Homecoming Wing
Kapitel 2 -nicht endende Nacht
-Rückblende-
Caleb:
Warum starrst du so ins Leere? Mission vorbei? Aber versteck das Blut an deinem Ärmel, bevor du reingehst. Da du jetzt erwachsen bist, decke ich dich diesmal nicht.
MC:
Nein! Bleib, wo du bist…! Caleb! …
-Rückblende-
Ich öffne die Augen und werde von warmem Sonnenlicht empfangen. Es wirft einen blendenden, verschwommenen Heiligenschein. Als sich meine Sicht langsam klärt, sehe ich nur noch die schneeweiße Decke über mir.
(Es war alles nur ein Traum…)
Ich seufze. Ich reibe mir die pochenden Schläfen. Ich fühle mich erschöpft, mein Körper schwer.
(Letzte Nacht wollte ich so tun, als würde ich schlafen. Aber irgendwie wurde mir schwindelig und ich bin tatsächlich eingeschlafen…)
Gedanken rasen durch meinen Kopf, und ich greife nach meinem Handy. Der Bildschirm zeigt mir viele verpasste Anrufe an. Alle Anrufe sind von Zayne.
-Rückblende-
Zayne:
Das Krankenhaus kann seine Erziehungsberechtigten nicht erreichen, was problematisch sein könnte. Ich werde alles bis spätestens morgen Abend regeln.
MC:
Dann bringe ich Kevi zu dir.
-Rückblende-
(Oh nein, Kevi!)
Ich wähle seine Nummer, aber die Verbindung kommt nicht zustande. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und eile zur Tür, während ich Zayne schreibe. Als ich die Tür öffne, schallt mir ein Schwall lauter Nachrichten entgegen, während das Morgenlicht den Boden sanft erhellt. Ich ziehe mich um und renne ins Wohnzimmer, wo ich direkt gegen eine feste Brust stoße.
Caleb:
Du bist wach?
Caleb kommt aus dem Badezimmer. Noch immer steigt Dampf von seinem Körper auf. Ich halte mein Handy und trete zurück. Als ich seinen überraschten Blick sehe, spüre ich, wie mein Herz in meiner Brust pocht.
MC:
Wann bist du zurückgekommen?
Caleb:
So gegen Morgengrauen.
Er trocknet sich lässig die Haare mit einem Handtuch ab und geht zum Esstisch. Er nimmt sich ein Stück Toast.
Caleb:
Warum hast du es so eilig?
Ich komme wieder zu mir und suche krampfhaft nach einer plausiblen Ausrede.
MC:
Oh, es ist etwas dazwischengekommen. Ich schaffe es nicht rechtzeitig zum Mittagessen.
Caleb:
Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?
MC:
Nein. Ich bin vor Sonnenuntergang zurück.
-Nachrichtenreporter-:
…Und nun ein kurzes Update. Der Junge, der nach der Explosion im Cascade District verschwunden war, wurde letzte Nacht von der Farspace-Flotte gerettet. Sein Zustand ist stabil, und er wird derzeit im Krankenhaus weiter untersucht und behandelt.
Ich erstarre und starre etwas ungläubig auf den Bildschirm mitten im Wohnzimmer.
MC:
Ist der vermisste Junge gefunden worden?
Caleb:
Ja.
Er beißt in seinen Toast, als er auf mich zukommt. Er stützt sich mit einer Hand auf die Sofalehne und überfliegt die Nachrichten.
Caleb:
Bei der gestrigen Operation haben sie ihn in einem kleinen Garten unweit der Blockade gefunden. Oh, und er hielt ein Fragment von etwas in der Hand, das wie ein Ätherkern aussah. Ihm geht es gut. Und die Flotte bewahrt das Fragment derzeit auf. Wenn du dir wirklich Sorgen machst, behalte ich seine medizinischen Daten für dich im Auge.
MC:
Verstehe…
Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen, dass Caleb ihn gefunden hat. Aber da ist immer noch diese seltsame Spannung, die wie eine dunkle Wolke auf meinem Herzen lastet.
MC:
Sobald sich Kevis Zustand stabilisiert hat, sollten sie doch Besuch erlauben, oder? Ich möchte ihn sehen.
Caleb:
Klar, Pip-Sqeak. Aber warum so ein langes Gesicht?
Früher war Caleb dagegen, dass ich mich in irgendetwas einmische, was mit der Explosion zu tun hat. Und jetzt findet er es plötzlich okay. Wenn das Ganze wirklich nur ein Unfall war – eine Verkettung von Zufällen –, dann sollte ich mir keine Sorgen machen.
MC:
Ich mache mir Sorgen um ihn.
Die Frage, die ich ihm immer noch stellen will, bleibt mir auf der Zunge. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen, und nehme einen schwachen metallischen Geruch wahr. Fast überdeckt vom Duft seines Duschgels, erinnert er mich an Blut. Ich nehme seine Hand.
MC:
Hattest du gestern Abend beim Aufräumen eine Schlägerei? Bist du irgendwo verletzt?
Caleb:
Mir geht's gut.
Ich untersuche seine Hände gründlich, um sicherzugehen, dass er keine Verletzungen hat.
Caleb:
Eigentlich geht es mir gut. Aber…
Plötzlich berührt eine kalte Hand meine Stirn.
Caleb:
Sieht so aus, als wäre dein Fieber weg.
MC:
Ich hatte Fieber?
Caleb:
Ja. Gleich nachdem ich zurückkam, hörte ich dich im Schlaf nach mir rufen. Da wollte ich sichergehen, dass es dir gut geht. War es ein Albtraum oder so?
MC:
Es ist… nichts.
Ich wähle seine Nummer, aber die Verbindung kommt nicht zustande. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und eile zur Tür, während ich Zayne schreibe. Als ich die Tür öffne, schallt mir ein Schwall lauter Nachrichten entgegen, während das Morgenlicht den Boden sanft erhellt. Ich ziehe mich um und renne ins Wohnzimmer, wo ich direkt gegen eine feste Brust stoße.
Caleb:
Du bist wach?
Caleb kommt aus dem Badezimmer. Noch immer steigt Dampf von seinem Körper auf. Ich halte mein Handy und trete zurück. Als ich seinen überraschten Blick sehe, spüre ich, wie mein Herz in meiner Brust pocht.
MC:
Wann bist du zurückgekommen?
Caleb:
So gegen Morgengrauen.
Er trocknet sich lässig die Haare mit einem Handtuch ab und geht zum Esstisch. Er nimmt sich ein Stück Toast.
Caleb:
Warum hast du es so eilig?
Ich komme wieder zu mir und suche krampfhaft nach einer plausiblen Ausrede.
MC:
Oh, es ist etwas dazwischengekommen. Ich schaffe es nicht rechtzeitig zum Mittagessen.
Caleb:
Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?
MC:
Nein. Ich bin vor Sonnenuntergang zurück.
-Nachrichtenreporter-:
…Und nun ein kurzes Update. Der Junge, der nach der Explosion im Cascade District verschwunden war, wurde letzte Nacht von der Farspace-Flotte gerettet. Sein Zustand ist stabil, und er wird derzeit im Krankenhaus weiter untersucht und behandelt.
Ich erstarre und starre etwas ungläubig auf den Bildschirm mitten im Wohnzimmer.
MC:
Ist der vermisste Junge gefunden worden?
Caleb:
Ja.
Er beißt in seinen Toast, als er auf mich zukommt. Er stützt sich mit einer Hand auf die Sofalehne und überfliegt die Nachrichten.
Caleb:
Bei der gestrigen Operation haben sie ihn in einem kleinen Garten unweit der Blockade gefunden. Oh, und er hielt ein Fragment von etwas in der Hand, das wie ein Ätherkern aussah. Ihm geht es gut. Und die Flotte bewahrt das Fragment derzeit auf. Wenn du dir wirklich Sorgen machst, behalte ich seine medizinischen Daten für dich im Auge.
MC:
Verstehe…
Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen, dass Caleb ihn gefunden hat. Aber da ist immer noch diese seltsame Spannung, die wie eine dunkle Wolke auf meinem Herzen lastet.
MC:
Sobald sich Kevis Zustand stabilisiert hat, sollten sie doch Besuch erlauben, oder? Ich möchte ihn sehen.
Caleb:
Klar, Pip-Sqeak. Aber warum so ein langes Gesicht?
Früher war Caleb dagegen, dass ich mich in irgendetwas einmische, was mit der Explosion zu tun hat. Und jetzt findet er es plötzlich okay. Wenn das Ganze wirklich nur ein Unfall war – eine Verkettung von Zufällen –, dann sollte ich mir keine Sorgen machen.
MC:
Ich mache mir Sorgen um ihn.
Die Frage, die ich ihm immer noch stellen will, bleibt mir auf der Zunge. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen, und nehme einen schwachen metallischen Geruch wahr. Fast überdeckt vom Duft seines Duschgels, erinnert er mich an Blut. Ich nehme seine Hand.
MC:
Hattest du gestern Abend beim Aufräumen eine Schlägerei? Bist du irgendwo verletzt?
Caleb:
Mir geht's gut.
Ich untersuche seine Hände gründlich, um sicherzugehen, dass er keine Verletzungen hat.
Caleb:
Eigentlich geht es mir gut. Aber…
Plötzlich berührt eine kalte Hand meine Stirn.
Caleb:
Sieht so aus, als wäre dein Fieber weg.
MC:
Ich hatte Fieber?
Caleb:
Ja. Gleich nachdem ich zurückkam, hörte ich dich im Schlaf nach mir rufen. Da wollte ich sichergehen, dass es dir gut geht. War es ein Albtraum oder so?
MC:
Es ist… nichts.
Ich wähle seine Nummer, aber die Verbindung kommt nicht zustande. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und eile zur Tür, während ich Zayne schreibe. Als ich die Tür öffne, schallt mir ein Schwall lauter Nachrichten entgegen, während das Morgenlicht den Boden sanft erhellt. Ich ziehe mich um und renne ins Wohnzimmer, wo ich direkt gegen eine feste Brust stoße.
Caleb:
Du bist wach?
Caleb kommt aus dem Badezimmer. Noch immer steigt Dampf von seinem Körper auf. Ich halte mein Handy und trete zurück. Als ich seinen überraschten Blick sehe, spüre ich, wie mein Herz in meiner Brust pocht.
MC:
Wann bist du zurückgekommen?
Caleb:
So gegen Morgengrauen.
Er trocknet sich lässig die Haare mit einem Handtuch ab und geht zum Esstisch. Er nimmt sich ein Stück Toast.
Caleb:
Warum hast du es so eilig?
Ich komme wieder zu mir und suche krampfhaft nach einer plausiblen Ausrede.
MC:
Oh, es ist etwas dazwischengekommen. Ich schaffe es nicht rechtzeitig zum Mittagessen.
Caleb:
Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?
MC:
Nein. Ich bin vor Sonnenuntergang zurück.
-Nachrichtenreporter-:
…Und nun ein kurzes Update. Der Junge, der nach der Explosion im Cascade District verschwunden war, wurde letzte Nacht von der Farspace-Flotte gerettet. Sein Zustand ist stabil, und er wird derzeit im Krankenhaus weiter untersucht und behandelt.
Ich erstarre und starre etwas ungläubig auf den Bildschirm mitten im Wohnzimmer.
MC:
Ist der vermisste Junge gefunden worden?
Caleb:
Ja.
Er beißt in seinen Toast, als er auf mich zukommt. Er stützt sich mit einer Hand auf die Sofalehne und überfliegt die Nachrichten.
Caleb:
Bei der gestrigen Operation haben sie ihn in einem kleinen Garten unweit der Blockade gefunden. Oh, und er hielt ein Fragment von etwas in der Hand, das wie ein Ätherkern aussah. Ihm geht es gut. Und die Flotte bewahrt das Fragment derzeit auf. Wenn du dir wirklich Sorgen machst, behalte ich seine medizinischen Daten für dich im Auge.
MC:
Verstehe…
Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen, dass Caleb ihn gefunden hat. Aber da ist immer noch diese seltsame Spannung, die wie eine dunkle Wolke auf meinem Herzen lastet.
MC:
Sobald sich Kevis Zustand stabilisiert hat, sollten sie doch Besuch erlauben, oder? Ich möchte ihn sehen.
Caleb:
Klar, Pip-Sqeak. Aber warum so ein langes Gesicht?
Früher war Caleb dagegen, dass ich mich in irgendetwas einmische, was mit der Explosion zu tun hat. Und jetzt findet er es plötzlich okay. Wenn das Ganze wirklich nur ein Unfall war – eine Verkettung von Zufällen –, dann sollte ich mir keine Sorgen machen.
MC:
Ich mache mir Sorgen um ihn.
Die Frage, die ich ihm immer noch stellen will, bleibt mir auf der Zunge. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen, und nehme einen schwachen metallischen Geruch wahr. Fast überdeckt vom Duft seines Duschgels, erinnert er mich an Blut. Ich nehme seine Hand.
MC:
Hattest du gestern Abend beim Aufräumen eine Schlägerei? Bist du irgendwo verletzt?
Caleb:
Mir geht's gut.
Ich untersuche seine Hände gründlich, um sicherzugehen, dass er keine Verletzungen hat.
Caleb:
Eigentlich geht es mir gut. Aber…
Plötzlich berührt eine kalte Hand meine Stirn.
Caleb:
Sieht so aus, als wäre dein Fieber weg.
MC:
Ich hatte Fieber?
Caleb:
Ja. Gleich nachdem ich zurückkam, hörte ich dich im Schlaf nach mir rufen. Da wollte ich sichergehen, dass es dir gut geht. War es ein Albtraum oder so?
MC:
Es ist… nichts.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in letzter Zeit zu sehr verausgabt habe. Oder vielleicht war es der Albtraum von heute Morgen. Jedenfalls bin ich unruhig. Ich schaue zu Caleb, der sich eine Jacke holt. Er stupst mich an der Schulter an, um mich woanders hinzuführen.
Caleb:
Warum wäschst du dich nicht erst? Ich hatte gestern keine Gelegenheit, mit dir etwas zu unternehmen. Willst du heute ausgehen?
Ich zögere. Und bevor ich nicken kann, vibriert sein Handy.
Caleb:
Ich bin's. Was ist passiert? Was ist los?
Die Stimme am anderen Ende der Leitung lässt Calebs Lächeln verschwinden. Seine Stirn runzelt sich.
Caleb:
…Alles klar.
MC:
Was ist los?
Caleb:
Mia ist gestorben.
In diesem Moment breitet sich Stille aus und umhüllt mich. Sonnenlicht trifft auf den Boden, doch seine Kälte kriecht wie Ranken empor und raubt mir den Atem.
Zayne:
Laut dem Dokument , dass ich gelesen habe, erlitt Mia aufgrund ihrer Verbrennungen einen septischen Schock. Sie konnten sie nicht retten.
Zayne prüfte Mias Notfallbehandlungsberichte, die exakt mit der öffentlichen Erklärung der Flotte übereinstimmten.
Zayne:
Die Krankenakten sind zu detailliert. Es wirkt fast so, als würden sie etwas verbergen. Außerdem hat niemand Mias Tod mit eigenen Augen gesehen.
Nach dem Ende der akademischen Konferenz nahm Zayne eine geheime Akte an sich und reiste mit dem Ärzteteam ab. Er nahm diese Geheimnisse mit. Und nachdem er sich von meiner Sicherheit überzeugt hatte, stellte er keine weiteren Fragen.
Zayne:
Was Kevi betrifft: Wer auch immer sich so viel Mühe gegeben hat, ihn zu finden, will ihn ganz offensichtlich am Leben behalten … zumindest vorerst. Sei nicht so streng mit dir selbst.
Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende.
Die sterblichen Überreste der Eltern der Geschwister wurden an Bord des kleinen Schiffes gefunden, mit dem Joseph geflohen war, was seine Beteiligung weiter beweist. Die Farspace-Flotte schaltete sich ein, um die Bedenken der Öffentlichkeit auszuräumen und organisierte schnell eine Adoptivfamilie für Kevi. Alles ging in einem unnatürlich schnellen Tempo voran. Ihre makellose Reaktion war zu perfekt. Es war wie ein Schachspiel, bei dem jeder Zug im Voraus geplant war.
Reporter A:
Ist der Explosionsvorfall auf Fahrlässigkeit der Flotte zurückzuführen?
Reporter B:
Hat die Flotte irgendwelche Schritte unternommen, um über ihr Handeln nachzudenken? Gibt es angesichts des bevorstehenden vollständigen Lockdowns neue Protokolle?
Hinter dem Absperrband versammeln sich Reporter und Fotografen mit Kameras aller Größen. Doch vor Mias Grab herrscht eine unheimliche Stille. Nach dem Ende der Beerdigung zerstreut sich die Menge. Kevi steht allein am Grabstein und spielt mit der schwarzen Armbinde, die immer weiter herunterrutscht. Sein Gesicht ist glatt und jungenhaft. Weder Kristalle noch Trauer sind zu sehen.
MC:
Kevi, alles in Ordnung?
Kevi:
…Miss.
Er sieht mich an und mustert meinen Gesichtsausdruck, bevor er lächelt.
Kevi:
Ja. Der Professor war sehr nett. Ich ziehe bald um.
(Der Professor? Hat er Kevi adoptiert?)
MC:
Ich bin Tut mir leid. Ich hatte geplant, an dem Abend aufzutauchen, aber… Wenn ich dich nur früher gefunden hätte…
Kevi:
Schon gut. Die Flotte hat mich schließlich gefunden.
Er spricht, bevor ich fortfahren kann, sein Gesichtsausdruck fast emotionslos. Er ist gefasst.
MC:
Aber… ich dachte, du wolltest nicht mit der Flotte gehen?
Irgendetwas stimmt immer noch nicht. Kevi schaffte es, unentdeckt zu bleiben, selbst bei gründlichen Suchaktionen. Die Flotte fand ihn erst, als…
Kevi:
Keine Sorge, Miss. Ich werde mich in meinem neuen Zuhause einleben. Ich werde meine Schwester vermissen.
Er spricht, als wäre es eine Tatsache. Und warum sollte man über etwas traurig sein, das bereits Realität ist? Es ist, als wäre ich diejenige, die noch nicht bereit ist, der Realität ins Auge zu sehen. Ich unterdrücke die Traurigkeit in mir und gebe ihm die gereinigte Lucia.
MC:
Hier ist das Kuscheltier, das Mia zurückgelassen hat. Es soll bei seinem Besitzer bleiben.
Kevi runzelt die Stirn. Er wirft einen Blick auf das Foto auf dem Grabstein, umgeben von Blumen und Spielzeug, als versuche er herauszufinden, wer die Person ist.
Kevi:
Ich mag kein Spielzeug. Aber weil es von dir ist, nehme ich es.
Die Verwirrung in seinen Augen währt nur einen Moment. Als er wieder aufblickt, hat er dieses gelassene Lächeln im Gesicht.
Caleb:
MC.
Nachdem Kevi mit seiner neuen „Familie“ gegangen ist, bleibe ich stehen, wo ich bin, und höre dann eine vertraute Stimme hinter mir. Caleb zieht seinen Hut und legt einen frischen Blumenstrauß an Mias Grab.
Caleb:
Tut mir leid. Es kam etwas von der Flotte dazwischen.
MC:
Schon gut. Als dein Adjutant ist es normal, dass ich dich vertrete, wenn nötig.
Lange stehen wir da und betrachten schweigend das strahlende Lächeln auf dem Grabstein.
Caleb:
Wie geht es Kevi?
MC:
Ihm geht es … fast zu gut, um wahr zu sein.
Caleb:
Vielleicht spielt der Junge nur etwas vor. Also hat er den Verlust seiner Familie und seiner Schwester noch nicht wirklich verarbeitet.
„Das kann nicht sein.“ Der Zweifel in meinem Kopf ist mir fast entglitten. Ich schließe langsam die Augen und beruhige mich. In weniger als zwei Tagen hat sich Kevis Zustand völlig verändert. Das muss das Werk der Flotte sein. Es scheint, als hätte eine unsichtbare Macht die schnelle Abwicklung von Mias Beerdigung und Kevis Adoption vorangetrieben. Bedeutet das, dass Caleb weiß, was wirklich vor sich geht …?
MC:
Viele Erwachsene haben mit solchen Tragödien zu kämpfen. Ich kann mir nur vorstellen, wie es für sie ist. Es ist wie bei einem Kind.
Caleb versteht, was ich meine, und drückt mir tröstend die Schulter. Er sieht aus, als wolle er noch etwas sagen, senkt aber nur den Kopf. Ein Hauch von Traurigkeit liegt in seinen Augen.
Caleb:
Sei nicht so entmutigt.
MC:
Okay…
Seit der Explosion ist alles zu perfekt in Ordnung gebracht worden. Der Wind weht eines der Spielzeuge in die Nähe des Grabsteins. Es rollt und bleibt vor meinen Füßen liegen. Caleb bückt sich, um es aufzuheben. Er klopft es ab, und sein Abzeichen glänzt silbern im Dämmerlicht. Ich spiele mit dem Saum meines Shirts und unterdrücke die Fragen, die mir auf der Zunge brennen. Ich kenne Caleb schon lange. Ich sollte nicht ohne Beweise an ihm zweifeln.
Caleb:
Komm, wir gehen. Wir können uns woanders entspannen.
Flottenoffizier B:
Colonel.
Das Kommunikationsgerät an Calebs Handgelenk vibriert. Er verzieht das Gesicht.
Caleb:
Was ist los?
Flottenoffizier B: Draußen ist eine große Gruppe Reporter. Sie machen ein großes Aufsehen…
Caleb:
Ich sehe nach.
Flottenoffizier B:
Jawohl, Colonel!
MC:
Geh nur. Ich möchte noch etwas Zeit mit Mia verbringen.
Caleb:
Okay, ich bin gleich wieder da.
MC:
Caleb.
Gerade als er gehen will, halte ich ihn auf. Ich möchte ihn etwas fragen. Ich sehe in seinen vertrauten Blick. Ich lasse den Saum los, den ich so fest umklammert hatte, und lächle ihn an.
MC:
Egal was passiert, ich kann dir immer vertrauen, oder?
Caleb:
Natürlich.
Er bewegt seinen Arm, als wolle er mir durch die Haare wuscheln. Doch er hält inne und klopft mir stattdessen auf die Schulter. Er will nicht, dass der Dreck von seiner Hand in meine Haare kommt.
Caleb:
Warte auf mich.
Als immer mehr Leute gehen, wird es still auf dem Friedhof. Ich mache einen Spaziergang auf dem Kiesweg. Ich bin näher am Ausgang. Doch die Fragen, die ich mich nicht zu stellen traute, lassen mich nicht los. Wenn die Farspace-Flotte die Explosion verursacht hat, was könnte ihr Motiv sein? Wie viel weiß Caleb wirklich …? Gibt es eine unerzählte Geschichte darüber, wie er Teil der Farspace-Flotte wurde?
(Hat es etwas mit dem Ätherkernfragment zu tun? War das der Grund, warum die Flotte so verzweifelt nach Kevi suchte?)
MC:
Aber wenn es nur um das Ätherkernfragment ginge, hätten sie ihn nicht gerettet. Es sei denn…
??:
Es sei denn, der Junge hat etwas Wertvolleres.
Eine kühle Brise unterbricht meine Gedanken. Ich drehe mich um und sehe eine dunkle Gestalt hinter mir. Er lehnt an einem Grabstein, seine Zunge schnellt wie die einer Schlange hervor. Risse und Flecken zieren sein Gesicht.
Viper:
In dieser Welt wollen viele einen Ätherkern. Aber nur wenige Auserwählte können seine Macht beherrschen, ohne verschlungen zu werden. Und solche Individuen zu finden ist unglaublich selten.
MC:
Du bist es schon wieder.
Viper:
Du tust nicht einmal so, als wärst du überrascht.
MC:
Warum bist du hier?
Viper:
Um dich zu töten, ganz klar.
MC:
Wie lächerlich.
Ich ignoriere seinen Bluff und ziehe meine Waffe.
MC:
Wer bist du? Bist du einer von EVERs Attentätern oder einfach nur jemand, der sich für den Ätherkern interessiert?
Viper:
Du hast es geschafft, die richtige Antwort zu vermeiden.
Er grinst, sein Gesichtsausdruck verrät nichts von Freundlichkeit. Er streckt mir die Hand entgegen.
Viper:
Lass mich mich ordentlich vorstellen. Ich bin Calebs Freund. Du kannst mich „Viper“ nennen.
Da ich nicht reagiere, zuckt er mit den Achseln und zieht seine Hand zurück.
MC:
Willst du damit andeuten, dass das, was mit Kevi passiert ist, durch seine Fähigkeit, einen Ätherkern zu benutzen, verursacht wurde?
Viper:
Sei nicht so misstrauisch. Obwohl es echt nervt, dich so manipuliert zu sehen. Ich bin hier, um dir zu helfen. Willst du nicht wissen, was die Flotte und Caleb wirklich treiben?
MC:
Was lässt dich glauben, dass ich dir das abnehme?
Als ich meine Zweifel äußere, ist er völlig überrascht.
Viper:
Stimmt schon…
Während wir reden, dringt das leise Brummen eines Autos vom Friedhof herüber und dringt über die Mauer. Ich schaue in seine Richtung. Die Heckscheibe fährt langsam herunter. Kevi winkt mir zu, ein eiserner Zaun trennt uns. Ich kann nicht erkennen, wer die Person neben ihm ist. Wahrscheinlich sein neuer Vormund.
Viper:
Was für ein Glückspilz, dem Schicksal eines normalen Menschen entronnen. Es ist besser, nach der Pfeife der Starken zu tanzen, als ein eintöniges Leben zu führen. Ein Bauer ist immer noch ein Bauer. Aber er hat eine Chance, bis zum Ende eines großen Schachspiels zu überleben.
MC:
Was hast du ihm angetan?
Viper:
Endlich stellst du die richtigen Fragen.
Ein Hauch von Spott huscht über die grauen Augen, die mich fixieren.
Viper:
Sorgst du dich nicht um ihn? Geh und sieh selbst nach.
Ohne es zu merken, fange ich einen kleinen, glänzenden Gegenstand auf, der auf mich zugeflogen kommt. Ich öffne meine Handfläche und sehe eine Scheibe mit einer ungewöhnlichen Form.
Viper:
Morgen Nachmittag. Chelsseven, 93. Azureway Road. Bis später.
Die Gestalt wiegt sich im Wind, bevor sie sich augenblicklich wie Nebel auflöst.
Chelsseven, 93. Azureway Road.
Eine wunderschöne, abgeschiedene Villa liegt wie in einen weißen Schleier gehüllt. Man kann nicht erkennen, ob das Gebäude von Nebel oder ziehenden Wolken umgeben ist. Der Störsender, den mir Viper gegeben hat, ermöglicht es mir, lautlos die Rückwand zu erklimmen und den Innenhof zu betreten. Die Schatten der Bäume werfen diagonale Linien über das Gras und die sorgfältig gestutzten Sträucher. Der schmiedeeiserne Zaun, der den gesamten Bereich umschließt, wirkt wie ein sorgfältig errichtetes Gefängnis.
(Was genau will Viper mir zeigen…)
Ich gehe um den Schatten eines Baumes herum und bemerke eine vertraute Gestalt mitten im Garten.
Kevi:
Miss, Sie besuchen mich.
Er lächelt, scheinbar unbeeindruckt von meinem plötzlichen Erscheinen.
MC:
Schön, dich wiederzusehen, Kevi.
Ich antworte mit einem Lächeln, das genauso warmherzig ist wie seines.
MC:
Ist das dein neues Zuhause? Ist alles in Ordnung?
Kevi:
Der Professor meinte, ich würde meine Kurse hier beenden. Er hält mich für talentiert, aber ich habe noch viel zu lernen.
Als ich näherkomme, sehe ich, dass Kevi einen bunten Vogel in den Händen hält.
Kevi:
Ich habe ihn im Garten gefunden.
Er kneift ihm in die Krallen und beobachtet den kleinen Vogel, wie er sich abmüht.
Kevi:
Wenn ich ihm die Flügel breche, kann er für immer hierbleiben. Er wird aber sehr schnell sterben. Der Professor sagte, wenn wir das neuromuskuläre System des Vogels beschädigen, kann er nicht mehr fliegen. Aber er wird es glauben. Langsam wird er sich an sein Leben am Boden gewöhnen. Dann wird der Vogel vergessen, dass er fliegen soll.
Eine eisige Stimme, durchdrungen von kindlicher Unschuld, lässt mich erschaudern.
MC:
…Kevi, wer ist der Professor? Wie ist er so?
Kevi:
Ich kann es dir nicht sagen. Du bist nicht meine Familie.
(…Familie, hm.)
MC:
Erinnerst du dich an Mia? Ist etwas passiert, nachdem die Flotte dich gefunden hat? Kannst du es mir erzählen?
Kevi:
Meine Schwester… Sie ist tot. Der Professor sagte, es sei falsch, traurig zu sein. Ich sollte nicht traurig sein. Ich werde viele Geschwister haben. Und ich werde stark sein…Ich habe immer geglaubt… Wenn man einen geliebten Menschen verliert, soll man traurig sein. Aber Miss, ich fühle mich überhaupt nicht so… Sollte ich traurig sein?
Kevis Finger entspannen sich unwillkürlich, und der Vogel nutzt diese Gelegenheit, um mit den Flügeln zu schlagen und in den Himmel aufzusteigen.
Er senkt den Kopf, Tränen fallen auf seine Hand. Ein verwirrter Ausdruck erscheint wieder auf seinem Gesicht. Ich berühre seine Schulter, bereit, ihn zu trösten. Doch ein leises mechanisches Geräusch lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich.
-??-:
Systemfehler. Zweiter Neustartversuch. Die primäre Persönlichkeit greift das Kontrollprogramm an.
Mein Blick fällt auf ein dünnes Metallarmband an Kevis Handgelenk. Es leuchtet schwach blau.
Kevi:
Nein… Nein… So darf es nicht sein!
MC:
Kevi, ist alles in Ordnung? Kannst du mich hören?
Doch egal, wie oft ich seinen Namen rufe, Kevi reagiert nicht. Er steht still.
Kevi:
Ich… ich… ich sollte nicht… ich sollte nicht vergessen…
Seine Sätze sind abgehackt. Es ist, als würde ein Programm seinen Verstand übernehmen.
??:
Der Chip… liest neu… Speicher wird geladen…
Im Bruchteil einer Sekunde richtet sich sein Blick wieder auf mich. Bevor er sich die Tränen abwischen kann, lächelt er mich an und schüttelt langsam meine Hand von seiner Schulter.
Kevi:
Miss, Sie besuchen mich. Das ist gut. Es ist Zeit für Sie zu gehen. Der Professor kommt gleich.
Plötzlich schnürt sich mir die Brust zusammen. Wollte Viper mich das etwa Zeuge werden lassen? Wollte er, dass ich sehe, wie Kevi manipuliert wird, bis seine Erinnerungen umgeschrieben werden? Steckt die Flotte dahinter? Oder vielleicht …?
(Da kommt jemand!)
Als die Schritte näherkommen, springe ich über die Mauer und verstecke mich im Gebüsch.
??:
Ist etwas passiert, Kevi?
Kevi:
…Nichts. Der Vogel ist nur weggeflogen.
Die ruhige, leicht erschöpfte Stimme meldet sich wieder.
??:
Ich sehe, du kämpfst darum, das bruchstückhafte Bewusstsein zu bändigen, das nicht deins ist. Diese Erinnerungen, Emotionen und Gefühle gehören dir nicht. Lass dich nicht von ihnen verzehren.
Plötzlich herrscht Stille. Dann –
??:
War dieses Mädchen, Mia, auch Teil deines Plans?
Mein Herz rast plötzlich. Draußen hinter der Mauer höre ich Calebs Stimme.
Caleb:
Sie zeigte keinerlei Anzeichen einer Verwandlung. Warum also?
??:
Du denkst zu viel darüber nach. Für normale Menschen wie sie ist es nicht nötig, sich zu sehr zu binden. Deinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und dich für jeden kleinen Fehler selbst zu beschuldigen … Das hält dich nur zurück.
(Ist Caleb hier?)
Es fühlt sich an, als hätte mich jemand mit kaltem Wasser bespritzt. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, während ich mich bemühe, ruhig zu bleiben.
??:
Wie läuft es bei dir?
Caleb:
…Wir sind bald mit den Aufräumarbeiten fertig. Was die Bergung angeht, werden wir das Tempo erhöhen.
??:
Der Plan wird wieder aufgenommen. Du musst dafür sorgen, dass sie sich nicht einmischt. Sonst kann ich das nicht mehr lange geheim halten.
Caleb:
Das wird sie nicht.
Als Caleb durch das Gartentor tritt, spürt er etwas. Er bleibt wie angewurzelt stehen und dreht sich um. Alle Fenster entlang des Korridors spiegeln den rötlichen Sonnenuntergang wider, der sich in einem Punkt trifft.
??:
Was ist los?
Caleb:
Nichts.
Die flüchtige Gestalt scheint ein Lichtspiel zu sein. Er wendet den Blick ab und betrachtet die Nebelschichten, die die Außenmauer bedecken.
Caleb:
Wenn dieser Tag wirklich kommt und sie alles entdeckt ...Ich werde sie verstecken. Sie wird an einem Ort sein, wo sie niemand finden kann.
Trotz meines verlängerten Urlaubs erregt meine dringende Nachricht bei meinen Kollegen der Spezialeinheit kein Aufsehen. Nachdem ich um Unterstützung bezüglich Kevis Zustand gebeten hatte, informierte ich Captain Jenna auch über meine Vermutung, dass das Spatium-Kernfragment wahrscheinlich in die Hände der Farspace-Flotte gefallen war. Daraufhin betonte sie wiederholt die komplexe Lage von Skyhaven und wollte lieber eine Gelegenheit verpassen, als mir einen riskanten Rückeroberungsversuch zu erlauben.
Ich habe mehrmals versprochen, nicht überstürzt zu handeln. Schon bald lieferte Andrews Suche erste Ergebnisse. Es überrascht nicht, dass die Suche nach „Farspace -Flotte“ und „Gedankenkontrollchips“ keine Treffer brachte.
MC:
Natürlich … ich verstehe.
Als ich auflege, erfüllt mich der Lärm des Verkehrs. Über mir glitzern verschlungene Umlaufbahnen wie fließende Sternenströme. Die geschäftige Szenerie um mich herum wirkt surreal. Sobald ich aufhöre, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, steigen all die Gedanken, die ich verdrängt habe, wieder auf. Caleb wusste nicht nur von den Aktionen der Weltraumflotte. Er könnte auch … in diese Sache verwickelt gewesen sein. Könnten seine ständig unklaren Aufenthaltsorte und die streng geheime „Säuberung“ damit zusammenhängen? Und was mit den Geschwistern geschah, war definitiv kein „Unfall“, wie der Professor behauptete. Eines ist sicher: Selbst wenn Mias Tod ein Unfall war, hat die Flotte Kevi absichtlich mitgenommen.
(Die Flotte muss eine Art „Chip“ benutzen, um Kevi und Joseph zu kontrollieren. Wahrscheinlich verfolgen sie Ziele, die über die Beschaffung von Ätherkernfragmenten hinausgehen.)
Ich senke den Blick und bemerke ein metallisches Glitzern in meiner Tasche. Die Kette, die ich Caleb geschenkt habe, trage ich immer noch. Im Chaos der letzten Tage habe ich vergessen, sie ihm zurückzugeben. Und in der versteckten Tasche meines Mantels befindet sich ein neuer Überwachungschip, den ich von der Spezialeinheit mitgebracht habe. Nur für alle Fälle …
(Verzeih mir, Caleb.)
Nach ein paar Minuten hole ich endlich mein Handy heraus und wähle Calebs Nummer.
MC:
Hey.
Caleb:
Was gibt’s?
MC:
Nichts Besonderes. Ich wollte dir nur sagen, dass mein verlängerter Urlaub von der Association zu Ende geht. Ich fahre bald zurück nach Linkon.
Caleb:
Wurde ein Termin festgelegt.
MC:
Nein. Ich war ein paar Tage in Skyhaven und hatte alle möglichen Verpflichtungen. Ich hatte noch keine Gelegenheit, richtig Zeit mit dir zu verbringen. Wann hättest du Zeit? Passt es dir jetzt?
Caleb:
…Klar. Ich bin bereit, wenn du es bist. Hast du schon einen Ort im Sinn?
Ich schaue auf. Ein nahegelegener Turm – das Aerospace Center – ragt über mir auf, seine Spitze durchbricht den Himmel. Sanftes Mondlicht fällt darauf. Früher war das Calebs Arbeitsrevier, als er noch bei der Deepspace Aviation Administration arbeitete. Die friedliche Szenerie ändert sich, als holografische Werbung zwischen den Wolken tanzt.
-Anzeige-:
Kommt zur Sunset Promenade am äußeren Ring des Aerospace Centers und erlebt eine Supernova vom Typ Ia in Tausenden von Lichtjahren Entfernung!
MC:
Ich habe gehört, heute gibt es eine Supernova. Sowas sieht man ja nicht alle Tage, oder? Lasst uns mal nachsehen. Wir treffen uns in einer Stunde an der Sunset Promenade.
-Astronomie-Sendung-:
…Kle9831007 ist ein uralter Stern, der 2.300 Lichtjahre von uns entfernt ist. Die Deepspace Academy hat den genauen Zeitpunkt berechnet, an dem das Licht der Supernova die Erde erreichen wird…
Als ich von der Plattform des Shuttles steige, breitet sich die Landschaft der Hauptinsel vor mir aus. Mit Einbruch der Dunkelheit leuchtet das ringförmige Netz, das den Turm umgibt, wie ein Planetenring. Im Lichtermeer der Neonreklamen und Hologramme diskutieren die Menschen gespannt über die bevorstehende Supernova, die sie miterleben werden.
Kind:
Was wird mit dem großen Stern passieren, Mama?
Mutter:
Vielleicht … Ich bin mir nicht sicher. Tut mir leid, mein Schatz.
Eine Erinnerung, die so lange geschlummert hat, erwacht und umhüllt meine Gedanken.
-Rückblende-
MC:
Caleb, hast du schon wieder ein Projekt?
Caleb (Teenager):
Mein Physiklehrer will, dass wir Modelle bauen. Alle bauen entweder das Sonnensystem oder ein Schwarzes Loch. Es ist total langweilig. Erinnerst du dich an den Superriesen, den Grandma uns gezeigt hat? Den, der 2300 Lichtjahre entfernt ist? Seine Supernova wird diejenige sein, die unsere Generation am ehesten selbst miterleben kann. Ich will sie sehen.
MC:
Oh, ich erinnere mich! Hat sie ihn nicht auch als Beispiel benutzt? Sie sagte, egal welchen Schwierigkeiten wir in Zukunft begegnen, du sollst mich beschützen. Es ist wie ein Ringsystem, das seinen Planeten schützt.
Caleb (Teenager):
Das hat Grandma aber nie gesagt. Erinnerst du dich nur wieder an das, was du hören wolltest?
MC:
Doch, sie hat es gesagt!
Caleb (Teenager):
Grandma sagte, dass mächtige Sterne durch innere Kräfte zerstört werden. Zerbrechliche Menschen hingegen müssen äußere Kräfte ertragen. Wir müssen der Zukunft aber nicht allein begegnen. Es ist wie mit Planeten und ihren Ringsystemen: Sie entstehen gemeinsam … und sie werden auch gemeinsam vergehen.
MC:
Das habe ich im Prinzip schon gesagt … Jedenfalls musst du mir helfen, die zusätzlichen Leseaufgaben dieser Woche zu erledigen!
-Rückblende-
-Astronomie-Sendung-:
… Dieser gewaltige rote Überriese wird eine spektakuläre Supernova auslösen. Die Strahlung aus Tausenden von Lichtjahren Entfernung wird heute Nacht endlich unsere Welt erreichen. Dies ist das erste Mal seit der Chronorift-Katastrophe, dass wir das Nachglühen einer Sternenexplosion mit eigenen Augen beobachten können…
Ich komme wieder zu mir. Es ist überfüllt, und alle versuchen, den besten Platz auf der Sunset Promenade zu ergattern. Jemand tritt mir auf den Fuß. Als ich versuche, zur Seite zu treten, verliere ich das Gleichgewicht und stolpere in eine unerwartete Umarmung.
Caleb:
Entschuldige die Wartezeit.
Eine Hand packt mein Handgelenk. Ich schaue auf und sehe Calebs leicht amüsierten Gesichtsausdruck.
MC:
Caleb…
Caleb:
In Skyhaven kann man hin und wieder einen Blick auf kosmische Wunder erhaschen. Das ist allerdings das erste Mal, dass ich eine Supernova sehe. …Was? Warum schaust du mich so an?
Warum tut er so, als wäre nichts passiert? Warum ist es immer so schwer zu verstehen, was er denkt? Caleb grinst und beugt sich vor.
Caleb:
Wo warst du heute?
MC:
Ich bin nur ein bisschen herumgelaufen.
Caleb:
Hier ist es brechend voll. Halt dich gut fest. Verlauf dich nicht, Pip-Sqeak.
MC:
Ich bin kein kleines Mädchen – Caleb, mach langsam…!
Er packt meine Hand und geht schnell weiter. Sein Griff ist fest. Es erinnert mich an unsere Schulzeit. Damals hielt er meine Hand immer so. Einen Moment lang bin ich wie gelähmt. Ich frage mich, ob die Stimme, die ich heute Nachmittag gehört habe, wirklich seine ist. Wie konnte sich Caleb verändern? Nein, er hat sich überhaupt nicht verändert. Wenn irgendetwas anders ist, dann nicht er. Während ich ihm nachsehe, schießt mir plötzlich ein seltsamer Gedanke durch den Kopf. Ist da etwas in Caleb, das ihn kontrolliert? Verändert es ihn?
Caleb:
Hier drüben.
Am Rand der Aussichtsplattform stellt sich Caleb unauffällig hinter mich. Er wirkt wie ein Schutzschild gegen die geschäftige Menge. Unter dem Glasboden kräuseln sich die Wolken wie Wellen, während ein Hologramm erscheint und den Countdown startet.
MC:
Von hier aus können wir den Glockenturm der Skyhaven-Universität sehen. Und sieh dir all die Kampfjets da drüben an. Ist das der Flugplatz der Luft- und Raumfahrtakademie?
Caleb:
Ja. Die Prüfungen stehen vor der Tür, und ich wette, viele meiner jüngeren Kommilitonen bereiten sich gerade auf eine intensive Lernphase vor.
MC:
Das letzte Mal war ich an der Skyhaven-Universität zu deiner Abschlussfeier. Wie die Zeit vergeht!
Caleb:
Das stimmt.
MC:
…Bereust du es?
Caleb lehnt sich ans Geländer, dreht sich zu mir um und lächelt.
Caleb: was bereuen?
MC:
an der Luft- und Raumfahrtakademie aufgenommen worden zu sein und zu den wenigen Deepspace-Kampfpiloten gehören, die es geschafft haben.
Ich zögere, mir fehlen die Worte.
MC:
Du bist jetzt auf einem ganz anderen Weg. Es war nicht das, was du dir am Anfang ausgesucht hast.
Caleb:
Dinge ändern sich ständig. Schon gut. Und du? Als Kind hast du mich immer genervt, ich solle dich mit meiner Evol hochheben. Du wolltest sogar unbedingt, dass ich dich ins Weltall schieße. Träumst du immer noch davon, das Universum zu erkunden?
MC:
Das ist doch nur Kinderkram.
Caleb hebt den Kopf. Ein flüchtiger Anflug von Traurigkeit liegt auf seinem Gesicht. Ich frage mich fast, ob ich mir das nur eingebildet habe.
Caleb:
Damals im Unterschlupf hast du gesagt, dein Zuhause sei jenseits der Sterne. Aber wir kamen ja nicht mal an den Mauern und dem Stacheldraht vorbei.
MC:
Ja. Die Lehrer haben immer gesagt, die Welt da draußen sei gefährlich. Wir waren noch zu klein, um rauszugehen.
Aber wenn man so lange an einem Ort eingesperrt ist, kann die Welt da draußen verlockender denn je sein.
MC:
Und trotzdem konnten wir nichts anderes tun, als auf dem Dach zu sitzen und die vorbeifliegenden Kampfjets zu zählen. Ich hatte dich mal gefragt, warum sie abstürzen und ob die alte Eisenbahnlinie beim Unterschlupf zum Meer führt.
Caleb:
Die Kampfjets stürzen ab, weil sie von Wanderern angegriffen wurden. Und diese Eisenbahnlinie? Am Ende ist nur ein Stück Unkraut. Wir werden alles über diese Welt herausfinden. Schritt für Schritt.
MC:
Wirklich…? Langsam glaube ich, dass manche Menschen ein größeres Geheimnis haben als die Welt selbst.
Wie du zum Beispiel. Du bist gerade ein wandelndes Geheimnisarchiv. Ich kann nicht sagen, ob man mir meine Gedanken so deutlich ansieht, dass er alles lesen kann. Ich sehe ihm in die Augen und hoffe auf eine akzeptable Antwort.
Caleb:
Na, Pip-Sqeak, da du dich ja für Geheimnisse interessierst … Da wäre noch eine Sache.
MC:
Und zwar?
Die laute Menge verstummt plötzlich, und blendende Lichter verschwinden in der Nacht. Das Licht der Hologramme leuchtet weiter wie Wasser. Nur der Countdown läuft noch. Er grinst mich an, seine Stimme so ruhig wie ein vorbeiziehender Vogelschwarm.
Caleb:
Es geht los.
Die Leute um uns herum blicken zum Himmel, aber sein Blick bleibt auf mir ruhen. Ich verliere mich fast in seinen Augen. Nach einem Moment finde ich meine Stimme wieder und schenke ihm ein Lächeln.
MC:
Ach ja. Mach die Augen zu. Ich habe eine Überraschung für dich.
Ich ziehe die Kette aus meiner Tasche und lege sie ihm um den Hals.
Caleb:
Wer verschenkt denn zweimal dasselbe?
MC:
Okay, aber wer hat denn schon mal ein wertvolles Geschenk verloren? Wenn es wieder verschwindet, gibt es kein nächstes Mal.
Caleb:
In Ordnung. Ich verspreche, ich verliere es nicht wieder.
Plötzlich erfüllt ein fernes Klingeln den Himmel. Ein Bogen unbekannter Herkunft erscheint in der dunklen Nacht.
Schaut! Das muss die Supernova sein! Sie ist wunderschön!
Wir können nicht anders, als unsere Köpfe zu heben. Obwohl sie aus den fernsten Regionen des Universums erstrahlt, ist ein einzelner Stern zerfallen.
Zeit und Raum überspannend, erscheint ein unheilvolles Zeichen und dringt in unser Blickfeld.
Die elektromagnetische Strahlung der Supernova wird noch einige Zeit anhalten. Zum Schutz von Skyhaven, einer schwebenden, mit Energie betriebenen Stadt, wurden über uns Schutzschilde aktiviert. Nach diesem kurzen Aufleuchten senkt sich die Nacht erneut über die Stadt.
Heute Abend wird Caleb wieder ausgehen. Ihm zufolge wird die Abriegelung von Skyhaven bald beendet sein, ebenso wie die Aufräumarbeiten. Ich wünsche ihm schon mal gute Nacht. Dann gehe ich in mein Schlafzimmer, ziehe die Vorhänge zu und zwinge mich, die Augen zu schließen, während ich mich aufs Bett lege.
In diesen dunklen Stunden der Nacht höre ich schließlich, wie die Tür aufgestoßen wird. Leise Schritte kommen näher. Als ich erkenne, dass es Caleb ist, atme ich ruhig. Während ich so tue, als würde ich schlafen, berührt mich eine sanfte Hand an der Stirn.
MC: !
(Er ist weg. Warum hat Caleb das getan …)
Meine Gedanken rasen. Ich presse die Hand auf meine Brust, um mein Herzklopfen zu beruhigen, und stehe langsam auf. Ich schaue aus dem Fenster und betrachte die nächtliche Landschaft. Dann atme ich tief durch und aktiviere die Ortungsfunktion meiner Hunter’s Watch.
-Hunter’s Watch-:
Ziel wird verfolgt.
Anscheinend hat Caleb den in der Halskette versteckten Peilsender noch nicht entdeckt.Bei all diesen komplexen Hinweisen kann nur Caleb diese Rätsel lösen, denn er ist mit unzähligen Geheimnissen belastet. Als ich gehen will, merke ich, dass sich die Tür nicht bewegt. Hat Caleb mich etwa absichtlich im Haus eingesperrt?
Ich hebe meine Waffe und ziele auf das Schloss. Ohne zu zögern, drücke ich ab.
Leuchtraketen erhellen den Nachthimmel. Sie sind so hell, dass es wie Tag aussieht. Unterdessen schaukeln zerstörte Straßenlaternen im Wind. Zwei- bis dreistöckige Stahlkonstruktionen werfen bedrohliche Schatten auf den rissigen Asphalt. Dunkle, kalte Farbtöne umgeben sie. Inmitten dieser Trostlosigkeit ist das orangefarbene Absperrband der einzige Farbtupfer.
(Wie kann es so einen Ort in Skyhaven geben…)
Dichtes Wildgras bedeckt den Boden, ein Zeugnis jahrelanger Verlassenheit. Doch diese Metallteile glänzen, als wären sie neu. Hinter den Stahlgittern deuten die schwachen Umrisse verschiedener Flugzeuge auf die Geschichte dieses Ortes hin. Das Signal der Halskette bricht hier abrupt ab. Hier muss ein Störsender sein.
?:
Testgelände 5 ist geräumt. Wir rücken nun in die Ostzone vor…
Flottenoffizier A:
Was war das?
??:
Pst! Schnell! Sie werden uns hier nicht finden.
Bevor ich reagieren kann, werde ich in einen notdürftig aus ausrangierter Ausrüstung errichteten Unterschlupf gezogen.
??:
Es ist nur der Regen. Wir müssen weiter.
Ich drehe mich um und ziehe meine Waffe. Da sehe ich das Gesicht eines jungen Mädchens, das vom Licht einer Pfütze erhellt wird. Kristalle schmücken ihre Haut. Sie trägt ein dünnes Kleid, doch der kalte Regen scheint sie nicht zu stören. In der Ferne nähern sich Offiziere in Uniformen der Farspace-Flotte. Sie sind bewaffnet und in höchster Alarmbereitschaft.
Flottenoffizier B:
Ist es nicht seltsam, wie diese Monster immer aggressiver werden?
Flottenoffizier A:
Die Kontaminationswerte hier sind extrem hoch. Sie sind praktisch nicht mehr von Wanderern zu unterscheiden. Bleiben Sie wachsam.
Flottenoffizier A:
Diese Versuchsobjekte stehen kurz vor der Transformation … Bergungswert: 0 %. Bitte um Bestätigung für die Säuberung.
( Versuchsobjekte … Ist sie eine von ihnen?)
Die kristallinen Wucherungen auf dem Körper des Mädchens ähneln denen von Kevi, sind aber viel schlimmer – sie hat sich fast vollständig in eines der „Monster“ aus der N109-Zone verwandelt.
??:
Hey, kannst du mal nachsehen, ob ich noch lebe? Schlägt mein Herz noch?
Das Mädchen drängt mich, packt meine Hand und drückt sie an ihre Brust.
Ich schaue hinunter. In ihrer Brust befindet sich eine faustgroße, mit Kristallen bedeckte Höhle. Darin pulsiert ein großer Kristall und leuchtet unheimlich an der Stelle, wo ihr Herz sein sollte.
MC:
Wie … Was ist mit dir passiert?
Ihre Haut, die im Regen völlig farblos ist, verrät die Last ihrer Erinnerungen, während sie zusammenkauert.
??:
Als ich im Sterben lag, brachte mich jemand aus der Station und nahm mir das weiße Tuch vom Gesicht. Sie gaben mir ein Versprechen … Nach einem Experiment könnte ich wieder leben. Wer würde sich das nicht wünschen?
Während sie spricht, wandern die Kristalle weiter ihren Hals hinauf. Doch sie scheint sie nicht zu bemerken.
??:
Es ist eine Schande. Hätte ich den Test bestanden, wäre ich die Tochter des Professors gewesen …
Sie kauert sich zusammen, verbirgt ihr Gesicht und unterdrückt ihr Schluchzen. Der Regen verhüllt ihren Schmerz.
(Der Professor … Er ist derjenige, der Kevi unter dem Vorwand der Adoption aufgenommen hat.)
??: Der Professor, der uns eine zweite Chance im Leben gab … Er ist unser Vater …
Jetzt weiß ich mit Sicherheit, dass er derjenige war, der neben Caleb in dieser Villa ging. Er ist definitiv in dieses Experiment verwickelt und muss etwas mit der Farspace-Flotte zu tun haben. Die Abriegelung und die Aufräumarbeiten sind nur ein Vorwand. Die wahren Ziele der Flotte sind diese…
??:
Deine Kraft… Sie ist warm. Und du riechst wirklich gut.
Ein Blitz zuckt über den Nachthimmel und erhellt diese Erzählung… Sie hört auf zu schluchzen. Das Mädchen hebt den Kopf, und ich sehe ihr tränenüberströmtes Gesicht. Klick. Die Kristalle fallen zu Boden. Diese dunklen Augen sind verzehrt. Nur leere Augenhöhlen, die an die Sehschlitze einer Maske erinnern, bleiben zurück.
??:
Darf ich dich essen?
MC:?!
Sie scheint das Bewusstsein zu verlieren. Doch dann greifen ihre kalten Finger nach meinem Handgelenk.
??:
Deine Kraft… Gib sie mir…
Ich spüre ihre ungewöhnliche Stärke und ziehe mich blitzschnell zurück. Ich nutze den Schwung, um das Mädchen aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie auf die Knie zu zwingen. Regentropfen rinnen ihre Schläfe hinunter. Ihre Haut ist wie die eines Menschen. Ich zögere einen Moment, bevor ich nach meiner Waffe greife. Dieser eine Moment kostet mich mein Leben, und ein stechender Schmerz schießt mir ins Knie. Die kristallinen Stacheln, die aus ihren Schultern ragen, durchbohren mein linkes Bein. Mein Blut vermischt sich mit dem Regen.
??:
Ich sagte… Du solltest dich von mir fressen lassen…
Es ist wie ein stummes Signal. Mehrere Gestalten tauchen aus dem Schatten auf und taumeln auf mich zu. Schwarze Kristalle haben ihre Körper fast vollständig umhüllt. An ihren Umrissen sind sie kaum noch als Menschen zu erkennen. Das Knistern von verbranntem Fleisch hallt erneut in meinen Ohren. Ihre Silhouetten verschwimmen mit denen, an die ich mich aus der N109-Zone erinnere. Nein… Diese „Dinger“ sind schon da!
(Sie sind alle wegen des Ätherkerns hier…!)
Als sie näherkommen, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Schmerz zu ignorieren. Ich stoße das Mädchen von mir. Mit meiner Waffe in der Hand ringe ich darum, aufzustehen. Kugeln durchschneiden den Regen und durchbohren die Beine zweier Gestalten an der Spitze der Gruppe. Doch „sie“ hören nicht auf. Zähneknirschend ziele ich auf die Schultern dieser „Leute“. Ein weiterer Schuss knallt, und die krampfhaften Bewegungen des Mädchens hören abrupt auf. Aber ich habe nicht abgedrückt. Die Gestalt vor mir löst sich in Energiepartikel auf. Ähnlich wie ein Wanderer nach dem Tod zerfällt.
Flottenoffizier B:
Ich habe die vermissten Versuchsobjekte gefunden! Haltet sie auf!
Mehrere Lichter leuchten grell auf, und ich höre das synchrone Geräusch von gezogenen Waffen. Eine Kugel zischt an meinem Ohr vorbei. Doch diese mehrfach getroffenen „Leute“ stürzen sich weiterhin auf mich. Im heulenden Wind verzerrt sich der Raum vor mir. Ein Strudel erscheint, der zwei oder drei bedrohliche Gestalten einsaugt und zerreißt.
(Was ist das?!)
Der Regen hört auf, und der Rauch der Waffen und die Kristallpartikel scheinen in der Zeit eingefroren zu sein. Durch den Schleier der Regentropfen wird allmählich ein gleichgültiges Gesicht sichtbar. Regentropfen werden abgelenkt.
(Caleb…)
Wie erstarrt, weiß ich nicht, ob ich seinen Namen rufen soll.
Caleb:
Was machst du hier?
MC:
Das sollte ich dich fragen.
Ich beiße mir auf die Lippe, bevor ich ernster spreche.
MC:
Diese „Monster“ und „Wanderer“ sind doch eigentlich das, was du hier beseitigst, oder?
Er macht einen Schritt nach vorn und packt mein Handgelenk mit voller Kraft.
Caleb:
Siehst du es jetzt? In dieser Welt – Wird es immer Menschen geben, die deine Macht wollen.
In einem Tanz aus Licht und Schatten bleibt sein Gesichtsausdruck unerkennbar. Und bevor ich den Mund öffnen kann, erfüllen die Schreie der Wanderer die Luft. Ich wende den Blick ab. Die verbliebenen Gestalten kämpfen gegen den Strudel an, und der Metaflux löst sich langsam auf. Während der Wind heult, verdichten sich die Energiepartikel zu einem riesigen Wanderer. Er brüllt auf, bevor er auf Caleb zustürmt.
MC:
Caleb, sei vorsichtig.
Caleb:
Du bist diejenige, die vorsichtig sein muss.
Mit ernstem Blick packt er mich an der Schulter und zieht mich hinter sich her.
Caleb:
Willst du beweisen, dass du stark genug bist, um allein in No-Hunt-Zonen einzudringen? Nachts? So etwas solltest du nur tun, wenn du dich nicht in Gefahr begibst.
Das Flottenschiff gleitet ruhig am Himmel entlang, da es sich im Autopilotmodus befindet. Es ähnelt einem kolossalen Ungeheuer, das in der Nacht lauert. Draußen vor dem Bullauge flackert ein endloser Strom von Sternen wie eine schimmernde Lichtwelle. In der Flugzeugkabine legt mich Caleb auf das Bett. Er holt einen Erste-Hilfe-Kasten, stellt ihn ab und entfernt vorsichtig den blutigen Stoff von meinem Knie. Im grellen Licht fließt das Blut weiter. Seine Handschuhe sind leuchtend rot gefärbt. Ich wende den Blick ab.
Caleb:
Tut es weh? Bist du sauer auf mich?
MC:
… Nein.
Als ich höre, wie er die Medikamente und die Ausrüstung herausholt, will ich mich umdrehen. Doch dann bedeckt er meine Augen. Eine feine Nadel sticht in meine Haut, und der stechende Schmerz verschwindet augenblicklich.
MC:
… Caleb.
Ich hebe den Kopf und sehe ihm in die Augen.
MC:
Die Explosion im Cascade District war nur eine willkommene Ausrede, um die „Säuberung“ zu rechtfertigen. Und dann sind da noch Kevi und Mia … Das waren auch inszenierte „Unfälle“. Du… Was hast du hinter meinem Rücken getrieben?
Caleb wischt das Blut von meinem Knie und entsorgt die Spritze. Er holt einen Hautklammerer.
Caleb:
Was glaubst du, wäre passiert, wenn ich heute Abend nicht da gewesen wäre?
Klick. Der Hautklammerer hinterlässt eine schwache Narbe.
Caleb:
Ich kann es nicht ertragen, denselben Schmerz noch einmal zu durchleben. Oder willst du, dass ich diese Einsamkeit wieder erlebe, weil ich dich verlassen habe?
MC:
Das ist nicht …
Caleb:
Du solltest dich nicht länger in Gefahr begeben.
Klick. Seine Finger berühren die genähte Stelle und wischen die kleinen Blutstropfen weg.
Caleb:
Ob diese Menschen heute Nacht leben oder sterben … Es spielt keine Rolle mehr. Jeder, der es wagt, Macht auszuüben, die ihm nicht zusteht, muss den Preis dafür zahlen. Die Explosion war nur eine Gelegenheit für die Flotte, einzugreifen. Du bist zur falschen Zeit in Skyhaven angekommen.
MC:
Warum hast du es mir nicht früher gesagt?
Caleb:
Hätte sich etwas geändert? Hätte es überhaupt einen Unterschied gemacht?
Er legt den Hautklammerer beiseite und verbindet meine Wunde. Dann sieht er mir ruhig in die Augen.
MC:
Du hast mich also im Dunkeln gelassen, um mich von jeglichem Handeln abzuhalten. Hast du wirklich geglaubt, ich würde diesen „Schutz“ nicht hinterfragen?
Caleb schweigt. Ich befeuchte meine trockenen Lippen, plötzlich bin ich es leid, mit ihm zu streiten.
MC:
Na schön. Sobald dein Flottenschiff gelandet ist, gehe ich.
Caleb:
Nein, das wirst du nicht. Da du es einmal geschafft hast zu entkommen, werden wir woanders hingehen.
Er hebt die Hand und legt sie an meine Wange. Doch seine Finger sind eiskalt.
Caleb:
Ich werde dich beschützen. Bis alles geklärt ist, muss ich sicherstellen, dass es dir gut geht.
Krankenschwester A:
Wen hat der Colonel mitgebracht?
Krankenschwester B:
Wer weiß. Aber da er uns befohlen hat, uns um sie zu kümmern, ist sie wahrscheinlich keine Unbekannte.
Nachdem die Mission beendet ist, bringt mich Caleb zur Spezialstation des Raumschiffs. Ich darf nicht einmal vor die Tür. Die schneeweißen Wände sind mit allerlei medizinischen Geräten behängt, deren bunte Kontrollleuchten unaufhörlich blinken. Ich kenne seine Gründe nicht und weiß auch nicht, warum ich hier festgehalten werde. Aber im Moment ist mir das völlig egal.
Krankenschwester A:
Vielleicht wird sie auch zu – Colonel!
Caleb:
Wie geht es ihr?
Krankenschwester A:
Die Untersuchung ist abgeschlossen. Wir warten nur noch auf die Analyse. Wegen des Regens zeigen die Geräte jedoch an, dass ihre Vitalwerte abnormal sind …
Krankenschwester B:
Colonel, wer ist die Verletzte –
Caleb:
Ein wichtiges Beobachtungsobjekt. Gibt es ein Problem?
Krankenschwester B:
Nein, nein, ich war nur neugierig. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen, also …
Ich betrachte den blau-weißen Arztkittel, den ich trage. Ironischerweise wurde ich als „Beobachtungsobjekt“ eingestuft. Ihr Gespräch verstummt und wird vom Geräusch vertrauter Schritte abgelöst, die näher kommen. Ich gehe zurück zum Bett und lege mich hin, als hätte ich sie nicht sprechen hören. Die Tür öffnet sich lautlos, und Caleb tritt ein. Das Licht im Zimmer passt sich seinen Schritten an.
Caleb:
Guten Morgen.
Als er sich dem Bett nähert, wird das Zimmer heller, als wolle es die Morgendämmerung imitieren. Er zieht einen Stuhl heran und setzt sich.
Caleb:
Wie geht es dir? Wir stecken in einer Sackgasse, was?
Caleb tippt auf den Vitalzeichenmonitor an der Wand, und verschiedene Datenwerte erscheinen auf dem Bildschirm. Mein Herzschlag, meine Atmung … Alles außer meinem aktuellen Gemütszustand ist direkt vor seinen Augen.
MC:
Caleb, ich muss gehen.
Caleb:
Du wirst bald hier raus sein.
Er sieht mir in die Augen, seine Worte klingen wie eine Mahnung.
MC:
Wann?
Caleb:
Hängt davon ab, wann deine Vitalwerte wieder normal sind.
Seit gestern Abend habe ich dieselbe Antwort nun schon dreimal gehört. Eine Frage packt mich. Sie lässt mich erschaudern.
MC:
Caleb.
Es ist schon eine Weile her, dass ich seinen Namen so ausgesprochen habe. Gerührt trifft Calebs Blick meinen.
Caleb:
Ja?
MC:
Als du mir damals Erkältungsmedikamente gegeben hast … Das war doch nicht nur, weil du dir Sorgen um meine Gesundheit gemacht hast, oder?
Caleb:
Du hast doch schon alles herausgefunden, oder? …Bin ich nicht erbärmlich?
MC:
Und das ist alles nur eine Ausrede. Du hattest von Anfang an nicht vor, mich gehen zu lassen.
Ich habe es satt, dass er mir nicht die Wahrheit sagt. Ich nehme die Tasse vom Tisch und werfe sie nach ihm. Die Tasse prallt gegen seinen Körper und zerspringt in tausend Stücke.
Caleb:
Hat dich das beruhigt?
Die Wassertropfen fallen und durchnässen seine makellose Uniform. Doch sein Blick bleibt ungerührt. Der Mensch vor mir bleibt gefasst. Der Caleb, den ich einst kannte, ist verschwunden.
Caleb:
Ruhe dich aus. Das wird dir helfen, dich zu entspannen. Ich schaue später heute Abend nach dir.
Benommen öffne ich wieder die Augen. Draußen ist es bereits dunkel. Ein paar Lichter funkeln wie Glühwürmchen im dichten Nebel. Ich setze mich auf und sehe mich um. Mir wird erst jetzt bewusst, dass ich nicht zu Hause bin. Alles, was zu diesem Moment geführt hat, fühlt sich an wie ein surrealer Traum.
(Die Lichter…?)
Ich wirbele herum und schaue wieder aus dem Fenster. Ich kann nicht genau erkennen, was draußen ist, aber im Nebel zeichnen sich die Umrisse hoher Gebäude ab. Da Caleb mich zurück zum Hauptquartier bringen will, scheint das Raumschiff gelandet zu sein.
(Es ist ein Raumschiff, das die meiste Zeit in der Luft verbringt und nicht immer den Boden berührt. Also…)
Krankenschwester A:
Was ist los? Wo tut es weh?
MC:
Ich… mir ist seit einiger Zeit kalt. Mir ist schwindelig. Ich sehe nichts mehr…
Krankenschwester A:
Einen Moment, ich rufe den Arzt – Ah!
Mit einer schnellen Bewegung hebe ich ihren leblosen Körper hoch, lege sie aufs Bett und decke sie zu.
MC:
Entschuldigung.
Nachdem ich mir die Krankenschwestermaske und die Uniform angezogen habe, schiebe ich den Wagen und gehe. Mehrere Offiziere in Uniform kommen auf mich zu. Ich senke den Blick und gehe an ihnen vorbei. Doch bevor ich erleichtert aufatmen kann, ruft mich eine Stimme.
Flottenoffizier A:
Entschuldigen Sie, Schwester!
MC:
Wie kann ich Ihnen helfen?
Ich drehe mich um und achte darauf, nicht zu stottern. Ein Flottenoffizier kommt auf mich zu. Er runzelt die Stirn und mustert mich.
Flottenoffizier A:
Sie gehen zur Waffenkammer. Warum muss eine Krankenschwester dort sein?
MC:
Tut mir leid. Ich dachte, die Apotheke wäre hier entlang.
Ich beruhige mich und lüge ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken.
MC:
Ich glaube, die Person, die mir den Weg beschrieben hat, hat meine Frage falsch verstanden.
Zum Glück scheint ihn diese Erklärung getäuscht zu haben. Er nickt und zeigt auf den Korridor in die entgegengesetzte Richtung.
Flottenoffizier A:
Die Apotheke ist dort drüben. Die Waffenkammer ist Sperrgebiet, Sie sollten sich hier nicht frei bewegen.
MC:
Okay. Danke, Sir.
Ich bin noch nicht einmal ein paar Schritte gegangen, als mich der Flottenoffizier erneut ruft.
Flottenoffizier A:
Warten Sie.
MC:
Brauchen Sie sonst noch etwas?
Flottenoffizier A:
Sie haben doch Stabilisatoren, oder?
Er nimmt drei Spritzen aus einer Schachtel auf dem Wagen und zeigt mir die Nummer auf seiner Brust.
Flottenoffizier A:
Ich nehme etwas mit. Schreib es später auf die Liste.
Er verschwindet endlich hinter einer Ecke, und mein Herz beruhigt sich.
(Was meinte er mit „Stabilisator“?)
Ich nehme eine Spritze aus der Schachtel und drehe sie um, um das Etikett zu lesen.
MC:
Medikamentenname: Cybezin. Es kann zur Bekämpfung von Gefühlsausbrüchen, zur Verbesserung kognitiver Funktionen und zur Stabilisierung des psychischen Zustands von Patienten eingesetzt werden. Nur Personen mit Toring-Chips dürfen dieses Medikament verwenden. Es sollte nicht täglich eingenommen werden.
-Rückblende-
Joseph: Du hast mir ein Gedankenkontrollgerät implantiert. Es ist dieser Chip…!
??: Der Chip… Erneutes Lesen… Speicher wird geladen…
-Rückblende-
(Das muss der Toring-Chip sein. Der Flottenoffizier muss auch einen haben.)
Ein absurder Gedanke schießt mir durch den Kopf.
(Wenn Chip-Implantationen in der Flotte üblich sind, dann hat Caleb vielleicht auch einen.)
In dem Fall war vielleicht alles, was er bisher getan hat, nicht aus freiem Willen. Könnten die Veränderungen in seinem Verhalten auch mit dem Toring-Chip zusammenhängen? Einen Moment lang bin ich mir nicht sicher, ob ich einer Sache auf der Spur bin oder ob ich nur versuche, sein Verhalten zu entschuldigen. Ein paar Meter entfernt öffnet sich plötzlich eine große Tür. Ich höre eine sehr vertraute Stimme sprechen.
??:
Colonel.
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich weiche zurück und versuche, mich in einer Ecke des Korridors zu verstecken. Bevor ich sehen kann, wer bei Caleb ist, dreht er sich jedoch um. Sein Rücken versperrt mir die Sicht.
??:
Ich habe gehört, dass du die Flotte in drei Tagen auf Patrouille durch die Tiefen des Weltraumtunnels führen wirst. Die Quelle von Atei steht kurz vor seiner nächsten Phase. Zu deinen Ehren wird vor deiner Abreise ein Festbankett veranstaltet.
Caleb:
Ich kann sowieso nicht an dem Festbankett teilnehmen. Ich habe private Angelegenheiten zu regeln.
??:
Die Vorgesetzten haben den Befehl gegeben. Du solltest sie nicht ignorieren.
Caleb spricht einen Moment lang nicht, bevor er mit leiserer Stimme antwortet.
Caleb:
Über die Gedanken anderer Leute zu spekulieren, ist nicht meine Stärke. Und da ich deinen Platz eingenommen habe, kann ich dir jetzt befehlen zu gehen.
Caleb greift nach dem Sensor an der Wand und drückt ihn. Die Tür öffnet sich. Der Mann grunzt, als er hinausgeht.
Caleb:
Komm her.
Im leeren Korridor dreht sich Caleb plötzlich um und sieht zu mir, wo ich mich verstecke.
Ich erstarre und rühre mich nicht. Wenige Sekunden später beugt sich ein Schatten über mich und packt mein Handgelenk.
Caleb:
Spielst du jetzt Verstecken? Hast du wirklich gedacht, du würdest unbemerkt bleiben? Überall sind Augen. Glaubst du, du kannst entkommen?
MC:
Du warst mutig genug, mich zum Hauptquartier zu bringen. Das heißt, egal wer mich verdächtigt…Du hältst mir den Rücken frei, richtig?
Er starrt mich lange an. Dann lacht er. Aus irgendeinem Grund überkommt mich ein unheilvolles Gefühl.
MC:
Lass mich los…!
Caleb:
Du willst nach Hause, oder? Ich bringe dich jetzt hin.
Vom Hauptquartier der Farspace-Flotte bis zu seinem Zuhause schweigt Caleb. Klick. Die Tür ist jetzt verschlossen.
MC:
Das meintest du also mit „in Sicherheit“?
Er senkt den Blick und sagt nichts. Ich folge seinem Blick und sehe, dass die Wunde an meinem Knie wieder aufgegangen ist.
Caleb:
Tut es nicht weh?
MC:
Beantworte erst meine Frage, Caleb!
Plötzlich hebt er mich hoch und trägt mich ins Wohnzimmer.
Caleb:
Setz dich erst mal. Wir müssen deine Wunde versorgen.
MC:
Befehlt mir der Colonel etwas? Oder macht sich Caleb Sorgen um mich?
Caleb:
Erinnerst du dich an die verletzte Katze, die du mit nach Hause gebracht hast? Damals, als wir Kinder waren. Wir haben sie im Garten gehalten. Aber die Katze hat immer wieder versucht, wegzulaufen Bevor es sich vollständig erholt hatte.
MC:
Ich will das nicht hören.
Caleb:
Willst du wissen, was ich daraufhin getan habe? Ich habe ein Halsband mit Glöckchen besorgt. Ich habe es der Katze angelegt. So konnte sie nicht mehr unbemerkt entkommen. Wenn ich jetzt so ein Glöckchen hätte … dann sollte ich es dir anziehen, oder?
MC:
Willst du mich so „beschützen“? Muss ich dir etwa auf Schritt und Tritt folgen?
Caleb:
Ich weiß, es ist unfair. Aber …Wegen dieses Monsters ist deine Wunde entzündet. Gibt es eine Möglichkeit für dich, herumzulaufen, ohne dich zu verletzen?
MC:
Bist du immer noch der Caleb, der sich mit mir in Gefahr begeben hat? Ich habe genug von … deinem „Schutz“.
Caleb:
Wenn dir meine Anwesenheit nur Schmerzen bereitet, dann halte das noch drei Tage aus.
MC:
Was wirst du tun?
Caleb:
Die letzten Angelegenheiten regeln. Und dann … ist alles vorbei. Ich brauche nur drei Tage.
Drei Tage später.
Unsere Reporter vor Ort bestätigten, dass die Abriegelung nach wochenlanger Dauer aufgehoben wird. Die Farspace-Flotte versichert allen, dass sich die Explosion im Cascade District nicht wiederholen wird.
Caleb:
Wenn das alles vorbei ist … kehrt die Flotte zum Weltraumtunnel zurück. Ihr seid in Sicherheit. Vorerst.
MC:
Mit anderen Worten, du verschwindest einfach wieder? Und sagst nichts?
Caleb:
Ich werde weg sein. Bist du nicht froh, dass du mich dann nicht mehr sehen musst? Ich gehe gleich. Es wäre schön, wenn wir zusammen essen würden.
MC:
Muss ich jetzt also sogar beim Essen und Trinken auf den Colonel hören?
Caleb:
Du kannst wütend sein, aber lass es nicht deine Gesundheit beeinträchtigen.
MC:
Ich bin nicht wütend.
Caleb:
Wir kannten uns schon seit unserer Kindheit sehr gut. Besser als die meisten anderen. Ich konnte deine Lügen durchschauen, wenn du geblinzelt hast. Wenn du dir auf die Lippe gebissen hast, wusste ich, dass du verärgert warst.
MC:
Dann sag schon. Woran denke ich gerade? Ich frage mich … Wie konntest du dich so verändern, dass ich dich kaum wiedererkenne?
Caleb:
Ach, ich weiß. Du denkst, mir wurde ein Chip ins Gehirn implantiert, richtig? Und jetzt bin ich nicht mehr der, der ich einmal war. Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass ich schon immer so war? Dein Leben ist voller Gefahren. Die Leute, die es auf deine Macht abgesehen haben, die dir schaden wollen – sie sollten einfach verschwinden. Du bist nur sicher, wenn du an meiner Seite bist.
MC:
Ich stelle mich lieber der Gefahr, als so „sicher“ zu leben! Ich brauche dich nicht –
Caleb:
Du brauchst mich nicht? Glaubst du das wirklich? Na gut. Was brauchst du? Sag es mir. Wir können nach Linkon zurückkehren, wenn du das möchtest. Wenn du in die Vergangenheit zurückkehren willst, bauen wir unser altes Haus wieder auf und ziehen zusammen. Und wenn ein Haus nicht reicht, baue ich dir ein ganzes Labyrinth. Ich werde es mit allem schmücken, was du dir jemals wünschen könntest. Es wird der schönste, atemberaubendste Garten sein, den du je gesehen hast. Niemand wird dich jemals wiederfinden. Ich werde dich für immer beschützen.
MC:
Caleb … Du kannst nicht einfach … Du bist mir sehr wichtig. Und niemand könnte dich jemals ersetzen …
Caleb:
Wirklich? MC, ich habe mich immer zurückgehalten und es ertragen. Tag für Tag, Tag für Tag. Es war erdrückend. Aber jetzt habe ich es satt, diese Spielchen zu spielen.
Ich habe Caleb wiedergefunden. Und doch ist die vertraute Person aus meinen Erinnerungen von einem unbeschreiblichen, verborgenen Schmerz aufgefressen worden. Nur Bruchstücke sind geblieben. Der Nachthimmel über Skyhaven ist klar, doch all seine Geheimnisse liegen irgendwo in den bodenlosen, unergründlichen Tiefen seiner Augen verborgen. In der Nacht vor seiner Abreise träumte ich von unserer Kindheit. Ich träumte davon, wie Caleb und ich durch die Straßen rannten, die Schule schwänzten, Eis aßen und Comics lasen. Und ich träumte von dem Tag, an dem wir Händchen hielten und Teil des Lebens des anderen wurden.
Caleb:
Vergiss das nicht. Von nun an werde ich immer an deiner Seite sein. Es ist okay. Ich werde immer für dich da sein und dir nicht wehtun. Warum weinst du hier allein? Wer hat dich gemobbt? Es ist okay, ich werde dich rächen. Halt meine Hand. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dich zu verlaufen, wenn ich hier bin.
Die Kondensstreifen des Flottenschiffs teilen den Himmel. Es ist wie eine Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Lichtstrahlen durchbrechen die Wolken und erhellen die Welt mit einem neuen, sonnigen Tag. Auf der Startbahn stehen die Flottenschiffe bereit und warten auf das Signal ihres Colonels.
MC:
Es fühlt sich an, als würde ich dich jedes Mal verabschieden, wenn wir uns verabschieden.
Caleb:
Ich schätze, diesmal wird es nicht so schmerzhaft sein.
Seine Hand bewegt sich, wahrscheinlich um mir durch die Haare zu fahren, aber er zögert. Sein Arm sinkt dann an seine Seite.
Caleb:
Okay. Ich gehe dann mal.
MC:
Ja.
Ich senke den Kopf, ein Kloß bildet sich in meinem Hals.
Caleb:
Iss rechtzeitig. Pass auf dich auf.
Caleb dreht sich um, sein Rücken verschwindet immer weiter aus dem Blickfeld. Die Flottenschiffe hoben ab und verschwanden am Himmel, nur noch winzige Punkte in der Ferne.
Tara:
Mir war so langweilig ohne dich. Ich wäre fast zu einem verschrumpelten Pfirsich geworden. Übrigens, Jenna hat erzählt, du wärst in Skyhaven auf einer Hochzeit. Aber was für eine Hochzeit dauert denn so lange?
MC:
Oh … Weißt du, meine alte Freundin ist …
Tara:
Mist, mein Chef ruft an. Wir sprechen später!
Ich beende das Gespräch und stecke mein Handy wieder in die Tasche. Da bemerke ich einen seltsamen Gegenstand darin.
MC:
Wann ist der denn …?
Ich nehme ihn heraus, um ihn mir im Sonnenlicht genauer anzusehen. Es ist ein altes, gelbes Stück Papier mit Kinderhandschrift. „Vergebungsgutschein für Caleb. Gültig für 100 Jahre.“ Als ich es in den Händen hielt, überkam mich eine Welle der Traurigkeit, wie Seifenblasen, die jeden Moment platzen würden und aus den Tiefen meines Herzens aufstiegen.
MC:
Caleb, du Dummkopf …
Ich kann bei Caleb nicht mehr unterscheiden, was echt und was gespielt ist. Aber ich weiß ganz sicher, dass dieser Mensch, der mir so wichtig ist … ich ihn nicht noch einmal verlieren will.
Die Farspace-Flotte besitzt das Spatium-Kernfragment. Damit endet das Kapitel über den Explosionsvorfall. Mias Schicksal ist jedoch ungewiss, und Kevis Zukunft ist mit diesem Chip ungewiss. Dies ist kein Ende, sondern der Beginn einer neuen Geschichte. Ein unsichtbares Netz wurde gesponnen, wobei der Ätherkern als Bleikugel fungiert. Dadurch ist ein Gravitationsfeld entstanden, das so stark ist wie das eines Schwarzen Lochs. EVER, die Farspace-Flotte, ich selbst … Wer weiß, wie viele Teile noch hineingezogen werden? So oder so, sie rollen langsam oder schnell in die Leere. Der Toring-Chip … Die Quelle von Atei … Diese Patienten, die durch Experimente zu „Monstern“ wurden …Alles scheint auf eine Quelle zurückzuführen zu sein: den Professor, der im Schatten lauert.
Im Herzen der Hauptinsel von Skyhaven, gegenüber dem Luft- und Raumfahrtzentrum, stehen Reihen über Reihen neuer Gebäude, die erst kürzlich entstanden sind. In einem von ihnen eilen Forscher mit Unterlagen umher und gehen von Labor zu Labor. Sie bereiten die Ankündigung des größten Durchbruchs des Jahrhunderts vor – daher ist kein Raum für Fehler.
Caleb steht schweigend im Aufzug, während dieser zu einer „nicht existierenden“ Etage fährt, die nur mit spezieller Zugangsberechtigung erreichbar ist. Die Türen öffnen sich, und er geht einen grauen Korridor entlang auf eine gewölbte Tür zu. Ein Gerät mit einem schwachen grünen Licht scannt seine Augen. Dann öffnet sich die Tür leise. Vor ihm entfaltet sich ein Anblick – völlig anders als das zuvor eintönige Grau und Weiß seiner Umgebung.
Eine scheinbar endlose Fläche üppiger, grüner Bäume erstreckt sich unter einer Glaskuppel und einem glänzenden silbernen Dach.
Viper:
…Zuerst sind wir losgezogen und haben diese verlassenen Flux-Nexus recycelt. Danach haben wir der Zone N109 einen Besuch abgestattet, um Informationen über Onychinus zu bekommen. Unser Skyhaven-Auftrag ist fast erledigt. Wo ist unser nächster Stopp? Tsk, wir haben Ever und die alten Leute in der Flotte praktisch verwöhnt. Wir sind wie ihre persönlichen Auftragskiller.
Kevi:
Hört er eigentlich jemals auf zu reden?
Viper:
Glaub nicht, dass ich dich nicht verprügle, nur weil du ein Kind bist.
??:
Ihr zwei, hört auf zu streiten. Der Professor hat gesagt, wir sind eine Familie. Und in Familien geht es um Liebe und Freundlichkeit.
Viper lehnt sich an einen riesigen Baum. Er verschränkt die Hände hinter dem Kopf und murmelt vor sich hin.
Die beiden anderen sitzen in der Nähe: ein kleiner Junge und ein Mädchen in einem schwarzen Kleid.
Viper:
Wo ist Mr. Überfürsorglich? Hat er wieder nach seinem kleinen Jäger-Mädchen gesehen? Gesunde Beziehungen sind ideal. Aber die verdrehten? Genau da entsteht das Drama—Argh!
Bevor er den Satz beenden kann, wird sein Kopf um 180 Grad gedreht. Er starrt in diesen finsteren Blick… Was noch beängstigender ist: Diese Person lächelt ihn tatsächlich an.
Viper:
Deine Versuche, mich zu ärgern, sind total einfallslos – Aaaah!
Caleb:
Wo ist der Professor?
Viper:
Drinnen. Und kannst du mir wenigstens den Kopf wieder hindrehen, bevor du gehst?!
Ein kleiner mechanischer Käfer fliegt herein. Er setzt sich kurz auf seinen Finger, bevor er in die Vegetation huscht.
Professor Lucius:
Vor vierzehn Jahren liefen Josephine und ihr Team über. Sie verschwiegen, dass dieses Kind das beste Testobjekt war. Das Gaia-Forschungszentrum wurde während der Chronorift-Katastrophe zerstört, und anschließend übernahm die N109-Zone die Kontrolle. Mit Onychinus und seinen Banden ist es alles andere als einfach, an ihre alten experimentellen Daten und Geräte zu gelangen. Josephine und ihre Forscher benutzten jahrelang falsche Namen und hielten diesen Erfolg geheim. Aber unsere Ermittlungen haben sich gelohnt. Ganz zu schweigen davon, dass Josephine und ihre Verräter bekommen haben, was sie verdienten.
??:
Das bedeutet, Sie haben das Kind gefunden, das damals verschwand.
Caleb:
Nach allem, was wir gesehen haben und wie sie sich verhält, sind ihre Kräfte noch nicht aktiviert.
Der Mann mit den graumelierten Haaren wirft einen Blick zur Seite. Der Junge betritt den Raum.
Caleb:
Im Vergleich zu diesem kaputten Ding bin ich eine Waffe, perfekt für die Ewigkeit.
Caleb blickt ruhig auf und starrt auf das Hologramm in der Luft. Es zeigt eine riesige Krankenstation. In der Dunkelheit ist eine kaum sichtbare Gestalt zu erkennen.
??:
Ich habe... viele Jahre gewartet.
Der Mann auf dem Krankenhausbett lugt endlich aus der Dunkelheit hervor. Die eine Gesichtshälfte ist eingefallen. Seine Haut ist so blass, dass sie fast durchsichtig ist. Und seine Stimme klingt nach purer Erschöpfung.
??:
Also, lass mich nicht länger warten.
Professor Lucius: Natürlich.
Nachdem der Mann einige wichtige Punkte erwähnt hat, nickt Caleb und geht in die üppige, grüne Landschaft. Es ist still. Dann hebt Professor Lucius den Kopf und fixiert das Hologramm, das sich in der Luft materialisiert.
Professor Lucius:
Die Quelle von Atei wird in Bewegung gesetzt, und EVER wird der Welt bald seine revolutionäre Vision offenbaren. Wir werden das vermisste Kind finden. Aber … jetzt ist nicht der beste Zeitpunkt.
Er wirft einen Blick auf die Gestalt, die längst im üppigen Grün verschwunden ist, sein Blick verweilt auf dessen rechtem Arm. Dort, verborgen unter der Oberfläche, liegt der Preis, den Caleb für seine „Wiederbelebung“ zahlen musste.
Professor Lucius:
Zumindest bevor … er völlig nutzlos wird. Der menschliche Körper ist viel zu zerbrechlich … Doch durch den Verlust von Wärme und Empfindung können selbst einfachste Modifikationen Fleisch und Knochen in unnachgiebige Maschinen verwandeln. Elektrische Ströme werden durch das neuronale Netzwerk fließen, alles betäuben, alles kontrollieren, bis sie ihn vollständig ersetzen – ihn in eine Waffe verwandeln, perfekt für diese Aufgabe.
Der alte Mann lächelt bei dem Gedanken, Vorfreude blitzt in seinen Augen auf. Er freut sich auf den Tag, an dem es so weit ist.
In einem Wald, wo zerbrochene Sterne ruhen, ein kristalliner Teich erscheint.
Als wäre er mit dem Wein des Lebens getränkt, ist er klar und doch trüb.
Junger Reisender, trink nicht daraus.
Verlorener Liebender, trink nicht daraus.
Doch wenn die Blumen im Schlaf verwelken, wenn die Winde verstummen, wenn die wachsame Eule ihre Augen schließt
Nur dann kannst du tief von diesen Wassern trinken.
Lass die Toten singen.
„O Quelle des Atei! Reinige meine Zeit, nähre meinen Leib, bewahre mich vor der Einsamkeit der ewigen Ruhe!“
Bewahre mich vor der Einsamkeit der ewigen Ruhe …