seine Kiemenäste windet, erkennt er schließlich, dass die Kälte niemals verschwunden ist.

Ein Licht, das zu hell ist, wirft die dunkelsten Schatten. Jene wunderschönen Farben begannen aufeinanderzuprallen und sich zu vermischen, bis sie verdorben und befleckt wurden. Die Neugier, die einst Entdeckungen hervorgebracht hatte, verwandelte sich in eine Gier, die alles verschlingen wollte. In selbstloser Liebe schlugen die Dornen des Besitzanspruchs Wurzeln. Und im Glanz des Lebens begannen die Samen des Todes zu keimen.

Wir sahen zu, wie unsere Heimat durch Neugier ins Chaos gestürzt wurde. Mit unseren eigenen Händen begruben wir geliebte Freunde, deren Knochen von jenen blank genagt worden waren, die eine Waffe „im Namen der Liebe“ geführt hatten. In ihren Träumen fanden wir eine Schönheit, die alles übertraf, was wir je gekannt hatten – und noch etwas, das wir niemals zuvor gesehen hatten: ein schwarzes Loch. Eine „Leere“.

Mutters Blick fällt auf die federartigen Kiemenäste ihres Kindes. Mit vernarbten Händen reißt sie die Fasern weg, die sich an diese empfindlichen Synapsen geklammert haben. Dort, wo sie über die Haut schaben, verwandelt sich das Rosa in wütendes Rot, und Blut beginnt hervorzusickern.

05 | Albtraum

„Ist das der Grund, warum die Fäden jetzt so geworden sind, Mutter?“

„Ja. Es sind keine Fäden mehr, mein Kind. Jetzt haben sie einen neuen Namen. Sie sind Dornen.“

Mutter betrachtet den Wandteppich vor sich. Sie kann sich nicht erinnern, wann es geschah – wann jene weichen, singenden, herrlichen Seidenfäden zum ersten Mal harte Schalen bekamen und Stacheln trieben. Schließlich macht das Zeitalter der Menschheit in der langen Chronik der Träume dieses Planeten nur die letzten paar Sekunden aus. Es ist kurz, leicht zu vergessen.

„Mutter, können sie sich wieder zurückverwandeln?“

„Ich weiß es nicht, mein Kind. Vielleicht wird diese Welt erneut verstummen, wenn die Farben zwischen den Dornen nicht länger rein sind. Anders als die Katastrophen vergangener Zeitalter könnte dieses Schweigen ohne Donner und Flammen eintreten. Es könnte sich leise einschleichen, so gewöhnlich wie jeder andere Tag, und sich festsetzen, wenn sie trotz ihres Gewissens schweigen, wenn sie Schönheit mit Blindheit begegnen … Und vielleicht werden uns dann keine Träume mehr bleiben, die wir verweben können.“

„Werden wir dann auch verschwinden?“

„Ich bin mir nicht sicher. Letztlich sind wir Künstler, die durch ihre Schöpfungen die Geschichte der Zivilisation festhalten. Die Menschheit suchte einst bei uns nach dem Geheimnis des ewigen Lebens, nach einem Weg, dem Tod zu entkommen – doch wir selbst kennen die Antwort nicht. Vielleicht wird dieser Planet eines Tages zugrunde gehen. Und wenn dieser Tag kommt … wenn es keinen Ort mehr gibt, an den wir gehen können, werden wir zusammen mit seinen Bergen und Seen und Meeren auseinanderdriften und uns im Weltraum verstreuen.“

An Land setzt die Menschheit weiterhin ihre Tragikomödien fort, die zu verworren sind, um sie ganz zu entwirren. Sie sind überwältigend in ihrer Brillanz und zugleich unermesslich chaotisch. Der kleine Traumweber schmiegt sich an seine Mutter, seine Augen glänzend und hell. Er blickt auf den unvollendeten Wandteppich, der aus Dornen gewebt wurde. Mit zitternden federartigen Flossen streckt er sich neben seiner Mutter aus, und gemeinsam vollenden sie die letzte Ecke des Traums.

Obwohl seine mächtige Gabe der Regeneration jede Wunde rasch mit neuem Gewebe verschließt, kennt Mutter immer den Schmerz, den ihr Kind noch nicht auszusprechen vermag.

„Dass ich dich in dieses Zeitalter gebracht habe, mein Kind … es tut mir leid.“

06 | Eine Gutenachtgeschichte für brave Kinder

Irgendwo auf dieser Welt erwacht ein Mensch aus dem Schlaf. Und auf der anderen Seite der Erde kämpft ein Kind am Meer gegen die Müdigkeit an und stellt eine letzte Frage, bevor es einschläft.

„Warum hören die Traumweber nicht einfach auf? Wenn Traumweben so weh tut, warum weben sie dann weiter für die Menschen? Oder … sie könnten doch einfach nur die schönen Träume weben!“

Der alte Butler schließt sanft das Märchenbuch. Eine Meeresbrise weht durch das Fenster, und das Muschelwindspiel unter dem Dach erklingt einmal. So leise wie ein Flüstern. Dann kehrt wieder Ruhe ein.

„Kinder, wenn ihr niemals Hässlichkeit gesehen hättet, woher würdet ihr dann wissen, was Schönheit ist? Wenn die Sonne nur aufginge, aber niemals unterginge, und das Meer nur nähme, aber niemals zu Wolken aufstiege …“

Die schläfrigen Kinder versinken in nachdenkliches Schweigen. Eines schüttelt unsicher den Kopf. Dann spricht eine leise Stimme, gefärbt von Traurigkeit.

„Ja … Es klingt, als wären die Sonne und das Meer dann … tot.“ Das Kind hebt den Blick, und auch die anderen wenden sich dem alten Butler zu. Ihre hellen Augen sind von einem dünnen Schleier aus Tränen bedeckt.

Der alte Butler lächelt.

„Ganz genau. Für die Traumweber war es nie eine Entscheidung, was sie weben oder ob sie überhaupt weben. Es ist einfach die Art, wie sie existieren. Wie Atmen. Im bitteren Frost zu atmen brennt. In der Wüste zu atmen kann erstickend sein. Aber hört das Leben auf zu atmen, nur weil es weh tut?“

Der alte Butler dimmt die warme Lampe am Bett. Sternenlicht aus dem Weltraum fällt durch das Fenster und ergießt sich in den Raum. Sanft legt es sich auf jedes kleine, nach oben gerichtete Gesicht.

„Die Traumweber hörten nie auf zu weben – nicht, weil sie glaubten, das Ende verhindern zu können, oder weil es ihnen befohlen wurde. Ich glaube, gerade weil sie nur zu gut wussten, dass der Tod unvermeidlich ist.“ Der alte Butler blickt aus dem Fenster, seine Augen finden die fernen Sterne einer Galaxie.

„Im Weltraum unterscheidet sich die Menschheit nicht von den Trilobiten des Kambriums, den Dinosauriern der Jurazeit, den Mammuts der eisigen Ebenen … oder von uns. Was die Traumweber webten, war der Beweis für die Existenz eines Wesens – ein Zeugnis dafür, wie das Leben einst brannte, wie es kämpfte und wie schön es war.“

„Wie … wie wenn wir Bilder malen! Und Lieder singen!“

„Ja, genau so erschaffen wir mit unserem Leben. Selbst wenn wir eines Tages verschwinden … Solange unsere Lieder noch gesungen werden und unsere Werke weiterbestehen, werden all die Leben, die im Weltraum gekommen und gegangen sind … nicht umsonst existiert haben.“

Auf den jungen Gesichtern zeigt sich ehrlicher Stolz. Diese kleinen Chronisten der Zivilisation des Weltraums haben endlich beschlossen, dass es Zeit ist zu schlafen. Sie werden ihre Kraft brauchen, um morgen ihre nächste Mission zu begrüßen.

Der alte Butler tritt ans Fensterbrett. Eine Gestalt, die still an der Außenwand lehnt, hat der Geschichte gemeinsam mit den Kindern zugehört. Der Butler folgt ihrem Blick in die Ferne. Dort liegt das Meer, tief und unergründlich … und der Weltraum, gewaltig und grenzenlos, die sanft ineinander übergehen.