Twilight Dawn
Morgendämmerung

Die Schwankungen, die durch das jüngste ungewöhnliche Teilchenereignis am Eingang des Weltraumtunnels verursacht wurden, haben ein Ausmaß erreicht, das es in der Geschichte noch nie gegeben hat.

Nachrichtensprecher:
...Unterdessen steigt der Metaflux-Index in verschiedenen Teilen von Linkon City weiter an. Heute wurden bereits mehrere Wanderer-Angriffe gemeldet.

Experten diskutieren noch darüber, ob dieser Ausbruch von Metaflux durch das Teilchenereignis verursacht wurde.

Boom!

Eine ohrenbetäubende Explosion unterbricht den Nachrichtensprecher, und ein verlassenes Gebäude stürzt mit lautem Krachen ein. Eine Gestalt tritt aus den Flammen hervor und schneidet mit der Lichtklinge in seiner Hand durch Staub und Trümmer. Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, regungslos.

Regisseur:
Schnitt! Perfekt! Das nehmen wir. Die Maschine kann erst mal ausgeschaltet werden. In zehn Minuten drehen wir die eigentliche Szene.

Der maschinell erzeugte holografische Hintergrund löst sich wie Nebel auf und gibt eine realistische Szene völliger Verwüstung preis.Die Crewmitglieder bewegen sich trotz der Hektik geordnet umher. Der Regisseur ist wie immer voller Energie und bespricht die Szene mit dem Hauptdarsteller.

Regisseur:
Sie müssen einfach das machen, was Mr. Xavier beim Dreh gemacht hat. Achten Sie auf Ihre Haltung, wenn Sie das Schwert schwingen ...

MC:
Gut gemacht, Mr. Xavier.


Grinsend werfe ich dem Mann fröhlich eine Flasche Wasser zu, als er auf mich zukommt.

MC:
Die Szene war so cool! Ich wette, im Kino wird sie noch viel aufregender sein.


Xavier:
Wird dir das nicht langsam langweilig? Du hast sie am Set schon unzählige Male gesehen.

MC:
Eigentlich habe ich vor, mir die Szene mehrmals anzusehen, sobald der Film draußen ist. Willst du den Film, zu dem du beigetragen hast, nicht auf der großen Leinwand sehen?


Xavier:
Nicht wirklich. Es gibt so viele Hunter in der Association. Warum haben sie ausgerechnet mich als Berater ausgewählt?

MC:
Weil du der einzige Hunter bist, der extrem talentiert und gleichzeitig am leichtesten verfügbar ist.


Xavier:
Wer sagt das? Ich habe jede Menge zu tun.

MC:
Zum Beispiel?


Xavier:
Den Strauch auf meinem Balkon beschützen. Puffball benutzt ihn als Trampolin. Er ist kurz davor einzugehen.

MC:
Ist okay. Ich kann sofort zurückgehen und mich darum kümmern.


Xavier:
Kannst du nicht. Du musst hierbleiben.

MC:
Warum? Du bist der Berater, nicht ich.


Xavier:
Sind wir nicht Partner? Sollten wir nicht zusammen arbeiten und uns gemeinsam bewegen?

Mit ehrlichem Blick streckt er die Hand aus und verdeckt die Linse meiner Handykamera.

Xavier:
Du machst schon die ganze Zeit Fotos. Wofür?

MC:
Du trägst nur selten mal Kleidung in einem anderen Stil. Es wäre doch schade, nicht eine Menge Erinnerungsfotos zu machen, oder?


Ich weiche seiner Hand aus und drücke mehrmals schnell auf den Auslöser.

Ein Hauch von Verlegenheit erscheint auf dem sonst so gleichgültigen Gesicht auf meinem Handydisplay.

Xavier:
Ich nehme zurück, was ich vorhin gesagt habe ... Du bist nicht als meine Partnerin hier ... Du bist nur hier, um die Show zu genießen.

MC:
Wie kommst du darauf? Ich bin hier, um zuzusehen und etwas zu lernen.


Ich schnippe gegen die Quaste, die an seiner Taille hängt. Das Metallornament glänzt hell in der Sonne.

MC:
Ich habe gehört, die Crew hat sich große Mühe gegeben, die wenigen existierenden Videos von Lumiere aufzutreiben, um dieses Outfit nachzubilden.  Findest du nicht, dass das wertvolles historisches Material ist?


Xavier:
Du klingst, als wäre er alt genug, um in einem Museum ausgestellt zu werden. Du bist bei diesem Thema ziemlich begeistert, hm?

MC:
Natürlich.


Ich blicke zum Set in der Ferne. Der Anblick der Ruinen löst sofort bestimmte Szenen in meiner Erinnerung aus.

MC:
Ich weiß, dass ich vielleicht nicht die Antwort bekomme, nach der ich suche, selbst wenn ich ihm begegne ... Schließlich hat er so viele Menschen gerettet. Selbst wenn er tatsächlich mich gerettet hat, bezweifle ich, dass er sich erinnert.
Aber ich würde trotzdem gern wissen ... ob der Lichtstrahl, der mich vor 14 Jahren gerettet hat, wirklich von ihm kam.


Xavier:
Ich bin sicher, er erinnert sich.

Ich sehe sofort zu ihm auf, aber Xavier fügt schnell hinzu—

Xavier:
Zumindest glaube ich das.

MC:
Xavier, du scheinst dich nicht für Lumiere zu interessieren.  Er ist unser berühmter Vorgänger in der Hunter-Branche. Bist du nicht neugierig auf ihn?


Ich halte meine Handykamera absichtlich näher an Xaviers Gesicht.

MC:
Trug der Lumière von vor 14 Jahren dieselben Kleider wie du und rettete die Bürger von Linkon einen nach dem anderen?


Sein Blick schwankt keinen Moment, trotz meiner Fragen. Seine Augen gleichen dunkelblauen Seen und sehen durch die Linse direkt in meine.

Xavier:
Wer weiß. Aber die Crew hat ihm auf jeden Fall ein stilvolles Outfit verpasst.

MC:
Mehr hast du dazu nicht zu sagen?


Auf meinem Handy senkt Xavier den Blick, als würde er tief nachdenken.

Xavier
Dieser Stoff besteht aus einem besonderen Material. Es sollte kein Problem sein, ihn im Kampf zu tragen.

(Tut er nur so, als wäre er ahnungslos ... oder ist er wirklich ahnungslos?)

Mitarbeiter A:
Mr. Xavier?

Ein Crewmitglied eilt herüber. Damit ist meine Chance dahin, noch mehr Fragen zu stellen.

Mitarbeiter A:
Mr. Xavier, der Regieassistent hätte gern, dass Sie sich für die nächste Szene des Hauptdarstellers eine coole Eintrittspose überlegen. Wir möchten, dass Sie vom Himmel herabkommen – auf beeindruckende und ehrfurchtgebietende Weise. Können Sie das machen?

Xavier
Ja.

Mitarbeiter A:
Dann bereite ich die Seile vor.

Xavier:
Ich brauche die eigentlich nicht...

Ich ziehe schnell an Xaviers Gürtel und senke meine Stimme.

MC:
Du hast doch nicht vor, vor all diesen Leuten einfach so durch die Luft zu schießen, oder? Du würdest ihnen einen Schrecken einjagen!


Xavier senkt unbewusst seine Stimme um eine halbe Oktave und korrigiert sich schnell.

Xavier:
...Ich meine, klar. Danke.



Journalist:
Könnten das plötzliche Teilchenereignis und die Zunahme der Wanderer-Angriffe der Anfang der Apokalypse sein? Hören wir uns an, was die Zivilisten dazu sagen.

Büroangestellter:
Ich habe gerade meinen Job gekündigt, hahaha! Bevor die Welt untergeht, will ich noch richtig Spaß haben!

Unternehmer:
Wir bei Biosun Pharmaceuticals haben einen internen Wohltätigkeitsfonds gegründet. Wir werden sieben Hilfsstationen errichten, um ...

Alte Dame:
Was? Eine Apokalypse? Nur zu. Ich habe lange genug gelebt!

Kleiner Junge:
Ich habe keine Angst. Lumière wird uns retten! Er macht swoosh! Swoosh! Und swoosh! Und-

Xavier winkt zweimal mit der Hand, schaltet das laute Nachrichtenprogramm ab und stattdessen sanfte, beruhigende Musik ein. Und dann plündert er ganz beiläufig weiter Jeremiahs Kühlschrank.

Xavier:
Die mit Joghurtgeschmack ist nicht so gut. Ich empfehle Lychee. Viel besser. Hier ist dein Löffel.

Jeremiah beobachtet ihn mit finsterem Gesichtsausdruck aus der Nähe.

Jeremiah:
Hallo? Ich bin auch noch da.

Als Antwort bekommt er nur einen Eisbecher zugeworfen. Den nicht ganz so guten mit Joghurtgeschmack.

MC:
Hier, Fotos vom Hauptdarsteller, persönlich von ihm signiert. Die findest du sonst nirgendwo!


Nachdem wir das Set verlassen haben, erinnere ich mich an mein Versprechen, Jeremiah ein paar signierte Fotos des Hauptdarstellers mitzubringen. Also machen Xavier und ich einen Umweg und besuchen Philo. Jeremiah nimmt den Umschlag mit den Fotos und beginnt, sie aufgeregt durchzusehen.

MC:
Bist du Fan von diesem Schauspieler oder von der Filmreihe?


Jeremiah:
Ich mag einfach sehr, wie sie Lumière dargestellt haben.

Jeremiah zieht ein Foto heraus und wedelt damit vor mir herum.

Jeremiah:
Was hältst du von diesem Outfit?

MC:
Hm ... Also, es steht dem Hauptdarsteller.


Jeremiahs Lächeln bei meiner Antwort scheint eine versteckte Bedeutung zu haben.

Jeremiah:
Findest du nicht, dass es an jemand anderem noch besser aussehen würde? Zum Beispiel an jemandem, der gerade direkt vor dir steht—aua!

Er fasst sich schmerzhaft an die Stirn, und ich bemerke, dass Xavier seinen Eisbecher nicht mehr in der Hand hält.


Xavier:
Sorry, mir ist die Hand ausgerutscht.

MC:
Äh, wen meintest du denn? Denjenigen, dem die Kleidung besser stehen würde?


Xavier:
Zorro.

MC:
Was?


Xavier:
Eines von Jeremiahs Hobbys ist das Lesen von Romanen über Ritter und Phantomdiebe.

Als Jeremiah meinen verwirrten Blick sieht, presst er ein gequältes Lächeln hervor.

Jeremiah:
Ja. Arsène Lupin ist mein Idol.

Xavier isst ruhig den nächsten Becher Eis, während der arme Jeremiah bedrückt dasteht.Ich will gerade nachhaken, als ich ein leichtes Vibrieren an meinem Handgelenk spüre.

MC:
Jenna ist dran. Sie will, dass ich für eine Notfallsitzung zurückkomme.


Xavier:
Eine Besprechung?

MC:
Wahrscheinlich wegen des ungewöhnlichen Teilchenereignisses. Ich muss jetzt los.


Ich stürze aus Philo hinaus und habe keine Zeit mehr, die merkwürdige Stimmung im Blumenladen zu hinterfragen.

Als die eilige Gestalt des Mädchens um die Ecke verschwindet, dreht Jeremiah sich um und sieht Xavier noch immer in derselben Position sitzen.


Jeremiah:
Na gut, sie ist jetzt weg. Warum bist du immer noch hier?

Xaviers Handybildschirm leuchtet auf und kündigt den Eingang einer verschlüsselten Nachricht an. Er schaltet den Bildschirm einfach wieder aus und holt den letzten Löffel Eis aus dem Becher.

Xavier:
Danke.

Jeremiah:
Wofür? Es ist doch nur ein Eisbecher ...

Xavier:
Ich bin auch dafür dankbar.

Xavier zeigt ein paar kleine Waffen in seiner Hand. Im nächsten Augenblick verschwindet er spurlos.

Jeremiah:
Xavier, was hast du mir diesmal geklaut?!

Jeremiah eilt los, um seine wertvollen Sachen zu überprüfen, bleibt aber nach ein paar Schritten stehen.Er denkt kurz nach und zieht dann sein Handy hervor, um jemanden anzurufen. Nach zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit starkem Regen regnet es auch heute wieder. Und in einigen Teilen der Stadt wird weiterhin mit mehr Niederschlag gerechnet.

Nachrichtensprecher:
Meteorologische Experten sagen, dass dies auf den Einfluss einer dichten Regenwolkenfront zurückzuführen ist. Der starke Regen ist ein normales Wetterphänomen. Wir bitten alle darum, nicht in Panik zu geraten ...

Wie vom Donner erschreckt, stockt das Handysignal für ein, zwei Sekunden, bevor es wieder eine endlose Zahl an Beiträgen lädt. Auch wenn Experten die Zivilisten ständig beruhigen und sagen, alles sei in Ordnung, tragen der anhaltende Regen und die wütenden Wanderer dennoch dazu bei, dass sich Unruhe ausbreitet.

Mitarbeiter B:
Wir haben angefangen, einen Film über die Apokalypse zu drehen ... und jetzt kommt eine echte Apokalypse. Haben wir sie heraufbeschworen?

Mitarbeiter C:
Ach, wenn Lumière doch nur so erscheinen würde wie in den Filmen ...

Mitarbeiter B:
Hör auf zu träumen. Der Regisseur hat gesagt, wir sollen den starken Regen heute nutzen, um alle Regenszenen fertig zu drehen.

Als ich das Geplauder der Crew draußen vor der Tür höre, sehe ich zu den Regentropfen hinüber, die gegen die Fensterscheibe prasseln. Xavier ist zum Filmset gegangen und bestand darauf, dass ich mich nicht mit ihm durchnässen müsse. Ich blieb in der Lounge zurück. Da ich nichts zu tun habe, rufe ich die Daten auf meiner Uhr auf und gehe sie durch, während ich mich an das erinnere, was Jenna bei der Besprechung gesagt hat.


Jenna:
Wir müssen verhindern, dass die Wanderer angreifen. Die nächsten Tage werden für alle hart. Alpha Team wird in sieben Gruppen aufgeteilt, von denen jede für ein anderes Gebiet zuständig ist. Seid beim ersten Anzeichen von Ärger bereit. Ich werde jetzt eure Partner für diese Mission bekannt geben.

Ich wurde Gruppe IV zugeteilt und erhielt kurz darauf Benachrichtigungen über neue Zugänge und Anfragen auf meiner Uhr. Die anderen Gruppen wurden ebenfalls nach und nach zugeteilt, bis nur noch eine einzige Person auf der Liste übrig war.

Jenna:
Gruppe VII. Xavier.

Die einzige nicht anwesende Person, Xavier, wird seine eigene Gruppe bilden.

Es stimmt, Xavier nimmt selbst die merkwürdigsten Missionen ohne großes Protestieren an, aber trotzdem ...

(Haben sie Xavier allein eingeteilt, weil er gleichzeitig noch die Dreharbeiten unter einen Hut bringen muss? Oder könnte es sein,dass er einer separaten Mission zugeteilt wurde?)

Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher erscheint mir Letzteres. Aber bei seinem Charakter bezweifle ich, dass ich etwas aus ihm herausbekomme, selbst wenn ich frage.

MC:
Xavier?


Durchnässt bis auf die Knochen schleppt Xavier sich herein, begleitet von einem einzelnen Donnerschlag. Die Deckenlampe flackert, als er eintritt, als käme er direkt aus einem Horrorfilm. Ich kann nicht anders und kichere, womit ich die unheilvolle Stimmung vollkommen zerstöre.

MC:
Hey ... erinnerst du dich an das streunende Kätzchen bei uns in der Nachbarschaft ... das aussah wie ein nasser Wischmopp?


Xavier:
Das einzige Kätzchen, an das ich mich erinnere, ist das selbstzufriedene, das immer so aussieht, als würde es grinsen.

Zu durchnässt, um sich auch nur über meinen Kommentar zu ärgern, schnappt Xavier sich ein Handtuch und wischt sich über das Gesicht.

MC:
Davon wirst du auch nicht trockener.


Xavier:
Ich gehe sowieso gleich wieder in den Regen. Lohnt sich das überhaupt?

MC:
Darüber können wir später nachdenken. Du wirst dich erkälten.


Als ich sehe, wie halbherzig er sich wehrt, drücke ich ihn auf das Sofa.

MC:
Setz dich. Und rühr dich nicht.


Xavier:
Was machst du da?

MC:
Wir wischen den Schmutz aus deinem Gesicht. Sonst wird aus Lumière in diesem Tempo noch Dreckmiere.


Xavier:
Welcher Schmutz? Da denkt sich wohl jemand Dinge aus. Warum habe ich das Gefühl, dass da gar kein Schmutz ist? Ist er jetzt weg?

MC:
Noch nicht.


Xavier:
Und jetzt?

MC:
Sogar ein Kätzchen, das sich das Fell leckt, macht das besser als du.


Xavier:
Dann hilf mir eben. Ich sehe ja nicht, wo der Schmutz ist. Ja, jetzt geht’s mir etwas besser. Geht das so?

MC:
Hier ist es auch noch ein bisschen nass.


Xavier:
...Das kitzelt. Ich bin es nicht gewohnt, das zu tragen.

MC:
Ist dieser Ohrring auch eines von Lumières magischen Gadgets?


Xavier:
Vielleicht gibt es einen geheimen Schalter. Ich sage es dir, sobald ich ihn finde. Du ...

MC:
Warum nutzen wir die Gelegenheit nicht und schauen mal, wie es an dir aussieht? Ich habe dich noch nie mit dieser Maske gesehen.


Xavier:
Nein danke. Du bist ziemlich leicht zu unterhalten, hm? Zufrieden jetzt? Du hast ein bisschen Schmutz. Fertig. Jetzt sind diese beiden Kätzchen sauber.

Als ich seine feuchten Haare sehe, kann ich nicht widerstehen und zerzause sie, sodass er von einer Seite zur anderen wankt.

Xavier:
Es fühlt sich an, als gäbe es ein Erdbeben.

MC:
Ja, weil die Welt bald untergeht.


Xavier:
Hast du keine Angst?

MC:
Nö.


 Ich stupse gegen seinen Kopf.

MC:
Wir haben doch Lumiere. Er wird auftauchen und die Welt retten.


Xavier:
Woher bist du dir da so sicher?  Selbst wenn es ihn gibt, hat er diese Identität vielleicht längst aufgegeben. Vielleicht wäre er lieber ein ganz normaler Bürger, der jeden Tag bei Sonnenschein spazieren geht.

MC:
Du kennst ihn ziemlich gut.


Xavier:
Nicht wirklich.

Er hebt die Augen unter seinem etwas zerzausten Pony.

Xavier:
Hoffst du, dass er auftaucht?

MC:
Wenn ich ja sage, erscheint er dann?


Für einen Moment herrscht Stille. Ich mustere Xaviers Gesichtsausdruck, aber er senkt nur den Blick und—

Xavier:
schnüff schnüff  ...Es ist ein bisschen kalt.

Ich lasse die Frage, die mir auf der Seele liegt, los und fahre ihm noch einmal mit etwas mehr Nachdruck durch die Haare. Dann leuchten zwei Uhren gleichzeitig rot auf – die Farbe eines Notfalls.

-Hunter's Watch-:
Eingehender Einsatz! Eingehender Einsatz!
Ort: No-Hunt Zone Nr. 21. 
Wanderer-Bedrohungsstufe: A und höher. 
Anzahl: Wird berechnet ...
Gruppe III wird aufgefordert, sich sofort zum angegebenen Ort zu begeben. Alle anderen Teammitglieder bleiben bitte in Bereitschaft und warten auf weitere Anweisungen.

MC:
Das sind viele Wanderer.


Auf der Karte umringt eine große Horde roter Markierungen die No-Hunt Zone Nr. 21. Sogar die Bedrohungsstufe nördlich des Empyreal Ring District ist gestiegen. Der Bereich der Metaflux-Schwankungen muss sich vergrößern.

Wenn Alpha Team das nicht unter Kontrolle bekommt, müssen alle eingesetzt werden.

Xavier:
So weit wird es nicht kommen.

Xavier zeigt auf die Stelle auf der Karte, an der die roten Symbole am dichtesten sind.

Xavier:
In der No-Hunt Zone Nr. 21 gab es schon immer häufige Metaflux-Schwankungen. Die Association kann damit umgehen. Sie haben Erfahrung.
Selbst wenn das Ausmaß des Angriffs jetzt etwas größer ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie die Sache in den Griff bekommen. Keine Sorge.

Noch immer zweifelnd nicke ich und werfe einen Blick auf das rote Licht an seinem Handgelenk.

MC:
Und was ist mit dir? Hast du auch eine Einsatzmeldung bekommen?


Xavier:
Ja.

Sofort spitze ich die Ohren. Schließlich ist er das einzige Mitglied seines Teams.

MC:
Was musst du machen?


Xavier:
Ich muss als ordentlicher Berater für die Dreharbeiten auftreten und unseren Ruf als Hunter nicht ruinieren.

MC:
Ich schätze, es ist nötig, dich daran zu erinnern.


Unzufrieden runzelt Xavier die Stirn.

Xavier:
Wann hätte ich jemals unseren Ruf ruiniert—

MC:
Natürlich hast du das nicht. Es ist nur ... Manchmal vergisst du, die Seile zu befestigen, bevor du einen Stunt machst ... Und da war die Sache, als du versehentlich die Protonenkern-Nachbildung der Requisitenabteilung gesprengt hast ... Und als sie gestern die Effekte einer Explosionsszene getestet haben, wärst du fast „reingeflogen“, um ein Crewmitglied zu beschützen.


Xavier:
Das war nur ein Unfall.

Draußen wird das Prasseln des Regens lauter. Xavier schaltet die Missionsoberfläche meiner Uhr aus.

Xavier:
Du musst nicht ängstlich sein. Wer weiß. Vielleicht verschwinden all deine Sorgen, sobald der Regen aufhört.

MC:
Wer sagt denn, dass ich mir Sorgen mache? Außerdem wird der Regen so bald nicht aufhören ...


Xavier:
Aber sieh dir die Wolken an. Es sind nicht mehr so viele.

Ich folge seinem Blick, sehe aber nur den grauen Himmel, die Wolken so dicht wie zuvor.

MC:
Ich glaube, der Regen wird nur noch stärker.  Oder weißt du etwas, was ich nicht weiß? 


Ich sehe Xavier in die Augen, aber er lächelt nur sanft.

Xavier:
Nun ja, ich kenne mich ziemlich gut mit Trivia aus. Astronomie, Geografie, was du willst.

MC:
Wechsel nicht das Thema.


Ich tue so, als würde ich verärgert sein Handgelenk kneifen, lasse aber sofort los, als ich ein leises, scharfes Einatmen höre.

MC:
Tut mir leid. Hat das wehgetan?


Xavier:
Es ist schon okay.

Schuldbewusst wende ich den Blick ab. Die Regentropfen gleiten weiterhin in kleinen Rinnsalen an der Fensterscheibe herunter und verschwimmen mit den Lichtern draußen. Mitten im starken Regen schlucke ich die Worte hinunter, die mir auf der Zunge liegen. Und in dem etwas dämmrigen Raum streckt er die Hand aus und hält sanft mein Handgelenk. So verbringen wir den Nachmittag am Rand der Apokalypse — schweigend und in angenehmer Ruhe aus dem Fenster blickend, während der schwere Regen das kühle Tageslicht verdunkelt.


Nächster Tag

Ich melde mich im HQ und erwarte Anweisungen zu unserer Mission. Stattdessen bekomme ich eine Nachricht von der Filmcrew. Xavier ist verschwunden. Er ist nicht am Set erschienen, und auch zu Hause war keine Spur von ihm. Alles, was sie fanden, war Puffball, das vergnügt auf seinem kleinen Strauch herumhüpfte.

Seitdem habe ich nie wieder eine Wanderer-Warnung auf meiner Uhr erhalten.

Genau wie Xavier es vorhergesagt hatte, verzogen sich die dunklen Wolken allmählich, und der starke Regen wurde langsam zu einem leichten Nieseln, bis er schließlich ganz aufhörte. Die Dämmerung bricht herein, begleitet von Millionen glitzernder Lichter, die einen spektakulären Meteorschauer erzeugen.

Lange Streifen, die an Kondensstreifen erinnern, ziehen sich über den Himmel.

Unterdessen werden die neuesten Meldungen wieder und wieder auf der riesigen Leinwand im Herzen des Azure Square ausgestrahlt. Die zuvor wütenden Wanderer sind über Nacht verschwunden und haben nur einige verdächtige Protonenkerne zurückgelassen. Gleichzeitig schwächt sich auch das heftige Teilchenereignis allmählich ab. Die Weltuntergangspanik, die die Stadt wie ein sich aufblasender Ballon erfasst hatte, zerplatzt lautlos, als wäre sie von einer Nadel durchstochen worden. Als das Sonnenlicht erneut die Baumkronen erklimmt, erscheint Xavier ganz beiläufig wieder am Filmset, schenkt mir sein gewohnt sanftes Lächeln und spricht mit den Leuten. Es ist, als wäre sein zweitägiges Verschwinden nur eine flüchtige Illusion gewesen. Aber ich bin mir sicher, dass etwas passiert sein muss ...

Experte A:
Es ist klar, dass das sogenannte Teilchenereignis lediglich ein normales astronomisches Phänomen war und keinerlei Gefahr dargestellt hat.

Experte B:
Allerdings ist offensichtlich, dass die jüngsten Wanderer-Horden während dieses Teilchenereignisses aufgetreten sind. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass das bloß ein Zufall oder ein natürliches Vorkommnis war!

Experte A:
Und wenn es nichts Natürliches war, wie erklären Sie dann sein plötzliches Auftauchen und Verschwinden?

Das Scheinwerferlicht geht an und beleuchtet die geschäftige, angespannte Szenerie am Set. Die Crewmitglieder eilen zwischen verlassenen Gebäuden hin und her, tragen Requisiten und bauen Maschinen auf, um sich auf den Höhepunkt des Films vorzubereiten. Es wird der aufregendste Teil des ganzen Films werden. Mitten in erschütternden Explosionen wird Lumiere es allein mit Hunderten von Gegnern aufnehmen. Er wird die Wanderer in ein feuriges Grab schicken. Alle sind so beschäftigt, dass keiner eine Ecke bemerkt zu haben scheint, die voller verschiedenster Gegenstände steht.

Xavier lehnt sich gegen einige Requisitenkisten, neben ihm schweben schwache Lichtpartikel. Ich gehe in die Hocke und stupse ihn sanft an.

MC:
Xavier, wach auf.


Ich rufe ihn noch einmal, sogar zweimal, aber er schläft tief und fest. Keine Reaktion. Das ist heute schon das fünfte Mal, dass er ein Nickerchen macht, um „wieder aufzuladen“. Aber nach allem, was ich gesehen habe, ist es treffender zu sagen, dass er ohnmächtig geworden ist. Er zieht in Unbehagen die Stirn zusammen, und sein Kopf kippt zur Seite.

MC:
Xavier?


Plötzlich kann ich seine Präsenz nicht mehr spüren ... und an seinem Hals auch keinen Puls fühlen.Beunruhigt aktiviere ich schnell die Uhr an seinem Handgelenk. Nach einer gefühlten Ewigkeit leuchtet endlich ein blaues Licht auf dem Vitalmonitor auf, das anzeigt, dass alles in Ordnung ist.

MC:
Puh, du hast mir fast einen Schrecken eingejagt ... Hm?


Eine Hand packt plötzlich meinen Arm. Ich hebe den Blick und begegne Xaviers müden Augen.

Xavier:
Wie kommt es, dass du mich jedes Mal findest, wenn ich mich für ein Nickerchen davonschleiche?

MC:
Weil du furchtbar schlecht Verstecken spielst.


Er lacht leise, sucht sich eine bequemere Stelle, um den Kopf abzulegen, und will die Augen schon wieder schließen—

MC:
Du musst nicht hierbleiben und dich so verausgaben. Geh nach Hause und ruh dich aus.


Xavier:
Mir geht’s gut. Ich bin heute nur wirklich sehr müde.

MC:
Lügner.


Xavier:
Es ist nur menschlich, ab und zu müde zu sein.

Er lehnt sich zur Seite und fragt in aufrichtigem Ton

Xavier:
Es ist wirklich bequem hier. Willst du mit mir ein Nickerchen machen?

MC:
Nein, will ich nicht.


Ich greife nach seiner Hand.

MC:
Zumindest solltest du hier nicht schlafen. Du wirst krank. Ich kann dich in die Lounge bringen—


Plötzlich ertönt der Klang einer Explosion. Eine Schockwelle aus Staub und Trümmern fegt heran und verschlingt augenblicklich alle. Xavier reagiert sofort, wirft sich über mich und erschafft einen riesigen Lichtschild, der die heranrasenden Flammen und den Staub abblockt.

Regisseur:
Wer hat den Explosionsschalter ausgelöst? Wir haben noch gar nicht angefangen zu drehen!

Mitarbeiter A:
Wir waren das nicht, Regisseur! Es sind noch Leute in der Fabrik. Wer würde sich überhaupt trauen, den Schalter zu berühren?

Regisseur:
Ist noch jemand drinnen? Holt sie sofort raus! Wo sind die Wasserkanonen?

Meine Ohren klingeln noch, als mir eine beunruhigende Möglichkeit durch den Kopf schießt. Piep. Genau in diesem Moment schlägt meine Uhr laut Alarm, und ich höre das Brüllen von Wanderern aus den Flammen. In diesem Augenblick verschwindet Xavier, und ein Lichtstrahl, so kraftvoll wie ein Regenbogen, der Sonnenschein durchbohrt, schneidet durch die eingestürzte, brennende Fabrik.

Im nächsten Augenblick springt er aus dem lodernden Feuer, sein Schwert noch immer von Metaflux bedeckt, der sich noch nicht aufgelöst hat. Doch bevor ich erleichtert aufatmen kann, blinkt im benachbarten Bereich sofort eine Warnung auf.

MC:
 Bedrohungsstufe mindestens A. Ich muss los—


Xavier:
Bleib hier. Ich bin sofort zurück.

Xavier drückt meine Schulter hinunter, und ein seltsames rotes Licht an seinem Hals wird rasch von seinem Kragen verdeckt.

MC:
Nein, Xavier. Du ...


Doch seine Gestalt hat sich bereits in glühwürmchenähnliche Lichtpartikel aufgelöst, die in der Abendbrise verblassen. Das rote Licht an Xaviers Hals flackert wild. Er schwingt seine Waffe und sendet eine Lichtklinge aus, um den verbleibenden, noch kämpfenden Wanderer zu töten. Rauch aus der sich auflösenden Energie steigt in alle Richtungen auf. Er lehnt sich gegen die Wand und versucht, seinen schwankenden Körper nach dem intensiven Kampf zu stabilisieren.

-Hunter's Watch-:
Abnormale Vitalwerte erkannt.  Übermäßiger Einsatz von Evol. Kampf sofort abbrechen und medizinische Behandlung erhalten ...

Xavier schaltet die lästige Warnung auf seiner Uhr aus und hebt den Blick zum Eingang einer Gasse, wo sich mehrere Schatten auf ihn zubewegen.

Jasper:
Hallo, Xavier. Das ist dein Name, richtig?

Der Mann, der einst in den Nachrichten auftauchte, kommt mit einem Lächeln auf ihn zu. In einem eleganten Anzug spielt er mit einem detonatorgroßen Gegenstand von der Größe eines Manschettenknopfs.
Klick.
Ein Lichtstrahl durchbohrt den Zünder und zerschmettert ihn in mehrere Teile.


Jasper:
Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen, Mr. Xavier. Wir sind nicht Ihr Feind. Auch wenn Sie uns einige kleine Probleme bereitet haben, bin ich sicher, dass das alles nur ein Missverständnis ist. Und da wir uns nun zufällig begegnet sind, wären Sie so freundlich, uns auf einen kleinen Spaziergang zu begleiten? Wir könnten uns unterhalten. 

Obwohl seine Worte höflich klingen, treten ein paar bedrohliche Handlanger hinter ihm hervor und umzingeln Xavier.

Xavier:
Ich glaube nicht, dass Ablehnen überhaupt eine Option ist.

Jasper:
Wieso denn? Wenn Sie nicht wollen, zwingen wir Sie natürlich nicht. Aber Ihre momentane Lage ist alles andere als ideal. Es wäre nicht gut, das unnötig in die Länge zu ziehen, nicht wahr?

Der Mann nickt seinen Handlangern zu, mit besorgtem Gesichtsausdruck und eiskalter Stimme.

Jasper:
Unterhalten Sie Mr. Xavier gut.

Handlanger:
Jawohl, Sir!

Die Schatten am Eingang der Gasse setzen sich auf sein Kommando hin sofort in Bewegung. Sie blockieren augenblicklich den einzigen Ausgang. Xavier löscht das rote Licht an seinem Hals und schwingt sein Schwert. Leuchtende, glühwürmchenartige Partikel umkreisen ihn langsam. Plötzlich durchschneidet ein helles Licht die dunkle Gasse. Mehrere Gestalten werden durch die Luft geschleudert, als ein majestätisches 270HM direkt auf sie zustürmt.

Xavier:
...!

Er streckt die Hand nach dem Licht aus. Und sofort greift eine Hand nach seiner und zieht—

MC:
Festhalten!


Die Gasse windet sich im Dunkeln. Ich umfasse den Lenker fest und drehe das Gas auf, um unsere Verfolger abzuschütteln.

Xavier:
An der nächsten Kreuzung links. Da ist eine Fabrik. Fahr durch die Hintertür.

Ich tue, was er sagt. Als wir aus der Fabrik hinausschießen, höre ich den schweren Aufprall eines herabfallenden Stahltors. Es schirmt die hektischen Rufe dahinter ab.

Xavier:
Geschafft.

Er streckt die Hand aus und markiert einen Punkt auf der Karte in der AR-Navigation.

Xavier:
Fahr zu diesem Ort.

MC:
Xavier, wer waren diese Leute? Warum wollten sie sich mit dir anlegen?


Xavier:
Woher wusstest du, dass ich hier bin?

MC:
Beantworte zuerst meine Frage!


Er lehnt sich an meine Schulter und stößt einen Seufzer aus, der sowohl Resignation als auch Erschöpfung bedeuten könnte.

Xavier:
Wahrscheinlich stecken sie hinter den jüngsten Wanderer-Angriffen. 

Ich bin wie vor den Kopf gestoßen.

MC:
Also war die Metaflux-Explosion vorhin ... auch ihr Werk?


Xavier:
Ja. Du bist dran.

Einen Moment lang bin ich verwirrt, bis mir klar wird, dass wir uns mit den Antworten abwechseln.

MC:
Ähm ... Ich habe einen unsichtbaren Sender an dir angebracht.


Xavier:
Wann ...?

MC:
Damals in der Lounge, als ich dich gekniffen habe. Ich habe nur so getan, als wäre ich sauer. Das war übrigens schon deine zweite Frage.
An dem Tag, an dem ich Jeremiah die signierten Fotos gebracht habe, bekam ich seinen Anruf, als ich aus dem Blumenladen trat.
Dank seiner Warnung war ich besonders wachsam. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so schnell retten müsste. Mit anderen Worten: Ich kannte in den letzten zwei Tagen jederzeit deinen Standort. Diese seltsamen Metaflux-Schübe an all diesen Orten, die Wanderer-Angriffe ... Du warst derjenige, der sich um all das gekümmert hat, oder?


Er verstärkt den Griff um meinen Arm.

Xavier:
Du bist klüger geworden.

MC:
Jemand Bestimmtes verschwindet ständig wortlos und hat kleine Geheimnisse. Was hätte ich denn tun sollen, außer klüger zu werden? Ganz zu schweigen von dem  offensichtlichen verschweigen eines großes Geheimnisses. Was ist so lustig? Wenn ich auch nur etwas später aufgetaucht wäre, hättest du es dann allein mit diesen Leuten aufnehmen können?


Xavier:
Nein, ich schulde dir etwas.

MC:
Wenn du es mir wirklich zurückzahlen willst, dann musst du nur .. Das ging schnell ... Xavier, halt dich fest!


Die Nadel auf meinem holografischen Armaturenbrett springt ganz nach rechts. Mein Motorrad beschleunigt, und im nächsten Augenblick verschwinden wir in einer dunklen Seitengasse.

MC:
Wo sind wir ...?


Xavier:
No-Hunt Zone Nr. 42.

MC:
Ich weiß, wo wir sind. Ich meinte das da ...


Mondlicht legt sich wie eine dünne Nebelschicht über die grüne Wiese. In ihrer Mitte steckt tief im Boden das gewaltige Wrack von irgendetwas. Es ist von Moos und Ranken bedeckt. Kleine Glühwürmchen kreisen darum wie ätherische Wesen, die es zu ihrem Zuhause gemacht haben.

Xavier:
Vorsicht.

Zwei Lichtkugeln steigen aus Xaviers Händen auf und erhellen den etwas steilen Weg. Das Bedienfeld ist von Pflanzen überwuchert. Überall sind Kabel verheddert. Die Kabine ist aufgerissen ... In diesem riesigen Raumschiff, das offenbar vor langer Zeit abgestürzt ist, liegt der Geruch von Rost und Staub in der Luft. Zwischen dem metallischen Gerüst wird der Sternenhimmel sichtbar, als hätte jemand einen leuchtenden Vorhang über unseren Köpfen gespannt.

Ich streiche die Blätter vom Bedienfeld. Ich versuche, die komplexen Zahlen und Symbole darauf zu entziffern, aber vergeblich.

(Es ist ein riesiges Objekt aus dem All ... Es wirkt nicht wie etwas, das in diese Welt gehört. Aber die Tatsache, dass Xavier mich hierhergeführt hat, muss bedeuten, dass er etwas über dieses Raumschiff weiß.)

Seitlich flackert ein schwaches blaues Licht auf, und Xavier lässt einen rostigen Hebel los. Heimlich benutze ich mein Evol für eine schnelle Überprüfung ...

(Das Protonenfeld um uns herum hat sich verändert ...)

Xavier:
Sie werden uns jetzt nicht mehr finden können.

Ich erlaube mir, ein wenig zu entspannen, während ich die Vorrichtung betrachte, die Xavier aktiviert hat. Es ist unglaublich, dass einige der Maschinen in diesem verlassenen Raumschiff noch funktionieren. Fast so erstaunlich wie eine Mumie in einer Pyramide, die wieder zum Leben erwacht.

MC:
Dieses Raumschiff ... Gehört es dir?


Xavier:
Ich weiß nur, dass es hier ist.

(Schon wieder eine vage Antwort ...)

MC:
Dann musst du also schon sehr lange gewusst haben, dass es hier ist, hm?


Xavier zögert einen Moment und antwortet dann schließlich mit einem vagen „Mm“.

MC:
Was ist das für ein Geräusch?


Xavier:
Wahrscheinlich nur ein kleines nachtaktives Tier. Nicht—

Er bricht ab. Und nach einem Moment verändert sich sein Ton plötzlich um hundertachtzig Grad.

Xavier:
Oder es könnte ein Wanderer sein. Jede Veränderung in einem Protofield kann Metaflux erzeugen. Könntest du ... mal nachsehen?

MC:
Klar, aber ...


Ich habe keinerlei Metaflux-Schwankungen gespürt und auch keine Anzeichen für Wanderer bemerkt. Ein wenig Misstrauen regt sich in mir, aber am Ende nicke ich.

MC:
Wenn du willst, dass ich nachsehe, gut. Aber wehe, du machst etwas Unüberlegtes, wenn ich nicht hinsehe. 


Nachdem ich die Umgebung mehrmals sorgfältig mit meinem Evol überprüft habe, um sicherzugehen, dass nicht einmal die kleinste Spur von Metaflux vorhanden ist, kehre ich schließlich zum Raumschiff zurück.

MC:
Xavier, hier ist alles sicher. Du—Wo bist du?


Nirgendwo ist Xavier zu sehen. Nachdem ich die halbe Umgebung abgesucht habe, finde ich ihn schließlich in einer Kammer, die einem Sleepen Pod ähnelt.

Er liegt zusammengerollt da, die Augen geschlossen, die Stirn gerunzelt. Die Position wirkt nicht bequem, aber seine Atemzüge sind langsam und tief.

MC:
Xavier? Er schläft schon tief und fest ...


Etwas landet auf dem Boden in der Nähe der Schiffskabine. Ich greife hinüber und finde zwei leere Spritzen. Sie sehen nicht anders aus als gewöhnliche Spritzen. Das Einzige, was seltsam daran ist, ist die lange Reihe unbekannter Zahlen und Buchstaben auf den Zylindern.

(Sie zeigen Spuren von kürzlichem Gebrauch. Vielleicht ...

Ich überprüfe unruhig Xaviers Puls, aber abgesehen von einem schwachen roten Licht unter seinem Kragen ist nichts Auffälliges zu bemerken. Sein Herzschlag ist normal. Und seine Körpertemperatur auch ... Nur zur Sicherheit gleiche ich mich mit seinem Vitalmonitor ab.)

Während ich die Uhr bediene, leuchtet plötzlich eine Warnung unter meinem Finger auf.

-Hunter's Watch-:
Eingehender Einsatz! Eingehender Einsatz!
Ort: Azure Square. 
Wanderer-Bedrohungsstufe: Nicht bestimmbar. 
Anzahl: Nicht kalkulierbar.
Alpha Team, bitte sofort zum Einsatzort begeben!

Ich rufe sofort die Karte auf. Der gesamte Bereich um Azure Square ist mit einer dichten Ansammlung von Warnhinweisen bedeckt.

MC:
Diese Leute stecken wahrscheinlich dahinter!

Xavier schläft noch immer tief. Ich werfe erneut einen Blick auf den Alarm an meinem Handgelenk. Bevor ich mich auf den Weg zum Azure Square mache, schicke ich Jeremiah noch schnell eine Nachricht. Als ich am Azure Square ankomme, übertrifft das Ausmaß der Lage jedoch meine Erwartungen.

Das Gebiet ist in Ruinen gefallen, Horden rasender Wanderer greifen alles um sich herum an. Chaotischer Metaflux breitet sich wie ein Lauffeuer aus und scheint beinahe den Raum selbst zu verzerren. Dazu kommen laute Explosionen, die Flammen in die Höhe schicken. Alle Hunter kämpfen gegen Wanderer. Immer mehr meiner Kollegen treffen am Schauplatz ein. Doch auch nach einem langen, zermürbenden Kampf zeigt die Zahl der Wanderer keinerlei Anzeichen, abzunehmen. Sobald eine Gruppe ausgeschaltet ist, taucht die nächste auf. Es ist, als wären diese Wanderer unsterblich. Die Hunter um mich herum fallen einer nach dem anderen, und auch ich werde mit jedem Einsatz meiner Evol schwächer. Meine Sicht verschwimmt, meine Ohren klingeln, mein Herz hämmert unkontrolliert. Schmerz lodert wie wilde Flammen auf und versengt jeden Teil meines Körpers ...

MC:
Das ist ...!


Jenseits der Flammen sehe ich in der Ferne eine vertraute Gestalt zusammenbrechen. Ich versuche, mich verzweifelt durch die Menge zu drängen, um ihre Identität zu bestätigen, doch ein gewaltiger Wanderer taucht vor mir auf.

MC
Huff ... huff ...


Nachdem ich ihn besiegt habe, kämpfe ich darum, die Augen offen zu halten. Doch durch meine verschwommene Sicht kann ich kaum noch etwas erkennen.

Ich blute mit Sicherheit, aber ich spüre nichts außer dem heftigen Schmerz in meinem Herzen.

Jenna:
MC ... Geht es dir gut?

MC:
Captain ...


Jenna:
Wahrscheinlich wird an deinem Standort eine weitere Metaflux-Explosion stattfinden. Rückzug ... Du kannst ... nicht weiterkämpfen ...

Mit Hilfe der Anleitung meiner Uhr kann ich gerade noch den Weg erkennen, den ich nehmen soll. Doch gerade als ich mich bewegen will—

??:
Helft uns ...

??:
Helft uns ... Helft ...

Es sind noch immer Menschen im Azure Square eingeschlossen. Ich beiße die Zähne zusammen, konzentriere mich und gehe in Richtung der Hilferufe. Durch Schichten aus Rauch und Staub sehe ich einen Arm, der verzweifelt aus einem eingestürzten Café am Rand des Azure Square winkt.

MC:
Koordinaten 5567, 5567 ... Eingeschlossene Zivilisten gesichtet. Verstärkung anfordern—


Die Gefahr schlägt zu, bevor meine Verstärkung überhaupt eintreffen kann.

Die Uhr reagiert schneller als ich. Warnungen ploppen in schneller Folge auf dem Interface auf. Drei Wanderer. Bedrohungsstufe: S. Ich greife an meinen Gürtel und zähle stumm die verbliebenen Kugeln und noch nutzbare Ausrüstung.

Ich müsste etwas Zeit gewinnen können. Vielleicht sogar einen von ihnen mit etwas Glück ausschalten. Als ich erneut auf das zerbrochene Café-Schild trete, ragt der Schatten eines gigantischen Wanderers über mir auf.Sogar der letzte Rest Mondlicht wird verschluckt, und ich werde in endlose, betäubende Dunkelheit gestoßen.
Der rostrote Regen aus meinen Erinnerungen überflutet meinen Geist. Das Blut, die Trümmer, die Schreie und das Weinen ... all das verschlingt mich plötzlich wieder. Es fällt mir schwer, den Kopf zu heben, während drohende Verzweiflung mich erneut zu verschlingen versucht.


(Nein ... Ich muss weitermachen ...)

Das schrille Geräusch von Elektrizität bohrt sich in meine Ohren. Ein tauber Schmerz fährt durch die Hand, mit der ich meine Waffe festhalte. Chaos überrollt mich.  Mit großer Mühe lade ich mehrere Schüsse nach und feuere. Ich kann mich nur auf meine Instinkte verlassen. Aber die Dunkelheit weicht nicht. Mein Albtraum von vor 14 Jahren öffnet seinen blutigen, klaffenden Schlund direkt vor mir.

Ich stürze zu Boden. Etwas kracht herab. Der Wanderer und ich werden zerquetscht—Plötzlich bricht gleißendes Licht vor meinen Augen hervor und sendet eine Schockwelle aus.Der Wanderer hat keinen Ort mehr, an dem er sich verstecken kann. Mit einem schrillen Kreischen zerfällt er zu Staub.

Ein weiterer strahlender Lichtstrahl spaltet die Nacht wie ein Pfeil, der tintenschwarze Schatten durchbohrt. Im selben Augenblick ergießt sich goldenes Licht wie ein sintflutartiger Regen herab und wäscht die Dunkelheit fort.

Mit Mühe hebe ich den Blick. Ein Lichtstrahl schießt an einem Strom aus glühenden Partikeln vorbei direkt auf mich zu wie ein Meteor.

Raum und Zeit selbst scheinen sich in dieser Strahlkraft zu verziehen — scharf, unaufhaltsam und doch von einer tiefen Ruhe durchdrungen.

Die vage Szene in meiner staubverhangenen Erinnerung flackert auf, plötzlich klar und lebendig.

(Was war das?)

Blut und Schmutz werden in die Nachtbrise geweht. Benommen sehe ich auf.

Die auseinandergezogenen Wolken geben den Mond frei.Jemandes Arme umschließen mich, und ihre Wärme kommt mir seltsam vertraut vor.

Er wischt mir das Blut aus dem Gesicht. Durch meine verschwommene Sicht erkenne ich nur einen warmen Blick, tief wie ein See und doch von Wellen der Dringlichkeit bewegt.

MC:
Du ...


Er hebt mich hoch und trägt mich in die Luft.

??:
Schließ die Augen, wenn du müde bist.

Das Langschwert materialisiert sich in der Luft und erschafft zahllose Lichtstrahlen, die an Mondsicheln erinnern und im Zentrum von Azure Square niedergehen.Sie bilden einen Kreis. Heller und sanfter als der Mond am Himmel wirkt es wie ein stiller See, der leuchtenden Glanz ausstrahlt und jeden Zentimeter verbrannter Erde einhüllt. Die Wanderer, die noch immer wüten, der außer Kontrolle geratene Metaflux, die drohenden Explosionen — all das beruhigt sich.

Der Mond, der vor 14 Jahren mitten in den Ruinen und im Chaos aufgegangen war, erscheint wieder direkt vor meinen Augen.

(Lumiere ...)

Ein zeitverzögerter Schmerz trifft mich. Mein Bewusstsein kehrt kurz zurück, und das Gesicht vor mir wird endlich deutlich.

MC:
...Xavier?


So viele Worte bleiben mir im Hals stecken. Der Schmerz erstickt sie, sodass ich nicht sprechen kann.

Xavier:
Schlaf. Zwing dich nicht, wach zu bleiben.

Etwas legt sich über meine Augen. Meine Lider werden schwer, und ich sinke in eine Welt aus Träumen, endlos süß in ihrer tröstlichen Dunkelheit.

MC:
Ugh ...


Ich erwache von dem aufwallenden Schmerz. Als ich die Augen öffne, sehe ich den abnehmenden Vollmond am Nachthimmel.

Xavier:
Tut es weh?

Ich drehe den Kopf und sehe Xavier, wie er mir vorsichtig die verletzte Hand bandagiert.

Xavier:
Ich habe Erste Hilfe geleistet. Die Straßen sind im Moment immer noch ein Chaos. Später bringe ich dich ins Krankenhaus für eine gründliche Untersuchung. 

Ich sammle mich und blicke vom Rand des Dachs hinunter.Mehr als die Hälfte des Azure Square ist zu Schutt und Asche geworden. Rettungskräfte huschen zwischen den zerbrochenen Mauern und Ruinen hindurch, und Journalisten liefern sich ein Wettrennen mit der Zeit, um die Nachrichten zu berichten.

Xavier:
Mach dir keine Sorgen, die Menschen im Café sind in Sicherheit. Es gibt keine weiteren Opfer.  Du bist die Einzige, die schwer verletzt ist. 

Ich sehe zurück zu der Person vor mir. Die Konturen seines Gesichts sind in mein Herz eingebrannt, aber jetzt, da ich sie wieder vor mir sehe ...Liegen fremde Schatten darüber.


MC:
...Warum bist du hier?


Xavier:
Wen sonst hast du denn erwartet?

Er versucht, meiner Frage auszuweichen, während er sich weiter um meine Wunden kümmert und den Blick gesenkt hält.

MC:
Aber wie bist du hierher gekommen? Geht es dir jetzt gut?


Xavier:
Ich habe gut geschlafen, also bin ich vollständig erholt.

MC:
Wie denn? In der No-Hunt Zone warst du praktisch komplett am Ende ...


Xavier:
Du bist diejenige, um die man sich jetzt kümmern muss.

Er drückt meine Schulter nach unten, und mir bleibt nichts anderes übrig, als gehorsam sitzen zu bleiben.

MC:
Die Lage war dringend. Ich musste—


Xavier.
Ich weiß nur, dass ich dich verloren hätte, wenn ich auch nur eine Sekunde später gekommen wäre. Für immer.

Obwohl sein Ton flach bleibt, drückt er meine Hand fest.

MC:
Nein, das ist unmöglich. Unterschätz mich nicht. Ich hatte schon immer Glück.
Vor vierzehn Jahren hat Lumiere mir das Leben gerettet. Und dieses Mal ...
Ich sehe ihm in die Augen. Diesmal hat Lumiere mich wieder gerettet. Ich muss der glücklichste Mensch auf der Welt sein.


Das Mondlicht hüllt uns in eine sanfte Umarmung. Sein Ausdruck ist ruhig und sanft, und doch spüre ich darunter unbeschreibliche Emotionen. Ist er erleichtert? Besorgt? Vielleicht sogar ergeben? Ich kann es nicht genau sagen.

Xavier:
Vielleicht fühlst du dich einfach nur glücklich ...

Xavier spricht leise und streckt die Hand aus, um mir den Schmutz aus dem Gesicht zu wischen.

Xavier:
Aber für mich ist es ein wundervoller Segen.

-Bildschirmübertragung-:
Laut den geretteten Überlebenden erschien eine Gestalt, die Lumiere ähnelte, genau in dem Moment, als die Explosion kurz bevorstand.  Außerdem gibt es Berichte, dass die mysteriöse Person, die vor ein paar Tagen die Metaflux-Schwankungen in der Stadt beruhigt hat, sehr wohl Lumiere gewesen sein könnte. Nach vielen Jahren ist Lumiere zurückgekehrt und hat Linkon City erneut gerettet ...

MC:
Ich wette, morgen früh wird jeder nur noch über Lumieres Rückkehr reden.


Ich stütze das Kinn in die Hand und sehe Xavier mit einem neckischen Lächeln an. Er scheint einen Moment lang in Gedanken verloren, hebt mich dann plötzlich hoch.

Xavier:
Wir sollten uns beeilen.

MC:
Warum?


Xavier:
Wir müssen ins Krankenhaus. Sonst stürmen nach Sonnenaufgang alle herbei, um einen Blick auf Lumiere zu erhaschen. Dir könnte schwindelig werden. Halt dich gut fest.

Bevor ich reagieren kann, beginnt sich die Welt um mich herum schon wieder zu drehen.
Nach dieser Nacht verschwand Xavier noch einmal für zwei Tage. Ich wusste nicht, was er tat. Aber als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wartete er bereits in meinem Zimmer auf mich. Seitdem bin ich zu Hause, um mich zu erholen. Währenddessen blieb Xavier bei mir, widmete sich ganz meiner Pflege und ignorierte die Gerüchte über Lumiere, die draußen überall in der Luft lagen.

Und wegen Xaviers übertriebenem Eifer sind meine Tage zu Hause während der Genesung langweilig. Es ist nur ein Kreislauf aus Essen und Schlafen.

Xavier:
Eine halbe Avocado, eine halbe Drachenfrucht, ein paar Selleriestangen, eine halbe Bittermelone ...

Gerade als diese bizarre Mischung im Mixer landen soll, halte ich Xavier in verzweifeltem Versuch, ihn abzulenken, mein Handy vors Gesicht.

MC:
Xavier, schau! Twinkle Toys hat neues Lumiere-Merch. Wir sollten uns das ansehen!


Xavier:
Schon wieder ...?

MC:
Natürlich! Lumiere ist gerade total angesagt. Bist du sicher, dass du nicht mal schauen willst?


Xavier:
Ich interessiere mich nicht besonders dafür.

Seine harten Worte werden vom gnadenlosen Geräusch des Mixers begleitet, den er einschaltet.

MC:
Sollen wir nicht irgendwo anders hingehen? Ich habe das Gefühl, ich setze schon Schimmel an, weil ich so lange zu Hause festsitze.


Xavier:
Morgen hast du eine Untersuchung im Krankenhaus. Auf dem Weg dahin kannst du ein bisschen Sonne tanken.

MC:
Aber ... ich habe genug von deinen „Krankenhausmahlzeiten“ und gesunden Säften. Ich will etwas anderes essen.


Xavier nickt, und kurz darauf piept sein Handy mit einer Benachrichtigung.

-Handy-:
Ihre Bestellung ist unterwegs. Eine Familienplatte BBQ ... Und ein Healing Porridge Combo Meal. Es wird in ungefähr zehn Minuten ankommen.

MC:
Ich habe genug von Krankenhausessen!


Lustlos lasse ich mich aufs Sofa sinken.

MC:
Ich habe schon drei Serien und acht Filme gesehen, aber meine Verletzungen sind immer noch nicht verheilt.


Xavier:
Wie wäre es mit einem Videospiel? In welchem Level waren wir? Elf?

MC:
Nein danke. Spielen mit dir macht keinen Spaß.


Verwirrt blinzelt Xavier ein paar Mal.

Xavier:
Ich habe gar nicht versucht, dir die Kills wegzunehmen. Ich weiß auch nicht, warum die Monster immer in mich reinlaufen.

MC:
Du bist immer derjenige, der alles dominiert, während ich nur zuschaue ... Sowohl in Videospielen als auch im echten Leben. Das macht keinen Spaß.


Xavier:
Im echten Leben ...?

MC:
Ja, du vollbringst entweder große Dinge oder versteckst dich in einer coolen Geheim-Basis. Und es ist eine Geheim-Basis mit einer Menge seltsamer Gadgets, Spritzen, Sleepen Pods ...


Ich beginne an meinen Fingern abzuzählen, während Xavier verlegen wegsieht.

Xavier:
Unser Essen ist da. Ich hole es.

MC:
Schon gut.


 (Ich gehe später bei Philo vorbei und forsche nach ...)

Xavier:
Es ist eine große Kiste ... Was ist da drin?

Ich bin noch dabei zu überlegen, wie ich mehr Informationen aus ihm herausbekommen könnte, als ich das Paket sehe, das er hereingebracht hat. Sofort leuchten meine Augen auf, und ich schnappe es mir.

MC:
Ich kann nicht glauben, dass sie schon da sind!


Xavier:
Wann hast du das bestellt?

MC:
Da du nicht wolltest, dass ich rausgehe, musste ich eben selbst die Initiative ergreifen.  Tadaa! Schau, Lumiere-Merchandise!


Ich ziehe ihn aufgeregt zu mir und halte zwei Lumiere-Puppen hoch.

MC:
Mit dieser hier kann man Anziehspielchen machen ... und die hier hat bewegliche Gelenke! Sind sie nicht die süßesten überhaupt?


Ich drücke die Lumiere-Puppen dem echten Lumiere in die Hände. Drei Paar große blaue Augen starren sich sprachlos an.

Xavier:
Wofür sind die Puppen?

MC:
Ich denke, sie werden nützlich sein. Ich kann sie mit auf Reisen nehmen, mit ihnen zusammen essen und sie sogar neben mein Kissen legen, wenn ich schlafe.


Xavier:
All das könntest du auch einfach mit mir machen.

Die Lumiere-Puppen werden achtlos beiseitegeworfen und landen neben einem Kissen.

Xavier:
Wofür ist das alles?

Xavier:
„Lumiere O’Clock wird jede Minute und jede Sekunde deines Tages erhellen ...Mit dem Dreamshimmer-Nachtlicht kann Lumieres sanftes Leuchten dich in den Schlaf begleiten ...
„Lumiere-Handwärmer. Halte sie in der Hand und spüre ihre Wärme ...“ Willst du aus deinem Haus ein Lumiere-Museum machen?

MC:
Das ist eine großartige Idee. Ein Lumiere-Themenhaus ... Dann sehe ich ihn, sobald ich die Augen öffne. Das wäre lustig.


Xavier:
Verstehe.

Ich tue so, als würde ich Xaviers leichte Verstimmung nicht bemerken, und ziehe fröhlich die letzte „Überraschung“ aus der Kiste.

MC:
Keine Sorge, ich habe nicht vergessen, auch etwas für dich zu kaufen. Tadaa! Es ist dasselbe Outfit, das Lumiere im Film getragen hat. Ich hatte Glück und konnte das letzte ergattern, bevor es ausverkauft war. Es ist für dich. Nimm es. Warum probierst du es nicht mal an und schaust, ob es passt? Du könntest sogar ein bisschen in Erinnerungen schwelgen. 


Misstrauisch macht Xavier einen Schritt zurück.

Xavier:
Schon gut. Ich bin nicht in der Stimmung, in Erinnerungen zu schwelgen.

MC:
Aber ich will wirklich sehen, wie du es trägst ...


Ich ziehe einen gespielten Schmollmund.

MC:
Seit ich es bestellt habe, ist das das Einzige, worauf ich mich während dieser langen Genesungstage wirklich gefreut habe.


Xavier:
Das hast du auch über das Sesam-Pistazien-Eis gesagt und als du auf dem Balkon Wunderkerzen anzünden wolltest.

MC:
Seit wann bist du so grausam, Xavier?


Dramatisch lasse ich mich aufs Sofa fallen und vergrabe das Gesicht in den Händen.

Xavier:
Gib mir eine Sekunde.

MC:
Yay!


Wieder trägt Xavier das Lumiere-Outfit, scheint daran aber eher wenig Interesse zu haben. Es wirkt, als würde er es am liebsten nach ein paar Minuten gleich wieder ausziehen.

Xavier:
Reicht das? Es passt. Kann ich mich jetzt wieder umziehen?

MC:
Nein.


Ich gehe um ihn herum, mache Fotos, richte den Kragen und streiche Falten glatt. Es ist, als wäre ich ein Kind, das ein neues Spielzeug gefunden hat.

Xavier, nicht an meine plötzliche Begeisterung gewöhnt, spannt sich jedes Mal an, wenn ich ihn berühre.

Xavier:
Bist du nicht eben noch auf dem Sofa herumgerollt? Woher kommt auf einmal all diese Energie?

MC:
Wer wäre nicht aufgeregt, wenn er—


Xavier:
Ich nicht. Vielleicht haben viele Leute wie du unrealistische Fantasien über Lumiere.

MC:
Unmöglich. Du hast keine Ahnung, wie unglaublich Lumiere ist.


Xavier:
Tatsächlich nicht.

Ich stoße absichtlich einen langen Seufzer aus.

MC:
Du bist so ein Dummkopf. Ich zeige dir jetzt Lumieres wahren Charme!


Xavier:
Das musst du nicht ...

MC:
Stell dir vor ... Während einer Krise kommt ein gut aussehender Ritter, ritterlich und sanft, unter dem Mondlicht vom Himmel herab ... Bang! Er erledigt alle Feinde einfach so. Würdest du dich da nicht sicher fühlen und Herzklopfen bekommen?


Xavier:
Ich glaube nicht, dass mein Herz auch nur ansatzweise geklopft hat.

MC:
Da versucht wohl jemand, das Offensichtliche zu ignorieren.


Xavier:
Und jemand anderes übertreibt es etwas zu sehr. Magst du Lumiere wirklich so sehr? Wen magst du mehr — mich oder Lumiere?

MC:
Deine Frage ergibt überhaupt keinen Sinn ... Bist du und Lumiere nicht dieselbe Person?


Xavier:
Aber du siehst das nicht so. Während Lumiere gut aussehend und sanft ist ... bin ich offenbar hart und grausam? Und wenn du Lumiere siehst, scheinst du deutlich glücklicher zu sein. Also, wie lautet deine Antwort?

MC:
Xavier, bist du ... eifersüchtig?


Xavier:
...Bin ich nicht.

MC:
Doch, bist du. Du wirst sauer, wenn ich Lumiere lobe ... Was für ein Idiot.


Xavier:
Wenn man jemanden nicht mag, dann hält man ihn für einen Idioten, egal was er tut.

MC:
Stimmt. Aber Dummköpfe, die eifersüchtig werden und schmollen ... die mag ich am liebsten.


Xavier:
Das müsste unser Abendessen sein.

MC:
Oder ... noch mehr Merchandise.


Xavier:
Wie viel hast du denn gekauft?

MC:
Beweg dich! Wir können den Lieferanten doch nicht warten lassen.


Xavier:
Nein. Ich lasse dich nicht gehen, bevor ich die Antwort höre, die ich hören will.