Long-awaited Rivalry

Kapitel 1 - mehrdeutiges Chaos

...Wo bin ich … 

Der schaukelnde Wagen ist erfüllt vom Geruch billigen Leders. Mir ist schwindelig. Mein Körper kämpft noch immer gegen das Nervengift an. Verschwommene, bruchstückhafte Erinnerungen kehren zu mir zurück. 

Ich war noch ein junger Hunter, als eine Tragödie mich traf und mir wichtige Menschen entriss. Ich reiste in die Arktis, auf der Suche nach der Wahrheit, und entdeckte eine unglaubliche Kraftquelle in meinem Herzen: den Ätherkern. 

Anhand der Informationen meiner Grandma schloss ich, dass das, was mir widerfahren ist, mit Onychinus zusammenhängt, einer bekannten Organisation in der N109-Zone. Sie wollen den Ätherkern in meinem Herzen. Deshalb beschloss ich, in die N109-Zone zu gehen, um Onychinus näherzukommen und Antworten zu finden. Ob es nun um den Ätherkern in meinem Herzen oder um den Vorfall geht, ist mir egal. Alles läuft nach Plan. Ich habe den wertvollsten „Köder“, den Ätherkern, tief in den Abgrund der N109-Zone gebracht. 

Wer auch immer anbeißt – wird diese Person diejenige sein, die ich suche? 

Mann in Schwarz: 
Ich bin ein hohes Risiko eingegangen, um die Beute aus dem Nest zu reißen. Die Belohnung muss besser sein. Bist du dir sicher, dass das stimmt? Ich bin die gleiche Straße schon dreimal entlanggefahren. Ich komme einfach nicht weiter. 

(Der Inhibitor sollte jetzt wirken. Ich warte noch ein bisschen...) 

Mann in Schwarz:
Tja, typisch. Das Auto ist mir bis hierher liegen geblieben... Keine Menschenseele weit und breit... Nur ein verlassener Hof. Schick schnell jemanden rüber. 

Mann in Schwarz: Du bist wach? Du scheinst ja eine harte Nuss zu sein.  
Aber ich warne dich. Versuch bloß keine Tricks, verstanden? 

MC: 
Du bist also nur ein Mittelsmann. Arbeitest du für Leute aus der N109Zone? 


Mann in Schwarz: 
Halt den Mund! Lass mich die Ware prüfen, bevor ich dich übergebe. Wo hast du den Ätherkern versteckt? 

??: 
Onychinus' Beute zu entführen, ohne uns Bescheid zu geben ... Das ist nicht gerade höflich. 

Mann in Schwarz:
Wer ist da?!

(Onychinus?!) 


??: 
Sie gehört uns, nebenbei bemerkt. Wir haben sie uns schon vor langer Zeit gesichert. 

(Das ging schnell ...) 

??: 
Ich bin wirklich neugierig ... Sie ist mutig genug, aus einem schwarzen Glas  
zu trinken. 

??: 
Was wird sie tun, wenn sie in  die Enge getrieben wird ...? 

??:
Ganz schön dreist, so Informationen über den Ätherkern im Nest preiszugeben.

??: Erklärt, warum der Boss interessiert ist. 


Mann in Schwarz
Ich verstehe ... Sylus hat euch geschickt ... Aber der Ätherkern ... gehört mir! 

MC: ...!!! 


??: 
Erledigt die Schädlinge, die immer noch Amok laufen. 

??: 
Jawohl, Sir! 

(Er ist also der Anführer von Onychinus...?) 

-Rückblende – 


Zayne: Wenn diese Information durchsickert... könntest du Onychinus' nächstes Ziel werden. 

-Rückblende-

??:
 

MC: 
Du bist auch wegen des Kerns hier, richtig? 


??: 
Selbst wenn du deine Seele verkaufen wolltest, müsstest du jemanden finden, der den Preis bezahlen kann. 

(Diese Stimme... ich habe sie schon mal gehört...) 

??: 
Sieh mich an. 


(„Besitze ihn -Verschlinge ihn…“ Mein Kopf… er tut weh... Aber warum… Ich kann ihm nicht ins Auge sehen...!) 

MC: …!  


??: 
Begrüßt man so einen neuen Freund?  Ich schätze, du erinnerst dich an nichts. 
Erlaube mir, dein Gedächtnis aufzufrischen. 

MC: 
… L-lass mich los. 


??: 
Von unserer Vergangenheit bis in deine Zukunft …  bis hin zu all den Verbrechen, die du unweigerlich begehen wirst.  Schließlich sind wir doch eins. Seelenverwandte. 

Sylus: 
Drei Tage. Und wir schaffen es immer noch nicht, auch nur eine einfache  

Resonanz herzustellen. Wie enttäuschend. 

MC: 
Was willst du...?! 


Sylus: 
Du hast die all die Mühe gemacht, in die N109-Zone zu gelangen.  
Ich muss meine Pflicht als dein Gastgeber erfüllen. 

MC: 
Halt! 


??:
Verschling ihn... Er gehört dir... Er ist direkt vor deinen Augen...
 

(Diese Stimmen wieder) 

Sylus: 
Es ist eine Schande, dass deine Evol so verfallen ist. 

MC: 
Wie schade... Der Tod meiner Familie... Ihr seid dafür verantwortlich, nicht wahr?! 


Sylus: 
Familie? Die Menschen, die Euch am nächsten stehen, sind vielleicht diejenigen, die Euch am meisten töten wollen. 

MC: 
Halt die Klappe! Im Moment... will ich dich einfach nur selbst töten! 


Sylus: 
Glaubt du, deine Evol wird dir im Kampf gegen mich helfen? Dein Mut ist bewundernswert. Du hast Glück. Ich quäle nicht gern die Schwachen, Kitten. 

MC: 
...Was tust du da? 


Sylus: 
Wolltest du mir nicht  das Leben nehmen? Oder sind  das nur leere Worte? 

„Töte ihn…“ 

MC: 
Glaubst du, ich würde es nicht tun? 


Sylus: 
Das ist schon viel besser. Obwohl du mir noch einen Auftritt schuldest, der den Tod selbst in den Schatten stellt. 

MC: 
Ich... 


Sylus: 
Warum zitterst du? Hat dein Entschluss etwa schon  nachgelassen? Du hast doch nicht nur geblufft, oder? 

MC: 
Natürlich nicht. Es ist nur...  


Sylus: 
Brauchst du Hilfe?  Ja?  Nein?  Vielleicht? 

MC: 
Nein... 

 Alle Sinne waren wie weggeblasen, nur der Bauch krampfte und zog sich zusammen. Es war, als hätte der Körper ein Loch. Wasser, Essen oder irgendetwas anderes... Alles, was diese Leere füllen könnte, wäre gut. 

 

??:
Verschlinge ihn... Es ist deine... Macht. 

 

In pechschwarzer Dunkelheit strömen erneut unheimliche Stimmen in meinen Kopf. Sie sprudeln nur kurz auf, um dann abrupt zu verstummen und kalte Luft zurückzulassen, die an meiner Erinnerung nagt. 

(Mein Kopf schmerzt...) 

??:
Sie schläft doch nicht ewig, oder? Sie ist seit einem Tag bewusstlos. Wir müssen sie wecken. 

??:  
Mach ihr einfach den Hinterkopf auf. Bohr ein Loch in ihren Nacken und...
 

Ich erwache aus einem verschwommenen Albtraum und öffne die Augen. Ich spüre noch immer die Taubheit vom Rückstoß der Pistole in meiner Hand. 

Als ich ihnen in die Augen sehe, verengen sich die Pupillen zweier junger Männer, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Blitzschnell verstecken sie ihre Bohrer und schieben sie in die Ärmel. Die Luft steht einen Moment lang still. Ich setze mich auf. 

MC: 
Ihr zwei – 


??: 
du siehst Gespenster. Ich bin allein hier. Es gibt keinen „Zwei“. 

Ich sammel mich und sehe mich um. Der Raum ist alt und leer, dunkel. Eine schwarzgraue Baumwolldecke hängt vom Bettgestell. Ich wende mich wieder dem jungen Mann zu und deute auf seinen Doppelgänger hinter ihm. 

MC: 
Wer ist das dann? 


??: 
Meine Seele kann … meinen Körper verlassen … 

Hinter ihm streckt der junge Mann, der im Schatten lauert, blitzschnell die Hände vor die Brust, verdreht die Augen und beginnt zu zittern. 

??:

Bist du fassungslos? Geschockt? Langweilig. 

??: 
Ähm … Hallo MC. Bevor du Boss’ Salon verlassen hast …Nun, wir haben uns bereits getroffen. Vor vier Tagen, um genau zu sein. 

??: 
Wir haben dich nicht nur vor diesem undankbaren Verräter gerettet. Wir haben dich auch zu Onychinus’ Basis zurückgebracht. 

MC:
… Ihr wollt also, dass ich euch danke. 


Während meine Muskeln langsam wieder zu Kräften kommen, überblicke ich schnell die Lage. Ich bin seit drei Tagen in einem dunklen Geheimraum eingesperrt. Und in den wenigen Augenblicken, in denen ich bei Bewusstsein war, erhaschte ich einen Blick auf Sylus. Die Zwillinge wurden ganz offensichtlich von Sylus geschickt, um mich zu überwachen. Obwohl ich mental darauf vorbereitet war, übertraf die direkte Konfrontation mit Onychinus meine Erwartungen.  


(Ich hatte einfach nicht erwartet, dass Onychinus' Anführer ein so unberechenbares Monster sein würde...) 

 

-Rückblende - 


MC: 
Du! Bist du verrückt? 


Sylus: 
Du wolltest mich töten. Und jetzt hast du es getan. Und nun?  Hast du dir schon überlegt, wie du es mir heimzahlen willst? 

MC: 
Nein! Du darfst noch nicht sterben...! 


Sylus: 
Warum? Machst du dir Sorgen um mich?  Heb dir das für den Tag auf, an dem du mich tatsächlich tötest. 

-Rückblende - 

Er zwingt mich, mit ihm zu resonieren, und gaukelt mir dann vor, ich hätte ihn getötet … Er ist wahnsinnig. 

(Ich frage mich, ob er mich gerade woanders festhält. Oder ob ihm langweilig ist. Obwohl die andere Hälfte des Ätherkerns in Onychinus' Händen ist, bin ich hier gefangen und in einer verwundbaren Lage. Ich muss weg und Informationen sammeln.) 

Luke: 
Wir wissen, was du denkst. Aber nachdem du im Nest gejagt wurdest, weißt du, wie viele Leute da draußen nach dir suchen? 

Kieran: 
Und selbst wenn du entkommst, wirst du in dem Chaos dieses Niemandslandes nur verloren gehen. 

Luke: 
Die Wanderer werden dich auffressen. Und sie werden nicht einmal Krümel übriglassen. Also … 

Luke & Kieran: 
Bleibt hier bei unserem Boss! 

Kieran: 
Wirf alle Moral und jedes Mitgefühl über Bord, und dieser Ort wird ein Paradies sein! 

MC: 
Übrigens, wer ist älter? Ihr zwei seht euch zum Verwechseln ähnlich. 


Luke: 
Rate. 

MC: 
Könntest du näherkommen, damit ich dich besser sehen kann? 


Vielleicht lag es an meiner aufrichtigen Stimme, dass sich seine Lippen verzogen. Er schlenderte lässig herüber, ohne auch nur den geringsten Verdacht zu schöpfen. Als er in Reichweite war, zog ich einen Laserpointer hervor und hielt ihn ihm an den Hals, um ihn zu bedrohen. 

Luke: 
Hey …! Was machst du da?! 

MC: 
Hast du schon mal von der XT-7 gehört, der neuesten Waffe der Hunters Association? 


Ob aus Leichtsinn oder Nachlässigkeit, Onychinus hat mich nicht durchsucht. 

MC: 
Es ist ein Hochleistungslaser, der deine Haut durchdringt und dein Blut verdampfen kann. Die gute Nachricht: Es geht schnell und schmerzlos. Die schlechte Nachricht: Du wirst viel Blut aus deinem Hals verlieren. Bist du zimperlich? 


Kieran verstummt einen Moment, drückt dann die Türklinke und tritt zur Seite. Zu meiner Überraschung öffnet sich die Tür wie von selbst. 

Kieran: 
Warum starrst du mich so an? Habe ich dir verboten zu gehen? Okay, geh einfach den Flur entlang, dann siehst du den Ausgang. 


Ich lasse Luke los. Immer noch verängstigt reibt er sich den Nacken und geht zu Kieran. Mir fällt auf, dass sein Blick voller Neugier und Verlangen nach dem Laserpointer in meiner Hand ist. 

MC:
Willst du ihn? Hier.  


Luke, der nicht mit meiner Großzügigkeit gerechnet hat, greift danach. Er ist überrascht. 

Luke: 
Echt? Das ist sehr nett von dir, einfach so die Geheimwaffe eines Hunters zu verschenken. 

MC: 
Es ist ein Laserpointer. 


Luke: Du … 

Ich schenke ihm mein verspieltes Lächeln. 

MC
Habe ich jemals gesagt, dass es die XT-7 ist? 


Mit jedem Schritt, den ich gehe, entfernen sich die beiden weiter, und ich höre immer noch ihr Geflüster hinter mir. 

Luke: 
Wie weit kommt sie wohl? Dreißig Meter? 

Kieran: 
Ich wette, nicht mal zehn Schritte. 

Luke: 
Dann sage ich fünf. 

Als Luke und Kieran weg sind, nehme ich meine Hunter’s Watch heraus. Wie erwartet. Kein Empfang. Der Korridor vor mir ist stockdunkel wie ein tiefer, endloser Tunnel. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass sie mir freundlicherweise den Weg nach draußen zeigen würden, aber allein das Verlassen des Raumes war schon ein Fortschritt. Auf dem Regal an der Wand stehen mehrere kleine Kristallvasen. Die darin hängenden Blumen sind bereits verwelkt. 


 (Der Besitzer war wohl schon lange nicht mehr zu Hause …) 


 Auf der anderen Seite sitzt ein schwarzer Vogel. Er hockt auf einer Marmorsäule, die nur halb so groß ist wie ein Mensch. Seine metallenen Flügel sind angelegt. 

(Eine Krähe...?) 

Seine Augen scheinen aus Rubinen zu sein.  
Sie leuchten in der Dunkelheit in einem schimmernden,  
aber unheimlichen Ton. Plötzlich bewegen sich seine Augen und fixieren mich mit seinem Blick, ohne zu blinzeln. 

(Er lebt?! )

Als ich mich bereit mache, ihn genauer zu betrachten, breitet er plötzlich seine Flügel aus und fliegt auf mich zu! Seine rasiermesserscharfen Federn verfehlen nur knapp meinen Kopf, als er durch den schmalen Spalt einer offenen Tür huscht. Um durch den Korridor zu gelangen, muss ich dorthin. Ich zögere einen Moment und folge dann der Krähe. 

Melodische klassische Musik dringt durch die Tür und macht den Korridor noch friedlicher. Eine entspannte Männerstimme erklingt inmitten des anmutigen Liedes. Es ist, als würde ich einen Monolog hinter einem Vorhang hören. 

??: .
Sie planen, Protonenkerne in menschliche Herzen einzupflanzen. Dann wollen sie das menschliche Bewusstsein in Wanderer übertragen. Ihr kleines Projekt hat einen Namen: Die Quelle von Atei... 

Sylus: 
Du solltest wissen, dass mich die Angelegenheiten anderer Leute nicht interessieren. Und Mephisto sagte, du hättest gelogen. Du erzählst mir nicht einmal alles. Schade, dass du deine letzte Chance verspielt hast. 

(Sylus? Egal, ich muss erst fliehen...) 

??: 
Nein! Bitte verzeih mir... Du kannst mich immer noch als Werkzeug benutzen! Ich... 

Sylus: 
Unser Deal ist beendet. Nun, wenn du mich entschuldigst, ich muss einen wichtigeren Gast empfangen. 

Die flehende Stimme verstummt abrupt, wie ein Ballon, der platzt, weil er zu viel Luft hat. 

MC: …! 


Einen Moment lang herrscht Stille im Raum. Die Musik setzt plötzlich aus und geht dann in ein sanfteres Streicherlied über. 

Sylus: 
Kommst du nicht rein? 

 (Ich wusste, die führen nichts Gutes im Schilde …) 

Alles ist wunderschön, von der sauberen, weißen Tischdecke bis zum Silberbesteck, das im Licht glänzt, sogar der Eiskübel mit den Rotweinflaschen. Die blutige Szene, die ich mir ausgemalt hatte, blieb aus. In diesem ruhigen Raum war der Besitzer der anderen Stimme spurlos verschwunden. 

 

(Schon wieder dieses Gefühl … Ich habe plötzlich Hunger … Warum …) 


Sylus nimmt die Karaffe neben mir, kommt an meine Seite mir und schenkt mir ein Glas Wein ein. Hinter mir erdrücken mich die Schatten. Ich halte mich mit einer Hand am Stuhl fest, um mich zu stabilisieren, und greife mit der anderen nach dem Messer auf dem Tisch. 

Sylus: 
Das wird nützlich sein, um dich in der N109-Zone zu verteidigen. 

Sylus lacht kalt auf, als er eine vertraute Pistole auf den Tisch legt.
 

MC: 
Willst du mich verhöhnen? 


Sylus: 
Ich biete dir einen Ausweg. Da du nicht entkommen kannst, wie wäre es mit einem Deal? 

Ich funkle ihn wütend an und trinke den Wein. 

MC: 
Onychinus' Vorgehensweise ist der Handel mit Macht. Schade, ich bin nicht interessiert. 


Die eiskalte Flüssigkeit rinnt meine Kehle hinunter, und bald spüre ich ein brennendes Gefühl im Magen. Der Wein ist stärker als gedacht. Trotzdem kann ich nicht anders, als ein Glas nach dem anderen zu trinken. Hungrig und durstig – es ist, als ob ich mich mit diesem Gefühl betäuben wollte. 

Sylus: 
Solange du Begierden hast, wird es immer Deals geben. 

Sylus' karminrote Augen blitzen boshaft auf, und ein Hauch von Lächeln huscht über sein Gesicht. Seine große Gestalt verdunkelt den Raum, und ich sehe, wie sein rechtes Auge rot aufleuchtet. Das bedeutet, er setzt irgendeine Macht ein. Dann wäre ich wie benommen und hätte akustische Halluzinationen. 

Sylus: 
So viele Tage sind vergangen. Du solltest deine eigenen Begierden inzwischen kennen. 

Verwirrung, Rastlosigkeit, diese unstillbare Leere … Es ist ein schwarzes Loch, das alles verschlingen will. 

Sylus: 
Nur ich kann dir geben, was du willst. Und du wirst meinen Bedingungen zustimmen. 

Ich kann mich nicht noch einmal von diesem Menschen kontrollieren lassen. Ich zwinge mich aufzustehen, angetrieben vom Alkohol, den ich getrunken habe. 

MC: 
Welche Bedingungen? Du willst nur, dass ich mit dir resoniere. Weißt du was, gut. Ich nehme diesen Deal an. Ich resoniere mit dir, und du gibst mir den Ätherkern aus Onychinus’ Auktion..


Während ich das sage, greife ich nach Sylus’ Hand. Seine Finger sind lang, und seine Handfläche ist kalt. Schon die leichte Berührung seiner Hand löst ein Gefühl des Grauens in mir aus. 

Sylus: 
Lass mich los. Das kannst du noch nicht. 

MC: 
Nicht bewegen! 


Ich blicke zu ihm auf und versuche, mit meiner letzten Nüchternheit auch nur einen Hauch von Gefühl, irgendetwas, in seinem Gesicht zu entdecken … Einen Moment lang spiegelt sich ein komplexer, unergründlicher Kampf in seinem Blick wider. Woher kommt das? Woher kommt die Kraft in seinem rechten Auge? Warum kommt sie mir so vertraut vor? Hat sie etwas mit dem Ätherkern zu tun? Die Zeit vergeht unendlich langsam. Und genau wie in den letzten Tagen passiert nichts. 

MC: 
Warum nur …? 


Ich murmele vor mich hin und weigere mich aufzugeben. Ich greife nach seiner Hand und halte sie fest, als würde ich eine Pumpe drücken. Der unsichtbare Druck wird immer stärker. Die Wirkung des Alkohols lässt allmählich nach, und mir wird klar, dass ich einen sehr gefährlichen Schritt getan habe. 

MC:
…Ah…Ich … 


Ich richtete mich vorsichtig auf und versuchte leise, meine Hand zurückzuziehen. Doch er packte sie fester. 

Sylus: 
Vielleicht war ich zu nett zu dir. 

Meine Finger waren fest umschlungen. Ich konnte sie überhaupt nicht bewegen. 

MC: 
Lass los! Selbst wenn du mich so festhältst, kann ich keine Resonanz mit dir spüren. Das kann ich nicht einfach so tun! 


Sylus: 
Nach all der Arroganz scheinst du nicht einmal deine eigene Evol kontrollieren zu können. 

MC
Zumindest will sie nicht vor dir aktiviert werden! 


Sylus starrte lange Zeit ausdruckslos auf unsere verschränkten Hände. Schließlich ließ er sie langsam los. Ich rieb mir das Handgelenk und trat ein paar Schritte zurück. Mein Atem und mein Herzschlag normalisierten sich allmählich. Wir standen still. Dann lehnte er sich nachdenklich in seinem Stuhl zurück und sah mich an. 

Sylus: 
Genau wie ich dachte. Du bist zu schwach.
 

(Woher nimmt er nur diese Zuversicht, so etwas zu schlussfolgern?  Sind in der N109-Zone alles so seltsam?) 

Sylus zieht die Stirn zusammen und klopft dann mit den Knöcheln auf den Tisch. 

Sylus: 
Iss so viel du willst. 

Er spricht diese Worte, als würde er einen Befehl erteilen, der nicht hinterfragt werden darf. 

MC: 
Was? Bist du …? 


Das Wort „verrückt“ liegt mir auf der Zunge, aber ich zwinge mich zum Schweigen. Ich drehe mich um und betrachte den langen, scheinbar endlosen Tisch hinter mir. Er ist mit unzähligen, exquisiten Gerichten gedeckt, die Fülle ist fast schwindelerregend. 

Sylus: 
Ich gebe dir zehn Minuten. Wenn du fertig bist, komm nachher vor den Eingang der Basis. Hoffe besser, dass unser Deal erfolgreich ist. Ansonsten betrachte dies als deine letzte Mahlzeit. 

(Ich muss echt betrunken gewesen sein, um mit diesem Monster einen Deal abzuschließen.) 

MC: 
Werden wir die Sehenswürdigkeiten der N109-Zone erleben? 


Sylus: 
Hast du neun Leben? Neugierde ist der Katze Tod. 

MC: 
Dann sollte ich nicht mitkommen. 


Sylus: 
Du feilschst gern, nicht wahr? 


MC: 
Ahhh! 


Sylus: 
Aber du bist noch nicht qualifiziert. 

MC: 
Gibt es in der N109-Zone kein Tempolimit...?! 


(Seufz, ich weiß immer noch nicht, wo die Auktion stattfinden wird...) 

Sylus: 
Wenn du Ärger vermeiden willst, benimm dich drinnen. 



MC: Und wenn ich mich weigere? … Das tut weh! 



Sylus: Dann wird es noch mehr weh tun. 



Händler: 
Wer ist da? Wenn Sie etwas bestellen möchten, bringen Sie Ihren eigenen Protonenkerne mit. Ich nehme nichts an, was nicht von hoher Qualität ist. ... Mr. Sylus? Sie machen normalerweise keine Überraschungsbesuche. 

Sylus: 
Ich habe Ihnen ein Versuchskaninchen besorgt. Es ist Zeit, dass Ihr Projekt zur  
Veränderung der Evol-Verbindung ein lebendes Testobjekt bekommt. 

MC: 
Moment mal … Du willst mich verändern?! 


(Mistkerl …) 

Händler: 
In dem Fall … lassen Sie mich erst mal einen Blick darauf werfen. 

MC: 
Sir, Sie wollen mich doch nicht wirklich verändern, oder? Ich bin doch nur ein normaler Evolver. 


Händler: 
Mit mir zu verhandeln ist sinnlos. Niemand kann Sylus umstimmen. … Sie haben die Resonanz-Evol? 

Sylus: 
Haben sie irgendetwas angestellt, während ich weg war? 

Händler: 
Nichts Dramatisches. Nur zwei Explosionen – eine in den nördlichen Vororten und eine im Bloomshore-Viertel. 

(Bloomshore-Viertel? Das hat mit Grandma zu tun …) 

Sylus:
Sie haben einen Haufen Schrottprodukte hergestellt. Ich habe sie überschätzt.

Händler: 
Und nachdem sie diese schamlosen Dinge getan und alles verwüstet haben, wollen sie Sie jetzt zum Sündenbock machen? 

MC: 
Was redest du da? Hat etwa jemand anderes diese beiden Explosionen  
verursacht? 


Sylus: 
Oh je, du siehst enttäuscht aus. Anstatt nach der Wahrheit zu suchen, schluckst du lieber eine Lüge, damit du dich besser fühlst. 

Händler: 
Ich fürchte, sie ist keine geeignete Empfängerin. Ihre Evol-Verbindung ist völlig normal. Nur ihre Stärke wurde unterdrückt. 

Sylus:
Hat da jemand einen Dämpfer eingebaut? 

Händler: 
Ich glaube nicht, dass es etwas Physisches ist. 

MC: 
Es ist nicht meine Schuld. Ich kann problemlos mit anderen in Resonanz treten. 

Sylus: 
Und die Sache um dessen Änderung ich gebeten habe … Wie sieht es damit aus? 


Händler:
… Es war schwierig, aber der maximale Energieausstoß wurde verzehnfacht. 

(Das ist also die „Kleinigkeit“?!) 

Händler: 
Wollen Sie das wirklich benutzen? 


Sylus: 
Sie ist unterdrückt, richtig? Dann braucht sie nur den richtigen Anreiz. 

MC: … !!! 


Sylus: 
Verändern Sie jetzt ihre Energieverbindung. Machen Sie sie so stark wie möglich.
 

MC:
Das war nicht vereinabart!  


Sylus: 
Keine Sorge, du schaffst das. 

Händler: 
Ähm, Mr. Sylus! Ich glaube, es gibt … noch einen anderen Grund, warum sie nicht resonieren kann. Sehen Sie … Ihre Evol ist besonders. Sie nutzt die Wellen, die vom Magnetfeld des menschlichen Gehirns erzeugt werden. Vielleicht erzeugt das Magnetfeld ihres Gehirns abstoßende Wellen gegen Sie. Deshalb kann sie nicht mit Ihnen resonieren. 

Sylus: 
Kommen Sie zur Sache. 


Händler: 
Um es kurz zu machen … Unterbewusst lehnt sie Sie entweder ab, hat Angst vor Ihnen oder … ist angewidert von Ihnen. 

Sylus: … 

Händler: 
Selbst wenn sie die Veränderung durchmacht, können Sie keine Verbindung zu ihr aufbauen, solange sie Ihnen feindselig  gesinnt ist. 

Sylus: … 

Händler: 
Und Mr. Sylus, wenn die Veränderung fehlschlägt, ist sie völlig ruiniert. Wir müssen zuerst die Ursache beheben … 

Sylus: 
Das heißt, irgendetwas stimmt nicht mit ihr. 

MC: 
Lass mich los! 


Händler: 
Übrigens …! Ich habe einen Evol-Stabilisator im Schrank. Ich werde sie ihn benutzen lassen. 

Offenbar besorgt, dass seine Erfindungen ins Kreuzfeuer geraten könnten, führt er mich schnell in einen Raum im zweiten Stock. 

Händler: 
Sie müssen jetzt ruhig bleiben, Miss. 

Er bückt sich und zieht ein verstaubtes elektronisches Gerät unter dem Schrank hervor. 

Händler: 
Die N109-Zone ist ein chaotischer Ort, und Sie besitzen einen Teil des Ätherkerns. Ihn zu begleiten ist die sicherste Option. 

MC: 
Sie wissen, dass ich einen Ätherkern bei mir trage? 


Ein roter Lichtblitz erscheint und scannt meinen ganzen Körper. Mehrere Fenster öffnen sich auf einem altmodischen Bildschirm und zeigen an, dass die Daten analysiert werden. 

Händler: 
Die Protonenkurve erkenne ich. Die Überwachung von Ätherkernen war früher mein Job. 

Mir kommt eine Vermutung in den Sinn. Ich betrachte das verstaubte elektronische Gerät erneut. Wie ich vermutet habe, befindet sich in der Ecke eine unauffällige Markierung. Ich habe sie vor Kurzem in den Akten gesehen, die Grandma hinterlassen hat. 

Händler: 
Die N109-Zone ist momentan in einem desolaten Zustand. Jemand wie Sie, der sich nicht auskennt, kann leicht sein Leben verlieren. Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, bei Sylus zu bleiben. Besser bei ihm als bei manch anderen. 

MC: 
Sylus ist ein herzloser Mann. Er will mich vielleicht im Moment nur verändern, aber er wird mich letztendlich umbringen. 


Verärgert schüttelt der Ladenbesitzer den Kopf. 

Händler: 
Sie sind es einfach nicht gewohnt. In diesen Tiefen lauern Raubtiere, die Sie noch nicht gesehen haben. 

MC: 
Manche Leute sind sogar noch furchteinflößender als er? 


Händler: 
Sie sagen, Sylus sei herzlos, aber manchmal sind diejenigen mit Herz sogar grausamer als diejenigen ohne. 

Wie Xavier schon sagte, ist die N109-Zone stark gespalten. Jede Fraktion erkennt nur ihre eigenen „Verbündeten“ an. Allein zu kämpfen ist an einem Ort wie diesem offensichtlich keine gute Idee. Aber wenn ich wirklich in Sylus’ Nähe bleiben muss … Die Sorge des Händlers scheint aufrichtig zu sein. Nachdem ich meine Optionen abgewogen habe, nicke ich und schenke ihm ein beruhigendes Lächeln. 

MC: 
Ich verstehe, was Sie meinen. Ich werde darüber nachdenken. 


Piep. Die Linien auf dem Bildschirm heben und senken sich und zeigen zwei ineinander verschlungene Kurven. 

Händler: 
Mit ihrer Evol ist alles in Ordnung. Die Energie des Ätherkerns in Ihnen ist ebenfalls stabil. Haben Sie schon überlegt, was sie als Nächstes tun werden? 

Die andere Hälfte des Ätherkerns ist einer der Auktionsgegenstände. Natürlich gehe ich nicht davon aus, dass ich ihn alleine bekommen kann. Mein einziger Vorteil ist, dass ich einen Teil eines Ätherkerns bei mir trage. Da ich mit der Energie in Resonanz treten kann, sollte ich seinen Standort spüren können. Das eigentliche Problem ist, herauszufinden, wie ich den „Raubtieren in der Tiefe“ entkomme, nachdem ich ihn habe. 

(Die N109-Zone ist momentan ein einziges Chaos, und überall, wo ich hingehe, wimmelt es von Feinden. Wenn ich mit jemandem zusammenarbeiten muss, wäre die stärkste Person hier die beste Wahl. Vielleicht sollte ich tatsächlich einen Deal mit Sylus abschließen …) 

Als mir das klar wird, ist mein nächster Schritt klar. Ich stehe auf und verabschiede mich vom Händler. Und als ich das vertraute Zeichen sehe, blicke ich zurück in seinen finsteren, müden Gesichtsausdruck. 

MC
Kannten Sie meine Grandma? 


Er winkt nur ab und bedeutet mir zu gehen. 

Händler:
Wenn alles gut für Sie ausgeht, was auch immer geschieht, dann kann ich sagen, dass ich Frau Josephines Freundlichkeit erwidert habe. 

Bis jetzt hatte ich immer gedacht, Onychinus jage Forscher, die zuvor an Ätherkernen gearbeitet haben. Aber dieser Händler, der eine enge Verbindung zu Grandma zu haben scheint, sucht Sylus' Schutz. 

(Vielleicht gibt es noch andere Geheimnisse...) 

Ich denke angestrengt über die Worte des Händlers nach, ganz in Gedanken versunken. Doch als ich nach unten gehe, ist die Werkstatt leer. 

MC: 
Sylus? 


Die Vorhänge an der Tür, die vorher geschlossen waren, sind nun zugezogen. Und nachdem ich die Werkstatt verlassen habe, ist Sylus' Motorrad nirgends zu sehen. 

(Was ... hat er mich etwa einfach sitzen lassen?) 

MC: 
Sylus? 


Die einzige Antwort, die ich erhalte, ist ein leises Poltern aus der unbeleuchteten Gasse neben der Werkstatt. Wahrscheinlich Müll, der heruntergefallen ist. 

(Gerade als ich darüber nachdachte, ob ich mit ihm zusammenarbeiten sollte oder nicht, ist er einfach verschwunden ...) 

Hier liegen nur noch Schrotthaufen in den leeren Straßen. Ich schaue mich um, mein Herz rast. Vielleicht hat er, nachdem er sich vergewissert hat, dass er keine Verbindung zu mir aufbauen kann, endgültig die Geduld und das Interesse verloren. Na gut. Wenigstens kann ich mich jetzt frei bewegen. 

Kleines Mädchen: 
Möchten Sie eine Blume kaufen, Miss? 

Eine klare Stimme ertönt. Ich drehe mich um und sehe ein kleines Mädchen hinter mir. Sie scheint acht oder neun Jahre alt zu sein. 

MC: 
Nein, danke. 


Kleines Mädchen: 
Hättest du gern eine Pistole, Munition oder einen Protonenkern? Ich habe alles. 

MC: 
Brauche ich auch nicht. 


(Aber es wäre vielleicht eine gute Idee, mit den Einheimischen zu plaudern und Informationen über die Auktion zu bekommen.) 

Ich knie mich hin, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein, und tippe auf ihren Korb. 

MC
Weißt du, wo ich Informationen kaufen kann, Sweetie? 


Kleines Mädchen: 
Ganz einfach. Komm mit. 

Zwei Paar Schritte hallen über die leere Straße. In der Ferne ist das Geräusch von Flügelschlägen zu hören. Ich schaue zum Himmel, sehe aber nichts außer den dunklen Wolken, die das Mondlicht verdecken. 

Eine Krähe sitzt auf einer Straßenlaterne, die seit Jahren verfallen ist. Das rote Glühen in seinen Augen flackert mit jedem Atemzug. Ein paar blutbefleckte Büschel grauen Fells lugen unter seinen Metallkrallen hervor. Es beobachtet still die beiden Mädchen, eines groß, das andere klein, als sie in eine weitere schmutzige Straße einbiegen. Es neigt den Kopf und denkt einen Moment nach. Dann lässt es seine tote Beute schnell fallen und breitet lautlos seine Flügel aus, um ihnen zu folgen. Unter der Straßenlaterne liegen sieben oder acht fette Ratten, alle ausgenommen. Vermengt mit ihrem Fleisch und Blut.