To our Yesterday

Kapitel 4 Divergenz erwacht

Wir drei bleiben wie angewurzelt stehen, und ich drehe mich zu Rafayel um.
  

MC:
Was? Wann hast du denn eine Bucket List geschrieben?   


Verwirrt wendet sich Rafayel langsam Aiden zu, so wie ich mich ihm zugewandt hatte.   

Rafayel:
Wann habe ich denn eine Bucket List geschrieben?   

Aiden:
Ich war nur neugierig …   

Er zieht die Hand aus der Tasche und beginnt, an den Fingern abzuzählen.
  

Aiden:
Mein Großvater hatte eine Bucket List. Der Bildhauer und Tante Coralia hatten auch Dinge, die sie vor ihrem Tod noch tun wollten.   

Er hebt die Hand und zeigt Rafayel drei Finger. 
 

Aiden:
Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht ähnliche Gedanken hast … Aber ich glaube nicht, dass der Meeresgott wirklich sterben kann.  

Rafayels Verwirrung verfliegt allmählich, als er diesen abwegigen Spekulationen lauscht. Er hockt sich hin, um Aiden in die Augen zu sehen, und hebt dessen Ringfinger.   

Rafayel:
Wenn ich eine Wunschliste hätte, stünde darauf, die Lemurier zurück nach Whalefall City zu bringen.   

Aiden:
Das zählt nicht, denn es ist der Wunsch des Meeresgottes. Und es ist langweilig. Ich möchte deinen Wunsch wissen.    

Rafayel kichert leise, als er aufsteht. Seine Hand berührt sanft Aidens Kopf.
   

Rafayel:
Wenn der alte Butler herausfindet, dass ich dir wieder unangebrachte Dinge erzählt habe, würdest du dann an meiner Stelle ausgeschimpft werden?   

Aiden:
Ich bin erwachsen. Ich kann Dinge hören, die Kinder nicht wissen sollen!   

Rafayel:
Wirklich? Du bist  kaum größer als bis zu meiner Hüfte.  

Aiden:
Das zählt trotzdem!  

Aiden stellt sich auf die Zehenspitzen und schiebt Rafayels Hand nach oben. Er versucht, größer zu wirken. Rafayel drückt ihn zurück, aber ich erhasche einen Blick auf etwas, das sich hinter seinem Lächeln verbirgt.   

(Der Wunsch, den er nicht aussprechen will … Ist es Rache?) 

Aiden:
MC, entscheide selbst! Bin ich erwachsen geworden oder nicht?  

Ich reiße mich aus meinen Gedanken. Dann gehe ich zu Aiden und tätschele ihm den Kopf. 

MC:
Du bist definitiv größer geworden. Aber wenn Rafayel weiterhin so auf deinen Kopf drückt, hörst du vielleicht auf zu wachsen.  


Aiden:
Ahhh! Nein, ich muss noch größer werden!  

Aiden rennt mit erhobenen Händen davon. Am Fuße des Abhangs liegt das glitzernde Meer. Rafayel und ich stehen zusammen und beobachten Aidens Schatten. Ein Kind, das flink ist, kann schwierigen Themen ausweichen. Erwachsene können das nicht mehr.   

Rafayel:
Danke für die Rettung. Das war echt effektiv.  

Rafayel streckt seinen steifen Körper und gähnt träge. 

MC:
Du hast ihm heute schon zweimal etwas verheimlicht. Die ungestillte Neugier eines Kindes kann ganz schön anstrengend sein. Wenn Aiden groß ist, musst du ihm alle seine Fragen beantworten. Und die angesammelten Zinsen darfst du nicht vergessen. 


Rafayel:
Wie bitte? Gibt's sowas?  

MC:
Das ist die Wiedergutmachung dafür, dass du ihm ein Kindheitstrauma zugefügt hast.   


Rafayel:
Weißt du … ich glaube, du warst diejenige, die das verursacht hat. Nur so nebenbei. … 

Ich strecke ihm meine Hand entgegen.   

MC: 
Ich hab's nur getan, um dich da rauszuhauen. Du schuldest mir auch was. 

  

Rafayel nimmt pflichtbewusst meine Hand und drückt seine Handfläche gegen meine.   

Rafayel:
Bitteschön. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.    

Frustrierter Surfer:
Wann wird dieser Teil des Meeres endlich wieder freigegeben?  

Gelangweilter Surfer:
Ich habe mein Surfbrett schon dreimal gewachst. Ich kann es genauso gut einlagern.   

Frustrierter Surfer:
Alle Touristen, die Surfstunden nehmen wollten, haben abgesagt. Ich muss diesen Monat sparen …   

Die Surfer murmeln immer noch vor sich hin und gehen weg. Rafayel bleibt stehen und sieht ihnen nach.   

MC:
EVER beeinflusst bereits das Leben der normalen Leute auf Wavechaser Island.  
Rafayel: Die kümmern sich nicht um die Lemurier, geschweige denn um die normalen Leute. Das kommt mir aber gelegen. So muss ich sie nicht einzeln jagen.   


Ich betrachte sein Profil im Sonnenlicht. Sein Gesichtsausdruck ist alles andere als fröhlich.   

Rafayel:
Warum schaust du mich so an? Du hast meine Pläne doch schon längst durchschaut.   

MC:
Abgesehen davon, dass du einen Weg nach Whalefall City finden willst, planst du doch auch, etwas gegen diese Leute von Gaia Biotech zu unternehmen, oder?   
Immer wenn du mich so anschaust, weiß ich, dass du mir einen Herzinfarkt verpassen wirst …   


Rafayel:
Mache ich dir immer Angst? Ich sehe, ich war ziemlich unhöflich. Ich werde mir das auf jeden Fall gut überlegen. Das Auftauchen von Whalefall City hat in EVER für ordentlich Aufruhr gesorgt. Es wird viele Leute anlocken, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Diejenigen, die damals in Whalefall Acropolis eingedrungen sind, haben enorme Gewinne erzielt und einen Vorgeschmack auf die Belohnungen bekommen. Diese Gelegenheit werden sie sich sicher nicht entgehen lassen. Ich wirke nur als Katalysator und trage dazu bei, dass dieser vorhersehbare Kreislauf von Ursache und Wirkung schneller zu seinem Ende kommt.   

Rache ist ein Ziel, von dem Rafayel nie abgewichen ist. Sie scheint der Kern seiner Existenz zu sein. Doch die Rache muss irgendwann enden. Ich habe mir darüber noch nie wirklich Gedanken gemacht … Was wird Rafayel tun, wenn alles vorbei ist?   

(Wenn seine Rache damit endet, ist das gut. Aber …)   

Die Beendigung dieses Konflikts und die Rückeroberung von Whalefall City scheinen die perfekte Gelegenheit zu sein, die Lemurier anzuführen. Zurück in ihre königliche Hauptstadt.   

(...Werden Rafayel und die anderen Lemurier gehen?)   

Meine Gedanken sind wirr, und ich werde unbewusst langsamer. Ich falle hinter Rafayel zurück.   

Rafayel:
Warum so ein langes Gesicht?   

Ich weiß nicht, wann er sich umgedreht hat. Aber jetzt sieht er mir in die Augen.   

MC:
Ich frage mich, ob du und die Lemurier, die ich kenne, in die Tiefen des Ozeans zurückkehren werdet. Ihr schwimmt alle unglaublich schnell, daher sollte es nicht allzu schwierig sein, an Land zu kommen. Aber es fühlt sich trotzdem... ein bisschen... .

   

Rafayel:
Was, wenn ich nie wieder an die Oberfläche zurückkehren kann?   

Unzählige Worte liegen mir auf der Zunge, aber keines reicht aus. Ich öffne den Mund, aber kein Laut kommt heraus. Nur ein einziger Gedanke hallt in meinem Kopf wider.   

(...Ich kann es nicht ertragen, dich zu verlieren.)   

Rafayel: 
Du denkst weiter als ich, Cutie. Einige meiner Leute, die jemals gegangen sind, werden immer noch vermisst. Wie soll ich da gehen?  

Ich schaue auf und sehe sein sanftes Lächeln, das wie die Sonne strahlt. Ich spüre das dringende Bedürfnis nach einer endgültigen Antwort. 

MC: 
Dann... könnte ich bis zum Ende der Welt als dein Leibwächter arbeiten?  


Rafayel:
Wer weiß, wie lange die Erde noch existiert? Verlängern wir es doch einfach ein bisschen. So... bis das Universum stirbt.  Niemand weiß, wann das Universum entstanden ist oder wann es enden wird.  

MC:
Da unser Leben niemals so lang sein wird wie das des Universums, ist das im Grunde für immer.  


Rafayel:
Bis diese endlose Reise zu einem Ende kommt, werde ich diesen Ort nicht verlassen.  

Von seinem Standpunkt aus trägt der Wind einen erfrischenden Duft zu mir herüber. Die Meeresbrise ist sanft. Erstaunlicherweise kann sie meine Sorgen vertreiben. Als unser Gespräch unter Erwachsenen endet, rennt Aiden den Hang hinauf. Seine Schritte sind ungewöhnlich hektisch.   

Aiden:
Da... sind Leute im Hafen!    

Er weicht hinter uns zurück, seine Schultern zittern heftig. Ich hocke mich hin und klopfe ihm auf den Rücken.   

MC:
Lass dir Zeit. Wer sind die Leute, die gerade angekommen sind?  


Aiden:
Sie tragen dieselbe Kleidung wie die Forscher von Gaia Biotech, die die –  

Rafayels Telefon klingelt. Nachdem er abgenommen hat, höre ich leise die Stimme des alten Butlers. 

Alter Butler:
EVER hat ein neues Unterstützungsteam geschickt. Sie sind bereits in Verona.  

Rafayel:
...Verstanden.  

Rafayel senkt sein Handy, und sein Lächeln verschwindet.   

Rafayel:
Diese tödliche Versuchung ist wirklich unwiderstehlich. Jemand konnte es nicht länger aushalten.  

Ein großes Forschungsschiff befindet sich in der Nähe des Hafens. Aufgrund der geringen Wassertiefe kann das Schiff nicht anlegen. Die Mitarbeiter von Gaia Biotech gehen methodisch mit Landungsbooten an Land. Einer nach dem anderen erreichen sie das Ufer. Ich sitze mit Rafayel in einem Straßencafé an der Küste. Wir beobachten unauffällig die Bewegungen des neuen Teams.   

Rafayel:
Sie bewegen sich.   

MC
Okay.   


Ich folge Rafayel aus dem Café, und wir folgen der Gruppe schnell.  
 

MC:
Weißt du, wohin sie gehen?   


Rafayel:
Zentralplatz.   

Das Team von Gaia Biotech folgt, wie von einem Navigationssystem geleitet, der Straßenecke und nimmt die Straße zum Zentralplatz.   

MC: 
Kannst du auch Wahrsagen? Deine Treffsicherheit ist beeindruckend.  

 

Rafayel:
Wenn man sich in ihre Lage versetzt, ist es leicht zu erraten, wohin sie gehen. Kriminelle kehren gern immer wieder zu Tatorten zurück, und wer einmal Erfolg hatte, will ihn wiederholen. Der Zentralplatz wurde dem Platz in Whalefall Acropolis nachempfunden. Sie werden bestimmt in Erinnerungen an ihre „glorreichen Zeiten“ schwelgen.  

Rafayels Vorhersage trifft ein. Das Team von Gaia Biotech nimmt keine Umwege und geht direkt zum Zentralplatz. Musiker, die sich auf Volksmusik spezialisiert haben, spielen ein unbekanntes Lied. Die Forscher von Gaia Biotech bleiben vor der Band stehen und gesellen sich zu den anderen Zuschauern.   

Rafayel:
Von Parasiten befallene Fische sehen normalerweise nicht anders aus als die anderen im Schwarm.  Doch wenn Raubfische auftauchen, sind die parasitierten Fische sich der Gefahr nicht bewusst und gehen Risiken ein. Die nicht infizierten Fische hingegen fliehen. In diesem Moment glauben sie, ihre Fressfeinde besiegen zu können. Mal sehen, wer das Glück hat, in Whalefall City einzutreten.   

Als die melodische Musik ihren Höhepunkt erreicht, gibt Rafayel mir ein Zeichen, stehen zu bleiben. Dann verschwindet er schnell hinter einer Statue auf dem Platz und gibt sich teilweise zu erkennen. Ein Bandmitglied sucht Rafayels Blick. Zwischen ihnen und einer Menschenmenge nickt Rafayel, und der Musiker runzelt die Stirn, bevor er geht. Das nächste Lied beginnt. Das Publikum schenkt dem unauffälligen Bandmitglied, das mitten im Auftritt gegangen ist, kaum Beachtung. Außer den drei Forschern von Gaia Biotech. Direkt hinter ihnen sehe ich, wie die drei sich stumm mit Blicken verständigen. Dann lösen sie sich voneinander und gehen auf Rafayels Position zu.   

(Der Fisch angelt? Interessant …) 

Vor ihnen tauchen Rafayel und die Bandmitglieder immer wieder kurz auf und verschwinden wieder. Sie sind im Begriff, außerhalb des Platzes zu verschwinden. Als Die drei Forscher beschleunigen ihre Schritte, und ich folge ihnen lautlos. Am Fuße einer mit Muscheln geschmückten Hofmauer lauschen die drei Gaia-Biotech-Forscher verstohlen auf der anderen Seite. Ihre Gesichter verziehen sich zu scheuen, rattenartigen Ausdrücken. Kurz darauf verlassen sie mit denselben Gesichtsausdrücken die Gasse. Sie gehen unter dem Gebäude im zweiten Stock hindurch, in dem ich mich verstecke. 

Gaia-Biotech-Forscher A:
Keine Frage … Das ist Whalefall City …  
 

Gaia-Biotech-Forscher B:
Gerade als sie eintreten wollen … sollten wir auch …  

Gaia-Biotech-Forscher C:
Hehe … Wir haben Glück, dass wir bekommen, was wir wollen, ohne uns anzustrengen …  

Sie machen keinen Hehl aus ihrer Gier, und mir läuft ein widerlicher Schauer über den Rücken. Dann spüre ich, dass mich jemand ansieht, und ich hebe den Kopf. Rafayel winkt mir von der Mauer eines nahegelegenen Hofes zu. Leise klettere ich hinunter und eile zu ihm.   

Rafayel:
Ich wusste, dass du dich nicht heraushalten kannst. Jetzt beobachtest du die Beobachter.   

MC:
Sie verhielten sich verdächtig. Mein Instinkt war sofort geweckt, als ich sie sah. Ich habe ihr Gespräch belauscht. Sie versuchen, in Whalefall City einzudringen.  

 

Rafayel:
Das überrascht mich nicht. Sie wissen, dass ich etwas Besonderes bin, und sie spekulieren über meine Verbindung zu den Lemuriern. Aber das reicht nicht, um irgendetwas zu beweisen. Ich habe ein paar Informationen darüber preisgegeben, dass wir wissen, wie man in Whalefall City kommt. Außerdem habe ich etwas über ihre Schätze und ihre Macht, die die von Whalefall Acropolis übertrifft, erwähnt. Nur diejenigen, die an der Zerstörung der Walfall-Akropolis beteiligt waren, werden verstehen, wovon ich spreche.   

Er beobachtet die Gasse, in der die Gruppe verschwunden ist. Sein kalter Blick verrät unerschütterliche Entschlossenheit.   

Rafayel:
Als sie zerstört wurde, …   

Erinnerungen steigen in ihm auf, und seine Stimme verstummt.   

Rafayel:
... entkam ich durch reinen Zufall, aber ich sah nie die Gesichter der Eindringlinge. Jahrelang suchte ich nach Hinweisen. Es war meine einzige Wahl. Und mit der Zeit fand ich sie einen nach dem anderen. Sie waren besonders gut versteckt. Wäre die Anziehungskraft von Walfall City nicht so stark gewesen, hätten wir sie nicht aus der Reserve locken können.   

MC: 

Die Falle ist gestellt, und sie haben die wahre Gefahr noch nicht einmal bemerkt. Sie sind von ihrer eigenen Gier verzehrt.

   
Rafayel: 
Wir müssen jetzt nur noch ein wenig warten.   

 

Sobald wir ins Gästehaus zurückkehren, hören wir gedämpftes Gemurmel aus dem Hof. Zahlreiche Lemurier haben sich versammelt. Aiden ist unter ihnen.
   

Aiden:
Miss MC, Rafayel, habt ihr das Echo gehört?  

Bedauernd schüttle ich den Kopf. 

Aiden:
Ah … nein. Dann ist Tante Coralia … nicht nach Whalefall City zurückgekehrt … 
  

Rafayel:
Wie lange ist es seit der vorhergesagten Zeit her?   

Alter Butler:
Eine Stunde.   

Rafayel:
… Es ist zu lange.  
 

Wir tauschen einen Blick. Das Echo der Seemondzeremonie wird wohl nicht erscheinen. Viele, wie Aiden, hatten sehnsüchtig darauf gewartet. Ich trete neben Rafayel und streiche mit meinem Handrücken über seinen.   

MC:
Hast du Lust, am Strand spazieren zu gehen?   


Rafayel:
Jetzt?   

MC:
Wenn das Echo wirklich leise ist, können wir es von hier aus nicht hören, oder? Warum gehen wir nicht zum Strand und warten noch ein bisschen?   


Rafayel:
Okay, machen wir das.   
  

Das Mondlicht ist heute Abend schwach. Wolken verdecken den Mond. Ich steige ins Meerwasser und entdecke, dass es an den Stellen, wo ich es bewege, blau leuchtet. Blaues Licht strahlt und erzeugt eine traumhafte Szene.   

MC:
Rafayel, ich glaube, ich bin ein Zauberer geworden.   


Rafayel:
Im Wasser gibt es Glühwürmchen. Wenn man sie berührt, leuchten sie. Übrigens, du erschreckst sie, Cutie. Sie könnten vor Schreck sterben.   

MC:
Was?  


Ich ziehe meine Hand schnell zurück. Rafayel hockt sich hin. Lächelnd packt er mein Handgelenk und führt es sanft zurück.   

Rafayel:
Nur Spaß. So zerbrechlich sind sie nicht. Das ist ein normales biolumineszentes Phänomen in manchen Ozeanen.   

MC:
Das wusste ich doch …  


Ich halte Rafayels Hand und beschreibe einen Bogen durch das Meerwasser. Eine wunderschöne saphirblaue Lichtlinie zieht sich hinter mir her. Das Leuchten erhellt unsere verschwommenen Spiegelbilder. Die Wellen brechen und zerreißen uns, nur um uns dann schnell wieder zusammenzufügen. 

Rafayel:
Es gibt viele transparente Lebewesen im Ozean, die kein Licht aussenden. Sie leben in der Tiefsee und spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem des Ozeans. Sonnenlicht kann sie nicht erreichen. Als ich jung war, habe ich mit ihnen mit Flammen gespielt. Ihre transparenten Körper nahmen die Farben an, die entstanden, wenn Feuerlicht und Meerwasser verschmolzen.   

MC:
Ist es wie dein Gemälde aus Raymonds Sammlung?   


Rafayel:
Sie sind ätherischer. Aber warum hast du an dieses Gemälde gedacht?   

MC:
Tante Coralia erinnerte mich an das, was du über die Lemurier gesagt hast, die nach dem Tod ins Meer zurückkehren müssen. Dann … bei Raymond zu Hause …Sie ist vor langer Zeit gestorben. Wenn wir einen Weg zurück nach Whalefall City finden, würde ihre Seele dorthin zurückkehren?   


Rafayel:
… für Whalefall City Ja, Zeit war nie ein Problem.   

Die unruhigen Wellen in meinem Herzen legen sich. Worte verhallen im Auf und Ab der Wellen. Stille kehrt zurück. Ich greife mit beiden Händen ins Meer. 
 

MC:
Glühwürmchen, tragt unsere Wünsche in die Tiefsee. Und lasst die Verstorbenen ihre Echos senden. Ich flehe euch an.   


Ich öffne die Augen und sehe Rafayel, der mich ansieht. Seine Augen spiegeln die blauen Lichtpunkte wider.   

MC:
Wenn Menschen die Hoffnung verlieren, sind sie zu allem fähig. Ich würde sogar so weit gehen, dem Meeresgott einen Wunsch zu äußern.   


Rafayel:
Ich habe darüber nachgedacht, wie die Glühwürmchen unsere Wünsche tragen würden, wenn sie nicht sprechen können.   

MC:
Du zerstörst die Magie!   


Ich ergreife seine Hand und tauche sie ins Meerwasser.   

MC:
O großer Meeresgott, kannst du nicht mit den Meerestieren kommunizieren? Versuch es. Bitte die Glühwürmchen, unsere Nachricht zu überbringen.  

 

Rafayel:
Okay, okay. Ich versuche es.   

Rafayel schließt die Augen.   

Rafayel:
Glühwürmchen, falls ihr Whalefall City erreicht, lasst sie bitte eine Nachricht zurückschicken. Das ist eine dringende Expresslieferung. Danke.   

Die leuchtend blauen Punkte flattern und pulsieren in den Wellen, als ob sie es verstünden. Plötzlich branden die Wellen hoch, und der Himmel verdunkelt sich. Aus irgendeinem Grund verstummt das Rauschen der Wellen. Kein Echo kehrt zurück.   

Rafayel:
Die Flut steigt. Es ist zu gefährlich, am Ufer zu bleiben. Lasst uns umkehren.  
 

MC:
Aber …   


Rafayel streicht mir sanft über das vom Wind zerzauste Haar.   

Rafayel:
Nicht jeder Zauber wirkt in Märchen. Wunder geschehen immer erst am Ende der Geschichte.   

MC:
Also ist die Seemondzeremonie, die die Lemurier nach Whalefall City zurückbringt, nur eine Legende …   


Rafayel:
Als Kind hörte ich einmal eine Gutenachtgeschichte über den ersten lemurischen Meeresgott. Der Legende nach verschwand der Meeresgott zum Wohle von Whalefall City in einem goldenen Meer. Seine Geliebte suchte die ganze Welt ab, doch als sie ihn fand, war er bereits in ewigen Schlaf gefallen. Ihre blutigen Tränen fielen auf den Ring, der ihren Bund symbolisierte. Ein muschelförmiges Gefäß erhob sich aus den Tiefen des Ozeans und brachte den schlafenden Meeresgott und seine Geliebte zurück nach Whalefall City. Die Beerdigung des ersten Meeresgottes ist der Ursprung der Seemondzeremonie.  

Auf der Suche nach dem Drahtzieher der Invasion und Plünderung der Whalefall-Akropolis sah ich diesen Ring.  Wir lebten auf der Akropolis der königlichen Hauptstadt, die unzählige Schätze barg, die selbst den Lemuriern unbekannt waren.  Dieser unscheinbare Ring blieb unbemerkt und verschwand im Strom des Goldes und des Handels.   

MC:
Jetzt ist es an der Zeit, ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.  
Rafayel: Derjenige, der ihn genommen hat, weiß, dass er jetzt einer der wertvollsten Schätze Lemurias ist. Er wird ihn nur gegen etwas Wertvolleres eintauschen.  

 

Ein bedeutungsvoller Ausdruck huscht über sein Gesicht. 

Rafayel:
Natürlich hätte das niemals ein „Deal“ sein dürfen. Ich habe da eine Idee. Wärst du bereit ?

MC:
Ja.   


Die steigende Flut holt uns ein. Rafayel nimmt meine Hand und hilft mir aufzustehen. 


MC:
Ich will noch auf das Echo warten. Ich will nicht aufgeben, bis zum allerletzten Moment.  


Wir sitzen bis zum Morgengrauen auf der Ufermauer. Das einzige Echo sind die Wellen. 

  

Später – Telefonanruf
 

Rafayel:
Mr. Sutherland.  

Mr. Sutherland:
Unsere talentierte Künstlerin hat mich warten lassen. Ich habe alles mitgebracht, was Sie wollten. Wann erfüllen Sie endlich Ihren Teil der Abmachung?  

Rafayel:
Natürlich. Ich habe sie gerade bei mir.  Allerdings reicht das, was Sie mitgebracht haben, nur, um sie abzuliefern. Ob Sie sie bändigen können, hängt von Ihrem Können ab.  

Mr. Sutherland: 
Ich erwarte Sie um 16:00 Uhr am Wellenbrecher von Verona.  

Das Gespräch endet. Sonnenlicht flutet den Raum.   

MC:
Ich habe mich nicht getraut, etwas zu trinken, während du gesprochen hast. Ihr habt so lange geredet, dass das Eis fast geschmolzen ist.  


Rafayel:
Bitte. Ich spiele eine Szene voller Intrigen und Verrat. Wie soll ich da in meiner Rolle bleiben?   

Er trinkt schnell.   

Rafayel:
Dieser Mann wagt es, EVER das Geschäft wegzunehmen, nur um sich selbst zu bereichern. Man kann sich vorstellen, wie wachsam er sein muss.   


MC:
Als er also nach mir fragte, ging es wohl um …   


Rafayel:
Den Ätherkern.  

MC: 
Er ist ein Feigling, aber er hat einen ordentlichen Appetit.  


Ich verschränke die Arme und sehe ihn an.   

MC:
Sei ehrlich. War ich von Anfang an Teil deines Deals mit ihm?  

 

Rafayel:
Nein. Es war eher so … ich habe die sich bietende Gelegenheit genutzt. Was soll ich tun, wenn mein wertvollster Schatz …  

MC:
... Ich bin.  


Rafayel stellt sein Glas ab und beobachtet, wie sich das Licht darin bricht. 
 

Rafayel:
Du bist also bestens informiert. Ich gebe dir Recht, dass du richtig geraten hast. 
  

MC:
Zumindest muss ich mich nicht verstellen. Auf Ihrem Terrain wird Mr. Sutherland das sicher nicht weiter stören.   


Rafayel stützt sein Kinn auf die Hand und wischt gedankenverloren Tropfen an der Scheibe entlang.   

Rafayel:
Zwei so wichtige Leute wie wir, die ihm eine besondere Vorstellung geben … Da ist es nur fair, dass er zahlt. Da er Angst hat, von Gaia Biotech beobachtet zu werden, und sich nicht traut, die Insel zu besuchen, Man kann sich wohl denken, welchen Ort er für das Geschäft gewählt hat. Auf dem südlichen Wellenbrecher von Verona befindet sich ein Zentrum mit einer kleinen Gehirn-Computer-Schnittstelle. Nachdem sie mit der Forschung an den Protonenkerne begonnen hatten, gab EVER das Projekt auf.   

MC:
Warum ist dieser Ort so besonders?   


Rafayel:
Hier ist im Umkreis von drei Kilometern keine Menschenseele zu sehen, perfekt also, um Leute zu hintergehen.   

Rafayel und ich tauschen einen Blick und grinsen wie zwei verschwörerische Schurken. Ein Hubschrauber landet hinter einem Wellenbrecher an einem einsamen Küstenabschnitt.   

MC:
Lass mich los!   


Rafayel:
Wehre dich noch länger, und ich lasse dich fallen. Hier warten menschenfressende Fische auf dich. Warte kurz. Dann benutze deine Resonanz-Evol, um nach abnormaler Energie zu suchen. Das wird unser Ziel sein.   

MC:
Okay.  


Mein Gesicht ist verhüllt, und ich sehe schlecht. Rafayel führt mich vorwärts.
 

(Ein so sanfter Entführer … wird uns denn niemand durchschauen?)  

MC:
Rafayel, sei etwas grober. Lass uns nicht auffliegen.  


Rafayel:
Entspann dich und folge mir. Dir wird nichts passieren.  

Er schubst mich mit Wucht vorwärts. Ich stolpere und stelle mich als Opfer dar. Wir betreten eine unterirdische Anlage. Sutherland ist bereits da. Wachen nehmen mir die Kopfbedeckung ab. Ich beobachte unauffällig die Umgebung und bemerke mehrere Wachen. 
 

Wache: 
Sie beide müssen hier warten.   

In der Ecke stehen mehrere entstellte Gestalten regungslos da. 
 

(Viele Wanderer verstecken sich hier.)  

Ihre Energieschwankungen halten mich in Atem. 

Rafayel:
Sie haben sich sogar aufgestellt, um uns zu begrüßen. So höflich!   

Wache:
Nicht bewegen! Diese Dinger gehorchen nur ihrem Anführer.   

Rafayel drückt mir beruhigend den Arm.  
 

Rafayel
Warum müssen wir dann warten?   

Wache: 
Die Ausrüstung wird noch vorbereitet. Das dauert mindestens noch eine Stunde. Der Boss meinte, die Vorgesetzten bräuchten eine Protonenkern-Verifizierung.   

Mein Arm wird angetippt – unser vereinbartes Signal.   

 

Rafayel:
Falls etwas Unerwartetes passiert, lauf!  


MC:
Soll ich dich zurücklassen?  


Rafayel:
Kannst du das wirklich? Lauf einfach. Ich fange dich und bringe dich zurück. Widerstand macht es glaubwürdiger.  

  

Plötzlich reiße ich mich los und ziehe die Waffe, die sie übersehen haben. Rafayel lenkt ab, während ich renne.   

Wache:
Trupp Nr. 2, nehmt sie mit!   

Rafayel:
Eure Männer sind zu ungeschickt. Da sie wertvolle Fracht beschädigen werden, übernehme ich das.   

Ich verstecke mich an einer Ganggabelung. Schritte nähern sich.   

MC:
Komm nicht näher!   


Rafayel:
Psst. Geduld, okay? Ich bin da.   

Mr. Sutherland:
Ihr habt Wort gehalten. Ich bin sicher, unsere Zusammenarbeit wird angenehm.  

Rafayel:
Eile? Macht mit Gewalt an sich zu reißen, wird euch am Ende nur schaden.
   

Mr. Sutherland:
Ich habe nicht die Absicht, den Protonenkern zu beanspruchen.   

Rafayel:
Gut. Und was ist mit dem, was ich will?   

Mr. Sutherland:
Ich habe es. Ich muss jedoch den Ätherkern überprüfen.   

Rafayel:
Natürlich. Aber die Macht des Ätherkerns ist schwer zu kontrollieren. Du brauchst Vertrauen und Erlaubnis. Wenn das nicht funktioniert, brauchst du Hilfe von außen.  Angst und Tod sind die besten Methoden, um Potenzial zu erwecken.   

(Das ist das Signal. Der Ring!) 

Mr. Sutherland:
Ihr zwei seid –   

Rafayel:
Fang.   Warum habt ihr es so eilig? Da wir eine Abmachung haben, können wir unsere Vorstellung nicht umsonst abliefern. Das Ding, das du mitgebracht hast … ich nehme es. Los geht’s. 
Hinter dir. ...Der Rest gehört dir. 
Es gibt keinen Applaus, aber das Publikum ist begeistert. 

  

Wir springen vom Wellenbrecher und landen auf der vorbereiteten Yacht. Weiße Wellen umspülen unser Schiff, als wir den Hafen verlassen. Rafayel sitzt am Bug und dreht langsam den Ring an seiner Fingerspitze.   

Rafayel:
Du hältst mir die Hand hin … Was willst du damit andeuten?   

MC:
Meine Gage?   


Rafayel:
Ich bezahle, sobald wir zurück auf Wavechaser Island sind.  
 

MC:
Es war ein anstrengendes Training. Ich habe mir eine ordentliche Gage verdient, findest du nicht?   


Rafayel:
Du bist die Hauptdarstellerin. Du entscheidest.   

Ich betrachte den Ring in seiner Hand. Die Meeresbrise streicht über den Bug, und seine Kleidung flattert wie eine schwingende Schwanzflosse. Ein ungewöhnlicher Duft liegt in der Luft. Rafayel und ich drehen uns gleichzeitig um und sehen dunkle Wolken aufziehen. Ein Sturm zieht über die Gewässer vor Verona auf. Die kleine Yacht rast mit voller Geschwindigkeit durch die dunkle See, während wir versuchen, dem Auge des Sturms zu entkommen. Regen prasselt gegen die Kabinenfenster. 
 

MC:
Rafayel, das ist für dich ein kleiner Sturm?!   


Rafayel:
Natürlich. Diese Wellen könnten nicht mal einen Seestern vom Riffgrund reißen. Wenn du wirklich Angst hast, schau nicht nach unten.   

Ich werfe trotzdem einen Blick hinaus.   

Rafayel:
Für Wesen, die nicht hier aufgewachsen sind, ist das Meer während eines Sturms furchterregend. Das trübe Wasser wird unvorstellbar tief, und die Wellen scheinen die Ankunft eines riesigen Wesens aus der Tiefe anzukündigen.   

MC:
Was passiert, wenn es auftaucht? Wird es uns verschlingen?   
Ich forme mit meinen Fingern eine Pistole. Du solltest es besser überzeugen, es sich noch einmal zu überlegen.   


Rafayel:
Die Schwachen, die nach Blut riechen, sind wie eine herrenlose Beute. 

Unser Geruch wird die etwas blinden Vielfraße wohl abschrecken.

Gefunden. Ein Lichtstrahl durchbricht den Sturm.   

MC: 
Es ist ein Leuchtturm! Dort sollten wir anlegen können.   


Sie erreichen einen Leuchtturm vor der Küste und suchen Schutz. Der Leuchtturmwärter bereitet heißes Wasser und Trockennahrung zu.   

MC: 
Das ist perfekt. Ich hatte etwas Hunger, und wir haben einen netten Menschen getroffen.  


Rafayel:
Sieh dir das Essen mal genauer an, Cutie.  

Als es geöffnet wird, riecht es intensiv nach Meer.   

MC:
Was ist das?!   


Rafayel:
Ich konnte es aus 800 Metern Entfernung riechen. Was für ein Mensch bewacht einen einsamen Leuchtturm mitten im Ozean?   


MC:
Sie ist eine Lemurierin?   


Rafayel:
Nicht jeder Lemurier ist so aufgeschlossen wie ich. 
  

Er übergießt getrockneten Fisch mit heißem Wasser.   

Rafayel: 
Er ist mit Meerwasser gepökelt. Nach dem Einweichen schmeckt er besser.   

Die Leuchtturmlampe wird angezündet.   

Rafayel:
In Lemuria gibt es ähnliche Bauwerke wie Leuchttürme. Sie heißen Walaschegärten.   

Er erklärt, dass sie dort errichtet wurden, wo Wale starben, und als Wegweiser für verirrte Reisende dienten. Das Anzünden der Walaschelampen erinnert die Reisenden daran, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – und nicht zu vergessen, woher sie kommen.   

(Sobald der Sturm vorüber ist, kehren wir zur Wellenjägerinsel zurück, um eine weitere Seemondzeremonie abzuhalten...Wenn wir Erfolg haben, wohin wird Rafayel gehen, wenn alles vorbei ist?) 

MC:
Rafayel, du hast gesagt, du würdest nicht in Whalefall City bleiben. Es ist nicht dein endgültiges Ziel.   


Ich versuche, unbeschwert zu klingen.
  

MC:
Nach deiner Rache könnte dein Leben unbeschwerter sein. Vielleicht kannst du dich der Malerei widmen. Aber dann... Wenn dem so ist... hast du einen Grund, in Linkon City zu bleiben?  


Ich umklammere das Paket fest.   

MC:
Was ich fragen möchte, ist nicht, ob du hier oder dort bleibst. An einem normalen Tag... wenn ich dich sehen möchte... wirst du dann noch an meiner Seite sein?   


Rafayel:  
Das ist schwer zu sagen. Deiner Vision folgend werde ich meine Grenzen überwinden und mich der Kunst widmen. Ein talentierter Künstler verdient keine eintönigen Tage.   

Dann ändert sich sein Tonfall.   

Rafayel:
Diese bedeutungslosen Szenarien beiseite, hast du nur eine Frage. Und ich habe nur eine Antwort. Ich habe einen sehr langen Weg zurückgelegt. Auf meiner gesamten Reise hat mich dasselbe Licht geleitet. Und es ist nicht nur mein Wegweiser. Es ist das wahre Ziel meines Schicksals.   

MC:
Wenn wir die Lebensspanne eines Lemuriers bedenken … kann ein einziges Licht dich so lange begleiten?   


Rafayel:
Vielleicht nicht. Was du jetzt siehst, ist vielleicht nur ein Tropfen im Ozean. Und mit der Zeit wirst du vielleicht entdecken, dass du selbst die weiteste Reise unternommen hast.   

Dank Rafayels Kochmethode ist der Trockenfisch fertig. Ich esse auf und tue dann so, als würde ich ihm ein Mikrofon an den Mund halten.   

MC:
Ich habe eine Frage an unseren verehrten Meeresgott. Welche neue Mission werden Sie nach Ihrer Rache übernehmen? Werden Sie die Lemurier beim Wiederaufbau ihrer Heimat anführen?   


Ein kleiner Fischschwanz lugt unter seinem breiten Grinsen hervor. 
 

Rafayel:
Du denkst, der Meeresgott ist ein Immobilienmogul?   

MC:
Du hörst die Wünsche der Lemurier, aber erfüllst sie ihnen nicht?   


Rafayel:
Der Meeresgott ist nicht wie menschliche Eltern, die heimlich Geschenke vorbereiten, nachdem sie die Wünsche ihrer Kinder gehört haben.   

MC:
Das ist enttäuschend. Woran richten die Lemurier dann ihre Wünsche?  


Rafayel:
An das Meer. Der Ozean nährt alles Leben. Wenn du dir etwas vom Meer wünschst…  

MC:
Wird es mir meinen Wunsch erfüllen?   


Rafayel:
Die Fische, Garnelen, Krabben und Muscheln werden lauschen.
   

MC:
Dann wünsche ich mir, jeden Tag frische Meeresfrüchte zu essen!   


Sie lachen gemeinsam. Der Regen hört auf.   

Rafayel:
Auf geht’s! Heute Abend ist der perfekte Tag für die Seemondzeremonie.  
 

Gestalten erscheinen auf dem Riff und singen uralte Lieder. Ihre Schuppen schimmern im Mondlicht. Talias Gesang erfüllt die Luft. Er klingt wie ein Segen – und ein ferner Ruf. Der Ring ruht in Rafayels Handfläche, als ich meine Hand auf seine lege.   

MC: 
Was singen sie?   


Rafayel:
Einen Segen für den Meeresgott und seine Anhänger. Ich habe schon lange keine so uralte Melodie mehr gehört. Selbst die Aufzeichnungen Lemurias enthalten fast nichts über die Beerdigung des Meeresgottes. 

MC:
Ich denke, wir sollten es einfach die Seemondzeremonie nennen.  

 

Rafayel:
Die Lemurier fürchten den Tod nicht, aber wir haben Sehnsüchte in unseren Herzen. Selbst fern der Heimat werden wir niemals aufhören, nach einem Weg zurück zu suchen.   

MC:
Wussten die Bewohner von Whalefall City schon, als sie noch existierten, dass sie eines Tages fortgehen würden?   


Rafayel: 
Vor langer Zeit verfasste Lemuria Prophezeiungen über sein Schicksal.
   

MC:
Das Buch des Meeresgottes, nach dem ihr gesucht habt …  

 

Rafayel:
Vielleicht ist die Suche selbst Teil der Prophezeiung.   

Sie warten auf das Muschelhorn. Delfine springen aus dem Wasser, als wollten sie ihren Herrscher begrüßen.   

Rafayel:
Heute Abend ist die perfekte Zeit, um aufs Meer hinauszufahren. 
 

Er streckt die Hand aus.   

Rafayel:
Möchtest du mich in die lemurische Königshauptstadt begtleiten?   

MC:
Es wäre mir eine Ehre.   


Plötzlich brandet das Meer auf und teilt sich. Die Lemurier singen zu den versiegelten Toren ihrer Heimat. Ich spüre etwas – ein letzter Ruf ist nötig. Als ich den Ring in Rafayels Handfläche ergreife, steigt silberner Schaum zwischen den geteilten Wassermassen auf. Eine riesige, leuchtende Muschel erhebt sich.
 

(Das ist die Energie des Blue Hole …) 

Ich aktiviere mein Evol, um sie zu spüren. Eine Stimme hallt wider:

 ???:
Bist du bereit, mein Anhänger zu sein? Du musst mir etwas Unersetzliches anbieten. Das Herz des Meeresgottes – mein Herz. Willst du es?  
 

(Mit wem spreche ich?) 

???:
Dies ist mein Versprechen an dich. Für Lemurias Schwur – ein ewiges Band. Hör gut zu. Dies ist das letzte Mal, dass ich dich lehre.   

MC:
Nun … mit der Macht des Schwurs des Meeresgottes – Rafayel, gehorche meinem Befehl! Nimm dieses Herz zurück und beende unsere ewige Verbindung. 

  

Alles verblasst. Es fühlt sich an, als würde ich aus einem langen Traum erwachen. Erinnerungen, die nie meine waren, strömen herein.   

Rafayel:
Bist du wach?  

Ich merke, dass ich in seinen Armen liege.   

MC:
Was ist gerade passiert?  


Rafayel:
Du wurdest wahrscheinlich von der uralten ozeanischen Kraft beeinflusst, die auf diesem Boot ruht. Sie hat sich über viele Jahre angesammelt.   

Seine Augen sind klar – sie verraten nichts.   

(Hat er es vergessen?)   

Bilder aus der Vision bleiben in meinem Gedächtnis.   

Rafayel:
Was summst du da?   

Ich merke, dass ich die Melodie aus der Vision summe.   

MC:
Wenn ich dir erzählte, ich hätte dieses Lied im Traum gehört, würdest du mir glauben?  


Rafayel:
Ich schätze, du hattest einen ungewöhnlichen Traum. Was war denn noch drin?  
 

MC:
Da waren Wellen, Flötenmusik und…   


Ich sehe ihn an. 

MC:
Du.  


Rafayel:
Heh. Ich wusste es.   

MC:
In meinem Traum hast du gesagt, du würdest mir dieses Lied beibringen.  

 

Rafayel:
Ohhh… Du willst mich einfach nur singen hören. Das ist aber eine umständliche Art, eine Bitte zu äußern.   

MC:
So war das nicht gemeint, aber da du es vorgeschlagen hast…  

Flammen schießen aus seiner Handfläche, erlöschen aber und werden von einer leuchtenden Muschel abgelöst.

MC:
Ist das wieder so ein Trick?   


Rafayel:
Selbst wenn ich der talentierteste Musiker der Welt bin, brauche ich etwas, um Musik zu machen. Ich höre dieses Lied zum ersten Mal, aber…   

Der Klang vermischt sich mit der Melodie aus meinem Traum. Er zieht mich näher an sich, und ich schmiege mich an ihn, um die bruchstückhaften Erinnerungen zusammenzusetzen.   

MC:
Unser Pakt begann noch früher, als ich dachte…   


Die Musik verstummt plötzlich. Das Boot schaukelt.   

MC:
Da ist eine Strömung.   


Rafayel:
Nein. Das ist Whalefall City.   

Er entzündet eine Flamme, die die Tiefe erhellt. 

Rafayel:
Sie antwortet unserem Ruf.   

Das Boot wird von einer unsichtbaren Kraft auf einen gewaltigen Strudel zugezogen. Silberne Fische wirbeln nach unten.   

Rafayel:
Whalefall City liegt unter uns. Halt dich an mir fest.   

Er hält mich fest. Das Meer verschlingt den Himmel, während wir hinabsteigen.  

 
MC:
Rafayel…   


Rafayel: 
Ich bin da.   

Ein riesiges Walskelett trägt das Schiff.
   

Rafayel:
Stell dir dieses gigantische Walskelett als Willkommenszeremonie von Whalefall City vor. 

MC:
Ein Wal… mit Flügeln?    


Rafayel:
Wer sagt, dass man unter Wasser nicht fliegen kann?  

Das Skelett löst sich allmählich in der Dunkelheit auf. 

Rafayel:
Keine Angst.   

Wir durchqueren eine unsichtbare Barriere. Unten liegt eine riesige Unterwasserstadt. Antike Straßen, korallenbewachsene Statuen, Türme, die sich wie ein Netz verflechten. Unzählige Lichter wirbeln wie eine Galaxie durch das Wasser.   

MC:
Das ist…   


Rafayel:
Whalefall City.   

Die verlorene Zivilisation erscheint vor meinen Augen. Wir schweben über der Hauptstraße der königlichen Hauptstadt.   

MC:
Laut der Akademie des Weltraums schlummert Whalefall City „in der abgründigen Tiefe“.   


Rafayel:
Sie schreiben, als hätten sie es selbst gesehen.   

MC:
Man übertreibt, was man nicht gesehen hat. Geheimnisse machen die Dinge faszinierender.  


Rafayel:
Glaubst du, es entspricht den Beschreibungen?   

MC:
Schon der Versuch, es zu beschreiben, wäre anmaßend.  

 

Rafayel:
Jeder hat seine eigene Interpretation von Whalefall City. Archäologen sehen einen verborgenen Schatz. Lemurier sehen die Ruhestätte der Seelen.  
 

MC:
Und du?  


Rafayel zerdrückt eine Lichtblase in seiner Hand.   

Rafayel:
Für den Meeresgott ist es eine ihm im Blut liegende Mission. Aber jetzt denke ich … Wenn du nicht mitgekommen wärst und ich hier allein zwischen diesen Ruinen säße … dann wäre ich der Glückliche, nicht du.  

Wir steigen zu einem Platz hinab. Massive Statuen säumen den Weg. 
 

MC:
Wenn dieser Bildhauer das sähe, würde er sie tagelang studieren.  

 

Rafayel:
Man könnte sagen, die Schöpfer dieser Statuen waren seine Vorfahren.   


MC:
Diese Statuen sind mindestens 1000 Jahre alt. Werden da künstlerische Traditionen weitergegeben?   


Rafayel:
Genetische Vererbung trifft es wohl eher. … Dieser Ort ist die vollendetste Verkörperung lemurischer Kunst.  

MC:
Wirklich?   


Rafayel:
Es ist der Tempel des Meeresgottes.   

Ein Gefühl von Déjà-vu überkommt mich. Vor uns erhebt sich ein gewaltiger Tempel.   

Rafayel:
Das ist unsere einzige Möglichkeit, wenn wir den Weg nach Whalefall City wirklich öffnen wollen.   

Instinktiv gehe ich näher heran. 

Rafayel:
Warum wirkst du nervöser als ich? Bleib ruhig. Wir sind fast da.  


MC:
Rafayel…   


Rafayel:
Was ist los? Glaubst du, es würde mich aufregen, hier zu sein?  

MC:
Es ist mehr als das. Ich würde mir wünschen, dass du nicht alles in dich hineinfrisst.   


Aus diesem Winkel kann ich Rafayels Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber ich höre einen leisen Seufzer.   

Rafayel:
Es ist zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht. Je mehr wir uns aneinander gewöhnen, desto schwerer wird es, loszulassen, wenn wir uns trennen müssen.

   
MC:
Machst du dir keine Sorgen, dass Gaia Biotech oder EVER vor nichts zurückschrecken würden, um Whalefall City in ihre Gewalt zu bringen?  

 

Rafayel:
Sobald Whalefall City sich vollständig offenbart, haben unsere Leute keinen Grund mehr, nicht zurückzukehren. Allerdings würden sie dann alle zu Zielscheiben werden. Die heutigen Lemurier können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Walfallstadt sie vor allem schützt.   Sie als Schutz gegen alles zu nutzen, ist eine Illusion. Als die Whalefall-Akropolis zerstört wurde, hatten wir Whalefall City noch als Zufluchtsort. Wenn sie auch…

Das friedliche Leben, das die Lemurier mühsam wieder aufgebaut haben, darf nicht erneut zerstört werden. Der falsche Ort, die falsche Zeit… Und doch will er diese alles andere als ideale Gelegenheit nutzen, um etwas zu tun. Es ist für ihn und die Lemurier, die, anstatt Wünsche zu äußern, sich Sorgen machen, dass er allein Rache sucht.   

MC:
Lass uns das Richtige tun, auch unter diesen schwierigen Umständen.   


Der riesige Wal bringt uns zum zentralen Platz vor dem Tempel des Meeresgottes. Dann schlägt er mit seinen gewaltigen Flügeln und schwebt zurück über der königlichen Hauptstadt. Die Flügel erzeugen einen Windstoß, der verstreute Steinsplitter über den Boden fegt. Ich sehe mich um und finde die Quelle des Schutts. Ein Kreis aus verschiedenen Steinstatuen umgibt den vorderen Teil des Meeresgott-Tempels. Sie versperren den Eingang. Ganz vorne steht eine humanoide Statue. Sie ragt vor einer Steinsäule empor, ihre Gestalt gebückt und unbeholfen zur Seite geneigt.   

MC:
Sind diese Statuen für ein Ritual hier? Ah! Rafayel, hast du das gesehen? Hat sich die Statue gerade bewegt?    


Ich sehe Rafayel an und hebe schnell beide Hände.   

MC:
Ich war's nicht. Ich habe sie nicht berührt! Vielleicht ist sie… verwittert?  


Rafayel:
Ich weiß. Komm her.  

MC:
Metaflux!   


Als ich zurücktrete, breiten sich die Risse in alle Richtungen aus. Unzählige Spalten erscheinen, und Steinsplitter regnen wie ein plötzlicher Wolkenbruch herab. Aus der wirbelnden Staubwolke tritt langsam eine Gestalt hervor. Ein langer Speer materialisiert sich, sein kalter Glanz blitzt auf. Eine Wassersäule in Form eines Seeungeheuers brüllt auf uns zu.   

??:
Auf Befehl Seiner Quintessenz ist es Fremden verboten, Whalefall City zu betreten!  

Steinschutt bedeckt den Platz, und Staubpartikel treiben im Meerwasser. Die Strömungen zerstreuen sich. Der reglose alte Mann steht in der Mitte, seine trüben Augen werden klar. 

MC:
Sein Bewusstsein … Es kehrt langsam zurück!  


Er schlurft auf uns zu, der restliche Sand an seinem Körper rieselt mit jedem Schritt ab.   

??:
Es ist … die Macht Seiner Quintessenz … Seine Quintessenz … 

Rafayel:
Wir kennen uns …?   

Der Mann nähert sich Rafayel und verbeugt sich dann plötzlich tief und respektvoll.   

??:
Amund… Lemurischer Ältester… Wächter… von Whalefall City… Ich… habe auf die Rückkehr… des Meeresgottes gewartet…   

Sein Blick verliert sich, als Whalefall City erwähnt wird. Der Speer in seiner Hand zittert heftig.   

Amund:
Fremde… dürfen Whalefall City nicht betreten!   

MC:
Amund? Sagt dir dieser Name etwas?   


Rafayel:  
Zumindest scheint er nicht unser Feind zu sein. Das ist nur eine Vermutung, aber… er ist schon zu lange hier. Er wird so schnell keinen klaren Kopf mehr haben.   

Rafayel umkreist Amund und hilft ihm, die Steinsplitter abzuklopfen.   

Rafayel:
Amund, du sagtest, der Meeresgott habe dir befohlen, hier zu bleiben? Befehle seiner Quintessenz?   

Amund erkennt langsam Rafayels Stimme.   

Amund:
Vor Jahrmillionen… Himmel und Meer waren vertauscht, und Whalefall erwachte zu neuem Leben… Lemuria stand kurz vor seinem wahren Schicksal…Doch Seine Quintessenz weigerte sich, es anzunehmen… Der Meeresgott konnte es nicht ertragen, das Kostbarste zu verlieren…  

Er stockt. Sie gehen auf den Tempel zu. Die massiven Steintüren des Tempels sind mit Seetang umwunden. Amund hebt beide Hände und legt sie auf die Türen.  

Amund:
Die Flamme… Der Meeresgott verbrannte im Gegenzug seine göttliche Macht…  

Rafayel:
Das Feuer…  

Eine seltsame Wärme steigt in meiner Brust auf. 

Amund:
Seine Quintessenz verbarg Whalefall City in den Rissen des Weltraums. Die Zeit hörte auf zu fließen, das Leben verging nie, und alles wurde „ewig“. Doch die Flammen der Welt und alles, was existiert, werden eines Tages erlöschen. Erst wenn… der Meeresgott ein letztes Mal alles opfert, um die Flamme der Nische zu entzünden… dann… Seine Quintessenz und Whalefall City werden zurückkehren. Sie werden dorthin zurückkehren, wo alles begann…  

Amunds Blick wandert zu mir. 

Amund:
Whalefall City wird ihrem wahren Herrscher gehorchen…   

Das Geräusch eines Motors kräuselt das Meer. Mehrere riesige U-Boote nähern sich.   

Rafayel:
Zuvor… Wenn etwas passiert, braucht dieser Ort vielleicht ein paar Opfer. Die Fische sind in unser Netz geschwommen. 
  

Flammen lodern aus seiner Handfläche und breiten sich wie Feuerfäden außerhalb des Tempels aus.   

Rafayel:
Lasst ihr Blut diesen Ort nicht entweihen.  

  

In den U-Booten:   

Gaia Biotech Forscher A:
Das Sonar hat Unterwasserstrukturen geortet. Könnte es Whalefall City sein?  

Forscher B:
Wir haben das Schiff die ganze Zeit verfolgt. Wir können uns nicht irren. 
 

Sie tauchen tiefer. Ätherischer Gesang hallt durch den Ozean. Eine leuchtende Stadt erscheint.   

Forscher A:
Das muss Whalefall City sein. Ich habe gehört, sie ist voller unzähliger Schätze.  
 

Sie jubeln. Dann heulen die Alarme. Die „Stadt“ löst sich in eine Fata Morgana auf.   

Forscher A:
Was ist los? Wer hat unseren Kurs geändert?   

Forscher B:
Nein, das ist es nicht. Unsere Koordinaten haben sich geändert!  

Forscher C:
Wir haben die Kontrolle verloren!   

Der Meeresboden hebt sich und bildet Felswände um das U-Boot. Auf einer fernen Klippe steht ein junger Mann – ernst und majestätisch wie ein Meeresgott. Der lemurische Hof hat endlich seine überfälligen Sünder empfangen. Der Gesang verstummt. Die Eindringlinge sind desorientiert.
   

MC:
Rafayel…!   


Rafayel:
Sie werden dem lemurischen Hof ihre sterblichen Überreste darbringen. Nach diesem Tag werden alle, deren Hände mit lemurischem Blut befleckt sind, für immer aus dieser Welt verschwinden…   

Ohne den ätherischen Gesang ist der Talgrund wieder chaotisch und trüb geworden. Der Überlebensinstinkt der Eindringlinge lässt sie in verrenkten Positionen über den Boden kriechen. Doch Rafayel schenkt diesen Leuten keinen Blick. Sein Blick ist auf einen Punkt weit entfernt von der Klippe gerichtet. Es ist, als versuche er, durch den Schleier der Zeit zu blicken, um eine begrabene Vergangenheit zu erblicken.   

Rafayel:
Es … neigt sich dem Ende zu.   

Ein kaum wahrnehmbares Beben ist zu spüren. Unterdessen kommen einige der Eindringlinge wieder zu Bewusstsein. Immer noch orientierungslos greifen sie panisch nach ihren Waffen.   

Gaia-Biotech-Forscher A:
Wo … sind wir?!   

Gaia-Biotech-Forscher B:
Vergiss das! Mach sie einfach fertig! Ugh!   

Als Rafayel die Hand hebt, lodern Flammen in den Gewehrläufen auf. Die Forscher schreien vor Schmerz auf, als sie verbrennen. Weitere Waffen werden im Feuer zerstört, während Rafayel schweigend zusieht. Doch er hat seine Racheballade noch nicht zu ihrem Höhepunkt gebracht. Immer mehr Menschen kommen wieder zu Bewusstsein. Die lodernden Flammen schützen mich, während ich Rafayels Hand fest halte. Ich kann und will ihn nicht drängen. Es ist sein gutes Recht zu entscheiden, wann und wie diese blutige Geschichte, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckt, endet. Die Felswand bricht, die Risse sind unterschiedlich groß. Sie kann uns nicht mehr tragen. Rafayel bringt mich zu einem Felsen, der nahe am Meeresgrund hervorsteht, aber er wird nicht lange halten. Das Scharfschützengewehr, das hinter einer Steinsäule versteckt ist, stößt Rauch aus, als eine Kugel direkt auf Rafayel zurast. Sie verfehlt seine Brust nur um Zentimeter, doch die Metallkugel wird von Flammen abgefangen. Sie explodiert zu einem kleinen Feuerball. Der Angriff hält inne, und ich nutze die Gelegenheit, meine Waffe zu ziehen und den Scharfschützen zu töten.   

Rafayel:
MC... 

MC:
Alles gut. Mir geht es gut. Du kannst...  Ich weiß, du zögerst nicht. Was du nicht loslassen kannst, ist dieser Teil deiner Vergangenheit, dein Volk, das nicht mehr da ist.  Ich bleibe bei dir, bis du dich entscheidest, dem ein Ende zu setzen.   


Der Boden unter unseren Füßen bebt heftig, als sich aus allen Richtungen Energieschwankungen manifestieren.   

MC:
Es ist... eine Sonarwaffe, die darauf spezialisiert ist, Lemurier zu töten!   


Jede Wand erzittert vor einer unsichtbaren Kraft. Staub und Gesteinsbrocken wirbeln auf. Ich setze mein Evol ein, um den Brennpunkt des Metaflux anzuvisieren, aber er hält mich auf.   

Rafayel:
Du bist lange genug an meiner Seite geblieben. Ich kümmere mich um den Rest.
   

Gaia-Biotech-Forscher A:
Die Waffe funktioniert nicht... Das ist unmöglich! Erhöht die Feuerkraft! 
 

Gaia-Biotech-Forscher C:
Sie hat bereits ihr Limit erreicht! Wo bleibt das Sperrfeuer von unseren Flanken?   

Er tritt vor und hebt den Arm, trotz des Kugelhagels und der ohrenbetäubenden Erschütterungen. Feuer trifft seine Gegner wie eine göttliche Strafe. Der massive Metallcontainer zerschellt, Angst und Wut erfüllen die Luft. Offenbar erkennen sie die wahre Macht des Mannes vor ihnen, und mehrere Gewehrläufe schnellen gleichzeitig hoch. 

Rafayel:
Die Whalefall-Akropolis war ein wundervoller Ort. Sie war bei Weitem nicht so prächtig und weitläufig wie die königliche Hauptstadt, aber sie verdiente es, unser Zuhause genannt zu werden. 

Niemand feuert. Die Eindringlinge tauschen verwirrte Blicke, als glaubten sie nicht, dass der Meeresgott ihnen Gnade gewähren würde. 

Rafayel: 
Ich habe ihnen einst versprochen, Whalefall City zu finden. Ich sagte, ich würde sie hierher zurückbringen. Wir würden zusammen leben … In diesen Gewässern würden wir lachen und singen und … Ich habe nicht geschworen, nur ihre Seelen zurückzubringen!   

Rafayel senkt den Blick, um das endgültige Urteil des Meeresgottes zu verkünden.   

Rafayel:
Die hier verlorenen Leben werden mit Blut bezahlt werden. Es ist über ein Jahrzehnt her … Ich … ich werde dem ein für alle Mal ein Ende setzen. 

Flammen schlagen aus den Felswänden empor, während ferne Gezeiten wie Donner grollen. Verängstigt blicken sich alle um. Es ist, als schwebte ein unsichtbares Urteil über ihren Köpfen. Unzählige nebelartige Schatten umgeben die Felswände. Sie gleichen den schwebenden Lichtpunkten über Whalefall City, während sie sich zu ätherischen Geistern verdichten. Von Natur aus formlos, sammeln sie sich langsam zur Mitte. Doch ich kann ihre verschwommenen Gestalten erkennen. Die Flammen, die zum Meeresgrund emporzüngeln, erlöschen. Es ist, als fürchteten sie, den Schatten zu schaden.   

MC:
Das ist … 

  

Rafayel antwortet nicht. Sein Blick weicht nicht von der Mitte des Meeresgrundes. Der Gesang wird lauter, als die Schatten näher kommen. Die geladenen Waffen fallen erneut zu Boden. Gier und Wahnvorstellungen kehren zu den Eindringlingen zurück. Eine unheimliche Stille durchdringt den Meeresgrund, als sich die Schatten plötzlich umdrehen.   

Männerstimme: 
Du hast immer gesagt, du würdest uns nach Whalefall City bringen. Haha, ich dachte, du prahlst! Du hast es geschafft. Du hast uns tatsächlich nach Hause gebracht.   

Teenager-Stimme:
Rafayel! Du brauchst mich nicht mehr, um dich zu decken, wenn du dich ans Ufer schleichst, oder? Moment mal … Du lebst wohl schon an der Oberfläche …  Der Maestro hat es Ihrer Majestät erzählt, als du an die Oberfläche gegangen bist, und gesagt, du hättest wieder den Unterricht geschwänzt! Ach, ich wünschte, ich könnte wieder zum Unterricht des Maestros gehen …   

Alter Manns Stimme:
Ist Aiden größer geworden? Jetzt, wo ich weg bin, frage ich mich, wo er hingeht, wenn er den Unterricht schwänzt. Bitte richte ihm beim nächsten Mal, wenn du ihn siehst, eine Nachricht von mir aus … Whalefall City ist nicht so aufregend. Es ist bei weitem nicht so gut wie das Leben an Land. Sag ihm, er soll sich Zeit lassen, wenn er zurückkommt.   

Ich halte Rafayels Hand. Ich spüre noch immer das leichte Zittern in seiner Handfläche.   

Rafayel:
Du bist es …   

Mann mit Korallenkrone:
Du siehst noch genauso aus wie damals, als du dich ans Ufer geschlichen hast … Aber du bist erwachsen geworden. Du ähnelst dem Meeresgott mehr, als ich erwartet hatte.   

Seine Hand verkrampft sich plötzlich, als der Geist des Mannes Rafayels Gefühle weckt. Ein weiterer Schatten erscheint und steht Schulter an Schulter neben ihm. Im Nu nähert sich der Schatten. Langsam hebt er etwas, das wie ein Arm aus wirbelndem Licht und Dunkelheit aussieht. Das Zittern in seiner Hand wird stärker. Rafayel möchte diesen Schatten offenbar greifen. Doch er kann ihn nicht berühren, und seine Hand schwebt in der Luft. Über die Weite der Zeit hinweg, über die Grenze zwischen Leben und Tod, berühren sich ihre Hände sanft. 
 

Frau mit Korallenkrone:
Dies sind Hände, die Pinsel halten sollten. Hass und Blutvergießen sollten sie niemals beflecken. Geh nun, mein lieber Junge. Geh dorthin, wo du wirklich hingehörst. Wohin dich das Leben auch führt, ich hoffe, du findest Glück. 
  

Die nebelartigen Gestalten nähern sich Rafayel einzeln. Lächelnd winken sie zum Abschied und versammeln sich erneut um die Eindringlinge. Der Gesang um sie herum wird plötzlich ätherisch und jenseitig. Er klingt wie der fernste Walgesang aus den Tiefen des Ozeans. Die rasenden Eindringlinge verstummen allmählich, ihre Gesichtszüge verzerren sich zu bizarren Formen. Sie sammeln zerbrochene Steine und Sand vom Boden auf und stopfen jede Tasche bis zum Rand voll. Der Gesang erreicht seinen Höhepunkt, als lemurische Seelen sie umkreisen. Sie gleichen Tiefseeräubern, die zum Angriff bereit sind. Ein blutiger Nebel steigt mit dem Gesang auf, während unsichtbare Reißzähne die Kehle jedes Eindringlings durchbohren. Gier und Blut gerinnen zu einem widerlichen Rinnsal. Sie fließen unter den Füßen der Geister, die niemals den Boden berühren. Die Schreie hallen durch den Hof, was sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Inmitten des unaufhörlichen Gesangs kann ich Rafayels Gesichtsausdruck nicht erkennen. Ich spüre nur, dass sein Blick lange Zeit auf einen einzigen Punkt gerichtet bleibt. Als die Melodie zu verklingen droht … erst dann nimmt er meine Hand und führt mich langsam fort. Und er verneigt sich tief vor dem chaotischen Meeresgrund, erfüllt von Verwüstung und Klagen. Ich verlasse den Hof und folge Amunds Anweisungen. Lautlos nähere ich mich Rafayel. Als sich unsere Finger verschränken, nimmt er wortlos meine Hand.   

MC:
Ist es in Ordnung, sie mit den Leuten von Gaia Biotech fertigwerden zu lassen?  


Rafayel:
Sie haben lange auf diesen Tag gewartet …  
 

Seine Finger umklammern meine fester, und der Ring, der das Muschelgefäß herbeiruft, hinterlässt einen Abdruck zwischen unseren Knöcheln.
  

Rafayel:
Dieser Ring … Als ich klein war, habe ich ihn immer heimlich mitgenommen. Ich habe ständig damit gespielt. Die Königin sagte mir, er gehöre dem Meeresgott. Wenn ich groß bin, würde sie ihn mir persönlich geben.   

MC:
Du und die Königin …  

 

Rafayel:
Sie ist Talias ältere Schwester und hat mich großgezogen … Meine Mutter.  

Meine Brust fühlt sich an, als wäre sie mit feuchter Watte ausgestopft. Sie spannt sich an und schmerzt, und ich spüre eine schwere Last. Noch bevor ich etwas sagen kann, scheint er schon zu ahnen, was ich denke. Rafayel fährt fort und wendet sein Gesicht leicht, sodass ein erleichtertes Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen ist. Als ich noch nicht verstand, was es bedeutete, der Meeresgott zu sein, sagten mir König und Königin, es sei ein erstrebenswertes Ziel. Deshalb konnte ich mit den lemurischen Kindern spielen. Diejenigen, die ungefähr so alt waren wie ich, wurden vom König bestraft, wenn ich Ärger machte, und von meinen Freunden gehänselt.  In Whalefall Acropolis herrschte Freiheit wie im Ozean. Bis zu jenem Tag. Vor unseren Augen taucht rotes Meerwasser auf. Dann verblasst es langsam mit dem Gesang. Das Wasser kehrt zu seiner ursprünglichen Klarheit zurück. Die verstreuten Erinnerungen aus Rafayels Vergangenheit fügen sich zu einem vollständigen Bild zusammen.  

MC:
Eigentlich … Es freut mich, dich darüber sprechen zu hören. So viele Menschen waren an deiner Seite. Sie sorgten sich um dich und liebten dich … Zumindest hattest du einmal eine glückliche Kindheit …   


Rafayel:
Dann war es an mir, ihr Beschützer zu sein. Auch wenn die meisten von ihnen jetzt fort sind, muss ich sie nach Hause bringen.  

Als ich eine weitere Stufe hinaufsteige, drücke ich seine Hand fester.   

MC:
Du warst in der Vergangenheit nicht allein, und du wirst es auch in der Zukunft nicht sein. 

  

Wie als Antwort drückt der Ring einen tieferen Abdruck in unsere Finger.   

Rafayel:
Ohne Whalefall City können die Seelen der verstorbenen Lemurier nur endlos über das Meer treiben. Ich denke oft, dass … wenn ihre Seelen wirklich zurückkehren könnten, wären sie vielleicht nicht mehr einsam.   

Wir folgen der Treppe an der Seite des Tempels hinauf und erreichen den höchsten Punkt.  

MC:
Ich glaube nicht, dass man die Sünden der Verstorbenen sühnen kann, indem man sie mit ihrem Leben büßen lässt. Aber es könnte der einzige Weg sein, damit alle Frieden finden. Man kann auch … sich von der Vergangenheit verabschieden.   


Rafayel:
Warum weinst du zuerst?   

MC:
Ich weine nicht. Du siehst nur eine Spiegelung im Glas.  

 

Er hält inne und hebt sanft die Hand, um mir die Tränen abzuwischen.  
 

Rafayel:
Du hast den Schlussapplaus miterlebt. Komm. Es ist an der Zeit, Whalefall City dorthin zurückzubringen, wo es hingehört. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir seine Ankunft gemeinsam begrüßen.
   

Das Lied ist zu Ende. Rafayel nimmt meine Hand und führt mich auf den Balkon. Es ist der Höhepunkt all der Jahre des Suchens und Wartens. Um die letzte Fermate unseres Liedes zu erschaffen. Die massiven Steintüren des Meeresgott-Tempels gehorchen dem Ruf ihres Herrschers. Sie öffnen sich langsam, als Rafayel seine Hand hebt. Lichtstrahlen fließen über die Steingravuren. Rafayels Blick folgend, sehe ich eine leere Nische in der Wand.   

MC:
Ist etwas nicht in Ordnung?   


Rafayel:
Es ist nichts. Ich wollte mir diesen Ort nur noch einmal genauer ansehen, bevor ich mich verabschiede.   

Flammen erscheinen an Rafayels Fingerspitzen. Wie eine Flammula schweben sie in der Luft. In der Nische entzündet sich kurz ein Feuer. Es gleicht einer schwachen, ewigen Sonne. Wie Amund sagte, kann die göttliche Macht des Meeresgottes die Flamme zu diesem Tempel zurückbringen. 

Rafayel: …!    

Licht pulsiert mit Rafayels Atem. Es umhüllt den Tempel des Meeresgottes. Die Flamme in der Nische pulsiert mit noch größerer Energie. Die verstreuten Lichtpunkte in Whalefall City tanzen mit neuer Kraft. Sie senken sich auf die Dächer, Straßen und Plätze herab, als wollten sie die bevorstehende Heimreise begrüßen.   

MC:
Whalefall City  antwortet dir… Rafayel?   


Rafayel:
Alle lemurischen Seelen, die im Meer verloren waren, sind zurückgekehrt. Es ist Zeit, Walfallstadt auf die Reise zu schicken und ihnen Frieden zu schenken.
   

Ich spüre die Quelle dieser Macht, mache einen Schritt und ergreife Rafayels Hand fest. Ich begegne seinem leicht überraschten Blick und strecke unsere verschränkten Hände in Richtung der Nische aus. Wir stehen vor dem Feuer.
  

MC:
Ich habe es dir schon gesagt. Ich lasse dich nicht allein.   


Ich aktiviere meine Evol, indem ich diesen bruchstückhaften Erinnerungen folge. Die Flamme brennt heller, als die Kraft zunimmt.   

MC:
Als einzige Anhängerin des Meeresgottes opfere ich ihm die Kraft meiner Hingabe, meine aufrichtigste Form der Verehrung.  


Er zieht mich näher an sich, während die Buntglasfenster juwelenartige Farben auf den staubbedeckten Altar vor uns werfen.   

Rafayel: 
Ist das ein neues Versprechen?   

MC:
Ja. Aber diesmal wird es keinen Grund geben, es zu „vergessen“.    


Mein Herz bebt mit den vibrierenden Steinplatten unter meinen Füßen. Ich blicke zur sich verändernden Kuppel über mir und kanalisiere meine Evol.…Eine seltsame Energie wird von den fernen Gewässern über mir zurückgesendet. Rafayel und ich tauschen einen Blick. Wir lesen in unseren Blicken dieselbe Botschaft.   

MC:
Es ist eine Protonenkern-Energiequelle.  


Rafayel:
Ihre Verstärkung ist wohl früher eingetroffen als erwartet.   

MC: 
Wir müssen uns beeilen.

   

Rafayel:
Lasst uns alles Vergangene versiegeln.  

Die Flammen in den Nischen der Wände lodern empor. Das Wasser wirbelt heftig auf. Eine unsichtbare Kraft scheint ein Tauziehen zwischen der Stadt und der Tiefsee zu entfachen. Die Tempelmauern stoßen tiefe, klagende Stöhnlaute aus. Sie leisten Widerstand und geben doch nach.   

Rafayel:
Mit der Macht des Meeresgottes als Opfergabe reitet ihr auf den Gezeiten und kehrt zurück in den bodenlosen Abgrund!   

Flammen sammeln sich und verfestigen sich in seiner Handfläche, während der Ozean in Chaos und Dunkelheit versinkt. Der Metaflux bricht in aufeinanderfolgenden Explosionen aus. Jede einzelne verglüht sofort, doch sie erscheinen unaufhörlich weiter.   

(Verdammt…)   

Rafayel:
Ignorier sie. Zuerst müssen wir…    

Die Flammen, die beinahe von ihren heiligen Stätten aufgestiegen wären, beginnen zu zittern. Ihre Intensität ist unerwartet. Seine Kräfte schwinden zusehends.Als Quelle dieser Macht hat Rafayel die Augen fest geschlossen. Er sieht unnatürlich blass aus.

(Was geschieht? Irgendetwas stimmt nicht mit dem Fluss …)   

 MC:
Rafayel?!   


Rafayel:
Mir geht es … gut.   

MC:
Es liegt an denen …   


Rafayel:
Nein. Das ist ein Preis, der gezahlt werden muss. Um ein perfektes Ergebnis vom Meer zu fordern, muss man bereit sein, den schmerzhaftesten Preis zu zahlen … Doch verglichen damit, Whalefall City in die Hände dieser Leute fallen zu lassen, ist dieser Schmerz …  Dieser Schmerz ist nichts! 

(Erst wenn der Meeresgott alles opfert, um die Flamme in der Nische zu entzünden, können der Meeresgott und Whalefall City zurückkehren …)
  

Jetzt verstehe ich endlich, was Amund gemeint hat.   

MC:
Du und der Tempel müsst –   


Rafayel:
Keine Sorge. Ich… ich schaffe es… wegzukommen! Ugh…! 

MC:
Rafayel!   


(Es muss einen anderen Weg geben… Es muss einen geben!) 

Ich passe meine Atmung an und nutze meine Evol, um mit Rafayel in Resonanz zu treten. Ich versuche, seine Kraft bis zum Äußersten zu treiben. …nochmal. …Nochmal!  Jeder Versuch scheitert daran, Whalefall City zu bewegen. Doch diese wiederholten Versuche lassen mich eine unsichtbare Verbindung spüren, die Rafayel in einen Abgrund der Leere zieht.   

 

Rafayel:
Sie verwechselten die Toleranz des Meeres mit Unterwerfung und vergaßen seine Grausamkeit. Aber ich erinnere mich. Und ich werde diese vergessene Kraft zurückerobern. 

  

Unsere vergeblichen Versuche werden seine Energie aufzehren. Amunds Worte hallen in meinen Ohren wie ein Tsunami wider.   

(Ist es möglich, dass … Rafayel die volle Macht des Buches des Meeresgottes besitzt …)   

Rafayel:
Nur jene, die mit dem Meeresgott verbunden sind, können das Buch erwecken.  

Als sich dieser Gedanke in meinem Kopf formt, lodert die Flamme in der Nische plötzlich auf und bebt. Rafayel scheint zu ahnen, was ich vorhabe.   

Rafayel:
Nein …! Die Macht des Buches … kann nur … … mit dem Tempel …  

MC:
Ich spüre es …   


Schon mit einer einzigen Seite ist ein Teil von Rafayel eins geworden mit dem Tempel des Meeresgottes. Ununterscheidbar, untrennbar – selbst sein Herz schlägt im Rhythmus der Flammen.   

Rafayel:
Versuchs … noch einmal …   

Während die Flammen höher schlagen, verblassen die Farben von den Schuppen an Rafayels Hals. Wie Asche, die ein Feuer zurücklässt, wird es langsam von der Spitze her verzehrt. Die wunderschönen Farben verblassen so schnell wie das hellste Feuerwerk. Ich will es aufhalten und eile vor. Doch ich kann nur hilflos zusehen, wie sie verblassen. Sein Schwanz wird im Nu aschfahl und leblos. 
 

(Wir können nicht länger warten! Was hat Rafayel damals getan…?)   

Bei dieser Erinnerung steigt ein Schmerz in meinen Fingerspitzen auf. Ich balle die Faust und beschwöre unseren Pakt. Der Dolch materialisiert sich als Antwort auf die Beschwörung. Ich nehme ihn Rafayels Hand und drücke ihn in unsere Hände. 

Rafayel: …!    

Unser Blut vermischt sich, und die warme Flüssigkeit tropft aus unseren verschränkten Händen. Sie landet auf dem Altar.Ich schließe die Augen und lasse Licht und Klang im Meer versinken. In den fernen Gewässern südöstlich von Linkon City tobt das Meer ohne Wind. Furchterregende Riesenwellen türmen sich auf. Im Zentrum einer fast verlassenen Privatinsel flackern rote Lichter in einem saphirblauen Loch. Dann verschwinden sie schnell in der Tiefe. In übersehenen Küstenwatten, an Ufern und selbst mitten im Ozean brodelt das Meerwasser wie kochender Schaum. Es brandet auf und ab. Jeder Tropfen Wasser auf diesem Planeten verfolgt ein gemeinsames Ziel: Die Wellen müssen steigen. Sanfte Wellen, tosende Wellen, Wellen, die alles zerschmettern können!  Sie brechen von der Meeresoberfläche und aus den Tiefen des Ozeans hervor. Sie stürmen in dieselbe Richtung. Flammen lodern aus dem Blut. Aus kleinen, warmen Glutstücken breiten sie sich rasend schnell aus. Der Tempel wird von einem Feuerstrudel verschlungen.    

Die Säulengänge und Steinskulpturen verwandeln sich in geisterhafte Silhouetten. Das Meerwasser verliert seine natürliche Farbe und verdunstet zu Nebel, bevor es von unzähligen goldenen Runen durchdrungen wird. Ich spüre heftige Erschütterungen in der Ferne. Unterdrückte Macht spaltet Berge und ebnet den Meeresgrund ein. Sie durchqueren Tausende von Meilen. Sie reißen durch unzählige Raum-Zeit-Risse und strömen zum Wasser über dem Tempel. Sie fließen ihrem Meeresgott entgegen. 
 

MC:
…Rafayel!   


Sein Griff um meine Hand verstärkt sich. Ich spüre, wie er zittert, als diese immense Macht in seinen Körper strömt. Die Macht in seiner Handfläche ist kein ruhiges Meer mehr. Sie kreischt nun wie Donner. Sie brüllt, während sie alles auf ihrem Weg verschlingt. Unterdessen verzehrt das Feuer in der Nische unersättlich die göttliche Macht des Meeresgottes. Rafayel schwankt leicht und stützt sich auf seinen blassen, verfallenden Schwanz. Diese Macht reicht aus, um Whalefall City zu bewegen, doch der Besitzer dieser Macht ist mit dem Tempel des Meeresgottes verschmolzen.   
Ich strecke mich an, um auf den Zehenspitzen zu stehen, und halte seine Hand.

   
MC: 

Rafayel…    


Das Gefühl in meiner Handfläche wird immer schwächer. Es ist wie zerfließender Meerschaum. Meine Hand gleitet mehrmals durch Rafayels Fingerspitzen. Doch diese letzte Verbindung lässt Rafayel mich nur noch fester umklammern.   

Rafayel:
Lass mich nicht los.
   

MC:
Du kannst dich nicht länger verausgaben. Wenn das so weitergeht, bist du völlig erschöpft!   


Rafayel:
Hast du das vergessen? Der Meeresgott kann nicht sterben.  

MC:
Aber selbst Götter können fallen! Du kannst nicht…   

Zitternde Finger streifen meine Wimpern. Ich wusste nie, dass Tränen unter Wasser so schnell abkühlen können.   

Rafayel:
Du lässt mich einfach so gehen? Hast du mir nicht versprochen, mich nie allein zu lassen? …Hast du es dir etwa anders überlegt?  
 

MC:
Wir haben einen Pakt geschlossen. Wenn ich dich noch einmal rufe, wirst du vielleicht…   


Ich will diese Lüge beenden, aber es ist, als würde mich etwas ersticken. Ich kann nur Rafayel in die Augen sehen.   

Rafayel:
Wenn du willst, dass ich gehe, dann komm mit mir.   

MC:
Du…   


Die Flamme in Rafayels Handfläche erlischt, als der Meeresgott zu seinem Tempel zurückkehrt.   

Rafayel:
…Nur ein Scherz. Wie könnte ein Meeresgott seinem Anhänger jemals einen Wunsch äußern?   

Über der Turmspitze sind seltsame Geräusche von Tauchbooten zu hören. Als sie sich nähern, meine ich fast, die Glocke des Unglücks läuten zu hören. Ich unterdrücke das Zittern in meinem Arm und drücke meine Hand auf seine Brust. Unter meiner Handfläche schlägt sein Herz. Es reagiert ohne jede Barriere auf mich. Ich kann ihm jeden Befehl geben. Es fühlt sich an, als würde mir eine Klinge die Kehle durchschneiden, als ich mich zum Sprechen zwinge. Ich möchte fast glauben, dass langsameres Sprechen uns etwas mehr Zeit verschaffen könnte.   

MC:
Rafayel, du und Whalefall City müsst… …Ihr müsst gehen.   


Mächtige Kräfte, die drohen, alles zu zerstören, lassen den Frieden zurückkehren. Gewaltige Wellen legen sich, und das kochende Meer wird still. Der letzte goldene Lichtstrahl umschlingt Rafayels Finger, während das tosende Meerwasser in den Abgrund zurückweicht. Er beugt sich zu mir herunter und umarmt mich. Er kann dem Schicksal nicht länger trotzen.   

Rafayel:
An einem gewöhnlichen Wochenende, einem ruhigen Nachmittag oder einem bedeutungslosen, normalen Tag … Wenn du mich wiedersehen willst, musst du sehr, sehr lange warten.   

MC:
Ich werde so lange warten, wie nötig.  


Mit großer Mühe umarme ich ihn und blicke ein letztes Mal über seine Schulter auf das tanzende Feuerlicht in der Wandnische.
  

MC:
Rafayel, du hast keine Walaschelampe. Nimm unseren Pakt mit auf deine Reise.

   

(Hauptsache, … du bleibst in Sicherheit.) 

MC:
Wie lange wirst du fort sein?  


Rafayel:
Schwer zu sagen. Vielleicht dauert es ein oder zwei Jahre, ein Jahrhundert oder länger … vielleicht sogar noch länger. keine Sorge. Selbst wenn ich nicht mehr da bin, werdet ihr beide, du und Romirro, überleben. Dies ist … ein göttliches Versprechen an euch.   

Der düstere Meeresgrund hat seine einzige Lichtquelle verloren. Zurück bleibt ein karger Meeresboden, erfüllt von aufgewirbeltem Sand und Sediment. Die U-Boote der Eindringlinge haben kein Ziel. Sie treiben in der leeren Weite der Tiefsee. Die Beute, deren Plünderung sie alles gewidmet hatten, ist für immer in den Rissen der Raumzeit verschwunden. Kein einziges Wort ist geblieben. Keine Spuren. Es ist, als wäre die ganze Stadt eine prächtige Illusion gewesen, erschaffen vom Meeresgott selbst.   

Rafayel:
Der Wunsch des Meeresgottes… Er hat sich nicht geändert… Und er wird sich niemals ändern…   

Ich öffne den Mund, doch meine Worte und Gedanken verwandeln sich in silbrig-weißen Schaum und treiben mit den Meeresströmungen einem unsichtbaren Horizont entgegen.   

(Rafayel…leb wohl.)  

 

Melodische Flötenmusik und Walgesänge drängen mich, das Bewusstsein wiederzuerlangen, während ich darum kämpfe, aus einer Dunkelheit zu erwachen, die so tief ist wie der Ozean. Das grelle Sonnenlicht brennt in meinen Augen. Es ist unmöglich, sie zu öffnen. Sanfte Wellen umspülen meinen Rücken, als ich merke, dass ich am Strand liege.  Ich spüre keinen Schmerz, also bin ich wohl nicht verletzt. Ich erinnere mich an den plötzlichen Strömungswechsel, kurz bevor ich ertrunken wäre.   

(Rafayel… Er veränderte die Gezeiten, als er ging… und brachte mich ans Ufer…)   

Die Nachwirkungen der vielen Male durchströmen noch immer meine Adern. Schmerz explodiert in meiner Brust und breitet sich bis in meine Fingerspitzen aus. Erinnerungen an meinen Abschied von Rafayel spielen sich chaotisch in meinem Kopf ab. Es ist, als wären Szenen aus einem Film in Stücke geschnitten und willkürlich wieder zusammengesetzt worden.   

MC:
Hust, hust…  


Ich huste einen Mundvoll Meerwasser aus und mühe mich ab, mich hochzudrücken. Doch immer wieder falle ich zurück in die Wellen. Das Meerwasser hat meinen Mund und meine Nase erreicht. Die Flut kommt. Wenn ich noch länger hier bleibe, könnte ich ertrinken. Ich verdränge diese aufwühlenden Gefühle mit Gewalt und versuche, diese hartnäckigen Bilder aus meinem Kopf zu verbannen.   

(Ich muss… zuerst einen sicheren Ort finden… Ich darf hier nicht fallen…) 

Ich rappele mich immer wieder auf, nur um in die Wellen zurückzufallen. Begleitet von Rufen hallen Schritte zum Strand.   

MC:
Hilf… mir…   


Als ich wieder erwache, erfahre ich, dass mich der alte Butler gerettet hat. Mein Körper ist zwar nicht schwer verletzt, aber ich bin noch schwach und muss mich in Ruhe erholen. Die Forscher von Gaia Biotech ziehen sich von Wavechaser Island zurück. Ihre riesigen Schiffe verlassen den Hafen, als wären sie nie da gewesen. Mit dem Abzug von Whalefall City verfallen die Lemurier auf Wavechaser Island in tiefe Melancholie. 

Während meiner Genesung besuchen mich viele Lemurier und… Ich erkundige mich ernsthaft nach Rafayels Aufenthaltsort. Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern, doch jedes Mal, wenn ich mich der Tür nähere, die meine Erinnerungen verschließt, durchfährt mich ein stechender Schmerz. Er wird immer stärker, egal was ich tue. Schließlich versucht mein Gehirn mich bestmöglich zu schützen. Es legt Ketten um die Tür und versiegelt sie, damit ich sie nie wieder öffnen kann. Mir bleibt nichts anderes übrig, als aufzugeben. Mit ausdruckslosem Gesicht weiche ich ihren Fragen aus, indem ich erkläre, dass ich mich ausruhen muss.  

Die Magnetfeldanomalie auf Wavechaser Island ist verschwunden, und ich konzentriere mich so sehr auf meine Erholung, dass ich fast besessen bin. Ich erhole mich in Rekordzeit vollständig und erhalte meine Entlassungspapiere. Am Tag meiner Entlassung betritt eine Krankenschwester mein Krankenzimmer für eine morgendliche Untersuchung. Ich schließe die Augen, als das Tageslicht hereinströmt. Die Gestalt einer Krankenschwester erscheint und kommt mit einem Stirnthermometer auf mich zu.   

MC:
Ich werde heute Mittag entlassen. Müssen Sie trotzdem noch meine Temperatur messen? 


??:
Das ist die letzte Untersuchung. Bitte kooperieren Sie.   

Obwohl ihr Tonfall und ihre Aussprache überzeugend sind, spüre ich, dass sie nicht die Krankenschwester ist, die mich betreut hat.   

(Diese Stimme… die kenne ich…)   

Dann wird mir klar, warum sie mir so bekannt vorkommt. Ich habe sie schon einmal gesehen. Schnell taucht sie in meinen Erinnerungen auf. 

  

??:
Es ist schade, dass wir uns wiedersehen, wo es Ihnen doch so schlecht geht.  Wer ich bin, spielt keine Rolle. Die eigentliche Frage ist… Wer sind Sie?   

 

MC:
Sie sind es. 


Als sie meine ruhige Reaktion sieht und keine Anzeichen eines möglichen Gegenangriffs erkennt, bleibt die „Krankenschwester“ zwei Schritte von meinem Bett entfernt stehen.   

??:
Hast du keine Angst, dass ich etwas tun könnte?  

Sie nimmt die Schwesternhaube ab und lässt ihr wildes, lockiges Haar über die Schultern fallen. Sie wirkt unbeteiligt, doch ihr Blick bleibt wachsam.   

MC:
Wenn du mich hättest töten wollen, hättest du es getan, als ich bewusstlos war. Warum hast du ausgerechnet den Tag gewählt, an dem ich aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte?  


Die geheimnisvolle Frau ist einen Moment lang wie erstarrt, ihre Schultern sinken, und in ihren Augen spiegelt sich Resignation wider. 

??:
Du verdirbst mir den Spaß. Mein sorgfältig ausgearbeitetes Drehbuch ist plötzlich nicht mehr unterhaltsam.  

Ich strecke ihr die Hand entgegen und winke sie näher. 

MC:
Ich muss das Drehbuch erst lesen, bevor ich entscheide, ob ich die Rolle annehme oder nicht.  


Ein leichtes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie sich meinem Krankenbett nähert. Ihre Finger streifen mein Handgelenk.  Meine Hunter's Watch aktiviert sich und projiziert ein schwach leuchtendes Hologramm. Sie tippt auf den Bildschirm und öffnet eine Karte. Koordinaten sind in die Karte eingebettet und pulsieren auf dem Bildschirm. Die mysteriöse Frau schaltet die Hunter's Watch aus.   

MC
Was war das?   


??
Ein Schatz, der nur mit einem Schlüssel geöffnet werden kann. Du bist stark genug, um diesen Unbekannten zu trotzen. Alles, was du wissen willst, findest du dort. Deine richtige Krankenschwester kommt gleich. Denk daran, ihr deine Temperatur zu sagen.   

Sie nimmt das Stirnthermometer, drückt es an meine Stirn und drückt den Knopf.   

??:
36,5 °C. Alles Gute für deine Entlassung.   

Sie rückt ihre Schwesternhaube zurecht, geht zur Tür und schiebt sie auf.

Mein Krankenhausaufenthalt ist vorbei. Zurück in Linkon City hat die Arbeit fast jede Zelle meines Körpers betäubt. Aber ich wage es nicht, innezuhalten. Ich fürchte, mitten in der Nacht werden mich diese in mein Gedächtnis eingebrannten Bilder einholen und mein Bewusstsein in Stücke reißen. Als die lange Zeit den Schmerz lindert, finde ich den Mut, beim Vorbeifahren an der Küste auf das südöstliche Wasser zu blicken. Ein Teil von mir scheint mit Rafayel verschwunden zu sein. Diese Leere lässt mich ziellos umhertreiben. Jedes Wort, das er bei unserem Abschied sprach, diese flüchtigen Blicke brechen durch die Schleusen meiner Erinnerung. Sie hallen endlos in meinem Kopf wider.  

Eines Tages wird mir klar, dass ich ihn hätte fragen sollen, ob seine Möwen gefüttert werden müssen …  auch wenn sie Rafayel vielleicht nie wiedersehen werden.   

Nach fast einem Monat wie in Trance öffne ich endlich die Tür zu Mos Atelier. Rafayels unfertige Gemälde müssen in einen Lagerraum gebracht werden, wo Temperatur und Luftfeuchtigkeit genau kontrolliert werden. Thomas kann das nicht allein. Ich biete meine Hilfe beim Organisieren an, und wir arbeiten zusammen, um die Leinwände zu verstauen. Die Anzahl von Rafayels unfertigen Gemälden ist überwältigend. Wir verbringen drei Stunden mit dem Sortieren, bevor wir die Leinwände endlich einlagern.    


MC:
Ich wusste gar nicht, dass er so viele Skizzen hat …  


Thomas:
So sind Künstler, die von Inspiration getrieben werden. Sie machen ein paar Pinselstriche, wenn sie die Inspiration packt, und malen weiter, wenn sie in der richtigen Stimmung sind.    

Thomas wirft einen hastigen Blick auf seine Uhr. 

Thomas:
Es wird spät. Ich muss nach Hause. Aber melde dich bitte, falls du etwas von Rafayel hörst.   

Ich kann ihn nicht ansehen. Gestern habe ich Thomas angelogen und gesagt, Rafayel wolle sich für eine kreative Auszeit auf eine Insel zurückziehen. Er wird eine Weile nicht in Linkon sein. Eine Lüge braucht die nächste, um das Ganze aufrechtzuerhalten, doch ein Ende dieser Tortur ist nirgends in Sicht.   

MC: 
Ich rufe an Ich werde ihn jeden Tag so lange nerven, bis er es nicht mehr aushält. Dann wird er wahrscheinlich zurückkommen.   


Thomas:
Er hat demnächst mehrere Ausstellungen. Ich hoffe, er kann es rechtzeitig sehen.  

MC:
Ja. Ich auch.   


Thomas: 
Ich gehe jetzt. Du solltest nach Hause gehen.   

MC:
Okay.    


Nachdem Thomas gegangen ist, kann ich mich nicht dazu durchringen zu gehen. Ich bleibe lange mitten im Atelier sitzen. Ich starre auf das riesige, unfertige Gemälde an der Wand.Die Meeresbrise bewegt sanft die Gaze-Vorhänge. Ich erinnere mich, als ich Rafayel zum ersten Mal traf. Er arbeitete an diesem Gemälde.   

MC:
Damals hatte es nur eine einzige Farbschicht. Aber der größte Teil ist schon fertig…  

 

Meine Erinnerungen nehmen die bläulich-violetten Farbtöne des Gemäldes an. Das leise Flüstern der Pinselstriche auf der Leinwand hallt in meinen Ohren wider. Rafayel saß auf einer hohen Leiter und setzte jeden Pinselstrich mit Bedacht. Obwohl er langsam vorankam, war seine Detailgenauigkeit außergewöhnlich. Er arbeitete konzentriert an jedem Pinselstrich. Er schien sich selbst zu vergessen und bemerkte mich nicht einmal hinter sich.   

MC:
Ich frage mich, wie dieses Bild aussehen wird, wenn es fertig ist …   


Niemand kann mir eine Antwort geben. Trostloses Mondlicht fällt auf mich, und mein einsamer Schatten hat nirgends Zuflucht. Ich weiß, ich mache mir nur etwas vor. Egal wie lange ich hier bleibe, Rafayel wird nicht erscheinen. Ich habe es selbst verschuldet. Bevor ich gehe, werfe ich einen letzten Blick in das leere Atelier und flüstere jemandem zu, der nicht da ist:   

MC:
Auf Wiedersehen …  


Bunte Laternen erleuchten den Markt nahe Whitesand Bay. Ich nehme eine Abkürzung und gehe durch die belebteste Straße. Am Strand daneben spielen Schüler mit Wunderkerzen. Sie glitzern im Nachthimmel, und ab und zu höre ich helles Lachen. Fußgänger gehen an mir vorbei und teilen dampfend heißes Streetfood. Der würzige, herzhafte Duft erfüllt die ganze Gegend. Benommen gehe ich durch das Treiben. Die Bilder verschwimmen vor meinen Augen.
  

Junge:
Waaah! Ich will immer noch diesen roten Fisch fangen!   

Mädchen:
Gebt nicht unser ganzes Geld aus! Ich will Eis! 

Zwei Kinder gehen an mir vorbei, und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Vor mir steht ein vertrauter Fischstand.  Langsam kehrt mein Bewusstsein zurück. Ich war schon einmal hier. Auf dem Schild stehen noch immer die vertrauten Worte: „Im Meer von Lemuria“, „Um die letzte Flammula der Welt zu retten.“  Ich schaue auf das kleine Becken, in dem eine leuchtend bunte Flammula langsam am Rand entlang schwimmt.   

 

-Rückblende-


Rafayel: 

Schade. Diese Fischart kann an Land nur eine Woche überleben.  

 
-Rückblende- 

  

Ich gehe näher an den Teich heran, hocke mich hin und beobachte, wie die Flammula mehrere Runden schwimmt. 

(Da du ja auch aus diesem Meer kommst…)   

Ich kaufe beim Händler ein Fischernetz und positioniere mich entlang der Schwimmroute der Flammula.  Zielen, eintauchen, schöpfen – und verfehlen. Plötzlich schießt die Flammula los, als würde sie sprinten, und schlängelt sich im Zickzack, um meinem Netz zu entkommen.   

MC: 
Warum bist du so schnell?! Mann, wie hat er sie damals gefangen…? 

  

Ich erinnere mich an Rafayels Technik.  Als die Flammula in eine Ecke schwimmt, versperre ich ihr den Weg und schöpfe sie mit einer schnellen Bewegung heraus. Es klappt. Ich fange die stolze Flammula.   

MC:
Hahaha! Rafayel, sieh mal! Ich hab's geschafft!   


Ich drehe mich um – niemand ist da. Die geschäftige Menge kommt und geht, aber er taucht nicht wieder auf. Ich betrachte den kleinen Fisch in meinem Netz. Er atmet flach.   

??:
Der Fisch wird gleich entkommen.   

Erschrocken drehe ich mich um. Rafayel steht hinter mir. 

MC:
Rafayel…   


Erinnerung und Wirklichkeit verschmelzen. Die Flammula springt frei, aber Rafayel fängt sie sanft auf.   

Rafayel:
Das war knapp. Ganz schön dumm von ihr, dass sie versucht, in ihren Käfig zurückzukommen.   

Er setzt den Fisch zurück ins Wasser.   

MC:
Bist du wirklich Rafayel?   


Rafayel:
Ja, der Echte. Wenn du mir nicht glaubst, kneif mich.  
 

Ich kneife ihn in die Wangen.   

Rafayel:
Au! Warum hast du das getan?!   

MC:
Du bist es wirklich …   


Rafayel:
Nach 5000 Jahren Trennung ist es verständlich, dass du mich vergessen hast.
   

MC:
W-was?!   


Rafayel:
Entspann dich, ich habe nur gescherzt.  Das kommt davon, wenn man mich gegen meinen Willen wegschickt.   

Ich lehne mich an ihn, Tränen steigen mir in die Augen. 
 

MC:
Das ist etwas gemein … Aber da du weder alt noch ein 5000 Jahre alter Fisch bist, drücke ich mal ein Auge zu.   


Rafayel tröstet mich sanft.   

Rafayel:
Hast du nicht noch etwas zu sagen?  

MC:
Willkommen zurück, Rafayel.   


Die Meeresbrise ist sanft.   

MC:
Übrigens, ich habe die Möwen an deinem Strand gefüttert, aber sie haben nicht viel gefressen.   


Rafayel:
Sie sind wählerisch, wenn ich nicht da bin. Ich werde sie ausschimpfen, wenn ich nach Hause komme.  


MC:
Ich habe deine Bilder mit Thomas sortiert.  

 

Rafayel:
Ich werde sie für die nächste Ausstellung durchsehen.  
 

Er schlingt seine Arme fester um mich.   

Rafayel:
Genug. Wenn wir weiterreden, werde ich emotional. Du warst es doch, der mir gesagt hat zu gehen … Aber irgendwie fühlt es sich an, als wäre ich es gewesen, der dich im Stich gelassen hat.   

Die Dämmerung senkt sich über das Ufer.   

MC:
Lass mich noch etwas sagen. Du warst noch nicht auf Wavechaser Island, oder? Alle machen sich Sorgen um dich.   


Rafayel:
Gut. Ich werde alle beruhigen. Und nebenbei noch ein paar Probleme lösen.   

Er nimmt beruhigend meine Hand. Das schwindende Sonnenlicht versinkt in den Wellen. Regen fällt über die Stadt. Neonlichter spiegeln sich in den nassen Straßen. Der Platz ist fast leer. Nur uniformierte Jäger eilen hin und her. Nur noch eine Magnetfeldanomalie ist vorhanden. Sie soll heute Nacht beseitigt werden. Dann kehrt die Stadt zum Normalzustand zurück. Doch gerade als alles abgeschlossen zu sein scheint, taucht das Magnetfeld, das sich aufgelöst hatte, in einer verborgenen Spalte wieder auf.  

Und es beginnt…  sich erneut auszudehnen. 

  

Die Aufzugtüren öffnen sich wieder. Kallaia starrt den Mann an, der einen Moment zu spät gekommen ist. Lucius nickt ihr höflich, aber distanziert zu, bevor er in den Aufzug steigt. Sofort wirkt der Raum beengend. Kallaia: Wurde das Treffen so kurzfristig anberaumt, weil die Quelle von Atei einen Durchbruch erzielt hat?   

Lucius:
Eine wirklich sinnvolle Diskussion wäre, wie Gaia Biotech enorme Ressourcen verschwendet hat, ohne auch nur eine Spur von Whalefall City zu hinterlassen, um dies auszugleichen.   

Kallaia:
Macht mich nicht verantwortlich für das, was diese Opportunisten getan haben.   

Kallaia starrt auf die blinkenden Zahlen über ihnen und versucht nicht, die Genugtuung in ihren Augen zu verbergen
 

Kallaia
Solange es ihr hilft, schneller zu erwachen, ist es mir egal, ob sie jemand wird oder nicht.  

Lucius kneift die Augen zusammen. Er wird versuchen, noch eine letzte Information zu erhalten. 

Lucius:
Du bist ihr begegnet?   

Kallaia:
Ein verlorenes Kind braucht ein wenig Führung, um den richtigen Weg zu finden. Ansonsten…Ich fürchte, der Preis, den Sie zahlen werden, Professor Lucius, wird höher sein als nur die Quelle von Atei.  

Ihre letzten Worte hallen noch nach, als sich die Aufzugtüren öffnen.Als sie sich endlich umdreht und das Labor vor sich sieht, murmelt sie verspätet einen Fluch.  

Stanley:
Leg deinen sinnlosen Enthusiasmus ab, Kallaia. Die Zeit, sie zu führen, ist bereits vorbei.  

Elektronische Anzeigen breiten sich im Raum aus und durchdringen ihn. Inzwischen haben Gestalten – virtuelle wie reale – ihre Positionen eingenommen. Nur zwei Plätze sind noch leer. Der alte Mann in der Mitte scheint sein Krankenzimmer verlassen zu haben. Hinter ihm befindet sich ein Bildschirm, der deutlich größer ist als die Bedienkonsole. 

Stanley:
Ungeachtet der Kosten müssen wir sie sofort zurückbringen.   

Kallaia:
Sind wir nicht etwas voreilig? Alle Anwesenden sind offensichtlich…   

Sie geht auf den flackernden Bildschirm zu. Ihre schlanken Finger tippen auf mehrere stumme Gestalten.   

Kallaia:
Unvorbereitet.   

Stanley:
Die Zeit drängt. Die Große Auslöschung steht unmittelbar bevor.   

Alles ist still, als hätten diese Worte den Anwesenden die Stimmen geraubt. Die Zeit vergeht. Dann ist Lucius der Erste, der die Stille bricht.   

Lucius:
…Schon? Nach der neuesten Entschlüsselung der Signale aus dem Weltraum dachte ich, wir bräuchten zumindest –   

Stanley:
Ja, die Hunter haben die meisten Magnetfeldanomalien behoben. Doch das ist nur der letzte verzweifelte Versuch des Planeten, zu überleben. Die „Regeln“ lassen sich nicht umkehren. Was die Signale betrifft, so konnten wir den entscheidendsten Teil nie entschlüsseln. Das führte zu unserer falschen Einschätzung der verbleibenden Zeit. 
   

Auf dem holografischen Bildschirm kollabiert, zerfällt und formiert sich das schwebende Magnetfeld neu. Es ist wie ein Puzzle, dem unzählige Teile fehlen.  

Stanley:
Nach einer kurzen Pause werden die Magnetfeldanomalien wieder zusammenlaufen und erneut explodieren. Das bestätigt die Warnung in den Signalen. Die Große Auslöschung ist da.   

Kallaia:
Oh je, was sollen wir nur tun? Ich habe noch nicht das volle Ausmaß ihrer Macht gesehen. Wenn ich sterbe, ohne die Wahrheit zu kennen, werde ich es bereuen.  

Lucius:
Dann mach dich nützlich und trage etwas Sinnvolleres bei als nur deinen eigenen Vorteil!  

Kallaia:
Professor, Sie müssen sich nicht so aufregen. Ich wollte nur –  

Stanley:
Genug. Hebt euch eure Streitereien für später auf. Sobald wir als Sieger hervorgegangen sind, hast du alle Zeit der Welt zum Streiten.   

Der alte Mann faltet die Hände, seine Gedanken schweifen in die Ferne. 

Stanley:
Wir können nicht länger warten. Es bleibt keine Zeit mehr. Das ist unsere einzige Chance.  

  

Obwohl die Nacht hereingebrochen ist, herrscht in der Stadt reges Treiben. Auf einer Aussichtsplattform mit Blick auf die Straße sitzen einige Leute außerhalb des Lichtkegels der Straßenlaternen. Vorsichtig, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, sprechen sie leise. Xavier steht mit den Händen in den Hosentaschen da und lauscht schweigend. Das Dritte Protokoll ist speziell für Extremsituationen konzipiert. Bei Aktivierung muss jeder Backtracker informiert werden. Es spielt keine Rolle, ob sie Teil des Protokolls sind oder ihren Eid noch halten wollen. Es geht lediglich darum, eine Warnung auszusprechen. Einige wenige gehobene Töne verraten die verborgene Angst, die einer der Rückverfolger nicht unterdrücken kann. Xavier drängt sie nicht. Sterne erwachen am Nachthimmel, nur um schnell wieder vom Dunst verhüllt zu werden. Benommen glaubt er, den Schwur jener Nacht erneut zu hören. Er dreht sich um und sucht den Blick, der ihn stets begleitet. Doch er sieht nur den Weg, den er einst ging.  


Die Dunkelheit der Nacht hat ihn vollständig verschlungen. Das hirnlose Monster erstarrt. Das Licht der Straßenlaterne scheint durch das Loch in seiner Brust, wo schwarze Eissplitter es durchbohrt haben. Zayne rückt seine Handschuhe zurecht. Als er einen Schritt macht, hebt er die Hand. Das Licht, das aus seiner Handfläche schießt, trifft die verzerrte Gestalt, die aus der Dunkelheit auf ihn zuspringt. Als die letzte Spur von Metaflux verblasst, bewegt Zayne seine Finger. Die Fehler dieser Welt nehmen exponentiell zu. Er kann nicht mehr vorhersagen, wann die Regeln zusammenbrechen werden. Der Wind raschelt in den Blättern, und er greift nach seinem Schal, um ihn fester zu ziehen. Doch er findet nichts um seinen Hals. Ein flüchtiger Anflug von Desorientierung erfasst ihn. Scheinbar zieht es ihn zu dem hell erleuchteten Ort in der Ferne. Doch eine Energiestörung reißt ihn zurück in die Realität. Die dunkle Gestalt verharrt nur einen Augenblick, bevor sie sich umdreht und in der Nacht verschwindet. 

  

Das Meer spiegelt zerbrochene Mondbilder wider. Bei Windstille hätte das Wetter perfekt sein müssen.  Doch in der Tiefsee hängen Tausende von Meerestieren kopfüber. Sie sind tot. Laut dem alten Butler geschieht dies seit einigen Tagen in mehreren Regionen. Es gibt keine Anzeichen menschlichen Eingreifens, und es handelt sich auch nicht um eine Naturkatastrophe. Es ist eher ein wahlloses Aussterben aus einer höheren Existenzebene. Rafayel schließt die Augen, um die Müdigkeit seiner eiligen Reise zur Wave Chaser Island zu vertreiben. Er meint, die alten Prophezeiungen aus dem Buch des Meeresgottes erneut widerhallen zu hören. Das Mal unter seinem Schlüsselbein brennt leicht, als Rafayel sich umdreht und in die Ferne blickt. Am Horizont verschmelzen Meer und Himmel. Ein Sturm braut sich zusammen.  

  

Die Nachwirkungen der Zoion-Jagd hätten in dieser chaotischen Dunkelheit länger anhalten müssen. Doch das Gesindel auf den Straßen ist seitdem ungewöhnlich nervös. Ein Gift namens Gefahr liegt in der Luft. Selbst die ungewöhnlich scharfsinnigen Bewohner hier können seine Quelle nicht ausfindig machen. Der Einzige, der es vielleicht weiß, ist Sylus. Die heftige Erschütterung dringt ungehindert durch den Weltraumtunnel. Sie flackert und zuckt in seinem rechten Auge. Die Quelle – lauernd und störend – befindet sich am anderen Ende des Tunnels. Sie zu bekämpfen, wird wahrscheinlich schwierig werden. Sylus überlegt, ob sein zerbrechlicher Körper solchen Folgen noch standhalten kann. Schmerzen, die in die Knochen sickern und sie zersetzen, treiben einen vielleicht nicht in den Wahnsinn, aber … sie sind gewiss unangenehm.  

  

Das Raumschiff rast durch ein Feld aus Mikrometeoriten und wirft chaotische, verschwommene Bilder von kosmischem Staub und Planetenfragmenten auf den holografischen Bildschirm. Die Kontrollkonsole blinkt dunkelblau. Eine Überprüfung des Schiffszustands wurde eingeleitet. Der Durchflug durch das Mikrometeoritenfeld hat sechs Einschläge verursacht. Oberflächenabschürfungen wurden festgestellt, die Struktur ist jedoch unbeschädigt. Caleb wendet den Blick ab und spreizt die Finger, um die holografische Sternenkarte zu drehen. Um einem Magnetfeldsturm auszuweichen, begab sich das Schiff auf eine unbekannte Route und entdeckte unerwartet einen neuen Abschnitt des Weltraumtunnels. Das Hauptquartier hat ihn eindringlich daran erinnert, dass für diese Region keine Notfallpläne vorbereitet wurden. Rote Signalfluktuationen tanzen über den Bildschirm, als der Colonel die Verbindung zum Hauptquartier abbricht. Er drückt ohne zu zögern auf „Aktivieren“. Das Schiff hält an und gleitet in die unbekannten Tiefen des Weltraumtunnels. 

Dieser strahlende Himmelskörper bietet der Menschheit eine großzügige Wiege. Doch er hat ihr nie Ewigkeit versprochen. Milliarden von Jahren sind in seinen pulsierenden Körper eingeschrieben, um der strahlendsten Zivilisation des Universums den Aufstieg zu ermöglichen. Und nun sind Pracht und Zerstörung gleichermaßen vergänglich. Es wendet sich ohne jede Sentimentalität dem nächsten Abschnitt zu. 
Gezeichnet von unzähligen Narben, wird es einer totalen Vernichtung oder einer strahlenden Wiedergeburt begegnen.